wize.life
Neu hier? Jetzt kostenlos registrieren und mitmachen! Warum eigentlich?
Schule

Schule

11.07.2016, 21:17 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

S C H U L E

Vor gefühlten 100 Jahren, um genau zu sein 1959, wurde ich eingeschult.
Schon lange hatte ich dem großen Ereignis entgegengefiebert, denn ich brannte darauf, endlich Lesen und Schreiben zu lernen.
Die Bücherwände meiner Eltern waren in doppelten Reihen bestückt, weil bei uns zu hause sehr viel gelesen wurde. Fernsehen war damals noch eine Sensation und nur sehr wenige Leute hatten ein Fernsehgerät. Wir gehörten nicht dazu.
So verbrachten meine Eltern ihre Abende in der Regel je mit einem Buch und guter Musik, wenn nicht gerade Besuch da war. Wir hatten oft und viel Besuch und es wurden alle möglichen Sprachen gesprochen. Was mich als Kind schon faszinierte und in mir den Wunsch weckte, möglichst viele Sprachen zu lernen.
Auch mein Bruder, acht Jahre älter als ich, las jede freie Sekunde. Nur ich konnte zu meinem großen Bedauern noch keine Bücher lesen. Dabei war ich wahnsinnig neugierig auf die Geschichten, die sich zwischen den Buchdeckeln auf den Buchseiten verborgen hielten.

Endlich war mein lang ersehnter, erster Schultag da. Die Schultüte war zu einem guten Stück mit Zeitungspapier ausgestopft. „Damit sie nicht kaputt geht“, erklärte mir meine Mutter. Ein paar Naschereien und neue Buntstifte, die ich darin fand, ließen mich meine anfängliche Enttäuschung sofort vergessen.
Meine Mutter stellte mich vor die Haustüre in die Sonne und machte ein Erinnerungsfoto.
Ein kleines, quadratisches Schwarz-Weiß-Foto mit gezahntem, weißen Rand, das ein kleines Mädchen mit Zahnlücke, Haartolle und zusammengekniffenen Augen zeigt. Ich musste ja gegen die Sonne blinzeln.
Die anderen Kinder in der Klasse durften zum Fotografen und hatten entsprechend schöne Fotos als Andenken an diesen denkwürdigen Tag.

Von nun an musste ich morgens um 6:00 aufstehen und mich auf den vier Kilometer langen Fußweg zur Schule machen. Bei Wind und Wetter, Regen und Sturm. Es gab damals noch keine Funktionskleidung und erst Recht keinen Schulbus. So kam ich bei schlechtem Wetter immer tropfnass in der Schule an. Bis zum Schulschluß waren die Sachen trocken, doch dann ging es wieder hinaus und ich wurde erneut nass. Die selbst gestrickten Fäustlinge konnten kalte Temperaturen kaum von meinen Händen fern halten und meine Füße waren oft nass und kalt.
Zum Glück gab es damals noch die gute Sitte der Schulmilch. Für ein paar Pfennige in der Woche konnte man täglich vom Schulhausmeister seine Milch oder Kakaoflasche bekommen. Im Winter warm - eine Wohltat, wenn ich durchnässt und durchgefroren war.

Ich liebte meinen Schulweg, obwohl oder vielleicht gerade weil er so weit war. Was es da alles zu entdecken gab! Einmal sah ich eine Schlange am Wegesrand, die sich gerade häutete. Ein anderes Mal fand ich kleine, türkisfarbene Eierschalen unter einem Baum und nahm sie mit nach hause. Mein Vater erklärte mir, dass sie von einer Amsel stammen. Fast an jedem Tag begegneten mir neue Wunder. Die ersten Schneeglöckchen im Jahr erfüllten mein Herz mit der gleichen Freude wie das herbstgoldene Laub, das sich kontrastreich vom blauen Himmel abzeichnete.

Die Schule mochte ich gerne. Ich lernte mit Begeisterung und Freude. Später, in den „höheren Klassen“, mochte ich am liebsten Aufsätze schreiben und turnen. Auch Zeichnen, Geografie und Naturlehre liebte ich.
Mathe dagegen war gar nicht mein Ding. Was haben sich meine Eltern abgemüht, mir die wichtigsten Regeln einzubläuen!
In der schulischen Gemeinschaft hatte ich es nicht immer leicht, weil ich als Einzige der ganzen Schule nicht am Religionsunterricht teilnahm. Damals wurde man als evangelisch getaufte Schülerin teilweise noch als Heidin betitelt. Manch katholischer Pfarrer schickten mich aus der Klasse, wenn Religionsunterricht war. Dann saß ich einsam und traurig auf der Bank im Flur und diese eine Stunde schien nicht zu vergehen. Es gab aber auch andere Pfarrer. Die ließen mich im Klassenzimmer und ermunterten mich sogar, am Unterricht teil zu nehmen. Das tat ich dann auch und fühlte mich nicht mehr als Aussenseiterin.

Wir Mädchen mussten in den ersten drei Schuljahren Schürzen über unseren Kleidern tragen. Das war Pflicht. „Eure Mütter haben genug Arbeit und eine Schürze ist leichter gewaschen und gebügelt als ein Rock und eine Bluse“, sagte unsere Lehrerin. Verständlich, damals gab es noch in den wenigsten Haushalten eine Waschmaschine. Die meisten Mütter mussten die Wäsche am Waschbrett in einem Bottich mit Lauge per Hand säubern. Am Waschtag gab es mittags Eintopf zu essen, das hasste ich.
Unsere Lehrer achteten in der Pausenaufsicht penibel darauf, dass wir Kinder nicht in Pfützen sprangen oder über glatte Stellen schlitterten.
Wir wurden darauf hin gewiesen, wie schwer unsere Väter zu arbeiten hatten, um ein neues Paar Schuhe anzuschaffen. Schade, dass das heutzutage niemanden mehr zu interessieren scheint.
Regelmäßig kontrollierte unsere Lehrerin unsere Fingernägel. Das war normal.
Wenn die großen Ferien vor der Türe standen, freuten sich alle in der Schule. Alle, nur ich nicht.
Ich wurde traurig, weil ich meinen wunderbaren Schulweg für ein paar Wochen nicht gehen würde und weil ich die Schule einfach liebte und gerne lernte.

Schulfreundinnen im eigentlichen Sinn hatte ich nicht. Wir wohnten zu weit von der Stadt weg, als dass ich mich mit Mitschülerinnen hätte treffen können. Das war der Wermutstropfen, der mir manchmal zu schaffen machte. Die Anderen trafen sich, machten gelegentlich zusammen Hausaufgaben und konnten gemeinsam spielen. Dagegen war ich eine Einsiedlerin. In unserem Dorf gab es nur ein Mädchen, das ein Jahr älter war als ich.
Wir spielten oft zusammen, aber ich war auch oft allein. Dann marschierte ich auf Entdeckungstour stundenlang durch die unser Dorf umgebenden Wälder und kam erst zum Abendbrot heim. Niemand musste sich zur damaligen Zeit darüber Sorgen machen. Kein Handy, kein Computer, kein Nintendo. Dafür einen großen Drang, alles zu erkunden was kreucht und fleucht und eine „eingebaute, innere Uhr“, die mahnte, wann es Zeit war, nach hause zurück zu kehren. Vielleicht war es auch einfach nur der Hunger, der sich nach einem Tag an der frischen Luft bemerkbar machte und mich heim trieb?

Auch als ich längst im Beruf stand, war ich immer auf der Suche nach Weiterbildungsmöglichkeiten.
Ich besuchte Schulungen und Kurse und qualifizierte mich, wo es nur ging. Manche betitelten mich deshalb als „Streberin“, was aber so nicht stimmt. Ich lerne einfach gerne, immer noch. Jetzt sind es Fotografie, Malerei und Sprachen, die ich versuche zu lernen. Vielleicht nicht mehr mit ganz so viel Enthusiasmus wie ich ihn als Kind aufgebracht habe, aber immer noch mit einer großen Portion Leidenschaft fürs Lernen.
Ja, ich bin immer noch gerne Schülerin: Volkshochschul-Schülerin...

© Inga Scheer-Ruhland

Kritik, Lob und Kommentare herzlich erwünscht!

4 Kommentare

Melden Sie sich jetzt mit Ihrem Nutzerkonto an, um Kommentare zu hinterlassen.
Hallo Inga, deine Geschichte habe ich mit viel Aufmerksamkeit und Kurzweil gelesen....Sie ist sehr interessant....Wie sehr erinnert sie mich mit kleinen Ausnahmen an meine Kindheit und Schulzeit...Es war eine schöne Zeit, die aber auch manchmal Schattenseiten hatte...Eben wie alles im Leben. Jedoch denke ich immer noch mal gerne an die lang zurück liegende Zeit...Manchmal mit Wehmut....
  • 12.07.2016, 12:29 Uhr
  • 1
Ach Karin, das kenne ich! Mir geht's genau so.
Es war nicht alles schön und gut, aber die Erinnerung verklärt viel... Auf alle Fälle haben wir als Kinder noch GELEBT und waren keine Sklaven von elektronischem Schnickschnack, nicht fremdbestimmt!
  • 21.07.2016, 21:31 Uhr
  • 1
Melden Sie sich jetzt mit Ihrem Nutzerkonto an, um Kommentare zu hinterlassen.
Liebe Marga,
ich liebte meinen Schulweg! Außer natürlich bei Regen und Schneefall. Heutzutage ist so etwas gar nicht mehr vorstellbar. Die Kinder werden von Mama mit dem Auto abgeholt, egal wie kurz der Weg ist. Das finde ich schade (außer in der Stadt), weil sie die vielen kleinen und großen Wunder am Wegesrand nie sehen und erleben.
Allerdings bin ich nicht sicher, ob sie sie sehen würden...
  • 12.07.2016, 12:03 Uhr
  • 1
Melden Sie sich jetzt mit Ihrem Nutzerkonto an, um Kommentare zu hinterlassen.
Guten Morgen Inga, Vier Kilometer - ich bedaure dich heute noch. Wir wohnten hundert Meter von der Schule entfernt. Ich kam dann fast immer als eine der letzten. Die Lehrer standen dann auf dem Flur und schauten durch ein großes Fenster, wenn die Langschläfer den Weg hochrannten. Deine Geschichte hat alte Erinnerungen wieder geweckt.
  • 12.07.2016, 10:28 Uhr
  • 1
Melden Sie sich jetzt mit Ihrem Nutzerkonto an, um Kommentare zu hinterlassen.