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Vom Glück, einen Film zu drehen - Teil I

Vom Glück, einen Film zu drehen - Teil I

14.07.2016, 11:40 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

Was macht ein Drehbuchschreiber und Regisseur, wenn er keine Kohle hat? Entweder er hat eine Mutter, die ihm ein paar hundert Euro sponsert oder es wird eben nichts mit dem Film. Er muss auch einen Kameramann und ein paar Schauspieler haben, die es für einen Appel und ein Ei machen. Sonst kann man es ebenfalls vergessen. Endlich mal auf der Leinwand. Für junge Schauspieler ein Anreiz. Wenn sie sich beim Fernsehen oder bei einem Theater bewerben, können sie immerhin eine DVD vorweisen, auf die sie sorgsam gepresst sind. Wer weiß, vielleicht ein Karrierestart. Ich wünsche es ihnen.

Beginnen wir von vorne. Zwei Fachbücher über das Drehbuchschreiben inhaliert und dann entstand ein Krimi. Mein Kameramann wollte aber mit Leichen nichts zu tun haben, darum landete das Drehbuch auf einer Cloud. Wie ursprünglich geplant nahm ich das Klosterthema wieder auf, schließlich sollte es kein "Name der Rose" oder eine Leichenschau werden. Das Leben ist hart genug. Krimis gibt es genug in der Glotze.

Für ein Hollywoodrehbuch benötigt man im Durchschnitt neun Monate. Nach zwei Monaten war ich fertig. Ach Quatsch, so einfach ist das nicht. Es folgten noch sieben Fassungen. Zurechtgestutzt, geschmälert, beschränkt auf das wichtige. Schließlich darf der Zuschauer nicht einschlafen. Die letzte Fassung lieferte ich etwa vier Wochen vor Drehbeginn ab. Die allerletzen Änderungen entstanden spontan am Set und selbst in Schneideraum, wer weiß, wie das tapfere Schneiderlein die vielen Bilder zusammenflickt. In Hollywood, Bollywood oder in der Sesamstraße hätten sie mich gefeuert.

Ein Film ist immer ein Gruppenprojekt. Auch wenn ich für das Drehbuch, für die Regie und für die organisatorischen Umsetzung verantwortlich war, arbeitete mein Kameramann und die Schauspielcrew als Regie - und Drehbuchassistenten mit. Es ist ein großes Glück eine gute Crew zu haben, die das Drehbuch positiv beeinflusst, sodass die ursprüngliche Gestalt flöten geht. Der Name eines Drehbuchautors geigt sowieso gewöhnlich am Arsch der Welt vorbei. Es sollte ein (möglichst) guter Film werden, alles andere war unwichtig.

An meinem Film beteiligen sich 22 Leute und ich weiß noch nicht, ob in den nächsten Szenen vielleicht doch noch ein Statist zufällig noch eingebaut wird. Spontanentscheidungen am Set sind die originellsten Entscheidungen. Sehr oft zumindest. Das ist lebendiges Kino. Kunst aus dem Bauch heraus. Auf dem ersten Blick sind 22 Menschen viel. Aber gehen sie mal ins Kino und zählen am Schluss die Mitwirkenden mit. Mit dem Zählen kommen sie irgendwann ins Schleudern. sie mit dem Zählen nicht mehr mit. Nicht mitgezählt ist das ältere Ehepaar im Stadtpark, welches zufällig an Ort und Stelle war oder Passanten in der Fußgängerzone, die das Glück hatten, irgendwo im Hintergrund in die Kamera zu laufen, wenn Annemarie mit dem Koffer durch die Altstadt streift.

Ist schon klar, bei soviel Organisationskram wird auch was vergessen, gerade dann, wenn es nur einer macht. Dass Kostüm für die Nonne kam noch pünktlich einen Tag vor Drehbeginn, aber der Mohnkuchen blieb vergessen in meinem Kühlschrank. Für mein Kreuz war das von Vorteil. Mein Rucksack war schon zu voll. Eine Schüssel Nudelsalat, Wasserflaschen, Pappteller, Plastikbecher, Besteck, einen Rosenkranz und so weiter. Außerdem hasste meine Hauptdarstellerin Mohnkuchen. Scheiße, es war Sonntag und irgendwoher musste ein Kuchen angeschafft werden. Ein Glück fand sich jemand, der sich aufopferte, an einem Sonntag Mittag eine geöffnete Konditorei zu finden. Wir hatten Schwein gehabt. Die Szene war gerettet. Als Belohnung setzten wir den Kuchenholer als Statist ein.

Es ist der Wahnsinn. Mein Fahrrad im Eimer, Busfahrten belasten mein Portemonnaie. Oft musste ich zu Fuß durch die Stadt, um Drehorte ablaufen, Utensilien einzukaufen, manche Wege ging ich mehrmals. An einem Samstag war ich morgens im 8.00 Uhr in der Stadt und überprüfte einen Hauseingang, ob er zugänglich war. Jetzt hoffe ich, die Tür wird nicht verschlossen sein, wenn wir dort die Fortsetzung einer Actionszene drehen. Natürlich ohne Stuntman. Das wäre zu teuer. Meinen Fahrradfahrer habe ich zu einem Sturzhelm verdonnert. Er fährt sowieso nur mit Sturzhelm. »Fahre bloß nicht meine Protagonistin über den Haufen!!«. Vorgewarnt ist er schon.

Wenn man einen Film dreht, braucht man Glück. Ich hatte keine Ahnung, wo ich Schauspieler her bekommen sollte. Die Zeit drängte. Noch nicht mal eine Genehmigung für einen Klosterdreh hatte ich in der Tasche. Das ganze Projekt drohte zu platzen. Im Februar begann ich mit dem Schreiben. Im Mai konnte ich erste Erfolge buchen. Gerettet hat mich die Bayerische Akademie für Darstellende Kunst und das Bauerntheater. Es ist das erste Mal das sich Schauspieler dieser Institutionen für ein gemeinsames Projekt zusammen fanden. Erst Ende Mai zeichnete es sich ab, dass dem Film kaum noch was im Wege stand. Das war fünf Wochen vor Drehbeginn.

Ich hatte die Begegnung mit einem freundlichen Herrn vom Bistum in Regensburg. Er lud mich in ein Café ein. Wir setzten uns hin, er kam sofort auf die Szene im Beichtstuhl zu sprechen. Die Szene war theologisch nicht ausgereift und er fragte mich, ob ich überhaupt einmal zur Beichte gegangen sei. Diese Frage erschien mir völlig unwichtig, denn diese Szene hatten wir sowieso gestrichen. Meine Intuition bewahrheitete sich. Von diesem Herrn werde ich keine Drehgenehmigung für eine Kirche bekommen. Es war mir so was von wurscht. Tags zuvor erhielt ich einen unerwarteten Anruf aus heiterem Himmel. Der Abt eines Klosters. WOW, ein großer Stein fiel mir vom Herzen. Wir dürfen im Kloster filmen. Dieses halbe Stündchen im Café mit dem Theologen des Bistums lief also völlig entspannt ab. »Sie hätten sich mit katholischer Dogmatik beschäftigen sollen«, sagte er und nahm einen Schluck aus seiner Tasse. Irgendwas musste ich darauf antworten und verplapperte mich. »Hans Küng, ja, den habe ich gelesen«, sagte ich. Niemals hatte ich Hans Küng gelesen, nur von ihm gehört, sogar im Fernsehen war er mal. Aber das brauchte mein Gegenüber nicht zu wissen. Hauptsache war, ich konnte einen beflissenen Theologen nennen und hinterließ keinen ungebildeten Eindruck. Zu Hause ärgerte ich mich. Ausgerechnet Küng, ein anderer war mir auf die Schnelle nicht eingefallen. Scheiße! - Drewermann wäre aber noch peinlicher gewesen.

Was ich noch sagen wollte, sogar eine Klosterzelle habe ich in Regensburg gefunden. Ursprünglich hatte ich die düstere Küche Johannes Keplers Sterbehaus im Visier, aber sie war zu klein. Es stand auch kein Bett drin und sah eher wie eine Gefängniszelle aus.

Am Samstag geht es zum Filmen ins Kloster. Es geht ums Eingemachte.

Den zweiten Teil lest ihr hier.

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2 Kommentare

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habe den kompletten Film aus meiner Heimatstadt gesehen, hat mir sehr gut gefallen
  • 20.10.2016, 12:12 Uhr
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:👍wink:Freu mich schon auf die fortsetzung📑📅
  • 16.07.2016, 23:53 Uhr
  • 1
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