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Szenen einer arrangierten Ehe

Szenen einer arrangierten Ehe

Agentur für Bildbiographien Susanne Gebert
08.09.2016, 16:22 Uhr

Sein halbes Leben lang hat der Vorgänger Queen Victorias, König George IV., einer der unpopulärsten Monarchen Englands, versucht, sich scheiden zu lassen. Sein Trennungs- drama, das das Land an den Rand einer Revolution bringt, einige Bauwerke und die Stilepoche Regency sind von ihm in Erinnerung geblieben - mehr nicht.

Ausgerechnet der älteste Bruder ihres Vaters, ausgerechnet der Thronerbe, ist das schwärzeste Schaf der Familie.
Mit dem Prince of Wales, der wegen seiner Leibesfülle auch gerne als „Prince of Whales“ − Prinz der Wale – verspottet wird, ist kein Staat zu machen: Der englische Thronfolger George (1762 – 1830) ist fett, eitel exzentrisch und egozentrisch; für dynastische Zwecke völlig ungeeignet.

Er selbst bezeichnet sich gerne als „führenden Gentleman Europas“, was auch damit zu tun hat, dass er lange Zeit ein enger Freund und Bewunderer des legendären Londoner Dandys George „Beau“ Brummell ist. Brummells vornehmliche Lebensleistung besteht darin, sich besonders sorgfältig zu kleiden und das Haus erst nach einer mehrstündigen Prozedur in perfekt sitzender und aufeinander abgestimmter Garderobe zu verlassen. Prinz George versucht eifrig, Brummells Stil zu kopieren, wobei er dafür allerdings ab seinem dreißigsten Lebensjahr ein Korsett aus Fischbein tragen muss, das sein Diener taktvoll als „Gürtel“ bezeichnet. Die Halstücher, die er trägt – ein schickes Halstuch ist das Markenzeichen der Dandys und gehört zum Outfit unbedingt dazu – sind nur modische Accessoires, sondern sie dienen auch dazu, sein Doppelkinn zu verbergen, mit den Jahren auch das dritte und vierte Kinn, das sich jeweils darunter bildet.

Anlässlich seines Todes im Jahr 1830 schreibt die London Times:

„[…] nie ist ein Mann weniger von seinen Mitmenschen betrauert worden als dieser verstorbene König. Welche Augen haben um ihn geweint? Welches Herz hat aus selbstloser Trauer um ihn geseufzt? […] wenn er auch nur einen Freund, einen ergebenen Freund egal aus welcher Schicht hatte, dann beteuern wir, dass wir niemals seinen Namen vernommen haben.

Schon seine Zeit als Thronfolger und Prinzregent war schwierig, seine Herrschaft als König Georges IV. von 1820 bis 1830 bringt das Ansehen ihres Königshauses bei den Briten auf einen nie gekannten Tiefpunkt. Erst seine Nichte, die junge Queen Victoria, kann das Image des Königshauses retten.

Prinz George und Caroline von Braunschweig

England hatte bewegte Zeiten hinter sich. Victorias Großvater, der alte König George III. (1738 – 1820) saß mehr als ein halbes Jahrhundert auf dem englischen Königsthron; in seiner langen Amtszeit hat sich die Welt zwar vorschriftsmäßig mehrfach um die Sonne gedreht, aber alles andere hat sich völlig verändert:
Während des Siebenjährigen Krieges, eine Art inoffizieller Weltkrieg in dem die Briten an der Seite Preußens gegen Franzosen, Österreicher und Russen kämpften, hatte man den Franzosen immerhin die Kolonien in Nordamerika abknöpfen können. Doch die Freude währte kurz, denn nur zehn Jahre später fanden die Bostoner Tea Party (1773) und der darauffolgende Unabhängigkeitskrieg statt, in dem die neuen Kolonien sehr schmerzhaft wieder verloren gingen – die Amerikaner hatten sich in den Kopf gesetzt, dass ihr pursuit of happiness (das Streben nach Glück, das in der amerikanischen Verfassung als Bürgerrecht verankert ist) ohne König und Kolonialmacht einfach besser ist.

Doch den Briten blieb nicht viel Zeit zum Wundenlecken: Fast ohne Pause geht es danach weiter, und die kostspieligen und sich mehr als zwei Jahrzehnte hinziehenden Koalitionskriege gegen die Franzosen und Napoleon (1792 – 1815) beginnen. Die konnten erst wenige Jahre vor Victorias Geburt (1819) beendet werden, und nun steht das Land vor dem Problem, dass plötzlich Tausende von Soldaten aus der Armee entlassen werden und in ihrer wirtschaftlich angeschlagenen Heimat nach Arbeit suchen.

Sehr viel Krieg und Streit für einen König, der Kriege und Streit nicht besonders mag. Im Volk trägt George III. den Beinamen Farmer George („Bauer George“), denn eigentlich schätzt er das einfache Leben auf dem Lande, wo er sich in Ruhe seinem Steckenpferd – der Landwirtschaft – widmen kann.

„Farmer Georges“ ältester Sohn George hält von ländlicher Idylle und Bescheidenheit überhaupt nichts. Als er 1780 endlich volljährig ist, entkommt der Prince of Wales der strengen Bescheidenheit seines Vaters, futtert sich seine Wampe an, bindet sich sein Halstüchlein um und stürzt sich als Lebemann ins Londoner Treiben. Nach mehreren skandalträchtigen und teuren Liebschaften heiratet er mit 23 Jahren und ohne Erlaubnis seines Vaters, des Königs, eine zweimal verwitwete, katholische Irin, womit er gleich gegen mehrere britische Gesetze verstößt. Würde diese Ehe publik werden, wäre seine Thronfolge hinüber – doch sie wird nicht bekannt, sondern von willigen Parlamentsabgeordneten vertuscht.

Zehn Jahre nach seiner ersten Hochzeit, es ist das Jahr 1795, auf der anderen Seite des Ärmelkanals tobt die Französische Revolution mit blutigem Terror, Marie-Antoinette ist zwei Jahre zuvor geköpft worden, ist George kurz vor dem Ruin und so pleite, dass er sich auf einen Heiratshandel einlässt: Das Parlament verspricht, für die Tilgung seiner Schulden zu sorgen und seine Apanage kräftig zu erhöhen, wenn er sich bereit erklärt, eine standesgemäße Ehe einzugehen. Er willigt ein – das Wasser steht im schließlich bis zum Halstuch – eine passende Braut wird gesucht und die Wahl fällt schließlich auf seine 27jährige Cousine Caroline von Braunschweig, die selbstbewusste und hübsche Tochter einer verbitterten Mutter (eine Schwester Königs George III.) und eines überfürsorglichen Vaters (ein Kriegsheld und Lieblingsneffe Friedrichs des Großen).

Es wird zum Desaster.
Als sich die Brautleute im April 1795 drei Tage vor ihrer geplanten Trauung das erste Mal sehen, erfasst beide sofort eine tiefe Abneigung gegeneinander: Nach einer kurzen Begrüßung lässt George seine Braut stehen und verlangt nach einem Brandy, während Caroline den vermutlich schwersten Fehler ihrer langen und unglücklichen zukünftigen Ehe begeht: Sie mäkelt einem Vertrauten gegenüber, dass ihr Bräutigam auf Porträts wesentlich besser aussehen würde als in natura. Für einen eitlen Mann, der sich selbst als „führenden Gentleman Europas“ sieht, ist das ein harter Schlag unter die Gürtellinie und Grund genug für lebenslangen Hass. Georges tödlich beleidigte Antwort kommt postwendend: Er findet seine Braut unattraktiv, bemängelt ihre wenig zurückhaltende Art, moniert nach der Hochzeitsnacht ihre mangelnde Hygiene und hält später schriftlich fest, dass er mit ihr nur drei Mal Geschlechtsverkehr gehabt habe.

Immerhin war das ausreichend, denn die Zeugung einer kleinen Thronerbin gelingt ebenso schnell wie das Zerwürfnis der Eheleute: Pünktlich neun Monate nach der Hochzeit, im Januar 1796, wird die Thronfolgerin, Prinzessin Charlotte Augusta, geboren. Sie wird Georges einziges legitimes Kind bleiben.

Wenige Wochen nach der Geburt, teilt der Prince of Wales seiner Frau schriftlich mit, dass er die Absicht habe, sich von ihr zu trennen und betont, dass er auf die Ausübung seiner ehelichen Rechte zukünftig auch dann verzichten werde, wenn ihrer gemeinsamen Tochter, der Thronerbin Charlotte Augusta, etwas zustoßen sollte. Dann verfasst er sein Testament und vermacht sein Vermögen seiner ersten „inoffiziellen“ Frau; die offizielle Gattin Caroline soll im Falle seines Todes einen einzigen Schilling erhalten.

Caroline stört das wenig, denn sie ist von ihrem Ehemann und seine Allüren alles andere als begeistert: „Mon père etait un héros, mon mari est un zéro." (Mein Vater war ein Held, mein Mann ist eine Null), ist ihre Meinung zum Thema.

Sie zieht aufs Land, wo sie mit ihrer kleinen Tochter ein für die damalige Zeit unerhört unkonventionelles Leben als alleinerziehende Mutter lebt – Besucher berichten verwundert, dass sie von der Gemahlin des Thronfolgers auf Boden liegend empfangen wurden, weil sie dort mit ihrer Tochter gespielt hat. Die Aristokratie rümpft die Nase, aber die einfachen Leute lieben sie für solche Anekdoten noch mehr.

Irgendjemand muss George darauf aufmerksam gemacht haben, dass seine Gemahlin noch da ist, auch wenn er sie nicht mehr sieht. Außerdem hat sie die kleine Thronerbin bei sich, die eigentlich viel zu kostbar ist, um sie bei einer Mutter zu lassen, die vor Gästen auf dem Boden herumkriecht und daher allen Anschein nach ein liederliches Leben führt.
Die kleine Charlotta Augusta wird also wieder abgeholt und bei Hofe untergebracht, wo sie eine ordentliche Erziehung bekommen soll; George sorgt auch dafür, dass sich Mutter und Tochter nur noch zweimal im Monat sehen können.

Er will die Scheidung. Das ist in England seit einem anderen gewichtigen Ladykiller in der bewegten Geschichte des Landes, König Heinrich VIII. (1491 – 1547), prinzipiell möglich, wobei Heinrich dieses Theater seinerzeit nur zweimal mitgemacht hat – fürs erste Mal musste die Staatsreligion geändert werden, Teile des Volkes rebellierten, weil sie lieber katholisch bleiben und nicht anglikanisch werden wollten, und das katholische Frankreich hatte mal wieder einen Grund, seinem Erzfeind England den Krieg zu erklären. Für weitere Trennungen – Heinrich hat sich an insgesamt sechs Gemahlinnen abgearbeitet – , beispielsweise dem legendären Schlussmachen mit seiner zweiten Gattin Anne Boleyn, bevorzugte er dann lieber ganz klassisch den schnelleren und einfacheren Weg: den Henker.

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