wize.life
Neu hier? Jetzt kostenlos registrieren und mitmachen! Warum eigentlich?

Nur ein Bettler

08.05.2016, 11:43 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

Nur ein Bettler

Wie jeden Tag um die Mittagszeit, pünktlich um zwölf Uhr, schellte in der Bäckerei Lehmann, in der Schillingstraße, unweit des Alexanderplatzes, die Türglocke. Herein kam ein schäbig gekleideter Mann, mit einem kleinen, zottigen Pudel auf dem Arm. Zielgerichtet und wortlos steuerte er auf einen gedeckten, runden, abseitsstehenden Tisch zu, um daran Platz zu nehmen. Seinen Vierbeiner behielt er auf dem Schoß. Nach etwa fünf Minuten erschien die Bäckereiverkäuferin und stellte ihm wortlos einen Teller mit belegten Brötchen sowie einen großen Pott Kaffee, hin. Der Mann begann bedächtig zu essen. Zwischendurch riss er kleine Brötchenstücke ab, um damit den Pudel zu füttern. Da er immer mit dem Rücken zum Verkaufstresen saß, konnte er nicht sehen, wie der vierundfünfzigjährige Bäckermeister ihn an diesem Tag – verstohlen, hinter einem Vorhang verborgen, beobachtete. Lehmann hatte seine Bedienung angewiesen, täglich den Tisch mit frischen Speisen zu decken und dem Mann keine Fragen zu stellen.
An diesem Tag blieb der Bäckermeister etwas länger stehen, um sich Gedanken über den komischen Kauz, der nie sprach und sich nie bedankte, am Tisch in der Ecke, zu machen. Armes Schwein dachte Lehmann, der hat fraglos bessere Zeiten erlebt, er müsste in meinem Alter sein. Wenn der sich mal waschen würde und seine strähnigen Haare schneiden ließe, sähe er ganz manierlich aus! Ich möchte mal wissen, welches Unglück den jämmerlichen Typ so aus der Bahn geworfen hat, das er auf der Straße gelandet ist. Ob er außer seinem Hund noch jemanden hat, der zu ihm gehört? Ich würde ja gern einmal mit ihm reden, aber solange er seine Zeche bezahlt und sogar regelmäßig Geld in die Sammeldose für Bedürftige auf dem Tresen steckt, soll mir egal sein, was ihn antreibt oder nicht.
Nachdenklich zog sich der Bäcker zurück.
Vielleicht spreche ich ihn Morgen an, nahm er sich jeden Tag vor, um es dann bei seinen heimlichen Beobachtungen zu belassen.

Am späten Nachmittag desselben Tages, ging Anne Schmidt eiligen Schrittes auf den U-Bahneingang der Schillingstrasse zu. Ärgerlich heftete sich ihr abgehetzter Blick auf einen Bettler, der vor einer Bäckerei auf dem kalten Fußboden saß. Er hielt einen kleinen weißen, zerzausten Pudel auf dem Arm und schaute unentwegt auf einen imaginären Punkt.
So ein Pack, schnaufte Anne innerlich, während sie auf den U-Bahn-Tunnel zusteuerte.
Dieser Penner lungert hier rum, bettelt den ganzen Tag und verdient damit am Ende noch mehr Geld als ich, grollte sie lautlos. Unsereins dagegen hetzt jeden Tag los und macht sich für ein paar Euro krumm. Wieso kann der nicht arbeiten, so wie ich? ...und wenn er nur den U-Bahnhof fegt!
Sie konnte sich einfach nicht beruhigen.
Als sie die Treppen hinunterhastete, warf sie einen letzten, abschätzenden Blick auf die frierende Gestalt.
Wie der aussieht! Alles so ungepflegt an ihm! Dabei hat sein abgewetzter Anzug bestimmt einmal viel Geld gekostet! Sieht man doch auf den ersten Blick.
Über ihr Gesicht huschte ein schadenfrohes Lächeln. Vielleicht hat seine Frau ihn einfach vor die Tür gesetzt, weil sie die Faxen Dicke mit ihm hatte? Den armen Hund gleich mit dazu! Hätte ich einen Mann, würde ich ihm schon zeigen, wo es lang geht, grollte sie inwendig.
Anne hatte den Bettler längst vergessen, als sie in ihre Anschlussbahn stieg, um dann für den Rest des Tages in einem Toilettenhäuschen am Hermannplatz zu putzen.

Der Tag neigte sich dem Ende zu. Überall in den Häusern gingen die Lichter an. Leichter Regen fiel vom Himmel und es war noch kälter geworden. Menschen hasteten die Straßen endlang, Autofahrer hupten ungeduldig an den Ampeln. Der leere, traurige Blick von Wilhelm Voß, der nun am U-Bahneingang der Schillingstrasse saß, blieb an einem Plakat auf einer Werbetrommel hängen. Es zeigte ein älteres Ehepaar, welches lächelnd in die Sonne schaute und für Schmerztabletten Reklame machte.
Wehmütig dachte er an seine verstorbene Frau Inge zurück, die er erst vor drei Monaten beerdigt hatte. In den einsamen Nächten, die er meist auf Parkbänke oder Häusereingänge rund um den Alexanderplatz verbrachte, schweiften seine Gedanken immer wieder zu seiner einstigen Partnerin zurück. Wie gern würde er den Verlauf der Welt zurückdrehen und die letzten Jahre noch einmal mit ihr gemeinsam erleben. Er würde weniger arbeiten, das wusste er jetzt. Aber damals, als Inge ihn um mehr gemeinsame Zeit gebeten hatte, waren seine Arbeit, die Firma und die Angestellten immer wichtiger als sie für ihn gewesen. Auch für seinen bereits erwachsenen Sohn Peter hatte er nie Zeit, musste er denken, als er das glückliche lachende Paar auf dem Plakat vor sich betrachtete.
Seine Gedanken schweiften an den Tag zurück, an dem er fluchtartig nach der Trauerfeier, von Schuldgefühlen geplagt, Bobby, den Pudel seiner Frau gegriffen hatte und sich mit ihm einfach in einen Zug setzte. Egal wohin, nur weg! So kam er nach Berlin.
Obwohl Wilhelm sich ein Hotelzimmer im besten Haus hätte leisten können, blieb er auf der Straße. Er verbrachte seine Tage lethargisch und trauernd. Er wusch sich nicht, wechselte seine Kleidung nicht. Die Blicke der Passanten ignorierte er gelassen, genauso gelassen sammelte er das Geld auf, welches ihm vor die Füße geworfen wurde. Nur langsam löste sich das Metallband der Trauer von der Brust und Wilhelm befand an diesem Abend, dass es an der Zeit sei, nachhause zu fahren. Morgen, nahm er sich vor rufe ich meinen Sohn Peter an.

Mehr zum Thema

3 Kommentare

Melden Sie sich jetzt mit Ihrem Nutzerkonto an, um Kommentare zu hinterlassen.
Vielen Dank für euer Feadback. Diese Geschichte ist schon sehr alt. Ich habe sie als ehemalige Berlinerin bereits vor Jahren zu Papier gebracht, weil ich in der Tat in Berlin viele Bettler sehe.
Liebe Margarete. Du fragst nach der Gabe. In der Tat ist die Vorgabe "Gabe" nicht leicht umzusetzen gewesen. Was eine Gabe ist oder sein könnte wurde ja ausführlich in anderen Beiträgen dargelegt.
Ob ich des Pudels Kern getroffen habe weiß ich nicht, aber hier gern meine Gedanken dazu.
Als erstes möchte ich den Bäcker benennen. Er erlaubt dem Bettler seinen Hund auf dem Arm zu behalten, weil ihm der Mann und auch der Hund leid tun. Die Gabe des Mittleids?
Nicht jeder hat Mittleid, am wenigsten diejenigen, die es sich sogar leisten könnten.
Dann sehe ich bei dem Bettler selber die Gabe, trauern zu können. Zwar etwas extrem, indem er alle Brücken hinter sich abbricht und einfach verschwindet. Er nutzt diesen Abbruch um trauern zu können. kann auch nicht jeder. Er hätte ja auch einfach in seinem Trott weiter machen können, ich kenne viele Leute die nicht trauern konnten, aus welchem Grund auch immer.
  • 09.05.2016, 12:13 Uhr
  • 0
Melden Sie sich jetzt mit Ihrem Nutzerkonto an, um Kommentare zu hinterlassen.
eine nachdenkliche Geschichte....
  • 09.05.2016, 10:36 Uhr
  • 0
Melden Sie sich jetzt mit Ihrem Nutzerkonto an, um Kommentare zu hinterlassen.
Schade, dass niemand schaut, was "drin" ist ...
  • 08.05.2016, 12:52 Uhr
  • 1
Melden Sie sich jetzt mit Ihrem Nutzerkonto an, um Kommentare zu hinterlassen.
Weitere Beiträge von diesem Nutzer