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Vertreibung der Deutschen vor 70 Jahren aus dem Sudetenland

Vertreibung der Deutschen vor 70 Jahren aus dem Sudetenland

15.11.2016, 18:12 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

Vor 70 Jahren , der Krieg war bereits ein Jahr vorüber, begann in der Tschechoslowakei, die nach dem Einmarsch der Deutschen Wehrmacht „Protektorat Böhmen-Mähren“ genannt wurde, die „wilde“ Vertreibung der Sudetendeutschen. Gestützt auf die Dekrete (Beschlüsse) des damaligen Präsidenten der tschechisch-slowakischen Republik Edvard Benes mußten 3,5 Millionen deutschsprachige Menschen „innerhalb von 24 Stunden“ ihre Habseligkeiten packen und sich an vorgegebenen Sammelstellen einfinden. Wer das angeordnete Gewicht mit der genauen Angabe, was mitgenommen werden kann, ortsabhängig von 25 – 50 kg nicht einhielt, lief Gefahr, bestraft zu werden. Gleichzeitig mußten gekennzeichnete Wohnungs- und Hausschlüssel abgegeben werden. Wer versuchte entgegen der Anordnung Wertgegenstände versteckt mitzunehmen, begab sich in höchste Gefahr auf Leib und Leben. Das Vermögen der Deutschen wurde durch die Benes-Dekrete „eingezogen“. Es begann die größte „ethnische“ Säuberung des 20. Jahrhunderts in Europa.

Diese aus ihrer angestammten Heimat Vertriebenen wurden auf unterschiedlichste Weise, meist in Eisenbahnwagons sowohl in die damalige russische als auch in die amerikanische, englische und französische Zone transportiert. Die meisten von ihnen kamen nach Bayern, fanden dort nach Überwindung vieler Schwierigkeiten eine neue Heimat und wurden in Bayern zum „vierten Stamm“. Noch lebende Augenzeugen berichten, dass nach dem Passieren der tschechisch-deutschen Grenze die Wälder weiß waren von den auf dem Boden liegenden oder in den Zweigen hängenden weißen mit „N“ gekennzeichneten Armbinden, die von den Vertriebenen aus den Eisenbahnwagons geworfen wurden.

Bis zu dieser „wilden“ Vertreibung waren die Deutschen, die nach dem Ende der NS-Diktatur eine weiße Armbinde mit einem „N“ („Nemec“ = Deutscher) tragen mußten rechtlos und wurden das Ziel haßerfüllter Tschechen. Durch eines dieser „Dekrete“ wurden sie zu „Staatenlosen“. Nicht nur, dass sie zur Arbeit zwangsverpflichtet wurden, in „Internierungslager“ kamen, sie wurden sogar zur Zwangsarbeit in die Sowjet-Union transportiert, die viele nicht überlebt haben. Sie mußten auf der Straße den Gehweg verlassen, wenn ihnen ein Tscheche entgegenkam, der mit „doby den“ (Guten Tag) gegrüßt werden mußte. Sie wurden verfolgt, verprügelt und vergewaltigt. Eines der berüchtigsten Internierungslager war in Mährisch-Ostrau das sogenannte „Hanke-Lager“, in dem Prügel, Mord und Totschlag an der Tagesordnung waren.

Auf Grund der Benes-Dekrete wurden sie ihres Eigentums beraubt, mußten Wohnungen und Häuser verlassen, in die dann Tschechen aus anderen Teilen des Landes zogen. Da es aber nicht genügend Tschechen gab, die in die freigewordenen Wohnungen und Häuser ziehen konnten, verfielen im Lauf der Jahre nicht nur Häuser, sondern ganze Ortschaften entlang der Grenze. Hinzu kam, dass aus Sicherheitsgründen an der Grenze zu Deutschland Häuser und Dörfer dem Erdboden gleichgemacht wurden. Noch heute erkennt man an Mulden, unter denen sich verfallene Keller befinden, den Standort früherer von Deutschen bewohnten Häuser.

Diese „wilde Vertreibungen“ führten auch zu Massakern, die erst in letzter Zeit der Öffentlichkeit, auch in Tschechien, bekannt wurden und die erst jetzt zögerlich eine Aufarbeitung finden. Dazu gehören nicht nur die Unterbringung in Internierungslagern wie z.B dem o.a. Lager „Hanke“, sondern im besonderen der Brünner Todesmarsch vom 30.6. bis 12.7.1945 sowie die Aussiger Ertränkungen vom 31.7.1945 mit vielen hundert Toten. Da die Deutschen „Freiwild“ waren, wurden diese Verbrechen an ihnen aufgrund dieser „Benes-Unrechtsdekrete“, die noch heute im „geeinten“ Europa Gültigkeit besitzen, nie juristisch geahndet oder aufgearbeitet.

Wenn der frühere Bundespräsident Richard von Weizäcker am 8.5.1985 den Tag der deutschen Kapitulation vom 8.5.1945 den „Tag der Befreiung“ nannte, hatte er die vielen Millionen Flüchtlinge und Vertriebenen vergessen. Bundespräsident Gauck hingegen sagte beim „Tag der Heimat“ 2015 u.a. „Vertriebene seien damals häufig diskriminiert und mit üblen Ausdrücken beschimpft und als rückständige Habenichtse gebrandmarkt worden. Noch jahrelang seien sie bei Festen und Gottesdiensten der Einheimischen ausgegrenzt und bei der Arbeitsplatzsuche benachteiligt worden. Wörtlich sagte der Bundespräsident: „Es dauerte lange, bis Deutschland ein in sich selbst ausgesöhntes Land wurde. Ein Land, in dem die einen ihre Heimat behalten konnten und die anderen eine Heimat neu gewinnen mußten. Ein Land, in dem sich die einen nicht fremd und die anderen sich nicht ausgegrenzt fühlten“.

Als diese Exzesse von den Siegermächten bemerkt wurden, bestanden diese darauf, dass die tschechische Regierung zu einer „organisierten“ ordnungsgemäßen Vertreibung überging, d.h. zwar war die Zeit der staatlich organisierten Verfolgung und Drangsalierung vorbei, doch jetzt betraf die Vertreibung (= Odsun) auch die, die keine „Nazis“ waren.

Gerade in unserer Zeit, wo in den letzten Monaten die deutschen Behörden durch die Flucht der Menschen aus dem Osten und aus Afrika überfordert wurden, traf diese Überforderung in besonderer Weise in den Monaten der Jahre 1945 und 1946 zu. Die aus den Ostgebieten geflüchteten und vertriebenen Deutschen kamen in ein vom Krieg zerstörtes Deutschland, in dem es nicht nur an Wohnraum, sondern auch an Arbeitsplätzen und Nahrung mangelte.

Die Unterbringung der ihrer Heimat beraubten Deutschen fand in Baracken, in Wirtshäusern, leerstehenden Fabrikgebäuden und besonders in von den Gemeindeverwaltungen beschlagnahmten Räumen in den Dörfern und Städten statt. Durch ein besonderes Gesetz konnten Vertriebene auch in Privatwohnungen untergebracht werden. Auch damals wie heute, wurden provisorische Unterkünfte angezündet und abgebrannt und die davon Betroffenen verloren dadurch buchstäblich erneut ihr letztes Hab und Gut.

Ab ihrer Ankunft fand dann eine nach dem Historiker Mathias Beer genannte „verordnete Assimilation“ statt. Die Heimatvertriebenen paßten sich an, bauten auf und pflegten in besonderen Maße ihre Kultur und ihre Eigenheiten. Das einzige, was sie mit den „Einheimischen“ verband, war die gemeinsame Sprache und die christliche Religion, auch wenn es durch die Verschiedenheit der Dialekte doch zu sprachlichen Verwirrungen kam. Sie brachten aber auch gute Schul- und Berufsausbildung und vor allem Fleiß und Können mit. Dadurch konnte die Integration verhältnismäßig gut beginnen.

Damit die Assimilierung der Deutschen aus dem Osten schneller vonstatten ging, wurden die Vertriebenen, die aus dem gleichen Ort kamen, nicht gemeinsam untergebracht, sondern vielmehr in verschiedene Regionen und ihre Orte „verteilt“. Dennoch führte dies dazu, dass sich regelrechte Flüchtlingsgemeinden wie z.B. in Oberbayern Neugablonz, Geretsried, Waldkraiburg, Traunreut oder Neutraubling bildeten. Das hielt sie aber nicht davon ab, ihre gemeinsame Abstammung mit ihrem gemeinsamen kulturellen Hintergrund zu pflegen und zu bewahren. So schlossen sie sich in „Landsmannschaften“ zusammen, trafen sich zu gemeinsamen Heimatabenden oder besuchten ihre jährlichen Heimattreffen bis in die heutige Zeit.

Die Zwangsunterbringung der Vertriebenen führte veständlicherweise auch zu Spannungen, zu Mißtrauen und manchesmal zu offener Feindschaft. Ich kann mich noch gut erinnern, wie Einheimische auf uns „Flüs“ geringschätzig herabgeblickt haben. Nicht immer waren ihre Bemerkungen „Mitleid“ und gar nicht selten wurden die Vertriebenen beschimpft und irgendwelcher „Vergehen“, z.B. des Diebstahls bezichtigt. Wenn in unserem Ort etwas passierte, kam der „Dorfgendarm“ als erstes zu unserer Mutter, um zu hinterfragen, wo wir gewesen und ob wir evtl. auch „beteiligt“ gewesen sind.

Wenn ein Einheimischer eine Zwangseinweisung erhielt, konnte es passieren, dass die zur Verfügung zu stellende Wohnung unbewohnbar gemacht wurde. Ich erinnere mich, dass wir bei einem Bauern im „Austragshäuserl“ untergebracht wurden, dessen einziger Wohnraum unbeheizbar war, wir daher in unserer Kleidung schlafen mußten und morgens dicke Eisblumen an den Fenstern zu sehen waren. Eines Tages brach die Zimmerdecke herunter, wir mußten ausziehen und kamen bei einem anderen Bauern unter. Eine „Willkommenskultur“ von der heute gesprochen wird, gab es damals nicht.

Nach und nach wurden die Vertriebenen heimisch. Sie fühlten sich durch ihr Verhalten in der Dorfgemeinschaft zunehmend toleriert und akzeptiert. Die ersten Vertriebenenkinder standen Mitte der 50er Jahre vor dem Schulabschluß, fanden aber keine Lehrstellen. Durch die Bundesregierung wurden Umsiedlungsprogramme geschaffen, durch die Vertriebene auf andere Bundesländer mit geringerer Aufnahmequote verteilt wurden. So kam meine Familie 1954 von Bayern nach Nordrhein-Westfalen, da dort vorhandene Ausbildungsplätze mangels Bewerbern nicht besetzt werden konnten. In Bayern gab es vor allem auf dem Lande ein Überangebot von Bewerbern und einen Mangel an Lehrstellen. Erneut mußten sich wieder Heimatvertriebene „in der Fremde“ ein neues „Zuhause“ schaffen.

Ich selbst war zum Zeitpunkt der anfänglich „wilden“ und später „organisierten“ Vertreibung erst drei Jahre alt und habe somit keine Erinnung an die „Heimat“. So entstand bei mir auch kein „Heimweh“. Was aber vorhanden war, war das Interesse an dieser „Heimat“ meiner Vorfahren und wo meine Wurzeln sind. Und so habe ich die Tschechei mehrmals besucht bis hin nach Olmütz, der Stadt, in der ich geboren wurde.

Da den Heimatvertriebenen alles genommen wurde, besonders das Rückkehrrecht in ihre alte angestammte Heimat und somit auch der Besuch ihrer Familiengräber, wurden von Stadt- und Dorfgemeinden Denkmäler errichtet. So z.B. in Pfaffenhofen/Ilm, wo in diesen Tagen an öffentlicher Stelle eine Stele zur Erinnerung an die Aufnahme von Flüchtlingen und Vertriebenen enthüllt wurde. Es wurden auch Gedenktafeln angebracht, z.B. an der Außenmauer der Stadtverwaltung in Bad Reichenhall, durch die der Geschehnisse der damaligen Unrechtzeit nach dem 2. Weltkrieg und der Leistung der bayerischen Komunen bei der Eingliederung der Heimatvertriebenen gedacht wird.

Lange Zeit wurde ihnen, organisiert in ihren Landsmannschaften nachgesagt, dass sie dem Revanchismus nahestehen und dass sie ihr Recht auf ihre Heimat und ihren früheren Besitz nicht aufgeben. In der Menschenrechtscharta der Sudetendeutschen Landsmannschaft von 1950 wurde jedoch ausdrücklich gesagt, dass die Vertriebenen für ihr Recht auf ihre angestammte Heimat eintreten und um dieses auch kämpfen. Die Zeitzeugen der damaligen Geschehnisse der Vertreibung sterben nach und nach aus, es rückt die Generation nach, die in den Ländern der Bundesrepublik geboren wurden, aufgewachsen sind, Familien mit „Einheimischen“ gründeten und die dort in den Ländern der Bundesrepublik ihre „neue Heimat“ gefunden haben. Befragt man diese Nachkommen der Vertriebenen hinsichtlich ihrer Neigung und ihrem Wunsche zurückzukehren in die Heimat ihrer Ahnen gibt es wohl wenige, die dieses ernstlich anstreben.

1 Kommentar

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Noch nie ist ein Tscheche (Pole, Jude usw.) wegen seiner Morde an Deutschen angeklagt oder gar verurteilt worden.
https://ia601907.us.archive.org/35/i...utschen.pdf
  • 01.08.2017, 01:54 Uhr
  • 0
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