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Kunst verstehen: Giorgio de Chirico war von "rätselhaften" Dingen total umge ...

Kunst verstehen: Giorgio de Chirico war von "rätselhaften" Dingen total umgeben

Volker Barth
20.08.2016, 22:30 Uhr
Beitrag von Volker Barth

Vor einhundert Jahren (während der großen Wirren des Ersten Weltkrieges, gegen Ende des Jahres 1916) schuf der italienische Maler und Schriftsteller Giorgio de Chirico ein ganz typisches Meisterwerk aus der Kunstgattung „Pittura Metafisica“ (Metaphysische Malerei). Entscheidend beeinflußte er damit die Kunstrichtung Surrealismus.

In der oberitalienischen Universitätsstadt Ferrara entstand dieses Gemälde, das den geheimnisvollen Titel „Metaphysisches Interieur (mit großer Fabrik) trägt und sich heute im Besitz der Staatsgalerie Stuttgart befindet.

Nun zu dem Begriff „Metaphysik“

Eine Erklärung aus dem Brockhaus-Lexikon: Die Metaphysik (griechisch: „hinter, jenseits der Physik“) stammt ursprünglich aus den Schriften des Aristoteles. In diesen bezeichnete er die Metaphysik als die Wissenschaft die die ersten Prinzipien und Ursachen des Seienden bestimmt hat. Inzwischen sieht man sie als eine philosophische Wissenschaft, deren Gegenstand das Erfahrungsjenseitige, das Übersinnliche ist.

Am 10. Juli 1888 wurde Giorgio de Chirico in Volos/Griechenland geboren und drei Jahre später sein Bruder Andrea Alberto, der sich aber seit 1914 Alberto Savinio nannte. Ab 1900 studierte Giorgio Malerei am Polytechnikum in Athen. 1906 zog die Familie dann nach München und hier begann für zwei Jahre das Malereistudium an der Akademie der Bildenden Künste, wo ihn die Bildwelten von Arnold Böcklin und Max Klinger besonders beeinflußten.

Im Frühjahr 1909 siedelte die Familie de Chirico nach Mailand. Giorgio und sein Bruder Alberto arbeiteten intensiv zusammen. Beide lasen Werke von Arthur Schopenhauer und Friedrich Nietzsche, die sie tief beeindruckten. Letztere gebrauchte den Begriff „Metaphysik“ immer wieder und bezeichnete „die Kunst“ als „die eigentliche metaphysische Tätigkeit des Lebens“. Die Philosophen wurden nicht nur Leit- sondern auch Identifikationsfiguren. Man fühlte sich ihnen wesensverwandt und verbunden. (Anmerkung: In de Chiricos Geburtsjahr 1888 erlebte Friedrich Nietzsche seinen Leistungs-Höhepunkt in Turin (!), bevor er im Januar 1889 auf der Straße zusammenbrach und in geistige Umnachtung fiel).
Unter Nietzsche-Einfluß stehend reiste dann de Chirico von Rom über Florenz nach Mailand. Hier erkannte er, „dass es eine Menge von seltsamen, unbekannten und einsamen Dingen gibt, die man in Malerei transponieren kann ... Notwendig ist vor allem ein starkes Empfindungsvermögen.“ In Rom schrieb er, „Die römische Arkade ist Schicksal ...“ Die Rundbogen, die de Chirico auch in der italienischen Architektur Münchens (z.B.: Hofgartenarkaden(!) entdeckte, wurden zu architektonischen Elementen seiner metaphysischen Raumbühnen. („Nicht das Abbild der Architektur ist entscheidend, sondern die Art und Weise, wie sie empfunden wird.“)

Ein Offenbarungs-Erlebnis

Bei einem Kurzaufenthalt im Oktober 1909 in Florenz ereignete sich bei Giorgio de Chirico ein Wendepunkt. Es kam zu einem „Offenbarungs-Erlebnis“, dass er in einem berühmt gewordenen Text festhielt: „An einem klaren Herbstnachmittag saß ich auf der Piazza Santa Croce auf einer Bank. Natürlich sah ich diesen Platz nicht zum ersten Mal. Ich hatte erst kürzlich eine langwierige und schmerzhafte Darmkrankheit überwunden und befand mich gleichsam in einem Zustand morbider Sensibilität. Die ganze Welt um mich herum schien mir im Zustand der Genesung zu sein, sogar der Marmor der Gebäude und Brunnen ... Die Herbstsonne, kühl und ohne Liebe, beschien die Statue und die Fassade der Kirche. Da hatte ich den befremdlichen Eindruck, ich sähe jene Dinge zum ersten Male. Die Komposition des Bildes stand mir auf einmal vor Augen ... Trotzdem ist jener Moment ein Rätsel für mich, das unerklärlich bleibt.“

Es entstand dann das erste Gemälde der „Pittura Metafisica“ - ein Bild, das auf realer Wahrnehmung basierend die Dinge der Wirklichkeit ins Unerklärliche entrückte. Nun zum Aufmacher-Bild:

„Metaphysisches Interieur (mit großer Fabrik)“

In seiner Ferrara-Zeit kreierte de Chirico markante „Bild im Bild“-Motive. Objekte wie Landkarten, Gebäude, Kekse usw. wurden in seinen Gemälden in Rahmen oder Kästen präsentiert und zu einer „Atelierstimmung“ komponiert. In dem Gemälde „Metaphysisches Interieur (mit großer Fabrik)“ tritt als „gerahmtes und gemaltes Bild“ der Gebäude-Komplex der Firma Fratelli Santini auf. Die Beleuchtungs- und Haushaltswaren-Fabrik existierte damals ganz in der Nähe von Ferrara. Sicherlich diente eine Postkarte als Bildvorlage. Den Bildeffekt „gemaltes, gerahmtes Bild“ benutzte de Chirico öfters und schuf Werke mit Titel-Erklärungen (mit kleiner Fabrik), (mit Leuchtturm) und (mit Sanatorium). Übrigens: Das letzte Motiv befand sich in den 1930er Jahren im Pariser Studio des Surrealisten Salvadore Dali. Weitere Gemälde der Bilderleiste:

„Die beunruhigenden Musen“

Der in Griechenland geborene und von Jugend auf mit den Helden und Göttern der Antike aufgewachsene de Chirico empfand den Ort Ferrera, die ehemalige Residenz der D'Este, als die „metaphysischte aller Städte“. Im Hintergrund des Gemäldes trotzt neben Fabrikgebäuden, Schornsteinen und einem Silo vor giftgrünem Himmel, die Residenz der Adelsfamilie D‘Este. Das Gemälde ist eine Art Bühne mit großer Raumtiefe auf der Figuren, Statuen und Objekte plaziert sind. Apoll (der Musenführer) steht als Statue in einem markanten Schattenfeld, aber abseits seiner Musen, die im grellen „Sonnenlicht“ verweilen und sehr starke Schatten werfen. Die rote Maske und der Stab sind Anspielungen auf die Musen „Thalia (Komödie)“ und „Melpomene (Tragödie)“.

„Das Rätsel der Ankunft und des Nachmittags“

Hier trennt die Mauer den Bereich des Sichtbaren von jenen des Unsichtbaren, Geheimnisvollen. Die gemalten Schiffsmasten sind Symbol für den Aufbruch des Künstlers Giorgio de Chirico und die Suche nach „unbekannten Ufern“.

„Das Lied der Liebe“

Neben dem Gipsabguß des antiken Apoll-Kopfes von Belvedere (Führer der Musen) ist ein roter Gummihandschuh, erotisch(!), an einer massiven Pinnwand „genagelt“ und bildet das Bildzentrum. Davor liegt ein grüner Filz(Spiel)ball und links umschließt eine rote Ziegelmauer und rechts ein Arkadenelement diese Pinnwand. Hinter der Ziegelmauer zeigt sich die Silhouette einer schwarzen Lokomotive mit weißer Rauchwolke. Das Gemälde ist einfach und eindruckvoll, hat eine große plastische Wirkung und präsentiert das de-Chirico-Prinzip der „verrätselten Kombination unvereinbarer Elemente“.

„Hector und Andromache“

Dieses Gemälde entstand, während die europäische Zivilisation sich zerstörte und auf den Schlachtfeldern Tausende starben. Hier geht es um den Themenkreis Familie + Krieg, egal ob trojanischer oder Erster Weltkrieg. Unzählige soldatische Abschieds-Szenen wie auch Homer sie in seinem Epos Ilias über Hector und Andromache erzählte, ergaben dieses Bühnenbild. Eine männliche und weibliche Gliederpuppe ist spektakulär und theaterhaft auf einer Bretterbühne mit roten Stellwänden positioniert. Es ist eine liebevolle und gefühlsbetonte Szene - ein einzigartiges Dokument in der Malerei Giorgio de Chiricos(!)

„Selbstbildnis 1920“

Es ist auf Holz gemalt und mit einer proklamatischen Inschrift versehen. Diese dokumentiert die Weltansicht Giorgio de Chirico und lautet in freier Übersetzung „Und was werde ich lieben außer dem metaphysischen Aspekt der Dinge.“ Der Künstler präsentiert sich vor einer dunklen Fläche, einem „schwarzen Nichts“. Dagegen befindet sich im rechten oberen Eck „ein Bild im Bild“. Es ist die Hinwendung zur Kunst mit einem kulissenhaften Detail der Uffizien (Museum in Florenz) und einem tiefblauen Himmel.

Weiter in der Biografie

Die Brüder de Chirico meldeten sich am 31. Mai 1915 in Florenz zum Kriegsdienst und kamen aber aus gesundheitlichen Gründen nicht zum Fronteinsatz sondern auf eine Schreibstube nach Ferrara. Hierhin kam auch der Maler Carlo Carra. Er und die Brüder wurden dann in der Umgebung von Ferrara am 10. März 1917 in das psychiatrische Militärkrankenhaus „Villa del Seminario“ eingewiesen. Der Leiter erlaubte künstlerische Tätigkeiten, so entstanden einige der wichtigsten Werke der „pittura metafisica“ (Metaphysische Malerei).

Ab 1919 wechselte de Chirico zu einem neoklassischen und neoromantischem Stil. Er lebte in Florenz und Mailand, hier dann 1921 erste Ausstellung. Im Jahre 1924 bei einer Parisreise findet er Aufnahme im Kreis der Surrealisten, wobei sein Verhältnis zu ihnen aber ab 1927 problematisch wurde. Zwei Jahre später entwarf er Bühnenbild und Kostüme zum Ballett „Le Bal“ von Serge Diaghilew. Weiter folgten Ausstellungen in verschiedenen europäischen Städten. 1936 zog er nach New York, kehrte aber 1938 nach Italien zurück, um kurzzeitig nach Paris zu emigrieren. Beim Kriegsausbruch 1939 ging er wieder zurück nach Mailand und orientierte sich erneut um - er entwickelte einen neobarocken Stil, angelehnt an Peter Paul Rubens. Ab jetzt polemisiert er gegen die „Moderne Kunst“.

Ab 1945 ließ sich de Chirico in Rom nieder und veröffentlichte seine Memoiren. Ein Jahr später tauchten auf dem internationalen Kunstmarkt Fälschungen auf. De Chirico veranstaltete gegen den „Modernismus in der Malerei“ bis 1954 Anti-Biennalen in Venedig. Im MoMA in New York stellte er 1955 aus, es folgten regelmäßige Ausstellungen und Bühnenprojekte dann in Italien und im Ausland (Athen, Paris und New York). Am 20. November 1978 starb Giorgio de Chirico in Rom und fand sein Grab auf dem Friedhof San Francesco a Ripa.

Links:

Giorgio de Chirico - Biografie)
http://www.whoswho.de/bio/giorgio-de-chirico.html

(Metaphysik (Aristoteles))
https://de.wikipedia.org/wiki/Metaph...Aristoteles)

(Pittura Metafiscia)
https://de.wikipedia.org/wiki/Pittura_metafisica

(Surrealismus)
https://de.wikipedia.org/wiki/Surrealismus

(Ferrara)
https://de.wikipedia.org/wiki/Ferrara

Map-Data:
Staatsgalerie Stuttgart, Konrad-Adenauer-Straße 30-32, 70173 Stuttgart

3 Kommentare

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Interessanter Artikel, der Einblick in den Menschen de Chirico gibt. Das 20. Jahrhundert war in seinen Anfängen unglaublich spannend, nicht nur auf dem Gebiet der bildenden Kunst. Meine Großmutter war ein paar Jahre älter als de Chirico. Was die für Umwälzungen erlebt hat, das würde ein Mensch heute nicht so einfach wegstecken.
  • 23.08.2016, 14:54 Uhr
  • 1
Volker Barth
Herzlichen Dank für Deine recht persönlichen Worte und Dein "lesenswert"
  • 25.08.2016, 10:08 Uhr
  • 1
sehr gern, Volker
  • 25.08.2016, 12:56 Uhr
  • 0
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