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Und immer wieder weihnachtliches Chaos

Und immer wieder weihnachtliches Chaos

17.12.2016, 23:47 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

Südhessen, ein total katholisches Städtchen mit 700 Einwohnern, Traditionen und ich mittendrin.

Weihnachten verlebte ich als Kind in einer Flut aus Bräuchen und Klischees. Da war der traditionell geschmückte Weihnachtsbaum mit Lametta, Kugeln und Lichtern. Die Krippe, die unter dem Baum den Ursprung Christi visualisierte und die zahlreichen Speisen, die nach dem Verzehr zu einem unglaublichen Völlegefühl führten - was den Konsum an Süßigkeiten in keiner Weise schmälerte. Nicht zu vergessen die Weihnachtszankereien.

Aber ich will vorne Anfangen und ein typisches Weihnachtsfest bei uns beschreiben.

Schon einige Tage vor Weihnachten wurde der Baum besorgt. Natürlich selbst geschlagen – mittels eines Fuchsschwanzes, was sich bei der herrschenden Kälte - nach gefühlten drei Tagen Suche – schon als nicht ganz unproblematisch erwies. In weizer Voraussicht wurden direkt noch einige Tannenzweige mitgenommen, denn den perfekten Weihnachtsbaum hat die Natur von sich aus noch nie geschaffen.

Bereits zwei Tage vor Heilig Abend wurde der Baum in Form gebracht, d.h. was auf der einen Seite zu viel war, wurde mittle Bohrmaschine und Leim auf der kahlen Seite hinzugefügt. Dann musste das Ding ja auch noch in den Ständer. Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, dass die Öffnung des Ständers in keiner Weise mit der dicke des Stammes harmonierte. Also wurde der Stamm so lange angespitzt, bis er viel zu dünn für den Ständer war. Ehre sei dem Menschen, der den Keil erfand. Keile lagen stets in verschiedenen Größen bereit und wurden nun so lange zwischen Stamm und Halterung hineingetrieben, bis … naja gerade stand er nicht, aber immerhin war er fest.

Nachdem diese schweißtreibende Arbeit nun erledigt war, wurde das Wohnzimmer bis Heilig Abend für die „Kleinen“ gesperrt. Absolutes Verbot des Betretens. Die „Kleinen“ durften dann im Esszimmer sitzen und das Lametta – von dem es früher wirklich viel mehr gab – entknoten! Die Zeit des Wartens kam einem dadurch noch länger vor.

Dann war es endlich soweit! Endlich Heilig Abend. Wobei Abend schon sehr untertrieben ist, denn zu der Zeit wurde die Christmetten noch mitten in der Nacht gehalten. Ich muss noch ergänzen, dass wir auf einem kleinen Vulkan wohnten und die Kirche befand sich – wie könnte es anders sein – am höchsten bebaubaren Punkt. Und es lag Schnee, reichlich Schnee. Mit der Räumpflicht nahm man es nicht so genau. Und die guten Schuhe mussten ausgeführt werden. Die hatten natürlich Ledersohlen. So war man schon froh, wenn man den Aufstieg geschafft hatte.

So eine Christmette hatte die Angewohnheit immer besonders lange zu dauern. Dies lag vermutlich auch daran, dass sich nicht nur der Pfarrer gerne reden hörte, nein, auch der Kirchenchor musste sein gesamtes Repertoire vorstellen. Weil wir ganz unten am Berg wohnten, waren wir in der Regel auch die Letzten, die in der Kirche ankamen. Dies hatte zur Folge, dass wir ganz hinten standen. Zwischen Pelzen die seit gut einem Jahr wieder einmal Mondlicht sahen und zum eigenen Schutz in der Zwischenzeit zwischen reichlich Mottenkugeln aufbewahrt wurden. Der Duft aus der Mischung von Naphtalin und Weihrauch, der sich bis in die letzte Ecke auszubreiten pflegte, war bestens dazu geeignet, den letzten Rest des Christmasfeelings zu vertreiben. Zu gut Deutsch: uns Kindern war Kotzübel. Die Erwachsenen ließen sich meist nichts anmerken oder waren über die Jahre hinweg immun geworden.

Froh diese ganze Prozedur überlebt zu haben, begann dann der Abstieg unter „leichter“ Betäubung. Es stellte sich meist sehr schnell heraus, dass es kein Abstieg war, sondern eher ein Abgleiten bis Abrutschen, das zum Teil auch Spuren in Form großer, runder, blauer Flecke im Pobereich hinterließ. Ledersohlenschuhe sind einfach geil!

Ich verstand nie genau wie es Mutter immer schaffte, den Herd genau so einzustellen, dass das Festessen warm genug blieb und trotzdem nicht anbrannte. Heute weiß ich, dass es bei Frankfurtern und Sauerkraut nicht so eine große Kunst ist. Das richtige Festessen, kam ja erst am ersten und am zweiten Feiertag. Mit Blick auf die freudige Bescherung hätten wir Würstchen und Kraut zwar auch kalt verdrückt, allerdings wären die Folgen nicht absehbar gewesen. Man musste ja auch bedenken, dass es für uns – damals noch 7 nur eine Toilette gab.

Diese Mitternachtsdinner, ich glaube ich kann behaupten, dass es kein anderes essen gab, bei dem weniger getrödelt und genörgelt worden wäre. Denn danach war es endlich soweit. Das Wohnzimmer wurde für die Allgemeinheit wiedereröffnet und die Bescherung stand an. Natürlich nicht ohne gemeinsames Singen diverser Weihnachtslieder und dem Aufsagen von Gedichten, die die „Kleinen“ vorher eingetrichtert bekamen. Leider hatten wir keine Stoppuhr, sonst würden wir mit dem einen oder anderen Gedicht ganz sicher im Guiness-Buch stehen.

Unter dem Weihnachtsbaum lagen dieses Jahr keine Geschenke. Dieses Jahr hatte unser Onkel Friedel dort den Platz für eine riesige Krippe benötigt. Und nun kam die Attraktion des Jahres. Onkel Friedel schaltete die Beleuchtung des Stalles ein und danach demonstrierte er den Einzug von Caspar, Melchior und Balthasar, die er zu diesem Zwecke auf einen ausgedienten Plattenspieler gesetzt hatte. Allerdings waren ihm zwei kleine Fehler dabei unterlaufen. Der Erste – er wäre nur halb so schlimm gewesen – er hatte die Drehrichtung falsch eingeschätzt und so hatten die Könige den Rückwärtsgang drin. Der zweite Fehler entpuppte sich als wesentlich schlimmer, da Gefahr für Leib und Leben bestand. Die Geschwindigkeit des Plattenspielers, der langsam auf Touren kam, war auf 78 Umdrehungen eingestellt, wodurch sich die Könige veranlasst sahen, die Platte zu putzen und eine Umlaufbahn zu suchen. Wohl dem, der ihnen dabei nicht im Wege stand.

Trotz allem wurde die Idee, wenn auch verbesserungswürdig, als gut empfunden – brachte sie doch etwas Leben in die steife Aristokratie. Der Plattenspieler wurde Sicherheitshalber vom Stromnetz getrennt und man konnte endlich mit der Bescherung beginnen. Die Geschenke lagen diesmal auf einem „Gabentisch“ und ein Päckchen wurde nach dem anderen verteilt. Natürlich wurde alles sehr sorgsam ausgepackt, denn Recycling wurde, wie beim Lametta, auch beim Geschenkpapier groß geschrieben. Ich glaube fast, bei uns wurde besser und mehr recycelt, als es von heutigen EU-Normen gefordert wird.

Natürlich war dann die Enttäuschung groß, dass der Weihnachtsmann einmal mehr bewies, zumindest des Lesens nicht mächtig zu sein. Zwischen Geschenkflut und Wunschzettel klaffte eine Riesen Lücke! Zu allem Überfluss musste ich dem Christkind auch noch einen Kuss geben. Am nächsten Tag stellte sich allerdings heraus, dass es nicht einmal das Christkind war, sondern nur eine Lebensgroße Puppe, die sich meine ältere Schwester gewünscht hatte (siehe Bild!). Enttäuscht, aber müde von dem extrem langen Tag, schlief man dann schnell ein.
Am kommenden Morgen wurde keine Rücksicht auf den langen Vortag und die Restmüdigkeit genommen. Der Tag war geplant und damit stand felsenfest, dass um 7 Uhr gefrühstückt wurde, sonst hätte das Küchenpersonal – also Mutter – nicht die Spur einer Chance, das Essen pünktlich fertig zu bekommen. Wir Kinder durften nach dem Frühstück mit unseren Geschenken spielen. Aber mal ehrlich – was soll man schon mit Socken, einer Pudelmütze und zwei neuen Unterhosen spielen? Wir spielten dann meist „Ich seh etwas, was Du nicht siehst“ und waren überrascht, dass sich da sehr viele Dinge aus unserem Wunschzettel wieder fanden. Außerdem stellte ich einmal mehr fest, dass ich es hasste, wenn Tante Gerda sagte „Was bist Du aber groß geworden seit letzten Weihnachten!“ und mir dabei über den Kopf strich. Ich vermute, dass dieses Verhalten ihrerseits, der Dezimierung meines Haarbestandes nicht entgegenwirkte – eher ganz im Gegenteil.

Das Essen war gut und reichlich und schmeckte trotz einiger dummer Bemerkungen von Onkel und Tante. Meine Mutter konnte gut kochen, sonst wären die beiden nicht jedes mal bei uns eingefallen. Nach dem Essen wurde es wenigstens etwas lustiger – wir Kinder durften mit dem Schlitten raus. Wir sollten nur pünktlich um drei wieder zurück zum Kaffee sein. Ohne Uhr war das immer ein mittelprächtiges Glücksspiel. Ausserdem bekamen wir keinen Kaffee sondern eh nur wieder Kakao. Trotz dieser Diskrepanzen gelang es uns immer einigermaßen pünktlich zu sein.

Abendessen fiel aus – es war schon allen schlecht von dem ganzen Süßkram, denn da ließen sich Onkel und Tante nicht lumpen!

Über den zweiten Weihnachtsfeiertag muss ich nicht viel Worte verlieren – es war die Kopie vom Ersten. Danach wurde es wieder richtig schön und streßfrei. Abgesehen davon, dass die Nadeln vom Baum allmorgendlich zu entsorgen waren.

Heute und seit einigen Jahren sieht meine Weihnacht ganz anders aus. Aber davon erzähl ich Euch erst an Heilig Abend.

©P.Wenzel

21 Kommentare

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Eine amüsante Geschichte, in der man sich wiederfindet. Einiges lief bei uns ähnlich ab. Bis auf Kirchgang u. Tante u. Onkel, die bei uns ersetzt wurden durch ein befreundetes Ehepaar aus der Nachbarschaft, samt Kindern, die am späten Abend des 24. bei uns einfielen. Wenn das Oberhaupt der Familie nicht permanent bei meinem Vater das versteckte Hochprozentige eingefordert hätte u. danach, meist beschwipst, von seiner Ehefrau kaum noch zum Heimgehen zu bewegen war, wäre dieser Besuch sicher eine Freude gewesen. Aber was ist schon perfekt.
  • 18.12.2016, 18:45 Uhr
  • 0
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Eine "echte " Weihnachtsgeschichte
  • 18.12.2016, 18:34 Uhr
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Eine wunderschöne Darstellung früherer Weihnachten
  • 18.12.2016, 15:36 Uhr
  • 0
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Guten Morgen Peter...ich habe soo gelacht..
Danke für Deine so lustige Weihnachts - Geschichte...
Puuh...und so Manches,das ich nie erlebt habe,wie z.B. Löcherbohren in den Stamm des Baumes...oder schweißtreibendes Anspitzen,damit er in den Ständer passt..auch keinen nächtlichen Kirchgang...auch keine Mützen-Geschenke oder Unterhosen und keine Zwänge...
Weihnachten war einfach feierlich ...auf ganz andere Art und ist es vllt. deshalb bis heute für mich geblieben...ein großes Stück "Heile Welt"
Es ist Weihnachten
  • 18.12.2016, 09:56 Uhr
  • 0
Guten Morgen Ellen,
du bist ja auch ein Mädchen
lassen wir es bei Weihnachtlich und ich führe jetzt besser nicht aus, was einige (besonders Herren) da für Vorstellungen haben, so von wegen Engelchen und so*gg
Schöne Weihnachten
  • 18.12.2016, 10:00 Uhr
  • 0
Doch ...sag ruhig mit den Engelchen..das fänd' ich jetzt interessant..
  • 18.12.2016, 10:10 Uhr
  • 0
Na die tragen doch immer so ein neckisches Hemdsche
  • 18.12.2016, 10:13 Uhr
  • 0
Achja...das warst du ja..mit den Blümchen...du Engelein
  • 18.12.2016, 10:17 Uhr
  • 0
Nicht ganz ... ich hab rechtzeitig die Kurve gekriegft und bin dem Typ von der Schippe gehüppt
  • 18.12.2016, 10:18 Uhr
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  • 18.12.2016, 10:22 Uhr
  • 0
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Herrlich, wie treffend und witzig du das beschrieben hast. Genauso kenne ich es auch aus meiner Kindheit. Besonders die Prozedur des "Weihnachtsbaum in den Ständer bringen", ist mir auch noch im Erwachsenenleben in eher schlechter Erinnerung. Das war eine der grössten Herausforderungen an mich als alleinerziehende Mutter und hat manchem Sägemesser den Garaus gemacht.
Danke für die schöne Geschichte.
  • 18.12.2016, 08:10 Uhr
  • 2
Schon irre wie komisch man doch früher war und das auch noch für normal hielt
Heute mit den Computergesteuertenhightecständern ist das ja kein Problem mehr ... und vielleicht suchen die demnächst sogar noch eigenständig den besten Baum aus
  • 18.12.2016, 08:59 Uhr
  • 2
Total hinterwäldlerisch musste wir leben, heute ist doch der Weihnachtsbaum computergesteuert künstlich mit Hightecbeleuchtung....
Aber mir gefällt es, so wie es damals war, viel besser.
  • 18.12.2016, 10:24 Uhr
  • 1
Man war sich irgendwie viel näher*find
  • 18.12.2016, 10:28 Uhr
  • 0
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Danke für diese wunderschöne Geschichfe. Bei einigen Stellen in dieser Geschichte erwachen Erinnerungen an meine Weihnachten in der Kindheit. Ich habe gerade herzhaft gelacht. Klasse Harry
  • 18.12.2016, 00:24 Uhr
  • 2
Wenn du lachen konntest, kann es so falsch nicht gewesen sein
  • 18.12.2016, 00:37 Uhr
  • 3
Ich habe mich köstlich amüsiert Fast wäre ich von der Couch gefallen
  • 18.12.2016, 00:39 Uhr
  • 1
So war es aber wirklich
  • 18.12.2016, 00:41 Uhr
  • 2
Das glaube ich Dir doch auch Harry. Habe ich auch nicht damit gemeint
  • 18.12.2016, 00:44 Uhr
  • 0
alles bestens Elke
  • 18.12.2016, 00:58 Uhr
  • 0
  • 18.12.2016, 00:59 Uhr
  • 0
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