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Kunst verstehen: Paula Modersohn-Becker - schwanger mit der Kunst?

Kunst verstehen: Paula Modersohn-Becker - schwanger mit der Kunst?

Volker Barth
07.05.2016, 20:30 Uhr
Beitrag von Volker Barth

Laut Kalender 2016 begeht Deutschland seinen Muttertag am Sonntag, dem 8. Mai. Aus diesem Anlass möchte ich ein typisches Gemälde-Motiv von der deutschen Malerin Paula Modersohn-Becker vorstellen. Es trägt den Titel „Selbstbildnis am 6. Hochzeitstag“. Es wurde in Öltempera(?) auf Pappe gemalt und hat das Format 101,8 mal 70,2 Zentimeter. Das Bild hat die Werksverzeichnis-Nummer 628 und gehört dem Paula Modersohn-Becker Museum, Bremen.

Jetzt zum Gemälde

Paula Modersohn-Becker ist nackt, sie schaut in einen Spiegel, um sich selbst zu malen. Sie trägt eine Bernsteinkette, die bis zu ihrem Busen reicht und ein weißes Tuch, das um ihre Hüften geschlungen ist. Ihr rechter angewinkelte Arm führt in Taillenhöhe nach links. Darunter wölbt sich stolz ihr Bauch mit markantem Bauchnabel und „dokumentiert“ eine Schwangerschaft. Ihre linke Hand stützt vorsorglich ihre Wölbung. Die Hauttöne gehen fließend in die Hintergrund-Farbigkeit über. Paula Modersohn-Becker stellt sich als “Gretchen“-Typ dar, deutsch, aber nicht blond. Sie besitzt dunkle Haare und hat eine strenge Frisur mit Mittelscheitel. Ihr Gesicht ist leicht geneigt und schaut mit großen Augen zum Gemäldebetrachter mit einem freundlich-liebevollen und fragenden, ja einen fast herausfordernden Blick. Der Halbakt befindet sich vor einem flächigen Hintergrund in „zitroniger“ Farbigkeit, die von grünen Tupfern aufgelockert wird. Rechts unten im Gemälde die informative Inschrift, die Paula Modersohn-Becker mit dem Pinselstiel in die noch feuchte Farbe gekratzt hat. Der Text lautet „Dies malte ich mit 30 Jahren an meinem 6. Hochzeitstage P.B.“

Keine Schwangerschaft

Dazu ist festzustellen: Paula Modersohn-Becker war am Schaffenstag des Gemäldes, am 25. Mai 1906 in Paris, nicht schwanger!

Die kunstrevolutionäre Besonderheit dieses Selbstbildnisses besteht darin, dass es sich hier um den ersten Selbstakt einer Frau handeln dürfte. Die Geste ihrer Hände sollen vielleicht darauf hinweisen, dass sie selbst am sechsten Hochzeitstag noch immer nicht Mutter ist, sie aber die Schaffenskraft einer Frau und Künstlerin besitzt, also gebären und künstlerisch schöpferisch tätig sein kann.

Albrecht Dürer hatte sich - in der Imitatio Christi - in einem Selbstakt um 1512/13 als Kranker gezeichnet, der mit der Hand auf die seitliche Wunde zeigt. Dieses Blatt, das sich bis 1943 in der Bremer Kunsthalle befand, hatte Paula Modersohn-Becker sicherlich gekannt.

Paula Modersohn-Beckers Werk

Die Sehnsucht nach dem Ursprünglichen und Einfachen prägte ihre Malweise und drückte sich auch in ihren reduzierten, erdigen Farben aus. Die Kompositionen waren oftmals flächig angelegt und hatten einen frontalen Bildaufbau. Durch ihre vier Parisbesuche bekam sie vielerlei künstlerische Anregungen, besonders durch Vincent van Gogh, Paul Gauguin und Paul Cezanne. Ihr Werk (Selbstporträts, Frauen und Kinder, Stillleben) umfaßt 750 Gemälde, ca. 1000 Zeichnungen, auch Aquarelle und 13 Radierungen.

Und nun zur Künstlerin

Paula Modersohn-Becker wurde am 8. Februar 1876 als drittes von sieben Kindern in Dresden-Friedrichstadt geboren und kam nach ihrer Lehrerinnen-Ausbildung und Malstudien in London und Berlin nach Worpswede (Landkreis Osterholz/nordöstlich von Bremen).

Hier war sie (ab 1887) Schülerin von Fritz Mackensen, dem Mitbegründer der „Worpsweder Künstlerkolonie“ (1889). Die Gruppe bestand etwa zwanzig Jahre und pflegte eine antiakademische Landschaftsmalerei - weitere Mitglieder waren Otto Modersohn, Heinrich Vogeler, Fritz Overbeck. Stellenweise lebten hier die Schriftsteller Rainer Maria Rilke, Carl Hauptmann und Manfred Hausmann sowie der Bildhauer Bernhard Hoetger. Heute noch wird Worpswede in großer Anzahl von Kunstfreunden und -touristen besucht.

Ab September 1898 lebte Paula Modersohn-Becker in Worpswede und befreundete sich mit der Bildhauerin Clara Westhoff, Schülerin von Auguste Rodin und spätere Frau von Rainer Maria Rilke. Trotzdem war die Einsamkeit hier groß, denn die „Malerkollegen“ beachteten sie nicht und nahmen sie nicht ernst, von deren Frauen wurde sie geschnitten.

Und dann kam Paris!

Paula Modersohn-Becker reiste in der Neujahrsnacht 1900 erstmals nach Paris. Für Künstler aus ganz Europa war die französische Hauptstadt zum Nabel der Welt geworden, auch für Malerinnen wie Berthe Morisot, Suzanne Valadon und Mary Cassatt. Und ganz wichtig war das damalige Jahrhundert-Ereignis: Die Weltausstellung!

Heimlich, am 12. September 1900, verlobten sich Paula Becker und Otto Modersohn, um am Pfingstsamstag, 25. Mai 1901, in der Wohnung von Paulas Eltern in Bremen zu heiraten. Carl Woldemar Becker, ihr Vater war schwer Asthma krank und erlebte alles nur vom Krankenlager aus.

Im Februar/März 1903, traf Paula Modersohn-Becker ein zweites Mal in Paris ein, jetzt als gereifte Malerin und Ehefrau. Den größten Teil ihrer Zeit verbrachte sie im Louvre, wo sie emsig Gemälde für ihr Skizzenbuch „abzeichnete“. Im ägyptischen Teil des Louvre war sie von den Mumienbildern aus Fayum gegeistert und ließ diese Charakteristik in ihre Selbstbildnis-Produktion einfließen.

Im Jahre 1905 von Februar bis April reiste Paula Modersohn-Becker ein drittes Mal nach Paris. Für sie wurden die hier möglichen Auseinandersetzungen mit den künstlerischen Avantgarden zu einem wichtigen Bestandteil ihrer künstlerischen Entwicklung.

Die Familie wusste nichts

Zum vierten Male, am 23. Februar 1906, brach Paula Modersohn-Becker von Worpswede nach Paris auf. Dieses geschah diesmal ohne Wissen der Familie (aber mit Unterstützung von Rilke). Diese Reise fand unter ganz anderen Vorzeichen statt: Enttäuscht und desillusioniert von ihrer Kinderlosigkeit (Sechster Hochzeitstag) und gelangweilt von der Eintönigkeit der dörflichen „Künstlerkolonie“, entschloss sie sich ihren Mann und somit Worpswede für immer zu verlassen. In Paris wollte sie sich alleine niederzulassen und sich ganz der Kunst widmen.

Auf die Trennung reagierte Otto Modersohn panisch und wollte sie einfach nicht wahrhaben. Seine Frau forderte am 9. März 1906 “... laß eine Zeit ruhig verstreichen und laß uns beide abwarten, wie meine Gefühle dann sind. Nur, Lieber, versuche den Gedanken ins Auge zu fassen, dass sich unsere Wege scheiden werden.“ und „Ich möchte jetzt auch gar kein Kind von Dir haben.“

Am 6. April schrieb Otto Modersohn „O warum hast Du mir diese tiefe Liebe eingeflößt und dann gehst Du fort und läßt mich allein! wie ist mir alles, alles verödet und verwaist (...) Ich liebe Dich fast vom ersten Augenblicke an, wo ich Dich sah, schon zu Helenes Zeit, ich liebe alles an Dir und in Dir, Du warst meine Seele, der Inhalt meines Lebens ...“

In einem Brief vom 9. April bat Paula wieder um Geld, diesmal um einen monatlichen Betrag von 120 Mark, und betonte, wie schwer es für sie ist, ihm das alles antun zu müssen.

Endgültiger Abschiedsbrief?

Paula Modersohn-Becker schrieb dann am 3. September 1906 ihren „endgültigen“ Abschiedsbrief - Otto Modersohn solle auf keinen Fall nach Paris kommen. “Erspare uns beiden diese Prüfungszeit. Gib mich frei, Otto. Ich mag Dich nicht zum Manne haben. Ich mag es nicht. Ergib Dich drein". Und am selben Tag an die Mutter „Verzeiht mir den Jammer, den ich über Euch bringe. Ich kann nicht anders.“

Wie endgültig alles klang - und doch nahm Paula Modersohn-Becker sechs Tage(!) später alles zurück. Ihr Entschluß sich auf Otto Modersohn wieder einzulassen, wird da durch gestützt, dass sie mit ihrer Kunst weiter leben könne, denn er würde bedingungslos ihr alle Freiheiten geben! „Ich habe diesen Sommer gemerkt, dass ich nicht die Frau bin allein zu stehen. Außer den ewigen Geldsorgen würde mich gerade meine Freiheit verlocken von mir abzukommen.“ Und in einem Brief an ihre Schwester Milly äußerte sich Paula „Wenn man nur gesund bleibt und nicht zu früh stirbt“.

Otto Modersohn doch in Paris

Doch, im Oktober 1906, kam dann Otto Modersohn nach Paris. Er verbrachte mit ihr den Winter und Paula war sehr froh, dass bei allem Unverständnis über ihren Schritt doch keine Tür endgültig zugefallen war. Zu Ostern, am 31. März 1907, erfolgte dann die gemeinsame Rückkehr nach Worpswede. Und - Paula Modersohn-Becker war schwanger!

Sie hat den Herbst über geduldig auf ihr Kind gewartet und nicht mehr viel gearbeitet. Die Geburt der Tochter Mathilde am 2. November 1907 war schwer, die Wehen setzten plötzlich aus, wie oft bei späten Erstgeburten. Das Kind musste mit der Zange geholt werden. Man war über Schmerzen im Bein besorgt und zwang die Mutter zur Bettruhe. Der 20. November 1907 war dann der erste Tag an dem Paula Modersohn-Becker aufstehen durfte.

Über das weitere Geschehen berichtete Otto Modersohn an Clara Rilke in einem Brief: „An das Fußende ihres Bettes ließ sie einen großen Spiegel stellen und kämmte davor ihre schönen Haare, flocht sie zu Zöpfen und machte sich eine Krone daraus. (Vieles ähnelt dem Hochzeitstag-Bild). Sie steckte sich Rosen an, die man ihr geschickt hatte und ging dann, als Mann und Bruder sie stützen wollten, leicht vor ihnen her ins andere Zimmer, wo die Lichter angezündet waren, der Kronleuchter, ein Barockengel mit einem Lichterkranz um den Leib und viele anderen Kerzen“. Paula Modersohn-Becker setzte sich in einen Lehnstuhl, ließ sich Tochter Mathilde in die Arme legen, freute sich riesig und meinte „Nun ist es fast so schön wie Weihnachten“. - Plötzlich wollte sie ihren Fuß hochlegen, - einige schwere Atemzüge folgten und sie sagte leise „Wie schade“. Paula Modersohn-Becker starb, im Alter von einunddreißig Jahren, an einer Embolie.b

Links:

(Paula Modersohn-Becker - Biografie)
http://www.paula-modersohn-becker.de/

(Frauen in der Kunst)
https://de.wikipedia.org/wiki/Frauen_in_der_Kunst

(Worpswede - Infos)
http://www.worpswede.de/

(You Tube - 7:20 Min)

(Aktuelle Ausstellung in Paris)
http://www.shz.de/deutschland-welt/k...210216.html

Map-Data:

Musée d‘art moderne de la Ville de Paris, 11 Avenue du Président Wilson, 75116 Paris

2 Kommentare

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Ich war gerade anfangs Mai, paar Tage im Bremen.
Trotz vile Menschen in der Böttcherstrasse ist Museum eine Oase der Ruhe.
Ich hatte etewas Zeit und genoss die beeindruckende Architektur am sonnigen Balkon im Museum.
Was mich immer wieder beeindruckt ist die anerkennung diese wunderbare Künstlerin und kunstschafenden Frauen, mit diesen ersten Museum für eine Weiblicheküstlerin.
  • 21.05.2016, 12:32 Uhr
  • 1
Volker Barth
Dein Bericht hat mich sehr gefreut...
  • 22.05.2016, 08:23 Uhr
  • 0
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