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Kunst verstehen: J. W. v. Goethe made in Italy by J. H. W. Tischbein

Kunst verstehen: J. W. v. Goethe made in Italy by J. H. W. Tischbein

Volker Barth
23.07.2016, 21:32 Uhr
Beitrag von Volker Barth

Es ist Sommer, die Urlaubszeit beginnt, viele träumen vom Süden und denken an die Lockerheit des italienischen Lebens und an viel, viel Sonne. So wurde von Literatur- und Kunstfreunden der Begriff „Italiensehnsucht“ geprägt. Dieser erstreckt sich vom Mittelalter, dem Heiligen Römischen Reich deutscher Nation bis hin zu der diesjährigen Kunstaktionen von Christo und der 15. Architektur-Biennale 2016 in Venedig.

Spätestens seit der Italienreise eines Johann Wolfgang von Goethe, 1786, ist die Sehnsucht nach Italien zu einem Bildungsbegriff geworden. Zu diesemThemenkreis entstand wohl das berühmteste Gemälde des deutschen Malers Johann Wilhelm Tischbein, den man aber auch „Tischbein-Goethe“ nennt.

Im Jahre 1786 schrieb Johann Wolfgang von Goethe in sein Tagebuch: „Den 3. September früh drei Uhr stahl ich mich aus dem Karlsbad weg, man hätte mich sonst nicht fortgelassen. Man merkte wohl, daß ich fort wollte". Er ließ seine Gesellschaft zurück und reiste nach Italien. „Die Begierde dieses Land zu sehen, war überreif!“ so schrieb er in einem Brief. Johann Wolfgang von Goethe reiste inkognito als 27jähriger (er war aber zehn Jahre älter) „Filippo Miller, pittore“ und erreichte am 29. Oktober 1786 Rom. Hier fand er Aufnahme in einer munteren Künstlergemeinschaft mit den Malern Johann Heinrich Wilhelm Tischbein, Johann Georg Schütz und Johann Friedrich Bury.

Zwischen Tischbein und Goethe entstand zunächst eine enge Freundschaft, sie sind etwa gleichaltrig und am 9. Dezember 1786 schrieb Tischbein an Johann Caspar Lavater: „Sie haben in allem Recht, was Sie von Goethe sagten. ... Ich habe sein Porträt angefangen und werde es in Lebensgröße machen, wie er auf den Ruinen sitzet und über das Schicksal der menschlichen Werke nachdenket.“

Was zeigt das Tischbein-Gemälde?

Die lebensgroße Person eines bedeutenden deutschen Klassikers im Viertelprofil: Johann Wolfgang von Goethe, der schon 1782 adelt wurde. Er „ruht“ auf Gesteinsquadern, die die Trümmer eines umgestürzten ägyptischen Obelisken sind. Goethes Blick geht ernst und sinnend in die Ferne. Er trägt einen hellen mantelartigen Umhang, unter dem eine rote Jacke sichtbar wird, eine ockerfarbene Bundhose, hellblaue seidene Strümpfe und einen blaugrauen Schlapphut.

Hinter Goethes Sitzplatz ist das efeuumrankte Fragment eines griechischen Marmor-Reliefs sichtbar, auf dem die Begegnung zwischen Iphigenie und ihrem Bruder Orest sowie Pylades auf Tauris dargestellt ist; rechts daneben befindet sich ein römisches Kompositkapitell. Links sieht man eine kleine Eiche, auf dem Boden, vorn einige wenige Pflanzen.

Der „merkwürdig entleerte Bildhintergrund“ stellt keine reale Landschaft dar. Der Maler komponierte vielmehr „seine römische Campagna“ aus unterschiedlichen Elementen, so den Ruinen eines römischen Aquädukts und dem Grabmal der Caecilia Metella, das in Wirklichkeit an der Via Appia vor den Toren Roms gelegen war. Am rechten Bildrand befindet sich ein kleines ländliches Haus mit zwei Fenstern. In der Ferne erscheint der Höhenzug der Sabiner Berge. Der Himmel ist – außer in der Umgebung von Goethes Kopf – recht dunkel bewölkt.

Ein schlecht gemaltes Bild?

Viele Kunsthistoriker sehen in Tischbeins Goethe-Gemälde ein schlecht gemaltes, nicht vollendetes Bild. Andere dagegen sehen aber in dem Bild die „ideale Verkörperung“ eines Dichter-Genies. In letzter Zeit rücken die anatomischen Merkwürdigkeiten der Person “Goethe“ immer mehr in den Focus. So der rechte Arm, auf den Goethe sich stützt, trägt nicht überzeugend das Gewicht des Oberkörpers, die rechte Schulter müsste also höher sitzen. Weiter wird behauptet, dass Goethes linke Bein unnatürlich lang sei und dass nicht nachvollziehbar ist wie sich beide Beine unter dem Tuch mit dem Körper verbinden. Rätsel geben auch die zwei „linken“ Füsse Goethes auf - es ist nicht allein das Schuhwerk, sondern auch die Haltung. J.H.W. Tischbein war kein schlechter Maler, denn in seinen anderen Arbeiten treten solche Fehler nirgends auf - und so etwas soll dann in einem solch bedeutenden Werk passieren?

Bei näherer Betrachtung des Gemäldes wird deutlich, das der Farbauftrag sich unterscheidet, während Goethes Kopf, Hut, Mantel und linkes Bein mit großer Sorgfalt gemalt ist, haben Boden, Landschaft und Himmel einen dünnen Farbauftrag, es schimmert sogar die Grundierung durch.br

Nach drei Monaten Rom-Aufenthalt reisten Tischbein und Goethe gemeinsam nach Neapel, ihre Harmonie ließ nach und Goethe reiste nach Sizilien, während Tischbein blieb. Weil J.H.W. Tischbein nur wenige Werke von Neapel nach Deutschland mitnahm, wurden ihm bis im Jahre 1810 Arbeiten nachgeschickt - nicht das Goethe-Gemälde! Erst im Jahre 1822 (nach mehr als 30 Jahren) erkundigte sich Goethe bei Tischbein „Wo ist denn das Original-Bild des Wanderers auf‘m Obelisken?“ Auch Tischbein wusste es nicht!

Nach Tischbeins Abreise von Neapel wurde das Goethe-Gemälde verkauft. Aber ein unfertiges (ein einfüßiger Dichter) und unsigniertes Bild eines berühmten Goethes läßt sich ganz schlecht verkaufen - und so musste ein „Laienmaler“ ran.

Das Bild gelangte dann an den in Neapel ansässigen Bankier und dänischen Konsul Christian Hermann Heigelin. Es erfolgte 1846 der Bilderwerb von Carl Mayer von Rothschild und durch Vererbung schenkte dann 1887 Adele Hannah Charlotte von Rothschild das Tischbein-Goethe-Gemälde dem Frankfurter Städel Museum.

Exklusiv! J.H.W. Tischbein malte Goethe in Italien

Johann Heinrich Wilhelm Tischbein aus einer bekannten hessischen Künstlerfamilie stammend, wurde am 15. Februar 1751 in Haina geboren. Seine künstlerische Ausbildung erhielt er bei seinem Onkel Johann Jacob Tischbein und wegen seines wohl bekannteste Werkes „Goethe in der römischen Campagna“ wurde er auch „Goethe-Tischbein“ genannt. Mit einem Stipendium der Kasseler Akademie konnte er 1779 seinen ersten Rom-Aufenthalt finanzieren, dieses praktizierten auch viele seiner Malerkollegen (so: Angelika Kauffmann). Nach dem intensiven Studium antiker Kunstwerke wechselte J.H.W. Tischbein vom Stil des Rokoko zum Klassizismus und malte Landschaftsbilder, Historiengemälde und Stillleben. Aber 1781 musste er aus Geldnot seinen Rom-Aufenthalt abbrechen und ging nach Zürich, wo er im Kreise von Physiognom Johann Caspar Lavater und dem Philologen Johann Jakob Bodmer wirkte. Nach Rom kehrte Tischbein 1783 wieder zurück, denn durch Goethes Vermittlung bekam er ein Stipendium von 100 Dukaten jährlich. So entwickelte sich eine intensive Freundschaft mit dem Dichterfürst Johann Wolfgang von Goethe, der anfangs sogar inkognito nach Italien reiste. Das Resultat war das berühmte Goethe-Bildnis von 1787 (!). Im gleichen Jahr reisten dann Tischbein und Goethe nach Neapel, wo dann J.H.W. Tischbein blieb und von 1789 bis 1799 - während der franz. Besatzung - Direktor der Kunstakademie (Accademia di Belle Arti) wurde. Von 1801 lebte er in Hamburg und war seit 1808 Hofmaler von Peter I. von Oldenburg in Eutin. Hier starb J.H.W. Tischbein am 26. Februar 1829 und wurde auch hier beerdigt.

Berühmte Goethe-Bildnisse

Wohl das berühmteste Gemälde dieser „Art“ ist das von J.H.W. Tischbein aus dem Städelschen Institut von Frankfurt a. M.. Und noch erwähnenswert: die Aquarell-, Kreide- und Feder-Zeichnung von J.H.W. Tischbein „Goethe am Fenster der römischen Wohnung am Corso, 1787".

Und dann das Jahre 1981, der weltberühmte Pop-Künstler Andy Warhol besuchte Goethes Geburtsstadt Frankfurt am Main und stattete natürlich dem Tischbein-Gemälde „Goethe in der römischen Campagna“ einen Besuch ab (Foto: Bilderleiste). Andy reflektierte ja wie kein anderer die Gesellschaft und deren „Ikonen“. Und im Jahr darauf (1982), Goethes 150. Todesjahr, schuf er verkaufstüchtig (!) wie er nun einmal war, eine Serie grossformatiger Farbserigrafien von J.W.v. Goethe. Typisch für Andy Warhol - er nahm nur einen Ausschnitt (kannte er (Bildleiste) Tischbeins Kopfstudie?) - den Kopf im Halbprofil mit Hut - und schaffte eine „Goethe-Star-Parade“, passend zu seinen anderen Berühmtheiten.

Joseph Karl Stieler (1781-1858) Hof- und Porträtmaler von König Ludwig I. malte die Schönheiten-Galerie im Schloss Nymphenburg und 1828 das berühmte Goethe-Porträt in Weimar. In Goethes rechter Hand hält der Dichter ein Blatt Papier, auf dem die letzten Zeilen eines von Ludwig I. verfassten Gedichtes zu lesen sind. Dieses Stieler-Gemälde dokumentiert wie der „große Dichter“ Johann Wolfgang von Goethe der Dichtkunst des bayerischen Königs Ludwig I. seine Reverenz erweist.

Noch zu Goethes Publikation „Italienische Reise“

Sie ist ist ein Reisebericht, der erst zwischen 1813 und 1817 entstand und in dem Johann Wolfgang von Goethe seinen Italienaufenthalt zwischen September 1786 und Mai 1788 beschreibt - basierend auf seinen Tagebüchern. Darin erwähnte er das Tischbein-Gemälde mehrmals, in dem Eintrag vom 29. Dezember 1786: „Ich soll in Lebensgröße als Reisender, in einen weißen Mantel gehüllt, in freier Luft auf einem umgestürzten Obelisken sitzend, vorgestellt werden, die tief im Hintergrunde liegenden Ruinen der Campagna di Roma überschauend. Es gibt ein schönes Bild, nur zu groß für unsere nordischen Wohnungen.“

Links:

(J.H.W. Tischbein - Biografie)
https://de.wikipedia.org/wiki/Johann...m_Tischbein

(Tischbein Haus - Künstlerfamilie)
http://museen-in-hessen.de/de/museen...chbein_haus

(„Casa di Goethe“ in Rom)
http://www.reise-nach-italien.de/casadigoethe.html

(Italienische Reise)
http://www.reise-nach-italien.de/goe...talien1.htm

(Städelsche Kunstinstitut)
https://de.wikipedia.org/wiki/Städel...nstinstitut

Map-Data:
Städelsche Kunstinstitut, Schaumainkai 63, 60596 Frankfurt a. M.

2 Kommentare

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Vielen Dank für Ihre Beiträge, habe sie erst heute "gefunden" und werde sie in den nächsten Tagen alle lesen.
  • 09.10.2016, 16:04 Uhr
  • 0
Volker Barth
Das freut mich sehr & ich wünsche Ihnen viel Lesevergnügen ...
  • 09.10.2016, 20:40 Uhr
  • 0
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