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Aus: Geschichten sind überall zu Hause

21.09.2016, 14:25 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

Aufgetaucht

Auf dieser Versteigerung übriggebliebenen Lebens hatte es ihm dieser Seemannskoffer angetan, der mit seinen alten, tiefen Kratzern und dem gerissenen Leder genügend Stoff für fantasievolle Träume von Reisen, Ferne und Ankommen versprach. Danach sehnte er sich. Unversehens hielt er die alte Seekarte in der Hand. Er fand sie eher zufällig, schatzgleich versteckt im Futteral. Sie allein lohnte die Investition.

Ihr Wert bedeutete ihm nichts, obwohl dieser wahrscheinlich immens war, sondern vielmehr das darauf Eingezeichnete. Es waren die Inseln. Selber Segler, war er verblüfft, als er sie sah. Als moderner Weltenkenner waren ihm die Bilder unserer Welt, ja sogar der Blick aus dem Universum auf die Erde vertraut. Ihm fiel sofort auf, dass da etwas nicht stimmte. Kleine, gezackte Kieselsteine mitten in der Weite des Atlantiks, wo doch nur Leere sein dürfte. Darüber wollte er mehr erfahren.
„Das sind einige der verlorenen Inseln aus der Zeit der unzureichenden Navigation und Kartographie“, erklärte ihm der Direktor des nautischen Museums, der ihm ungefragt eine hohe Summe für die Karte bot, die er aber dankend ablehnte. Die Inseln waren unter Ozeanologen ein bekanntes Phänomen. „Vielleicht brauchen wir Menschen Fixpunkte, um die Angst vor dem Unbekannten zu verlieren. Damals war es die unbegreifliche Weite des Meeres. Die moderne Seefahrt hat uns dann -ent täuscht-, im wahrsten Sinne des Wortes. Nach und nach verschwanden diese Eilande von den Seekarten und dort, wo sich ehemals Träume manifestierten, ist jetzt nur noch Wasser“, schloss der Direktor seinen kleinen Vortrag ab. So kamen die Inseln in Franks Leben.

Antillia, auch die Sieben Städte genannt, Mayda, Brasil, St. Brandan oder die untergegangene Insel Buss waren berühmte unter ihnen. Crocker Island wurde von Robert Peary 1906 im Polarmeer entdeckt und er vermutete darin den 8. Kontinent. Schon Columbus hatte bei der Suche nach Indien auf eine Zwischenstation auf Antillia gehofft, um Mut und Vorräte für die Passage aufzufrischen. Vergebens. „Verlorene Inseln“, hatte sie der Direktor genannt. Frank kam nicht etwas für immer Entschwundenes in den Sinn, das der Frucht der Erkenntnis zum Opfer gefallen war, sondern ein Schatz, den es wiederzuentdecken galt. Seinen Platz zu verlieren, nicht mehr dort zu sein, wo vermutet oder geerdet, kam ihm bekannt vor. Nicht alles Erkennbare schwimmt an der Oberfläche. Er hatte sich entschlossen. Er würde Mayda wiederentdecken, betreten und der Welt zurückgeben.

Der mit seiner erreichten finanziellen Unabhängigkeit verbundene Aufwand, hatte seine Ehe scheitern und familiäre und freundschaftliche Kontakte einschlafen lassen. Er trieb allein durchs Leben, irgendwie verloren. Sein Entschluss änderte einiges. Es bemerkte es, als er seinen Bruder bat, seine Wohnung während seiner geplanten mehrmonatigen Abwesenheit zu passen. Frank hätte, wie beabsichtigt, einen Wachdienst beauftragen können, aber für sich selbst überraschend, wollte er seine Pläne mit jemandem teilen. Die Reaktion seines Bruders erstaunte ihn.

„Wie schön, endlich wieder von dir zu hören und was für eine tolle Idee, Frank. Verrückt, ungewöhnlich, spektakulär. Hätte ich dir gar nicht zugetraut. Wir sollten die Medien informieren.“

„Meinst du, Ralf? Glaubst du nicht, dass ich denen ein wenig schrullig vorkommen würde?“

„Gerade deswegen sollten wir es machen“, erwiderte sein Bruder lachend.

Das Interview mit der lokalen Zeitung entwickelte sich zu einem unerwarteten Genuss. Das lag vor allem an Antje Hansen. Dunkelblond, in seinem Alter, wissende Augen und schlaue Fragen. Wie lange war ihm das nicht mehr passiert, so lange, dass ihn die Erkenntnis überraschte: Sie gefiel ihm. Sie strich mit schlanken Fingern über die Karte, stutzte kurz bei der ungewöhnlichen Küstenlinie Grönlands, bis sie schließlich bei einem dieser unbekannten Punkte verharrte: „Was ist das? Auch eine dieser Inseln? An sich dürfte dort doch nichts sein, oder?“

„Gut erkannt, das ist Buss. 1578 entdeckt, kartographiert, nie betreten, verschwunden. Eine sogenannte Phantominsel, die sich bis in das 19. Jahrhundert auf Karten und in Atlanten fand. Es gab sogar Gesellschaften, die Geld für das Recht bezahlten, mit ihr Handel zu betreiben. Da sich während all der Jahrhunderte immer wieder Hinweise auf sie fanden, wurde angenommen, dass sie zwar einmal existierte, aber untergegangen sei.“

„Und, was glauben Sie?“, fragte sie.

„Dass es alles geben kann, an das wir glauben.“

„Glauben sie an Buss?“

„Ich glaube an Mayda“, antwortete Frank lächelnd.

„Dann kann es sie geben“, schlussfolgerte die Journalistin.

Er freute sich über die Vereinbarung, dass die Zeitung über seine Expedition ständig berichten würde. So konnte er mit ihr Kontakt halten.
Sein Ziel, eine verlorene Insel wieder zu entdecken, die umfangreichen Vorbereitungen, Bilder seines Bootes, und die Berichterstattung darüber mit dem Abdruck seiner Karte in der Zeitung, weckten Interesse. Die Eindrücke einer vergangenen fast mystischen Zeit, in der Träume den Weg in die reale Welt fanden, all dies faszinierte die Menschen. Ließ es zu ihrem Abenteuer werden. Er war nicht mehr allein.

Mails, Briefe, Telefonate und persönliche Kontakte und Gespräche verzögerten seinen Aufbruch, aber schließlich war es soweit. Er brach auf, um ein sichelförmiges Staubkorn im Atlantik zu finden, welches seine Position im Laufe der Jahrhunderte um Tausende von Seemeilen verändert hatte. Immer weiter gen Westen wurde Mayda entdeckt, festgehalten und Gegenstand romantischer Verklärung.

Wo er sie suchen würde, war eine häufig gestellte Frage.
Er zeigte dann in Richtung des Meeres. „Dort draußen“, antwortete er.

Nirgendwo ist der Mensch so allein wie in der Weite des Meeres. Denkt man. Frank hingegen fühlte sich, eins mit der Welt. In den überfüllten Städten mit den ihm unbekannten Menschen, die aneinander vorbei rauschten beim Abspulen ihrer Tage, hatte er dies nie erlebt. Und er hatte ja obendrein Antje. Jeden Tag berichtete er per Funk von seinem Leben auf See. Er hatte so viel Zeit wie noch nie in seinem Leben und Gedanken begleiteten seine Fahrt ebenso leicht wie die Fische am Bug seines Bootes.

Nach einiger Zeit auf See ebbte das allgemeine Interesse an seinem Abenteuer ab. Die Welt interessiert sich auf Dauer mehr für die Finder als für den vergeblich Suchenden, es sei denn, der Misserfolg hat so etwas Episches, Dramatisches wie bei Scott, dem Zweiten im ewigen Eis des Südpols. Die Journalistin nahm zwar unverändert Anteil an seiner Suche, doch die Berichterstattung darüber spielte kaum noch eine Rolle in den Medien. Insgeheim fragte er sich, ob Mayda tatsächlich, wie von ihm vermutet, gefunden und wiederentdeckt werden wollte? Sollte er ein Suchender bleiben?

Zu Beginn der fünften Woche zog schweres Wetter auf. Grauschwarze Wolkenberge rollten auf ihn zu und bald hatte ihn die raue See erreicht. Sturmerprobt war er, doch diese turmhohen Wellen machten ihm Angst. Gewaltig ist die See und gewaltig sind die Furcht und die Ehrfurcht, wenn du ihr ausgesetzt bist. In unzähligen Berichten hatte er davon gelesen und versucht es nachzuempfinden, doch erst jetzt begriff er die Macht der Natur und die Zerbrechlichkeit des Seins. Er fürchtete sich und spürte gleichzeitig den Wunsch weiter zu leben, so wie noch nie vorher. Wasser flutete das Deck und große Blöcke trennten sich aus den Wellenspitzen. Sie schlugen auf ihn ein, als ob es Zementsäcke wären. Verzweifelt versuchte er sein Boot vor dem Kentern zu bewahren. Dann passierte es. Plötzlich, unvermeidbar, schrecklich. Er verlor seinen Halt, ging über Bord und wurde sofort auf den Kamm einer riesigen Welle gehoben. Das war der letzte Moment, in dem er sein Boot sah, seine einzige Hoffnung auf Überleben. Mayda, dachte er und Antje, bevor er sein Bewusstsein verlor.

Die Sonne schien ihm ins Gesicht und die See lag still, als er die Augen öffnete und von Möwengeschrei und einem sichelförmigen Strand überrascht wurde. Klamm und nass, beengt in seiner Rettungsweste, genoss er die wärmenden Strahlen. Er stützte sich auf, spürte den feinen Sand an seinen Händen. Silbergrauer Strand, der in einen üppigen Palmenwald überging. Sanfte Hügel, die schützend eine ruhige Bucht umschlossen. Hier wird es alles geben, was er jetzt braucht: Nahrung, Wasser, festen Boden, Hoffnung auf Rettung. Mayda. Er ließ sich auf den Rücken fallen. Die Insel hatte sich durch ihn finden lassen, er schloss die Augen und schlief ein mit dem Gedanken, dass jetzt alles gut werden würde.

Er erwachte in einer Kabine. Der Sicherheitsoffizier, der am Bett des Schiffbrüchigen ausgeharrt hatte, erzählte ihm von seiner Rettung. Als während des Sturms und nach seinem Abflauen Anfragen per Funk unbeantwortet blieben, wurde eine Rettungsaktion eingeleitet, an der sich alle in der Nähe befindlichen Schiffe beteiligten. Obwohl kaum Hoffnung bestand, entdeckte ihn schließlich die Mannschaft der Faith als winzigen, auf dem Meer treibenden, Fleck. „Nicht am Strand einer Insel liegend?“, hakte Frank nach. „Welche Insel?“, lautete die Gegenfrage. „Hier gibt es meilenweit nur Wasser.“ Frank entgegnete nichts. Sein Zustand sei kritisch gewesen, als sie ihn fanden. Später hätte es nicht sein dürfen. Es sei ein Wunder, dass er es überlebt hätte. „Als ob es das Schicksal so wollte“, beendete der Offizier das Gespräch.

Hatte er Mayda gefunden? Es kann alles geben, an das wir glauben. Dieses umherwandernde, sagenumwobene Eiland war für ihn da gewesen. Es wollte gefunden werden, als es zur Geschichte gehörte, seinen Platz im Leben hatte, wenn auch nur, um ihm kurz Hoffnung und Lebensmut zu geben. Weil er an Mayda geglaubt hat. Und er wollte ebenfalls gefunden werden, jetzt wo auch er wieder in die Geschichte zurückkehrt. In das Leben.

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12 Kommentare

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Hallo Ulrich,
eine wunderbare Geschichte, unglaublich gut ge- und beschrieben!
Ich bin begeistert. Dein sprachlicher Ausdruck gefällt mir sehr:
"...die Zerbrechlichkeit des Seins..." grandios.
Danke, dass ich auf dieser Reise dabei sein durfte!
  • 02.10.2016, 19:18 Uhr
  • 1
Vielen Dank Inga!
  • 03.10.2016, 10:22 Uhr
  • 1
  • 03.10.2016, 12:17 Uhr
  • 1
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Sehr schön beschrieben ... die eigene versunkene Insel suchen gehen und seinen Schatz heben ! Wohl dem, dem es im Traum gelungen ist , denn zuerst gebiert sich die Idee !
  • 26.09.2016, 22:08 Uhr
  • 1
Danke schön Susanne. Das stimmt, am Anfang steht die Idee.
  • 03.10.2016, 10:23 Uhr
  • 0
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Zitat: „. Nicht alles Erkennbare schwimmt an der Oberfläche.“
aus deiner Geschichte. Und so las ich sie mehrmals um in die Tiefe zu gelangen.
Eine Geschichte voller Satzinseln, die Impulse zum Nachdenken geben. Für den Ungeduldigen bei der Fülle von Informationen schwierig. Für den der Tauchen gelernt hat die Chance einen Schatz zu heben.
Gefällt mir sehr – auch weil in meiner Kindheit und Jugend Marco Polo einen wichtigen Platz einnahm.
Danke Ullrich
  • 22.09.2016, 08:19 Uhr
  • 2
Liebe Margarethe, vielen Dank für die Rückmeldung. Nein, es ist wohl keine Geschichte für nebenbei. Ich wollte auch mal etwas vielschichtigeres schreiben. Obwohl ich auch einfach gern unterhalte mit meinen Geschichten. Es freut mich daher sehr, dass es bei Dir so angekommen ist und nachhaltig ist. Danke!
  • 22.09.2016, 08:36 Uhr
  • 1
Ich kann nicht anders
  • 22.09.2016, 08:55 Uhr
  • 1
@ Margarethe: Du sprichst mir aus der Seele!
  • 02.10.2016, 19:19 Uhr
  • 1
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Schiffbruch erleiden, auf hoher See allein, und trotzdem gerettet werden. Ein in sich geschlossenses Bild. Ein Bild, das nun weiter wandert, diesmal in meinem Gedächtnis.
Danke für den Beitrag, Ulrich
  • 22.09.2016, 00:48 Uhr
  • 1
Das freut mich Edith.
  • 22.09.2016, 07:54 Uhr
  • 1
  • 22.09.2016, 21:21 Uhr
  • 0
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