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Das Tattoo

Das Tattoo

10.08.2016, 17:05 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

Das Tattoo, ein modernes Märchen.

Es war einmal ein schöner Sommertag. Zwei Freunde bummeln durch die Altstadt von Athen. „Sieh mal dort, ein Tattoo Laden“, sagt Uwe zu Franz und zeigt auf eine kleine, schmale Tür. Auf dem Glas klebt ein Plakat mit einem bunten Adler. Wie gebannt bleiben sie stehen und versuchen durch das kleine Fenster neben der Tür in den Innenraum zu spähen. „Wäre das nicht ein besonderes Andenken an diesen Urlaub? Ich wollte schon immer einen Anker auf meinem Unterarm haben. Mein Großvater war in seiner Jugend Seemann, der hatte so eine Tätowierung.“ Zögerlich folgt Franz seinem Freund, der spontan die Tür geöffnet hat. Drinnen ist es dunkel. Beide schieben als erstes ihre Sonnenbrillen nach oben ins Haar
Ein Mädchenkopf schaut hinter einer Wand hervor. „Einen Augenblick ich komme gleich“. Sie zeigt mit der Hand auf einen kleinen runden Tisch, neben dem zwei Stühle stehen. „Schauen sie sich schon mal die Bilder dort an.“ „Die spricht ja deutsch mit uns“ flüstert Franz seinem Freund zu. Sie sind zwanzig Jahre jung und unternehmungslustig. Keine innere Stimme warnt sie: „lauft geht in die Sonne.“ Die losen, in Folien geschützten Blätter zeigen verschiedene Motive. Erstaunt betrachten sie, die zum Teil künstlerischen, Skizzen. Uwe entscheidet sich sofort für einen Anker. Franz blickt zweifelnd auf zwei Kreise, ca. 8cm Durchmesser. Er versucht die Zeichen zu entschlüsseln. Sind das Augen, ist das eine Schlange, im Mittelpunkt ein Stier? Es wirkt sehr geheimnisvoll.
Das Mädchen, eine Schönheit mit langen schwarzen Haaren verabschiedet einen Kunden und fragt die jungen Männer: „Haben sie schon etwas gefunden? Ihr prüfender Blick verweilt ein wenig länger bei Franz als sie die Ornamente in seiner Hand entdeckt. Ist das Mitleid in ihren Augen? Dann schiebt sie die bewegliche Bretterwand zur Seite und sagt: „Überzeugen sie sich selbst, bei uns ist alles sauber. Wir achten auf Hygiene und werden regelmäßig vom Ordnungsamt kontrolliert. Eine Auflage der Europäischen Union. Wenn sie sich jetzt entscheiden können wir sofort anfangen. Den Anker werde ich stechen. Für Ornamente ist mein Vater zuständig.“ Jetzt erst bemerken sie den alten Mann, der an einem Waschtisch steht und sich die Hände reinigt. Ist das Blut oder rote Farbe? Ein Rückzieher ist jetzt schon fast unmöglich. Über den Preis einigt man sich schnell.
Ja, es schmerzt, aber es ist zu ertragen. Sie kennen Beide Freunde die sich schon tätowieren ließen. Also Zähne zusammen beißen. Franz zieht sein T-Shirt aus und zeigt dem Griechen seine linke Schulter. Er möchte nicht jedem seine Tätowierung sehen lassen. Zigmal fragt er sich in der nächsten Stunde, wieso er einem Fremden dermaßen vertraut. Er kann nicht einmal verfolgen, was der Bärtige in seinem Rücken anstellt. Erleichtert und stolz auf ihren Mut kehren sie nach zwei Stunden in ihr Hotel zurück.

Nach der Heimkehr in Deutschland freuen sich die Eltern nicht über die Verschönerung ihrer Buben. Im Gegenteil, sie überhäufen sie mit Vorwürfen. Schon bald stellen sie fest, dass dieser Urlaub ihre Kinder verändert hat.

Uwe, bisher ein fleißiger Student vernachlässigt sein Studium. Er schließt sich einer Segelcrew an und befindet sich schon ein Jahr später auf einer Jacht, die um die Welt segelt. Sehr zum Verdruss seines Vaters, der andere Pläne mit seinem Nachfolger hatte.

Franz verändert sich noch gravierender. Er beginnt damit jedes Tattoo Studio aufzusuchen. Im Fitnesscenter bewundert man zuerst sein Schulter Tattoo. Viel zu schnell überwindet er jede Hemmschwelle. Auf den Beinen tummeln sich bald jede Menge Tiere. Die Arme werden ähnlich künstlerisch gezeichnet. Eine Jugendfreundin die er umwirbt bringt ihn, viel zu spät, zur Besinnung. „Du bist ja verhext, dass ist doch nicht normal, man kann sich ja mit dir nirgends mehr sehen lassen“, sagt sie zu ihm und weist ihn ab.
Beim nächsten Tattoo Studio Besuch bemerkt er, dass der Tätowierer genau derselbe Mann ist, der ihn beim ersten Mal in Athen behandelt hat merkwürdig war das schon immer so?

Einhundert Jahre später öffnet ein Fremdenführer im Museum in Athen einen letzten Raum.
Er sagt zu den ca. 20 Touristen, denen er verschiedene Exponate schon gezeigt hat:
„Hier haben wir ein einmaliges Stück. Erschrecken sie bitte nicht. Es ist die tätowierte Haut eines ca. 30jährigen Mannes. Er soll Selbstmord begangen haben, bevor seine Haut alterte und welk wurde“. Ein gut gekleideter Herr hob die Hand. Der Aufseher schaute ihn an und sprach im gleichen Ton weiter: „Bevor sie fragen, ja seine Heimat war Deutschland. Er hat zu Lebzeiten eine testamentarische Verfügung erlassen, dass seine Haut genau hier, im Museum von Athen, gezeigt werden soll. Es gibt keine untätowierte Stelle. Sie wurde zu Leder gegerbt und ist mit einer Glasplatte geschützt.
Bitte treten sie nicht hinter die Barriere, kommen sie ihr nicht zu nahe,man sagt ihr übernatürliche Kräfte nach. Viel früher gab es auf verschiedenen Südseeinseln schon diese Technik.

Als letzter verließ ein gebückter, alter Mann, mit langem weißen Bart den Raum. Er sage zu dem Aufseher: „Bis Morgen.“

copyright: Marga Koch

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2 Kommentare

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Wow! Mystisch, einfach toll!
  • 09.09.2016, 11:00 Uhr
  • 0
Danke Inga
  • 09.09.2016, 11:41 Uhr
  • 1
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