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W A S S E R

W A S S E R

08.09.2016, 23:17 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

W A S S E R

Gelangweilt kaut Tobi am oberen Ende des Kugelschreibers herum und ist offensichtlich alles andere als konzentriert.
Seine Mutter schaut fragend auf das immer noch leere, weiße Blatt seines Blockes vor ihm auf dem Tisch und spricht ihn an:“ Sag mal Tobi, sonst bist du doch immer gleich fertig mit den Aufsätzen. Was ist denn heute los mit dir?“
„Oh Mann, wir haben ein sooo langweiliges Thema, mir fällt dazu einfach nichts ein. Wasser!
Über Wasser sollen wir schreiben!“ Empört sich der Zehnjährige.
Seine Mutter zieht einen Stuhl heran und setzt sich zu ihm. „Wieso findest du Wasser langweilig? Du schwimmst und tauchst gerne und bist im Wasser immer in deinem Element.
Es kostet viel Anstrengung, dich aus dem Wasser zu holen, du willst nie raus!“
„Ja schon. Doch das ist was ganz anderes!“ Erwidert Tobi sichtlich genervt.
„Gut, versuchen wir es mal so: Was weißt du über Wasser?“
„Na ja, es ist nass. Es gibt Süßwasser und Salzwasser.
Das Salzwasser ist im Meer und man kann es nicht trinken.
Krass finde ich, dass früher oft Schiffbrüchige verdurstet sind, obwohl um sie herum tausende von Seemeilen Wasser war“, kommt zögerlich von Tobi.
„Na siehst du! Das ist doch schon ein Anfang! Was habt ihr in der Schule sonst noch über Wasser gelernt?“ Fragt seine Mutter weiter.
„Wasser ist eine chemische Verbindung aus den Elementen Sauerstoff und Wasserstoff.
Man bezeichnet es als H2O, weil es aus zwei Teilen Wasserstoff und einem Teil Sauerstoff besteht. Unser Chemielehrer, der Knaller, hat gesagt, wir können uns die Formel ganz leicht mit einer Eselsbrücke merken.
Die geht so: bist du deines Lebens nicht mehr froh, dann stürze dich in H2O“.
„Das haben wir in unserem Chemieunterricht auch so gelernt“, erinnert sich die Mutter.
Aber das ist doch sicher noch nicht alles?“
„Oh, Mensch Mama, du nervst!!!“ Tobi ist sichtlich unmotiviert.
"O.k., du gibst ja doch keine Ruhe. Also, die Dichte des Wassers beträgt 1000 kg pro Kubikmeter, der Schmelzpunkt liegt bei 0 Grad, der Siedepunkt bei 100 Grad“, fällt Tobi plötzlich wieder ein. „Stimmt! Doch wie verhält es sich mit dem Siedepunkt des Wassers zum Beispiel auf einem Berg im Vergleich mit einer Tiefebene?“ Bohrt die Mutter nach. Tobi überlegt einen Moment, dann erhellt sich sein Gesicht und er ruft:
„Auf dem Berg kocht es schon unter hundert, so bei 96 Grad, in der Tiefebene erst bei über 100 Grad, richig?“ „Stimmt!“ antwortet seine Mutter.
"Du kennst doch sicher auch die Aggregatszustände des Wassers?“ „Klar!“ Auf einmal ist Tobi Feuer und Flamme. „Flüssig, Dampf, Eis“, kommt es wie aus der Pistole geschossen. "Und Eis ist leichter als Wasser!"
„Na siehst du, du weißt doch schon eine Menge über Wasser!“ wird er von seiner Mutter gelobt.
„Trotzdem, das reicht noch nicht. Stell´ dir mal vor, du drehst den Wasserhahn auf und nichts kommt!“ „Na ja, dann verzichte ich halt mal auf das Duschen“ murmelt Tobi und grinst dabei.
„Das würde dir so passen“, lächelt seine Mutter. „Denk doch mal darüber nach, was wir machen würden, hätten wir keine Wasserleitung. In vielen Ländern der Erde ist es nämlich nicht selbstverständlich, einfach am Hahn zu drehen und sauberes Trinkwasser läuft raus.
Viele Menschen müssen ihre Heimat verlassen, weil das Land versteppt, die Brunnen versiegen und es weder Wasser noch Pflanzen gibt. Auch die Tiere verenden qualvoll, sie verdursten.
Die Menschen haben oft nur einen halben Liter Wasser am Tag zur Verfügung und es ist oftmals nicht mal sauber. Die für uns so selbstverständlichen Verrichtungen wie Zähne putzen, Duschen, Toilettenspülung, Auto waschen, Garten spritzen, Wäsche waschen, Putzen usw. sind dort undenkbar.
Wir verschwenden Wasser in Unmengen und denken gar nicht darüber nach, wie kostbar es ist.
Ohne Wasser gibt es kein Leben, Tobi. Das darfst du nie vergessen!“ Die Mutter ist ernst geworden. Tobi auch. Er überlegt, wie sein Alltag ohne Wasserleitung aussehen würde und er ist bestürzt.
Nachdenklich meint er: "Mama, du hast Recht. Wasser ist unheimlich wichtig.
Ohne Wasser gibt es nichts, kein Leben, keine Menschen, keine Tiere, keine Pflanzen.
Einfach nur nichts, gar nichts. Ich meckere auch nicht mehr, wenn es mal wieder regnet, ehrlich!" Plötzlich fliegt sein Kugelschreiber förmlich über die bis dato weiße Seite seines Blocks und eine Zeile nach der anderen füllt sich mit Wörtern. Eine Weile beobachtet ihn seine Mutter, wie er eifrig, mit glänzenden Augen und roten Backen, in Windeseile schreibt.
Sie stellt ihm wortlos ein Glas mit frischem Leitungswasser hin. Tobi versteht die Botschaft und trinkt achtsam und sehr bewusst das Glas leer. „Wasser ist gar nicht langweilig, Mama“, sagt er mit einem treuherzigen Blick aus seinen wasserblauen Augen.

Copyright Inga Scheer-Ruhland

Kommentare und Kritik ausdrücklich erwünscht!

3 Kommentare

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Danke Inga, also ich habe noch eine Menge gelernt.
  • 09.09.2016, 19:09 Uhr
  • 0
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Liebe Inga,
Kompliment, Deine Geschichte liest sich flüssig und absolut stilsicher in der Schreibrethorik. Wunderbar auch der Dialog zwischen Mutter und Sohn, der zugleich eine Botschaft beinhaltet.
Liebe Grüße Peter
  • 09.09.2016, 02:11 Uhr
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Danke Dir, lieber Peter!

Ich hatte schon bedenken, dass ich zu sehr "mit erhobenem Zeigefinger" daher komme...

Mir wäre noch so viel mehr zu unserem wichtigen Element eingefallen, aber es wäre dann wohl eine Abhandlung über Wasser und keine Kurzgeschichte geworden

Liebe Grüße von Inga
  • 09.09.2016, 09:14 Uhr
  • 1
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