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16 Stufen

16 Stufen

02.07.2016, 16:28 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

16 Stufen

Miezi und Kater verlassen das Haus. Die Maus hat das heut mitbekommen und schnell Eimer und Feudel genommen. 16 Stufen vom Hauseingang bis zu ihrer Wohnungtür. Die sollen schnell gereinigt werden, ehe das Paar wieder zu Hause ist.

Glasbausteine erhellen den Aufgang. 2 Teppiche "für Jedermann" belegen die beiden untersten Stufen. Gummibesen ist hier eine gute Wahl, wenn es nicht der Staubsauger sein kann. Der hält den aufsteigenden Feinstaub in engen Grenzen. Zumal wenn vorher der feuchte Feudel seine Arbeit hier verrichtet hat.

Wasser, Orangenreiniger für guten Duft, ja und 10 Tropfen Teebaumöl hält etwas die kleinen Fliegerchen des Sommers in Schach. 3 Feudel, Wischmopphalter, Kehrwisch mit Schaufel. Alles liegt parat. Es geht los. In meinen 70 Lenzen habe ich das schon so oft gemacht, dass meine Gedanken sehr schnell abtriften. Und so kommen Erinnerungen, die schon lange zurück liegen.

Als ich in Rente kam, durfte ich noch 350 EUR dazu verdienen. Viel Auswahl war da ja nicht. So ließ ich mich als Putzfrau anheuern. Gut bezahlt, aber schwere Arbeit. Die 350 erreichte ich lange nicht.

Ich wechselte zu einer Putzkolonne. Und mußte zur Schule, im wahrsten Sinne des Wortes. Einen Teilbereich der Schule, 8 km vor Ort durfte ich nun täglich sauber halten. 1 Stunde und 45 Minuten waren dafür veranschlagt.
Wofür?
7 Klassenzimmer, 2 Toilettenanlagen mit Waschbeckenräumen, Treppen über das nächste Stockwerk hinaus bis zum Keller.

Die Klassenräume
Tische, Stühle, Fenstersims, Boden - logisch, Pult, Sideboardähnliche Ablage mit vielen Fächern. Alles? Alles! oder doch nicht. Da war noch die Tafel.
Nicht meine Aufgabe. Doch das Geschmiere, das manche Kinder hinterließen, konnte ich einfach nicht lassen. Blumen - nicht meine Aufgabe, doch die armen Gewächse, die so vor sich hindörrten, ...; Garderobe, aha, kommt dazu. Die Haken einzeln, die Oberkanten, die Schuhablagen, und alles was so schnell mal dahinter und davor als Schmutz auffällt. Also lasse ich gleich mal meine Brille im Auto liegen. Die würde sowieso nur behindern. Fenster - nicht meine Aufgabe, Glasbereich im Flur aber schon. Also doch. A ja, da waren noch die Heizkörper. Spätestens zu Beginn einer neuen Heizperiode mußten die in allen Richtungen staubfrei sein. Dazwischen alle Flächen, auf denen sich Staub absetzen kann. Ergo die Rippen von oben bis unten gehören ganzjährig dazu. Wie war das nochmal: eine Stunde und 45 Minuten und raus. Ach so. Ja. logisch. ?

Am nächsten Tag wurde ich angelernt. Ein netter älterer Herr, an den ich mich noch gerne erinnere, war nun mein Vorbild. Ich bekam zunächst mal schnell eine kleine Aufgabe: Fenstersims, Pult, Waschbecken, Spiegel; er übernahm Tische und Stühle und dann sofort den Boden. O je. Wie machte er das blos. Keine 5 Minuten und der Boden war fertig, und wieder schwarz, wie seine Ursprungsfarbe. Ich hole tief Luft und frage mich, ob ich das überhaupt noch schaffe.
Eine Stunde und 45 Minuten, klingelte es in meinem Hinterkopf. Fenster schließen, Türe zu und abschließen., nächste Türe auf. Und so ging es durch. Dann der Flur weiter, denn der Übergang in luftiger Höhe mit Glas rechts und links war in meinem Bereich. Auch die Glastrennwände rund um meinen Bereich oben und unten und hinten und vorne gehörten zu meinen Aufgaben.

Siebenmal 70 Hände
verschmierten Tisch und Wände.
Teils mit Mut, teils nur zur Stütze.

Doch alles hinterließ Spuren die ich sehen und wegwischen mußte, bis davon nichts mehr zu erkennen war. Ohne Chemie - nein. Mit Chemie? Doch wieviel mußte es sein? Fast täglich war diese Frage neu. Denn jedesmal war etwas Anderes wegzuwischen. Manchmal reichte nebelfeucht, dann mußte viel Wasser das Dilema wegspülen. Es gibt praktisch nichts, das nicht vorkommen konnte. Jeder neue Tag, eine neue Plag, neue Heausforderungen; langsam kommen Erinnerungen.

Morgen schon um 13 Uhr antanzen. Die Firmenleitung ruft zur Schulung. Es gab Klagen von Seiten des Lehrkörpers und der Schulleitung. Hm. Na vielleicht lerne ich da noch was Wichtiges dazu, denke ich mir und folge brav der netten Einladung. Heizkörpernischen waren stark vernachlässigt worden. Ich höre kaum zu. In meinem Teilbereich kein Thema. Und die Böden sind grau gestreift statt schwarz und die Ecken überall ...
Doch nun kam der Herr "Lehrer" zum praktischen Teil und hatte wieder meine ungeteilte Aufmerksamkeit. Feudel ins Wasser 1, in die Presse, nur einmal drücken, aufziehen und einen Teilbereich wischen. Der Bereich dürfte kleiner ausfallen konstatiere ich, worauf seine Erklärung, er mache hier nur extra klein, wegen der Zeit .. mich schnell zum Schweigen brachte. Dann Feudel ins Wasser 1 und 2 mal auspressen, in Wasser 2 und 2 mal auspessen, aufziehen und nochmal drüber.
Ich schaue, und na ja, besser als vorher. Doch mein Bereich ist schwärzer. Ein drittesmal drüber unterbleibt. Der Boden muß selber trocknen.

Das reicht, meinte er schließlich und mein Hinterkopf stimmt ihm nur insoweit zu, als es naß schon nicht ganz ohne war. Die Menge meiner Kolleginnen protestiert hier. In der knappen Zeit ist es nicht möglich, zweimal drüber zuwischen. Das geht schlicht und einfach nicht. Ich denke an meine Zeiten und stimme zu. Aber nur heimlich und innerlich. Denn ich komme nie in der vorgeschrieben Zeit zurecht.

Inzwischen ist das Werk des Lehrers getrocknet und weist Spuren auf. Spuren? Ja, ein paar Spuren schwarz sind zu erkennen. Das wird im Laufe der Zeit besser, wenn ihr kontinuierlich so arbeitet, klärt er uns auf und ich verlasse den Schulungsraum. Mußte natürlich damit rechnen. dass er meinen Bereich unter die Lupe nahm. Doch da hatte ich gute Ruh. Mein einziges Dilemma war die Zeit. Ich ging nicht nach der Uhr, sondern nach der notwendigen Sauberkeit. Und die wurde vom Lehrkörper schnell anerkannt mit vielem Lob und Geschenken. (Bild)
Ich werde mich wohl noch oft daran erinnern; an die Schule.

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9 Kommentare

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Hallo Edith,
Deine Geschichte hat mich erst mal umgehauen: Was Du da in einer so kurzen Zeit leisten musst, ist die reinste Ausbeuterei. So ist das heutzutage: Dem Personal wird schier unmögliches abverlangt, damit ihre Chefs noch mehr absahnen können. Ein Skandal! Wehren hilft nichts... Gut beschrieben, sehr anschaulich und spannend. Weiter schreiben!!! LG Inga
  • 06.07.2016, 22:59 Uhr
  • 1
Danke Inga, ich versuche es
  • 17.07.2016, 06:41 Uhr
  • 0
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Hallo Edith, das hast du aber genau beschrieben. In Gedanken habe ich direkt mit geputzt. Und jeden Tag wieder dasselbe.
  • 05.07.2016, 17:45 Uhr
  • 1
Danke Marga. Eigentlich hätte die Geschichte mit "Es war einmal" beginnen können. Aber diese Arbeit wurde für mich das Sprungbrett zur Haushälterin. Da habe ich es leichter und fast keinen Zeitdruck mehr.
Ein Lob z.B. viel so aus: 'Keine putzt so gründlich wie sie!' Na da freu ich mich doch dann auch.
  • 17.07.2016, 06:48 Uhr
  • 1
Danke Dir, Karl-Heinz,
grüße Dich herzlich
  • 17.07.2016, 23:48 Uhr
  • 1
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Sehr realistisch und nachvollziehbar aufgeschrieben. Eine Reportage aus dem Leben.
  • 03.07.2016, 11:37 Uhr
  • 1
Hallo Ursula. Ja, Du hast recht. Es ist tatsächlich so.
Danke, daß Du es gelesen hast und mir kommentierst.
  • 04.07.2016, 23:17 Uhr
  • 0
Hahahahahaha
  • 05.07.2016, 11:36 Uhr
  • 0
Chef kommt und staunt: "Was ich jetzt gerade beobachtet habe ... Bei Ihnen wundert mich gar nichts mehr"
  • 05.07.2016, 11:38 Uhr
  • 1
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