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Der Führerschein

Der Führerschein

05.07.2016, 14:42 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

Maria liebt die Dienstage, weil sie so friedlich sind. Die 56 jährige steht am Bügelbrett. Neben ihr warten noch 4 Oberhemden und einige Blusen auf ihre fleißigen Hände. Schon früh ergraut umrahmen die Haare ein gleichmäßig geschnittenes Gesicht voller Falten. Sie ist ca. 1,8o Meter groß und stabil gebaut. Man sieht, dass das Leben es nicht gut mit ihr gemeint hat.
Vor einem Jahr wurde ihr Mann Hermann von seinem langen Leiden erlöst. Plötzlich hatte sie viel zu viel Zeit. Nun ist sie froh über diese Arbeitsstelle. Das Lehrerehepaar Brigitte und Rolf Bender wohnt nur einige Straße von ihrem kleinen Häuschen entfernt. Als Brigitte sie im Lebensmittelgeschäft ansprach und fragte, ob sie sich vorstellen könnte, vormittags ihren Haushalt zu führen, nahm sie die Stelle gerne an. Jeden Morgen verlassen die Benders alle vier schon um 7.30 das Haus. Brigitte nimmt den 10jährigen Jens und die kleine Emmi mit in die Grundschule. Ihr Mann ist Direktor am Gymnasium in der Nachbarstadt. Er fährt bei jedem Wetter mit dem Fahrrad.
Das Leben dieser Familie ist vollkommen anders, als Marias Leben je war.

Aus dem Kofferradio ertönt die Stimme des Ansagers: „Hier ist der Kinderfunk, ihr hört jetzt das Märchen von Dornröschen.“ Sie schaltet es aus und ihre Gedanken wandern in die Vergangenheit.
Wie oft hat sie ihren zwei kranken Söhnen die alten Märchen erzählt. Um das zu können, hatte sie sogar besser lesen gelernt. Ja dachte sie, Dornröschen hatte 12 gute Feeen und die 13. Fee war böse. Sie kam als letzte, vorher war sie wahrscheinlich an meiner Wiege. Ab meiner Geburt war das Unglück an meiner Seite. Der gute alte Klapperstorch hat mich im falschen Haus abgeliefert. Einen Vater gab es nie. Die lebenslustige verantwortungslose Mutter ließ das Kleinkind zurück bei der Oma. Die versorgte sie mit Essen und Kleidung. Liebe hatte sie nicht für das Balg. Als Maria eingeschult wurde, bekam sie nur den Ratschlag von der alten verbitterten Frau: „Komm mir nicht mit Klagen. Dir hilft hier nur Zähne zusammenbeißen und Kopf hoch.“ Die gesamte Schulzeit war schrecklich. Ihre altmodische Kleidung, aber noch mehr ihr Geruch ließ sie keine Freundinnen finden. Die Oma würzte alles was auf dem Tisch kam mit viel Knoblauch. Es dauerte drei Jahre, bis Maria bewusst wurde, warum kein Mädchen neben ihr sitzen wollte. Ohne Hilfe bei den Hausaufgaben, ohne jemals ein Lob zu hören, wurden ihre Leistungen immer schlechter. Darum schwänzte sie oft den Unterricht. Als eine Lehrerin aufmerksam wurde, war ihre Versetzung schon gefährdet. Sie musste das 6. Schuljahr wiederholen. Viel besser erging es ihr in den nächsten drei Jahren auch nicht. Alle Lehrer waren froh, als Maria nach acht Jahren mit einem miserablen Zeugnis die Schule verließ.

Wieder war das Pech an ihrer Seite. Das stille mürrische Mädchen fand keine Lehrstelle. Sie musste froh sein, als das Stadthotel sie als Hilfskraft anstellte. Dort lernte sie erst mal putzen und nochmal putzen. Aber sie war froh über die Kammer im Obergeschoss, weil sie dort nicht mehr die Nörgelei ihrer Oma ertragen musste. Nach und nach wurde sie auch zu anderen Arbeiten angelernt und in der Küche mit eingesetzt. Da sie nur als Hilfkraft angestellt war, blieb ihr die Berufsschule erspart.

Wie nicht anders zu erwarten war, verliebte sie sich in den ersten jungen Mann, der ihr schöne Augen machte. Hermann Bröker war schon 30 Jahre alt und auf der Suche nach einer jungen Frau. Jung sollte sie sein, damit er sie noch nach seinen Wünschen formen konnte und besonders wichtig war, dass sie kochen konnte. Er brachte ihr Blumen und ging mit ihr ins Kino. Manchmal sagte er sogar „Mariechen“ zu ihr. Das Mädchen hörte nicht auf die vorsichtigen Mahnungen der Köchin. Die lebenserfahrene Frau erzählte von einer Krankheit in der Familie Bröker und scherzte: „Wenn der Hermann weiter so viel isst und trinkt, wird er noch rund wie eine Kugel.“
Zuerst sah es so aus, als wenn Frau Ober nicht recht behalten sollte. Drei glückliche Jahre erlebte Maria in der Ehe mit ihrem Hermann. Im Abstand von einem Jahr wurden zwei Söhne geboren. Sie nannten sie Kurt und Michael. Dann schlug das Schicksal wieder zu. Bei beiden Jungen wurde nach vielen Untersuchungen eine unheilbare Erbkrankheit festgestellt. Lange traurige Jahre folgten. Wieder galt es: „Zähne zusammenbeißen und Kopf hoch.“ Maria pflegte beide bis zur Erschöpfung und musste doch einsehen, dass der Tod als Erlöser erschien. Kurt und Michael starben viel zu früh, im Alter von 16 Jahren.
Das Leid hatte das Ehepaar nicht zusammen geführt, sondern getrennt. Hermann suchte Trost im Alkohol und ruinierte seine Gesundheit. Pflichtbewusst pflegte Maria ihn, wenn auch ungern. Gut, dass es Petra Ober gab. Die Tochter ihrer ehemaligen Vorgesetzten wurde Marias Freundin. Sie tröstete die gebrochene Frau und besuchte sie fast täglich.
Während eine Chorprobe des Gesangvereins wurde Petra von Brigitte Bender angesprochen: „Hallo Petra, du kennst doch die Maria Bröker. Wir suchen eine Haushaltshilfe, kannst du sie uns empfehlen? Ich habe gehört, ihr Mann ist jetzt auch gestorben.“ „Oh ja, Brigitte, das würde ihr sicher sehr helfen. Sie muss unbedingt wieder eine Aufgabe bekommen,“ antwortete Petra. „Sie wäre stundenlang allein in unserem Haus, kann man ihr vertrauen?“ „Unbedingt, die Maria verwechselt zwar manchmal – mir und mich, aber nie – mein und dein.“ Brigitte lachte: „Ich bin Deutsch-Lehrerin, den Grammatik Fehler kann ich ihr gut erklären.“
Maria zog den Stecker der Bügeleisen aus der Steckdose. Sie lächelte, Petra hatte ihr von diesem Gespräch erzählt. Aber erst, als sie schon einige Monate bei Benders arbeitete. Sie fühlte sich wohl in diesem Haus. Es lag an der Art ihrer neuen Arbeitgeberin. Stets wurde sie mit Respekt behandelt und für ihre Arbeit gelobt. In der entspannten Atmosphäre gab es ein fröhliches, liebevolles Zusammenleben. Die Kinder hüpften jeden Morgen gerne ins Auto, um mit der Mutter in die Schule zu fahren. Maria schiebt gerade die Schale Kartoffelgratin in den Backofen, da hört sie den Wagen auf den Hof fahren. Oh, heute sind sie aber früh, denkt sie. Brigitte kommt lachend mit Emmi ins Haus. „Hallo Maria“, die Frauen duzen sich schon einige Zeit, „schön, dass du noch da bist. In der zweiten Klasse ist Läuse-Alarm, kümmerst du dich um die Kleine? Ich muss noch mal zurück und komme erst um 14 Uhr. Ihr könnt ja schon die Hausaufgaben machen.“ Sie ist schon fast aus der Tür, da kommt sie zurück und fragt: „Hast du eigentlich noch euer Auto?“ Maria stutzt: „Ja“, dann versteht sie und sagt sofort: „ich habe keinen Führerschein.“ Sie ahnt schon, was jetzt passieren wird. Wenn Brigitte sich etwas ausdenkt, dann wird das auch gemacht.
Zuerst hat sie ihr interessante Zeitungsartikel gezeigt und sie damit neugierig gemacht. Dann bot sie ihr an: „Du kannst gerne die Zeitung vom Vortag mit nach Hause nehmen.“ Die ausgebildete Pädagogin glaubte zwar, dass Maria es nicht merkte, wenn sie später nebenbei ausgefragt wurde, ob und welche Artikel sie gelesen hatte. In diesem Punkt irrte sie sich gewaltig. Zum Geburtstag bekam Maria ein schön bebildertes Buch mit Kurzgeschichten geschenkt. So viel Aufmerksamkeit war ihr im Leben noch nicht begegnet. Es gefiel ihr, es gefiel ihr sogar sehr; Selbstvertrauen, bisher ein Fremdwort, stellte sich ein.
Zwei Tage später sprach Brigitte sie erneut an: „Maria, willst du nicht den Führerschein machen? Ein Auto hast du doch . Wir wohnen hier ziemlich abgelegen und der Bus fährt nur 2 mal am Tag. Überlege mal, du könntest jederzeit zum Friedhof und zum Einkaufen fahren. Das würde dir doch gefallen.“
'“Nein, nein, das kann ich nicht“ Maria schrie es fast heraus. „Nie wieder gehe ich in eine Schule.“
„Aber Maria, eine Fahrschule ist doch keine richtige Schule.“ „Es ist auch viel zu teuer, das kann ich nicht bezahlen.“ Diese Antwort verriet der Lehrerin, dass ihr Gegenüber schon auf ihren Vorschlag gewartet hatte. Den Einwand entkräftete sie, als sie antwortete: „Maria ich habe schon mit meinem Mann darüber gesprochen, wir sind bereit die Hälfte der Kosten zu übernehmen. Später könntest du auch für uns einige Fahrten erledigen, den Kraftstoff würden wir natürlich bezahlen. Die Kinder müssen in Zukunft oft hier und dorthin gefahren werden. Ab Ostern besucht Jens doch das Gymnasium in der Stadt. Einkäufe erledige ich jetzt immer erst Abends. Also dein Führerschein ist nicht nur für dich, sondern auch für uns sehr wichtig.
Drei Tage später sitzt Maria in der Fahrschule Meyer mit zehn anderen, viel jüngeren Teilnehmern. Wieder ist sie eine Außenseiterin. Aber diesmal hat sie professionelle Unterstützung.

Am nächsten Freitag ist die monatliche Zusammenkunft der Rotarier im Stadthotel. Es wird wie immer ein fröhlicher Abend. Zu später Stunde spricht Armin Bender seinen Clubkollegen Klaus Meyer an: „Klaus ich hätte da noch ein privates Anliegen.“ „Ja, um was geht es?“ „Also“ - - es kann doch nicht sein, dass ein Schuldirektor nicht die richtigen Worte findet. Er räuspert sich: „Letzten Dienstag hat sich bei dir in der Fahrschule Frau Maria Bröker angemeldet. Sie ist über 50 Jahre alt und will jetzt noch den Führerschein machen. Ich möchte dich bitten, sie freundlich zu behandeln und darauf zu achten, dass sie nicht von den jungen Leuten gemobbt wird.“ „Ja ich weiß wen du meinst, was hast du denn mit der Frau zu tun?“ „Sie ist seit einem Jahr unsere Haushälterin und sie ist wirklich eine Perle. Auch meiner Frau liegt viel daran, dass sie den Führerschein erwirbt.“ Versteh mich bitte nicht falsch. Ich will nichts ungesetzliches von dir. Hab nur ein wenig Geduld, wenn sie nicht so schnell ist wie die Zwanzigjährigen.“ „Gerne Armin, das schaffen wir schon. Ich werde mir große Mühe geben“ sagt Klaus lachend. „Auch wenn sie nicht jung und schön ist. Ich weiß schon, was über mich geredet wird,“ fügt er noch mit einem Augenzwinkern hinzu.

Einfach ist es nicht, aber was war in Marias Leben schon einfach. Sogar der 10jährige Jens übt mit ihr die Verkehrsregeln. Im Traum sieht sie Schilder; Hauptstraße, Vorfahrt achten, Einbahnstraße, Halteverbot und und. Brigitte druckt am Computer Fragebögen für die Prüfung aus und berichtigt nachher die Fehler. Der praktische Teil des Fahrens ist kein Problem. Vor Aufregung macht sie Fehler bei dem langen Fragebogen und schafft die theoretische Prüfung nicht. Zum ersten Mal nach langer Zeit denkt Maria wieder an den den Rat ihrer Oma: „Zähne zusammenbeißen und Kopf hoch.“ Sie gibt nicht auf und versucht es erneut. Nach langen, vier Monaten ist es geschafft. Sie ist selbständig und mobil geworden. Stolz auf ihre Leistung feiert sie mit der Familie Bender und ihrer Freundin Petra dieses Ereignis.
Petra nimmt sie in die Arme und sagt: „Ich gratuliere dir, siehst du man lernt nie aus.

Alle Peronen und Handlungen sind frei erfunden.
Jede Ähnlichkeit mit lebenden Personen ist rein zufällig.

copyreight: Marga Koch

17 Kommentare

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Wie aus dem Leben gegriffen und sehr gut beschriebenes Familien- bzw. Singelleben und ein gut geschriebenes Werk liebe Marga.
  • 04.08.2016, 07:51 Uhr
  • 0
Danke Fritz, ein Lob erhellt den Tag.
  • 04.08.2016, 07:56 Uhr
  • 0
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Wußte ichs doch, aus Mimöschen können Röschen werden.
Marga, das ist Spitze.
Gefällt mir sehr gut.
  • 20.07.2016, 21:54 Uhr
  • 0
Danke Edith, ich freue mich über dein Lob.
  • 21.07.2016, 10:52 Uhr
  • 1
Das hast Du Dir auch verdient
  • 21.07.2016, 10:57 Uhr
  • 0
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Auch wenn diese Schilderung jetzt nur eine Geschichte war, kommt sie doch mancher Realität sehr nahe. Es gibt viele Menschen, die sich so fühlen wie Maria zu Beginn der Geschichte.
Ich wünsche mir, dass diese Menschen (vielleicht auch durch diese Geschichte) neuen Lebensmut finden und vor allem Leute, die sie auf diesem Weg begleiten. Oft ist es entscheidend, jemand zu haben, der zu einem hält...
  • 09.07.2016, 00:17 Uhr
  • 1
Hallo Friedhelm, so sehe ich das auch. Wie soll ein Kind Selbstbewusstsein entwickeln, wenn es nicht geliebt und gelobt wird. Danke für deinen Kommentar.
  • 09.07.2016, 10:22 Uhr
  • 1
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Eine schöne Geschichte, sie geht ans Herz.
  • 08.07.2016, 23:49 Uhr
  • 1
Danke Sarah, ich wünsche dir einen schönen Sonntag
  • 09.07.2016, 10:23 Uhr
  • 0
Gern geschehen, ebenfalls einen schönen Sonntag.
  • 10.07.2016, 13:12 Uhr
  • 0
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Liebe Marga,
ich habe Deine Geschichte "gefressen", nicht gelesen!
Wow, woher nimmst Du nur die lebensnahen Geschichten?
Super, ich bin begeistert und kann es kaum erwarten, Deine nächste Geschichte zu lesen!
  • 06.07.2016, 23:17 Uhr
  • 1
Danke Inga, du machst mir wieder Mut. Im entfernteren Bekanntenkreis ist ähnliches geschehen. Aber das meißte habe ich dazu erdacht. Liebe Grüße
  • 07.07.2016, 10:39 Uhr
  • 1
Das hast Du sehr gut erdacht!
  • 07.07.2016, 22:33 Uhr
  • 1
  • 08.07.2016, 14:15 Uhr
  • 1
  • 21.07.2016, 21:00 Uhr
  • 0
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Marga danke Dir,solebensnah geschrieben.Mach weiter so!!
  • 05.07.2016, 22:20 Uhr
  • 1
Hallo Karin, dein Kommentar freut mich sehr. Liebe Grüße
  • 06.07.2016, 09:02 Uhr
  • 0
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