wize.life
Neu hier? Jetzt kostenlos registrieren und mitmachen! Warum eigentlich?
Erschreckender Bericht: Gehen die Narkose-Mittel an deutschen Kliniken aus?

Erschreckender Bericht: Gehen die Narkose-Mittel an deutschen Kliniken aus?

News Team
27.04.2017, 18:00 Uhr
Beitrag von News Team

Diese Meldung der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) klingt besorgniserregend: Deutschlands Ärzten geht der angesehenen Tageszeitung zufolge das Betäubungsmittel für Operationen aus. Demnach könne in manchen OP-Zentren laut FAZ noch zwei Wochen lang operiert werden.

Schon seit Herbst 2016 gibt es Nachschubprobleme bei Präparaten mit dem Wirkstoff Remifentanil. Es wird vor allem bei ambulanten Operationen und Kindern eingesetzt.

Das sagt der Hersteller:

"Die bestmögliche Patientenversorgung mit unseren Arzneimitteln hat bei GSK als forschender Hersteller innovativer, patentierter Arzneimittel höchste Priorität. Aufgrund der hohen Nachfrage nach unserem Analgetikum Ultiva (Wirkstoff Remifentanil) und unserer begrenzten Produktionskapazitäten ist es de facto leider so, dass wir nicht den gesamten deutschen Bedarf mit unserem Analgetikum abdecken können und wir vor dem Hintergrund nur eingeschränkt lieferfähig sind. Hierzu stehen wir im kontinuierlichen Austausch mit den zuständigen Behörden und geben transparent Auskunft über die Liefersituation."

Die Präsidenten der Deutschen Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin e.V. (DGAI) und des Berufsverbandes Deutscher Anästhesisten e.V. (BDA) haben hierzu folgende Stellungnahme abgegeben:

Als Präsidenten der Deutschen Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin e.V. (DGAI) und des Berufsverbandes Deutscher Anästhesisten e.V. (BDA), die gemeinsam die über 23.000 Anästhesistinnen und Anästhesisten in Deutschland vertreten, teilen wir die in dem Artikel angesprochene Sorge über die anhaltenden Lieferengpässe des Opioids Remifentanil.

Gleichwohl möchten wir ausdrücklich betonen, dass sich kein Patient Gedanken darüber machen muss, dass er nicht die von ihm benötigte Anästhesie auf qualitativ hohem und sicherem Niveau erhält oder dass deswegen notwendige Operationen verschoben werden müssen. Der Einsatz von Remifentanil ist nicht alternativlos. Der mögliche Einsatz von anderen Präparaten bedingt aber einen Systemwechsel bei der Narkoseführung, der u.a. mit einer verlängerten Aufwach- und Überwachungsphase nach Operationen verbunden sein kann.

Aus einer jüngst vom Bundesverband Deutscher Krankenhausapotheker ADKA durchgeführte Umfrage bei Krankenhausapotheken mit einer Versorgungsrelevanz von über 30.000 Betten und damit über 6 Prozent der nationalen Krankenhauskapazitäten ging hervor, dass eine bedenkliche Anzahl versorgungskritischer Arzneimittel in Kliniken fehlen: Arzneimittel mit 280 verschiedenen Wirkstoffen sind nicht verfügbar gewesen, darunter 30, die die jeweilige Klinikapotheke als versorgungskritisch eingestuft hat. Lediglich acht der 30 Wirkstoffe haben die Hersteller an das Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) gemeldet.

AOK fordert Reserve

Für die AOK Baden-Württemberg geht die angesichts jüngster Lieferengpässe von Klinik-Arzneimitteln seitens der Ärzte vorgeschlagene nationale Medikamenten-Reserve in die richtige Richtung, aber nicht weit genug: "Eine Verpflichtung der Pharmaindustrie, deren Erfüllung nur sie selbst überprüfen kann, ist faktisch freiwillig - und das hat in diesem Markt noch nie funktioniert", so der Vorstandschef der AOK Baden-Württemberg, Dr. Christopher Hermann, am Donnerstag in Stuttgart. Wenn nicht gleichzeitig Transparenz in den Markt komme und sanktionierbare Kontrollmechanismen für die gesamte Lieferkette eingeführt würden, bliebe alles beim Alten.

"Lieferausfälle sind kein neues Phänomen. Seit jeher wird der Bedarf der ganzen Welt an patentgeschützten Wirkstoffen regelmäßig an nur einem Standort produziert. Auch im patentfreien Markt produzierte bis heute kaum ein deutscher Anbieter seinen Wirkstoff selbst. So kommt es, dass kritische Lieferengpässe wie etwa im Fall des Narkosemittels Remifentanil üblicherweise meist weltweite Dimensionen annehmen: In den USA, Neuseeland oder Australien ist das Mittel zum Beispiel bereits seit 2016 nicht verfügbar und wird es dort nach Einschätzung des Anbieters GlaxoSmithkline auch bis 2018 nicht sein. Deshalb ist eine nationale Reserve und eine sanktionierbare Meldepflicht der einzige Weg. Es ist notwendig zu wissen, welche Arzneimittelmengen sich überhaupt im Markt und dort insbesondere beim Hersteller befinden", so Hermann.

Eine wichtige Kontrollfunktion muss nach Ansicht Hermanns das Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) ausüben. Nicht nur Pharmaunternehmen sollten Lieferprobleme verpflichtend melden - alle Akteure der Handelskette müssten ebenso verpflichtet werden dem Bundesinstitut als Trustcenter regelmäßig ihre Lagerbestände zu übermitteln.

Hermann: "Die Zeit der freiwilligen Meldungen muss für die Pharmalobby nach so vielen verschwiegenen Lieferausfällen endgültig vorbei sein." Anstelle des längst verspielten Vertrauensvorschusses müssten nun gesetzlich sanktionierbare Kontrollmechanismen her.

Rettungsgasse ist kinderleicht: Die Kleinen erklären, wie es geht

Kommentare

Melden Sie sich jetzt mit Ihrem Nutzerkonto an, um Kommentare zu hinterlassen.