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BURLI 3

BURLI 3

25.08.2016, 18:11 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

Es ist still geworden in unserer Werkstatt-Wohnung. Meine Mama ist oft traurig und Liesi auch, denn sie soll von dem Essen, das sie in der Schule kriegt, die Butter mit nach Hause bringen. „Das verstehe ich nicht“, sagt sie, „das kleine Stück Butter könnt ihr mir doch gönnen.“ Mama wird noch ernster und versucht meiner Schwester zu erklären, was ein finanzieller Engpass ist und dass wir alle nichts zu essen haben. Momentan.
Mama schämt sich vor den zwei Frauen, die noch bei uns arbeiten. Die beiden verzehren ihre mitgebrachten Schmalzbrote. Mama kann nicht zusehen und geht in den Garten.
Frau Fiala ist jetzt Vorarbeiterin. Sie ist nach dem Streit mit meinem Vater doch geblieben, sie glaubte ihm, dass alles wieder gut werden würde. Ich habe es gehört. Es waren die gleichen Worte die er meiner Mama immer sagt, wenn sie verzweifelt ist. „Das wird schon wieder, du wirst sehen.“

Anni, meine ganz große Schwester hat ihm das nicht geglaubt und ist fortgegangen. „Ich gehe in den Dienst zu anderen Leuten, da krieg ich wenigstens zu essen und ein bisschen Anerkennung“, hat sie gesagt. Ich habe sie seither nicht mehr gesehen. Das macht mich auch traurig. Auch Liesi hat meinem Vater gesagt, dass sie, wenn sie mit der Schule fertig ist, auch fortgeht. Zornig hat sie ihm entgegen gerufen: „Ich kann nichts dafür, dass du nicht mein Vater bist“. Sie hat geweint und kassierte eine schallende Ohrfeige dafür. Ich möchte sie trösten, doch sie läuft davon. Alle laufen davon. Die Arbeiter, mein Freund Fritz, die Anni und jetzt will auch Liesi fort. Hoffentlich bleibt meine Mama bei mir.

Bei uns wird jetzt nur mehr in der kleinen Werkstatt gearbeitet, die ist leichter zu beheizen. Die Frauen haben den großen runden Ofen herüber geschleppt. Meine Mama hat auch mitgeholfen, sie ist sehr stark. Ich habe sie noch nie so energisch arbeiten gesehen.

Ein runder Kanonenofen steht in der Ecke der kleinen Werkstätte und bullert vor sich hin, es ist warm. Auf dem Ofen steht ein großer Topf mit Wasser. Die Arbeiterinnen brauchen das zum Arbeiten und bessere Luft macht das Wasser auch, sagen sie. So oder so ähnlich wird geredet. Früher durfte ich nie in der Werkstatt spielen, denn ich war „im Weg“, sagte meine Mutter. Aber jetzt ist alles anders, es sind ja nicht mehr so viele Leute da.

Mama ist heute unterwegs, sie muss Bilder verkaufen, dass wir alle etwas zum Essen haben. Sie, die Frauen und meine Mama, schicken keine Ware mehr nach Wien. Sie versuchen die schönen Glasbilder in unserer Stadt zu verkaufen. Deswegen ist Mama heute nicht da. Die Oma auch nicht, sie ist krank. Also darf ich in der Werkstatt spielen. Frau Fiala passt auf mich auf. Ich denke mir, das braucht sie nicht, ich bin doch schon ein großer Bub. Ich mag die Frauen die bei uns arbeiten, sie sind alle sehr lieb zu mir. Ich bin sehr aufmerksam, registriere alles. So auch heute. Die Frauen sind vertieft in ihre Arbeit und sehen mich nur aus den Augenwinkeln. Meine wenigen Spielsachen sind mir heilig, auch wenn ich nicht immer mit den gleichen Dingen spiele. Jetzt, als ich ganz mit mir selbst befasst bin und in der Nähe des neuen Ofenplatzes am Boden spiele, traue ich meinen Augen nicht, da ist doch mein Baustein! Auch wenn er nicht mehr sehr ansehnlich ist, es ist und bleibt mein Baustein. Was hat dieser Baustein da unter dem Ofen zu suchen, wie kommt der da hin? Aber ich krieg ihn nicht zu fassen, der Fuss von dem Ofen steht darauf. Langsam drehe ich meinen Stein und langsam kommt er immer weiter unter dem Eisenfuss hervor. Jetzt habe ich ihn fast, noch einmal fest anziehen …

Es kracht und scheppert und es ist heiß, sehr heiß. Es brennt wahnsinnig und ich schreie wie am Spieß und renne in Panik davon. Die aufgesprungene Frau Fiala hinter mir her, erst im Garten hat sie mich erwischt. Eine kopfgroße Blase ist auf meinem Oberschenkel entstanden. Und dann weiß ich nicht mehr genau, was passierte. Im Krankenhaus haben sie mir, so wurde erzählt, die gestrickte kurze Hose und das Hemdchen abgeschnitten und die riesige Blase irgendwie weg gemacht. Die Brandwunden stammten vom kochend heißen Wasser, aus dem Topf der auf dem Ofen stand. Der heiße Ofen ist Gott sei Dank stehen geblieben. Vom rechten Oberschenkel bis zum rechten Oberarm war alles ziemlich in Mitleidenschaft gezogen. Am schlimmsten war es am Popo, mein kleiner Penis war auch in einer Brandblase verschwunden.

Frau Fiala war außer sich, hatte sie doch versprochen, dass sie auf mich aufpasst. Jetzt musste sie, ohne mich, nach Hause gehen und meiner Mutter beichten, was passiert ist.
Es ist nicht so schlimm, hat der Doktor gesagt, das verheilt wieder. Ein paar Narben werden schon bleiben, aber es hätte schlimmer kommen können. Auf jeden Fall war ich jetzt ein gebranntes Kind.
Mein Vater blieb in Wien, ich habe ihn schon lang nicht mehr gesehen. Mama sagt zu den Frauen, die alle fest zu ihr halten, mein Vater, der Chef dieser ganzen Misere, traut sich nicht nach Hause. „Nicht ohne Geld“, soll er gesagt haben. „So ein Feigling“, haben die Frauen gesagt.

Heute früh hatten wir wieder einmal Besuch von einem Mann, den niemand so richtig leiden kann. Er schaut meinem Vater sehr ähnlich, er hat auch so einen gespitzten
Bleistift auf dem Ohr stecken. Er schaut sehr streng durch seine Brillengläser und wenn Frau Fiala ihn mit einem kleinen Spaß etwas zugänglicher machen will, dann wird er böse und sagt: „Ich bin nicht zum Vergnügen hier, liebe Frau. Wie war gleich ihr Name?“
„Mein Name ist Fiala Grete, ich bin hier die Vorarbeiterin.“
„Sind sie zeichnungsberechtigt, Frau Fiala?“ fragt der Mann.
„Nein, ich vertrete zwar Frau Fink, aber unterschreiben darf ich nichts.“ Sie funkelt den Mann böse an.
„Wann kommt den Herr oder Frau Fink wieder?“ fragt er leise. „Meine Chefin wird gegen Mittag von ihrer Tour zurück sein.“
„Gut, dann komme ich am Nachmittag wieder, schönen Tag noch.“
Sagt der Mann mit dem Bleistift am Ohr, zieht seinen Hut und verschwindet.
„Puhh“ sagt Frau Fiala, „der Mann ist kalt wie ein Fisch.“
„Was war das für ein Arschloch?“ fragt Finni ihre Kollegin.
„Das war ein Exekutor“, sagt seufzend Frau Fiala, „ich glaube, jetzt wird es eng.
„Und, was will der von uns?“
„Er will das, was wir nicht haben, er will Geld.“

©Franz

3 Kommentare

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Ich habe alle drei Burli Geschichten gelesen. Erzählungen, die berühren und nachdenklich stimmen.
  • 27.11.2016, 18:34 Uhr
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Franz,wie immer wunderbar erzählt,danke....lg und servus aus NÖ
  • 25.08.2016, 20:55 Uhr
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Danke fürs lesen
  • 25.08.2016, 22:12 Uhr
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