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Kunst verstehen: ... wohl nicht das einzigste Skandal-Gemälde von Gustave Co ...

Kunst verstehen: ... wohl nicht das einzigste Skandal-Gemälde von Gustave Courbet

Volker Barth
11.06.2016, 20:30 Uhr
Beitrag von Volker Barth

Hier ist ein sehr entspanntes, sinnliches und wirklichkeitsnahes Gemäldemotiv - aber auch skandalös? Ein solcher Vorwurf - in der heutigen Zeit - einfach unvorstellbar, aber im Pariser Salon von 1857 löste dieses „brave“ Ölgemälde „Mädchen am Ufer der Seine“ vom französischen Maler Gustave Courbet (1819-1877) einen heftigen Skandal aus. Heute hängt das Meisterwerk ganz „friedvoll“ im Musee du Petit Palais zu Paris und hat ein Format von 174 mal 207 Zentimeter.

Zwei junge Frauen haben sich nach dem Ausflug an diesem schönen, warmen und sommerlichen Tag, erschöpft in den Schatten von Bäumen gelegt und genießen die Ruhe und das Nichtstun. Beide Personen sind gekleidet nach dem Neuesten und Modischsten.

Der Blick aus dem rechten Auge der vorderen Frau ist gezielt auf den Bildbetrachter gerichtet und spielt mit der Anmutung einer „Femme fatal“. Die andere Frau stützt mit ihrer linken Hand ihr Gesicht und ähnelt so der „Melancholia“ (Engel bei Albrecht Dürer). Ihr (gepflückter?) Blumenstrauß im Arm enthält ganz einfache „Liebes“blumen. Im Korb hinter der Eiche sind „Grisettes“ gemalt und so wurden damals auch junge und unverheiratete Mädchen genannt, die Liebesabenteuer eingingen. „Grisettes“ sind das weibliche Gegenstück zu den Bohemiens, denen sich auch Gustave Courbet zurechnete. Übrigens hatte er eine Schwäche für braune und rotblonde Mädchen. Beide Frauen sinnen über die „Liebe“, ob Begierde oder Sehnsucht. Symbol dafür: das verlassene Boot am Seineufer und ein Strohhut, den Männer der guten Gesellschaft, in ihrer Freizeit trugen. Und nun der Maler Gustave Courbet, dieser legt „so einfach“ die zwei Mädchen dem Bildbetrachter vor die Füße.

Das Bild begeisterte vor allem die Maler Paul Cezanne und Pablo Picasso. Ersterer wählte das Gemälde zu den zwei Hauptgemälden des Jahrhunderts und gab den „Mädchen“ den Vorzug vor Eduard Manets „Olympia“. Im Jahre 1950 kopierte „abstrakt“ Pablo Picasso Courbets Gemälde, es hängt heute im Kunstmuseum Basel.

Damals, in der Epoche des französischen Zweiten Kaiserreiches, wurden die beiden Frauen von der Kunstkritik als „schamlos“und „vulgär“ verunglimpft und als „biches“ (Spottname für ausgehaltene Frauen) betitelt.

Erbe eines Anarchisten

Der Künstler Gustave Courbet hielt sich für „den Erben der Ideen von Pierre-Joseph Proudhon“, dem französischen Anarchisten und Soziologen mit dem berühmten Zitat „Eigentum ist Diebstahl“ (1809-1865). Und dieser meckerte die beiden Mädchen seien eine „moralische Anklage“ und verbreitete sarkastisch: Die Braunhaarige gehe erotischen Träumereien nach, die Blonde stelle berechnende Überlegungen über Aktien, Rentenpapiere und Geschäfte an.

Den Schock, den das Gemälde damals auslöste, erklärt sich mit dem Kunstbegriff „Realismus“, den Gustave Courbet in die Kunstgeschichte der Malerei einbrachte. Völlig neu waren z.B.: die inhaltlichen Themen und die kräftigen, gegenstandsgebundenen Farben, die nicht durch Tageszeiten und spezielle Tönungen von Licht und Schatten verändert wurden. Gustave Courbet stellte ganz alltägliche Szene dar - keine mythologische Akte, die die Salonmalerei so schätzte oder orientalische Schönheiten wie sie der berühmte Maler Eugene Delacroix malte.

Gustave Courbet gilt als der bedeutende Vertreter des Realismus und Vorkämpfer einer sozial engagierten Malerei. Mit seinen lebensnahen Darstellungen setzte er sich über die Konvention der Idealisierung in der Kunst hinweg. Doch Gustave Courbet geht es nicht nur um die Spiegelung der Realität, sondern auch um die Beobachtung innerer Regungen. Die Personen seiner Motive schlafen, dösen, geben sich Tagträumen hin oder befinden sich im Stadium zwischen Traum und Vernunft, in dem sich viele unbewusste Vorgänge abspielen. Ist der Schlaf beim Traum dann ein Glücksgefühl? - es gibt auch Alpträume!

Ein weiteres typisches Courbet-Motiv

Nun zu einem ganz „liebreizenden“ und typischen Gustave Courbet Gemälde aus dem Jahre 1844, das sich heute in der Sammlung Oskar Reinhart, Winterthur/Schweiz befindet. Das Bild zeigt „Die Hängematte“, gespannt in einem Waldstück, nahe eines Hohlweges mit Blick auf eine Lichtung. Bei leichtem Sonnenschein entspannt sich hier die Gattin des französischen Kunstkritikers und Literaten Francis Wey - schläft sie? Nun, sie macht es sich bequem, legt ihren blau-seidenen Schal zur Seite und öffnet ihr gelbes Mieder, so dass ihr Busen „voll“ zur Geltung kommt. Der Rock ist auch hochgerutscht und die gekreuzten Beine mit gelben Socken haben die Hängematte verlassen. Die junge Frau präsentiert ihr blondes Haar offen mit einem Kräuterkranz. Dazu der pikante Hinweis: Der Kräuterkranz besteht voraussichtlich aus „racine vierge“ (Jungfernwurzel) - eine Pflanze zur Empfängnisverhütung.

Voraussichtlich schaukelt sie leicht und hält sich mit ihrer rechten Hand am Hängemattenrand fest. Ihre linke Hand nimmt eine typische Schlafhaltung über dem Kopf ein. Sie wirkt frei, entspannt, jungfräulich und träumt sicherlich angenehm.

Doch, der „Traum“ kann jäh zu Ende sein, denn durch Schlaf mit leichtem Schaukeln kann die Holde aus der Hängematte fallen - der Maler deutet so etwas durch die „wasserfallähnliche“ Haarpracht an. Zum Weiteren fällt die junge Frau nicht hart auf den steinigen Weg, sondern landet in einer dunklen seichten Wasserlache. - Das wäre die wirkliche Realität!

Zu weiteren Skandalen

Zehn Jahre später, die Kunstkritiken zum Gemälde „Mädchen am Ufer der Seine“ sicherlich noch im Gedächtnis, schuf Gustave Courbet weitere außergewöhnliche, sinnliche und skandalträchtige Gemälde. In den 1860er Jahren hatte er das Glück einen Auftraggeber zu finden. Es war der türkisch-ägyptische Diplomat Khalil Bey, mit richtigem Namen Halil Serif Pascha, der in Paris lebte. Bekannt war er als Frauenheld, Glücksspieler und Sammler erotischer Kunst. Zu seiner Sammlung gehörte Jean-Auguste-Dominique Ingres „Türkisches Bad“ von 1862 und die Kastanienallee von Theodore Rosseau. Dazu wollte Khalil Bey von Gustave Courbet im Jahre 1866 weitere Motive wie z.B. „Venus und Psyche“, aber das Bild war leider schon verkauft und der Künstler tröstete den Sammler mit einer „Fortsetzung“. Das Fortsetzungs-Motiv wurde eine sinnliche Darstellung der lesbischen Liebe mit den Titeln „Der Schlaf“, „Die Schläferinnen (Trägheit und Wollust) und „Die Freundinnen“.

Zwei Frauen in intensiver Umarmung „schlafen“ miteinander und träumen sie auch? Den voyeuristischen Blick des Bildbesitzers hat Gustave Courbet ins Motiv schon mit eingearbeitet. Er muß ja keine Salonjury mehr fürchten und auch nicht die moralisierende Bemerkungen eines Pierre-Joseph Proudhon.

Fasziniert von der „Welt der Weiblichkeit“ malte Gustave Courbet dann auch im Jahre 1866 das Gemälde „Der Ursprung der Welt“. Ob dieser Titel vom Maler stammt, ist nicht zu klären - egal, aber das weibliche Geschlecht ist nun mal der Ort, an dem das Leben entsteht. Erstbesitzer von diesem „Skandalbild der Skandalbilder“ oder aber dem „Akt aller Akte“ war eben auch Khalil Bey, der das Motiv „schamhaft“ hinter einem grünen Vorhang versteckte und nur speziell ausgewählten Gästen zeigte.

Jetzt noch Gustave Courbets Kurzbiografie

(Jean Desire) Gustave Courbet wurde am 10. Juni 1819 in Ornans bei Besançon geboren. Er sollte Jurist werden, bildete sich aber autodidaktisch weiter an Werken von Caravaggio, Frans Hals, Diego Velázquez und Rembrandt - er wurde Maler. Als 21jähriger gings dann nach Paris, hier schuf er Werke wie „Das Begräbnis von Ornans“, „Die Steinklopfer“ (beide 1849) und „Die Kornsieberinnen“ (1854). Der „Salon“ wies Gustave Courbet immer wieder zurück, und als die Weltausstellung 1855 ihn auch noch ablehnte, veranstaltete er trotzig eine Gegenausstellung. Seine demokratisch-revolutionäre Weltanschauung stand im krassem Kontrast zur Napoleons III.-Zeit. Der falsche Vorwurf Courbet sei am Sturz der „Vendôme-Säule“, beteiligt, brachte ihn in Kerkerhaft und sein Besitz wurde enteignet. Schließlich emigrierte Gustave Courbet 1873 in die Schweiz, wo er am 31. Dezember 1877 in La-Tour-de-Peilz/Vevey am Genfer See starb.

Links:

(Gustave Courbet - Biografie)
http://www.musee-orsay.fr/de/kollekt...grafie.html

(Kunststil: Realismus)
https://de.wikipedia.org/wiki/Realismus_(Kunst)

(Aktmalerei)
https://de.wikipedia.org/wiki/Akt_(Kunst)

(Pierre-Joseph Proudhon - Biografie)
https://de.wikipedia.org/wiki/Pierre...ph_Proudhon

(Petit Palais, Paris)
https://de.wikipedia.org/wiki/Petit_Palais_(Paris)

Map-Data:
Petit Palais, Avenue Winston Churchill, 75008 Paris

2 Kommentare

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Gut geschreiben - ein hervorragender Künstler ist immer seiner Zeit voraus.
  • 13.06.2016, 09:08 Uhr
  • 1
Volker Barth
Danke für Dein Looob!
  • 13.06.2016, 09:57 Uhr
  • 0
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