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Kriegsenkel, Babyboomer, Generation X – wer sind wir und was steckt in uns?

Kriegsenkel, Babyboomer, Generation X – wer sind wir und was steckt in uns?

Helmut Achatz
08.01.2017, 00:14 Uhr
Beitrag von Helmut Achatz

Ganz ehrlich, das Wort „Kriegsenkel“ ist für viele immer noch neu – für mich auch. Wir, die wir Mitte der 50er und Anfang der 60er-Jahre geboren wurden sind genau diese Kriegsenkel, die Ingrid Meyer-Legrand in ihrem Buch „Die Kraft der Kriegsenkel“ zu Wort kommen lässt. Es regt uns an, darüber nachzudenken, wie wir geworden sind was wir sind – und das ist mehr, als viele denken.

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Auf dem Leben der Babyboomer und auch noch der Generation X, der nach 1965 Geborenen liegt ein langer Schatten, den der Krieg und die Ereignisse danach werfen. Diese Jahrgänge sind in den Wirtschaftswunderjahren groß geworden, selbstbewusst und von sich überzeugt. Und trotzdem war da immer etwas, das aus einer weiter zurückliegenden Zeit bis in unsere Gegenwart ausstrahlt. Diesen Schatten will die systemische Therapeutin, die Sozialpädagogik, Sozialwissenschaft und Geschichte studiert hat, ausleuchten und die Umrisse nachzeichnen.

Schwere Hypothek der Vergangenheit

Wir, die wir in einer Zeit des Wirtschaftswunders aufgewachsen sind, waren häufig zu sehr damit beschäftigt, uns mit den Geschichten der Kriegskinder-Eltern zu befassen. Mal ehrlich, wer von uns hat genau hingehört, wenn sie denn überhaupt etwas erzählt haben. Denn es gab nicht nur die Familien, in denen ungefiltert erzählt und teilweise auch heftig diskutiert wurde; es gab auch die anderen, in denen die Vergangenheit verschwiegen wurde. Das Unausgesprochen muss sich wohl wie Mehltau auf die Familie und die Kriegsenkel gelegt haben – eine schwere Hypothek.

Erinnern an Krieg und Gefangenschaft

Manchmal ahnten wir Kriegsenkel nur, wie schlimm das Erlebte gewesen sein muss. Mein Vater hatte ein Ritual: Zu Weihnachten fastete er bis zum Abendessen in Erinnerung an seine Kriegsgefangenschaft, während der oft genug hungerte, weil die Rationen knapp bemessen waren. Sein Bruder war im Krieg vermisst, sein Halbbruder kam mehr tot als lebendig aus der russischen Kriegsgefangenschaft. Eine Kleinigkeit nur, aber beim Lesen des Buchs „Die Kraft der Kriegsenkel“ taucht sie wieder aus dem Nebel auf.

Kampf ums nackte Überleben

Irgendwie ließ uns das lange unberührt – wir waren auch mit uns selbst beschäftigt. Meine Eltern zumindest, die aus Böhmen vertrieben worden waren, mühten sich, aus dem Nichts etwas zu schaffen. Nach der Vertreibung, die ihnen kaum etwas ließ, die sie als Deutsche unter Deutschen fremd fühlen ließ in einem zerstörten Land, ging es erst einmal ums nackte Überleben. Dann kam der Wiederaufbau, die Verhältnisse bessert sich langsam – und schließlich feierte Deutschland sein „Wirtschaftswunder“.

Traumata werden weitergegeben

In dieser Zeit bin ich und ist die Generation der zwischen 1950 und 1970 Geborenen aufgewachsen. Ich hatte sicher mehr Glück mit meinen Kriegskinder-Eltern. Mein Vater war vergleichsweise resilient – und dazu hatte ich einen Großvater mit viel Zeit und Verständnis. Mit zwei großen Schwester durfte ich mich umsorgt fühlen, anders als viele andere Kriegsenkel, die zu „Eltern ihrer Eltern werden“, wie Ingrid Meyer-Legrand in ihrem Buch beschreibt und von „transgenerationeller Weitergabe von Traumata“ berichtet.

Viel Freiheit zur Selbstverwirklichung

Trotzdem ging es mir so, dass die „Eltern oftmals nicht die Instanz waren, die sagen, was zu tun und was zu lassen ist“. Für andere aus der Kriegsenkel-Generation war das sicher negativ besetzt, weil sie damit schlicht überfordert waren. Für mich war es eher Freiheit – ja, auch die gab es damals in den 60er-Jahren mehr als heute. Viele Straßen waren nur Kiespisten, auf denen kaum Autos fuhren, Bunker aus der Nazi-Zeit und unverbaute Seen und Flüsse waren die Spielplätze. Die Schule war am Nachmittag aus, und es blieb genug Zeit zum Spielen.

Auch das gehört zu unserem Erfahrungsschatz: Wir sind in eine „offen, mobile Gesellschaft hineingewachsen. Uns Kriegsenkel „schien die Welt einfach offen zu stehen“, wie Ingrid Meyer-Legrand schreibt.

Zwei Seiten unserer Kriegsenkel-Biografie


Unser Leben ist geprägt von diesem Gefühl, dass uns die Welt offensteht und parallel dazu von dem dumpfen Ahnen, wie schwer es doch für unsere Kriegskinder-Eltern war. Dankbarkeit und Beklommenheit, beides gehört zu unserm Erwachsenwerden dazu, beides prägt uns. Das hat Ingrid Meyer-Legrand erkannt und sensibel in ihrem Buch beschrieben – und mit Fallbeispielen nacherlebbar gemacht.

Wie lassen sich diese beiden Seiten unserer Kriegsenkel-Biografie „in den Blick nehmen“, hat sich Ingrid Meyer-Legrand gefragt. Ein biografischer Verlauf sei nur im Schnittpunkt von individueller und gesellschaftlicher Geschichte zu begreifen. Sie benutzt dafür zwei unterschiedliche methodische Ansätze – das Genogramm und „My Life Storyboard“. Ein Genogramm ähnelt einem Familienstammbaum – und erlaubt eine Diagnose über mindestens drei Generationen hinweg. Damit lasse sich ein schneller Überblick über komplexe Familienstrukturen gewinnen. My Life Storyboard ist der „Prozess einer biografischen Selbstreflexion“. „In der Arbeit mit My Life Storyboard lassen wir explizit die unmittelbare und persönlich erlebt Zeitgeschichte Revue passieren“. Dabei werden biografische Stationen wie Herkunftsfamilie, Schule, Generationenzugehörigkeit, Studium, Berufsausbildung und aktuelle Tätigkeit neu beleuchtet.

Hochachtung vor der eigenen Lebensleistung

Ingrid Meyer-Legrand geht es ums Erzählen, darum, dass die Kriegsenkel zum Erzählen kommen. Dabei hilft das Storyboard mit seinen Skizzen zu den biografischen Stationen.

Dieser Prozess lasse dem Einzelnen seine besonderen Kompetenzen im Umgang mit den Herausforderungen seiner einzigartigen Geschichte erkennen. „Am Ende dieser Arbeit erleben die Personen oftmals eine große Verbundenheit mit dem eigenen Weg und Hochachtung vor der eigenen Lebensleistung“. Die eigene Lebensgeschichte als Prozess zu verstehen und als in einem permanenten Wandel begriffen, das könne so als bereichernd erlebt werden.

Kindheitserinnerungen tauchen aus dem Nebel auf

Das kann ich nur bestätigen. Mir ging es zumindest so. Beim Lesen des Buchs tauchten viele Situationen aus meiner Kindheit wieder auf – wie aus einem Nebel. Mir wurde klar, warum mein Vater beispielsweise „Gerechtigkeit“ auf seine Fahne geschrieben hatte und es auch lebte, weil er sowohl in seiner Ursprungsfamilie Ungerechtigkeit erlebte wie als Deutsche in der Tschechischen Republik zwischen den beiden Weltkriegen. Ich muss seine Tatkraft und seinen Elan bewundern, sich nicht von Krieg und Vertreibung traumatisieren zu lassen. Das Buch fordert geradezu auf, sich mit seinen Kriegskinder-Eltern zu beschäftigen, um für sich selbst zu entdecken, inwieweit die Schatten der Vergangenheit bis in die Gegenwart reichen.

Werden die Kraft brauchen

Vielleicht ist es etwas hochgestochen, wenn sie schreibt, dass „viele Kriegsenkel gestärkt und eigenständiger aus diesem Reflexionsprozess hervorgegangen sind, mit einem gereiften Verständnis für das, was die vorherigen Generationen ihnen als Bürde einerseits hinterlassen, aber auch welche Ressourcen und Kraftquellen sie ihnen vererbt haben“ – und diese Kraft werden wir Kriegsenkel in den kommenden Jahren dringend brauchen, um mit den Herausforderungen fertig zu werden.

Ingrid Meyer-Legrand ist es in diesem Buch – mit vielen Erfahrungsberichten von Kriegsenkeln – gelungen, das „lange ins Private abgeschobene Leid in die Öffentlichkeit zu holen“. Mich hat es angeregt, über meine eigenen Erfahrungen zu reden, wobei mir einiges deutlich geworden ist, was ich bislang nur ahnte.

Allein deswegen hat sich die Lektüre gelohnt – und sie dürfte sich für viele meiner Generation lohnen.

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