wize.life
Neu hier? Jetzt kostenlos registrieren und mitmachen! Warum eigentlich?
Kunst verstehen: Malte Andre Derain wie „die Wilden“?

Kunst verstehen: Malte Andre Derain wie „die Wilden“?

Volker Barth
03.09.2016, 20:30 Uhr
Beitrag von Volker Barth

Die erste künstlerische Revolution des 20. Jahrhunderts ereignete sich nach dem Pariser Herbstsalon 1905. Eine Kerngruppe bildete sich mit den Malern Andre Derain, seinem Freund Maurice de Vlaminck und dem Künstlerkollegen Henri Matisse - ihnen folgten noch einige. Diese wurden dann weltberühmt unter dem Kunststil-Begriff „Fauvismus“.

Der Begriff „Fauvismus“ kommt von dem französischen Wort „fauves“ und bedeutet in etwa „tierisch-wild“, „Raubtier“ oder sogar „wilde Bestien“.

Diese Kunstrichtung war keine „Schule“ mit festumrissen Programm und einer genau festgelegten Theorie, sie entstand vielmehr dank dem zufälligen Zusammentreffen einiger Maler, die die gleichen Absichten hatten.

Dazu diese Geschichte ...

Damals im Jahre 1905 besuchte der konservative, aber einflussreiche Kunstkritiker Louis Vauxcelles den Saal VII des Societe du Salon d‘Automne in Paris (oder Pariser Herbstsalon). Mitten im Raum, von zahlreichen Gemälden umgeben, registrierte er stolz eine weibliche Büste in florentiner Art, geschaffen vom französischen Bildhauer Albert Marque. Aber dann rief er „entsetzt“: „Tiens, Donatello au milieu des fauves“ („Sieh da, Donatello umgeben von wilden Bestien“). „Donatello“ war ein florentinischer Bildhauer der Renaissance, hier aber benutzt als Pseudonym für den Bildhauer der Büste.

Dieser Ausspruch wurde sehr berühmt durch die Veröffentlichung in der Zeitschrift Gil Blas vom 17. Oktober 1905. Im Laufe des Artikels kritisierte Vauxcelles auch Henri Matisses Gemälde „Frau mit Hut“ (in der Seniorbook Bilderleiste) und lästerte „Sie erleide das Schicksal einer christlichen Jungfrau, die im Zirkus den wilden Bestien (Fauves) vorgeworfen wird.“ Gleichfalls wiederholte er seine Kritik über Saal VII des Pariser Herbstsalons mit seiner Bemerkung „Käfig der wilden Bestien“.

Neben Henri Matisse und André Derain zeigten auch Albert Marquet, Henri Manguin, Othon Friesz, Jean Puy, Louis Valtat, Raoul Dufy, Maurice de Vlaminck, Charles Camoin und Kees van Dongen ihre Werke.

Die „Gruppe selbst“ lehnte die Namensgebung „Fauvisten“ ab. Der Ausdruck wurde von den Malern für so wenig zutreffend gehalten, dass sie ihn vor 1907 nicht gebrauchten. Sie hatten nicht das Bedürfnis, sich einen Namen geben zu müssen.

Andre Derain wurde am 10. Juni 1880 in Chatou bei Paris geboren, sein Vater war wohlhabender Konditor und Stadtrat. Er wandte sich früh der Malerei zu und im Alter von 15 Jahren erhielt er schon Malunterricht.

Am Anfang des 20. Jahrhunderts

Während einer Gedächtnis-Ausstellung im Jahre 1901 für Vincent van Gogh stellte Andre Derian seinem Freund Maurice de Vlaminck den Maler Henri Matisse vor, den er im Louvre beim Kopieren klassischer Werke kennengelernt hatte. Einige Kunsthistoriker sprechen sogar von einer „Schule von Chatou“ (westlicher Vorort von Paris), denn hier waren die drei Künstler ansässig. Andre Derain war das Bindeglied zwischen den unterschiedlichen Naturen eines Maurice de Vlaminck und Henri Matisse und schuf so einen bedeutenden Dreiklang.

Seit 1901 mußte Andre Derain zum Militärdienst, der aber im Herbst 1904 endete - die künstlerische Zusammenarbeit war weiter lebhaft. Er berichtete stolz: „Die Farben wurden für uns zu Dynamitpatronen. Sie sollten Licht entladen. Die Idee in ihrer Frische war wundervoll, dass man alles über das Wirkliche hinausheben könnte.“

Von nun an widmete Andre Derain sich der Malerei und bekundete zur gleichen Zeit sein Interesse für afrikanische Kunst. Ab 1905 lebte er mit Henri Matisse in Collioure. (Laut Wikipedia erinnert der „Chemin du Fauvisme“ in Collioure an die dortige Entstehung des Fauvismus: An 20 Stellen, wo die Staffeleien von Matisse und Derain standen, sind Reproduktionen der dort entstandenen Gemälde angebracht.)

Die in Collioure entstandenen Arbeiten wurden im Herbst 1905 im Salon d‘Automne (Pariser Herbstsalon) ausgestellt, woraufhin der Zeitungskritiker Louis Vauxcelles den Begriff „Fauvismus“ in Umlauf brachte. Der bedeutende Kunsthändler und Verleger Ambroise Vollard (der übrigens 1901 die erste Picasso-Ausstellung veranstaltete) kaufte die Arbeiten Derains auf und nahm ihn unter Vertrag. In den Jahren 1905 und 1906 besuchte Andre Derain dann London, wo seine persönlichsten fauvistischten Arbeiten (Meisterwerke !) entstanden. Im Jahre 1906 knüpfte Derain mit Guillaume Apollinaire Kontakt und schloss mit Pablo Picasso Freundschaft.

Umzug nach Paris und ein „Flirt mit dem Kubismus“

Im Jahr 1907 zog Andre Derain nach Paris, Montmartre. Hier liebte er die Diskussionen und war im engen Kontakt mit Picasso, Braque, van Dongen und Vlaminck. Gleichzeitig unterzeichnete Derain bei dem Galeristen Daniel-Henry Kahnweiler einen Exklusivvertrag.

Der Erste Weltkrieg

Andre Derain wurde zu den Waffen gerufen und diente in Verdun und in den Vogesen. Nach der Armee-Entlassung wandte er sich der Theater- und Ballettwelt zu. Diaghilev (Ballets Russes) beauftragte ihn Bühnenbilder, Vorhänge und Kostüme zu entwerfen.

Zeitweilig sah man Andre Derain als den führenden Kopf der französischen Avantgarde, aber seine sich vollziehende Abkehr von der Diskussion um „die Moderne“ löste eine heftige Kritik aus. Das Buch „Pour ou contre Derain“ trug 1921 zur Geringschätzung seiner späteren Bilder bei - Derains Ruf schwankte zwischen größtem Erfolg in den frühen Jahren und einer Geringschätzung kurz vor dem Zweiten Weltkrieg.

Derains Rückzug und sein Verstecken

Ende der zwanziger Jahre zog Andre Derain sich nach und nach aus dem Pariser Leben zurück - eine zunehmende Tendenz seit seinem Chambourcyer Haus (1935), wo er bis zu seinem Tode lebte. Was genau in dieser Zeit geschah, ist leider nicht mehr festzustellen. Im Jahre 1930 z.B.: tauschte er seine afrikanischen Kunstgegenstände gegen griechisch-römische und ägyptisch-römische Porträts und 1933 verkaufte er einen weiteren Teil seiner Sammlung afrikanischer Kunst. Aber in den dreißiger Jahren erhielt dann Andre Derain zahlreiche Aufträge von der Pariser Oper für Kostüme und Dekorationen (Er illustrierte 1932 Les Heroides von Ovid und 1938 Salome von Oscar Wilde).

Der Zweite Weltkrieg und danach

Anfang der vierziger Jahre arbeitete Derain hauptsächlich in Donnemarie-en-Montois, 1940 in Vichy und 1941 an der Loire, und kehrte nach der Befreiung von der deutschen Besatzung 1944 wieder nach Chambourcy zurück.

Während der Besetzung Frankreichs im Zweiten Weltkrieg wurde Derain von den deutschen Besatzern als "Vertreter der französischen Kultur" umschmeichelt. 1943 unternahm er mit anderen französischen Künstlern eine von den Behörden organisierte Reise nach Berlin. Dort besuchte er unter anderem das Atelier Arno Brekers, der zeitweilig bei seinem jüdischen Galeristen Kahnweiler unter Vertrag stand. Die nationalsozialistische Propaganda bezog sich wiederholt auf diese Reise. Die radikale Abkehr Derains von den stilistischen und begrifflichen Sorgen der französischen Avantgarde erreichte ihren Höhepunkt. 1944 schlug er das Angebot aus, Direktor der École nationale supérieure des beaux-arts de Paris zu werden. Nach der Befreiung wurde Andre Derain von vielen Franzosen als Kollaborateur betrachtet und geächtet - in Frankreich gab es zunächst keine öffentlichen Ausstellungen.

Durch einen Autounfall am 8. September 1954 starb Andre Derain in Garches bei Paris . Der befreundete Alberto Giacometti nahm als einziger namhafter Künstler an seinem Begräbnis teil.

Derains Werke findet man in den berühmtesten Museen der Welt, viele Bilder sind aber nicht öffentlich - auf der Kasseler documenta I (1955), der documenta II (1959) und der documenta III (1964) wurden einige gezeigt. Lange Zeit fanden seine Arbeiten keine Beachtung. Eine Vorreiterrolle im Bereich der "Modernen Kunst" besaß schon ganz früh der Kunstmäzen und Gründer Karl Ernst Osthaus vom Essener Folkwang Museum. In diesem Sinne zeigte dann erstmals in Deutschland, zur Jahreswende 2005 (!), das Museum einige Bilder Derains aus seiner fauvistischen und kubistischen Phase .

Das Derain Resümee

Andre Derain erklärte: „Ich fühle mich keinem Prinzip verpflichtet – außer dem der Freiheit –, aber meine Vorstellung von der Freiheit ist, dass sie der Tradition verbunden sein muss. Ich will nicht irgendwelche Theorien darlegen darüber, was in der Kunst zu tun sei. Ich male einfach so gut ich nur kann. Der Jammer ist, dass viel zu viele Theorien in Umlauf sind und nicht genug Leidenschaft, sie zum Leben zu erwecken.“

Links:

(Andre Derain - Biografie)
http://www.kettererkunst.de/bio/Andr...80-1954.php

(Louis Vauxcelles)
https://de.wikipedia.org/wiki/Louis_Vauxcelles

(Fauvismus)
http://www.art-directory.de/malerei/fauvismus/

(Karl Ernst Osthaus)
https://de.wikipedia.org/wiki/Karl_Ernst_Osthaus

(Folkwang Museum)
https://de.wikipedia.org/wiki/Museum_Folkwang

Map-Data:
Folkwang Museum, Bismarckstraße 60, 45128 Essen

1 Kommentar

Melden Sie sich jetzt mit Ihrem Nutzerkonto an, um Kommentare zu hinterlassen.
Volker Barth
Liebe Heidrun, Dein Kommentar erfreut mich ...
  • 14.09.2016, 17:59 Uhr
  • 0
Melden Sie sich jetzt mit Ihrem Nutzerkonto an, um Kommentare zu hinterlassen.