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BURLI 1

BURLI 1

22.08.2016, 10:22 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

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Burli

Mein Name ist Franz. Franz Fink um genau zu sein. Ich bin vor kurzem auf die Welt gekommen.
Obwohl ich Franz heisse, nennen mich alle nur Burli. Wahrscheinlich in Anspielung auf mein Geschlecht. Ich meine, das ist ziemlich einfallslos. Burli! Ist ja wohl nicht zu übersehen, dass ich ein Bub bin, oder? Ich habe auch noch zwei halbe Schwestern, Anni und Liesi. Ihr Papa iat im Krieg geblieben. Man sagt, ich hätte noch eine richtige Schwester gehabt, eine leibliche. Sie ist nur ein Jahr alt geworden, heißt Christine und wohnt jetzt im Himmel. „Schade, hätte dich gern kennengelernt. Ich werde dich würdig vertreten in diesem Haus, versprochen.“

Dann wäre da noch eine alte Frau zu benennen, die immer dann in meinen Korbwagen schielt, wenn meine Eltern mit ihren kunstvoll gerahmten Bildern geschäftlich unterwegs sind. Die alte Frau heißt Oma, manchmal wird sie auch Mutter genannt. Da soll sich einer auskennen, wahrscheinlich hat sie keinen richtigen Namen, oder man hat ihn ihr unterschlagen, genau wie mir.

Es ist Sommer und mir ist viel zu heiss in diesen Wickelklamotten. Weil ich noch nicht sprechen kann, plärre ich, was das Zeug hält. Die alte Frau sagt, ich schreie atypisch, nicht so wie andere Babys. Meine Laute wären dem Meckern einer Ziege oder dem Blöcken eines Schafes ähnlich, sagt sie. So eine Frechheit, am liebsten würde ich noch lauter brüllen, denn schließlich bin ich im Sternzeichen des Löwen geboren. So ist das! Ich bitte um die Aufmerksamkeit aller Anwesenden, ihr seht den frisch gewickelten Stammhalter des Hauses Fink & Sohn vor euch. Also bitte etwas mehr Respekt. Na also, geht doch.

Wir schreiben das Jahr 1946, ein besonderes Jahr, jedenfalls für mich. Bis auf ein paar Verdauungsstörungen geht es mir hervorragend. Ich pfeffere mehrmals täglich in flauschig weiche Windeln. Ich werde gewaschen und gecremt, vor lauter Glückseligkeit hebt sich manchmal, etwas überraschend für meine Mam, mein Wurzerl hoch und trifft mit beachtlicher Fontäne zielgenau ihre linke Brust. Zu trinken gibt es reichlich Fencheltee und vorzügliche Muttermilch, einfach köstlich. Ich weiß, dass mich die Männer in diesem Haus beneiden, ich kann es in ihren Stielaugen ablesen, wenn sie auf die Busenlandschaft meiner Mamma starren.

Ja, dass ich nicht vergesse, zu Beissen krieg ich leider nichts, da geht´s mir wie der alten Frau, ich habe keine Zähne. Aber ich habe einen Schnuller, ob die Oma auch einen hat, weiß ich nicht genau. Ich glaube nicht, denn wenn sie selber einen hätte, würde sie nicht dauernd an meiner Reservezapfstelle herum nuckeln, bevor sie mir das trinkwarme Fläschchen in meinen Schreimund führt. Als Ersatzmama macht sie sich ganz gut, wenn sie auch noch lernt, mit mir normal zu sprechen und nicht immer diesen kindlichen Ton anschlägt, kann sie bleiben.

Ich wohne in einem großen Haus, jedenfalls kommt mir das so vor. Wenn mich meine Mama durch die Wohnung trägt und dabei melodisch summt, fühle ich mich besonders wohl. Mich faszinieren die Töne, woher kommen sie? Aus dem Mund wohl nicht, denn sie bewegt kaum die Lippen.

Das ist bei mir ganz anders: Mund weit auf und los geht das Konzert, soll ja gut sein für meine Lungen. Sagt die Oma. Die weiß immer alles besser, sagt Mama. Ich registriere diese kleinen Reibereien, das kenne ich schon von meinen halben Schwestern, es geht dabei meistens um mich und um das Vorrecht, mich zu tragen.

Unser Spaziergang durch die Wohnung geht weiter, immer schön angeschmiegt an meine Mutter. Manchmal hebt sie mich mit ausgestreckten Händen von sich, ich kann in dieser luftigen Stellung gut in ihre glitzernden Augen sehen, Augen die zwischen braun und grün funkeln. Ich will sie zu fassen kriegen, aber kurz bevor ich sie erreiche schließt sie die Augen und ein Lächeln überzieht ihr Gesicht.

Ich stimme mich auf dieses freundliche Lachen ein und versuche zaghaft zurück zu lächeln. Jetzt ist es an ihr, vor Verzückung zu jubeln, in meine großen, blauen Augen zu schauen, mir über meine weißblonden Haare zu streichen und zu sagen: „Du wirst einmal ein ganz Großer!“
Darauf will ich nicht antworten.
Ist auch gar nicht notwendig.
Wir wissen es besser.

@Franz

3 Kommentare

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Schön, dass euch @Ute @Rosemarie die Geschichte gefällt. Natürlich gibt es eine Fortsetzung
  • 22.08.2016, 23:32 Uhr
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Fortsetzung - Fortsetzung- Fortsetzung -Fortsetzung- FOrtsetzung----------
  • 22.08.2016, 22:09 Uhr
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Wunderschön geschrieben. Ja, Burli, dass waren noch andere Zeiten,
eben unsere Zeit
  • 22.08.2016, 19:09 Uhr
  • 0
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