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WIZE.LIFE & die Kultur der Sprache

WIZE.LIFE & die Kultur der Sprache

15.10.2016, 13:49 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

Kurt Tucholsky sagte einst: Die Sprache ist eine Waffe, haltet sie scharf! Das Volk der Dichter und Denke im 21. Jahrhundert – der Teil, der sich bei wize.life vergnügt und sich dort gerne Silver Surfer nennen lässt, der hat Tucholsky nicht gehört. Ihre Sprache ist die einer stumpfen, schartigen und verrostetem Waffe, ähnlicher einem Eisenknüppel denn einem Schwert.

Doch auch dort ist klar, wir können uns, wenn es darauf ankommt, trefflich ausdrücken. Wissen wir doch, dass so manches geflügelte Deutsche Wort unserer Geschichte Weltruhm erlangt hat. "Arbeit mach frei" zum Beispiel. Oder "Juda verrecke". Das werden wir doch nicht vergessen. Aber um so richtig loslegen zu können, hätten selbst die Nationalsozialisten von unserem heutigen Möglichkeiten eifrig lernen können. Etwas hat uns zurück gestoßen, in das dunkle Jahrhundert geifernder Massen, dorthin, wo es ganz primitiv gilt, sein Gegenüber ohne jede Scham nieder zu machen. Der Beweis dafür ist unser Umgang mit unserer Sprache, nicht eingesetzt zum Verstehen oder zum Kommunizieren, sondern um verbal die übelsten Begriffe zu verwenden, das Gegenüber in eine Ecke zu treiben, aus der es nach Möglichkeit nicht wieder aufstehen soll. Bereits in jungen Jahren als Mobbing erlernt, mutiert dieses Verhalten im Laufe eines Lebens zum Abschaum, der seine Anwender wieder spiegelt. Es wird täglich geübt, sich und andere noch zu übertreffen in der Verwendung von Ausdrücken und Begriffen, deren Bedeutung am Ende dort ankommt, wo sie beim Werden der Menschen einst angefangen haben: Ein Grunzen oder Fauchen reicht dann vollkommen aus.
Dieser Umgang lässt sich dort am sichersten ergründen, wo jeder einmal so richtig unerkannt sein Loch unter seinem Riechorgan öffnen kann. Dort, wo jeder niederschreiben darf, was ihm gerade einkommt und worauf eine wirkliche Reaktion nicht zu befürchten ist: In den Armen des WWW, besser auf einem der sogenannten Social Networks die so sozial sind, wie die hintersten Ecken des Raubtierkapitalismus und am besten bei wize.life, dieser Community, deren neuer Namen ein Kunstbegriff ist, der sich nett anhört, aber keineswegs weise bedeutet....

Denn genau an dieser Stelle wird der Dreck der Sprache aufgewühlt, durch Unrat gezogen und den Lesern um die Ohren geschlagen. Nicht immer deutlich, aber immer abgefeimt mit einem Maximum an Haltlosigkeit. Ein User, der Dich am Morgen mit folgender Notiz beglückt, hat vielleicht nur schlecht geschlafen oder einen Pups quer stecken: "Heute grüße ich mal ausdrücklich alle Dummbeutel, Stänker Susen, Ekelweiber, Hühner, Laber Heinis, Dummschwätzer, Dreiecker, Melde Gretels, Blödmänner, Hohlköpfe und Wahnsinns-Dämchen..."

Aber was ist ihm wohl hier passiert – und was will er überhaupt zum Ausdruck bringen, wenn er Minuten später postet: "….. hier wurde ein armes schwarzes Asylantenkind von einer Dachlawine verschüttet dank der Farbe konnte es im schönen weißen Schnee blitzschnell gefunden werden, Eltern und Nachbarn haben mit Rotwein, Schwarzbrot und Weißbier solange die Rettung gefeiert, bis auch das letzte Kind sturzbesoffen war!!!"

Das ob solchen Vorgehens gleich jemanden die Frage einfällt, " … ob es eigentlich kein Spritzmittel gegen volksfeindliche Politiker, so wie gegen Kartoffelkäfer u.a. gibt?" Volksfeindliche Politiker? ….. nein, er oder sie meint Politiker die ihm/ihr nicht passen, gegen die sollte das Spritzmittel zur Anwendung kommen, nach dem hier schein- und hinterhältig gefragt wird. Und wie weit ist denn der Schritt, vom abzuspritzenden Politikern zu der klaren Ansage: "Ja, ich werde meine Migranten auch alle abstoßen, wenn die am Markt nix bringen." Nicht sehr weit, und sich vorzustellen, was wohl mit diesem Anstoßen gemeint ist, erzeugt Gefühle, die niemand haben sollte. Denn solcher Rohheit folgt doch die User-Annahme: "Vielleicht sollte man mit Adolf in spirituelle Verbindung treten, der könnte sie ja dann alle weg zaubern" auf dem Fuße. Oder eben der etwas modernere Vorwurf: "Ihr werdet die ersten Mullahs in Deutschland mit einem Hackebeilchen in der demokratischen und toleranten Scharia-Hand … "
Na denn, dass hört sich doch wahrlich nach dezidierten Argumenten an und niemand will wirklich bezweifeln, dass hier nur jemand seinem Herzen Luft macht, dem Muslime in Deutschland nicht so sehr willkommen sind.

Als ich in Zusammenhang mit dieser Muslim-Angst den Fehler gemacht habe, argumentativ zu antworten, wurde ich kurz und bündig abgeschmettert: "Es würde zu dir passen, wenn du deinen Enkeln schon heute erklärst, warum sie später einmal, wenn sie eine Behörde aufsuchen, von einem KANAKEN abgewiesen werden. Menschen deiner Sorte führen uns auf dem sozialen Weg ins Verderben. Weiter so, du musst das nicht ausbaden, du liegst dann auf dem HELDENFRIEDHOF in Arabien. Dann lieber BRAUN". Was bleibt denn, wenn Du das liest? Hilflosigkeit? Wut? Zorn? Oder Erstaunen über so viel Debilität in einem eigentlich erwachsenen Hirn? Weder noch. Das hilft alles nicht und das rettet auch nicht. Du kannst vielmehr lesen, dass der Kannibale in uns fröhliche Wiederauferstehung feiert, allerdings ganz speziell gefüttert werden möchte: " … und hier das Rezept: 30 Kg Syrier Oberschenkel, 1 Kg syr. Hirnwurst, 2 syr. Landeier plus eine syr. Zunge. 100 g Salz, 500 g Pfeffer....und das ganze gut durch den Fleischwolf gedreht. Dann ganz frisch servieren Merkel & Konsorten.....damit die wissen wie Scheiße schmeckt. Schönen Abend noch "
Ein anderer versucht sich gar in moderner Lyrik, allerdings nicht weniger primitiv: "Islam isst was Feines, Islam isst Bananen, islam isst Kinder, Islam opfert Kinder, Islam frisst Scheiße. Danke, nicht mit mir, heil **PEG Ida**"
Dass der Autor des folgenden Satzes nun wirklich keine Ahnung von Biologie, Fortpflanzung oder Zucht hat, möchte ich ihm nachsehen, er ist ja auch sonst nicht sehr schlau. Aber wir sollen begreifen, was er meint, wenn er schreibt: "Natürlich gibt es Halbislame - es gibt ja auch MULIS - da hat wohl auch son Muselmann dran rumgeferkelt,-und wer trinkt nun den Whisky ?"

Und wenn all der Schmutz, all der Müll und alle diese unsäglichen Begriffe der Analautoren nichts genutzt haben, dann wird es anders versucht, dann wird gedroht, in der Hoffnung, dass einer von den eher Ängstlichen dann eh lieber verschwindet, als sich solches immer wieder anzuhören: "… Die werden nun erst mal demnächst unverhofften Besuch bekommen, dann merkt dieser Oberpapagei erst mal was heißer Dampf ist! bin mal gespannt, ob die dann immer noch so große Mäuler dabei haben! Die sind schon wegen Ihrem Gehetze einschlägig bekannt! Nur Frau Brille ist eine Mitläuferin die denen nicht gewachsen ist! Wenn Du möchtest, kann ich dir ja mal dann die Ergebnisse mitteilen! Aber dann unter PN. " Da bleibt richtig erholsam, wenn einer einfach nur auf Viertklässler-Niveau geifert: "Spielt Ihr Euch gegenseitig an den Pissern, dass Ihr Ergüsse bekommt oder sind das wieder Verwirrungen?"

Und so, wie ich mit einem Satz Kurt Tucholskys über die Deutsche Sprache begonnen habe, schließe ich hier mit einem von Karl Talnop: An der Veränderung der Sprache kann man den Wechsel des Charakters einer Gesellschaft erkennen.

10 Kommentare

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Wer erstmalig Kontakt bekommt mit dem hier treffend beschriebenen Unrat - oder sollte man vielleicht besser schreiben: Unflat - . dem könnte wirklich vor Ekel schlecht werden. Sprache, Worte, Bilder, etc. entstehen im Gehirn, in den dafür zuständigen Zentren. Was müssen das für Hirne sein, denen eine solche 'Sprachjauche' entspringt?

Genau betrachtet sind es ja nicht die benutzten Wörter, die für den unsäglichen Sprachmüll verantwortlich sind, sind es doch - abgesehen von einigen wenigen besonders ekelhaften eigenen Wortschöpfungen der Nutzer - die gleichen Wörter, die uns in Dichtung und Literatur höchstes Vergnügen bereiten können. Man kann, ja, man muss wohl, von einem eklatanten Missbrauch der Sprache sprechen, des Instrumentes, welches uns Menschen vom Tier unterscheidet. Es sind böse und unflätige Gedanken, die böse und unflätige Sprache hervorbirngen. Offenbar gibt es auch eine Wechselwirkung in umgekehrter Richtung: böse Sprache produziert auch böse Gedanken.

Wenn Tucholsky von der Sprache als Waffe spricht, die es scharf zu halten gilt, so kann er damit nur gemeint haben, dass wir sie nutzen können uns sollen, um uns zu schützen und zu wehren gegen die ekelhafte Drecksflut, die uns aus den oben erwähnten Quellen entgegenschwappt. Doch sollten wir uns davor hüten, Unflat mit eigenem sprachlichen Unflat bekämpfen zu wollen. Das würde den Ekelfaktor nur noch erhöhen.
  • 16.10.2016, 12:56 Uhr
  • 1
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Sprache ist etwas wunderschönes, mit der sehr kreativ wunderbares geschaffen werden kann - wenn man das Talent dazu hat.

Sprache kann aber auch sehr zerstörerisch sein, wenn man sie kreativ zerstörend verwendet - auch das braucht ein gewisses Talent.
Das Problem ist - aus der zerstörenden Sprache können zerstörende Taten werden.
  • 16.10.2016, 12:17 Uhr
  • 0
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Irgendwo zwischen dem alten Fritz,
"In meinem Lande soll jeder nach seiner façon glücklich werden",
und dem jungen Willhelm II.
„Kommt ihr vor den Feind, so wird derselbe geschlagen! Pardon wird nicht gegeben! Gefangene werden nicht gemacht! Wer euch in die Hände fällt, sei euch verfallen! Wie vor tausend Jahren die Hunnen unter ihrem König Etzel sich einen Namen gemacht, der sie noch jetzt in Überlieferung und Märchen gewaltig erscheinen läßt, so möge der Name Deutscher in China auf 1000 Jahre durch euch in einer Weise bestätigt werden, daß es niemals wieder ein Chinese wagt, einen Deutschen scheel anzusehen!“
bewegt sich mein Deutschland im Geiste, seit langer Zeit.

Als Demokraten, als Humanisten, lassen wir uns nicht schrecken, von der kollektiven Dummheit jenes geistigen Lumpenproletariates, dass in seiner unwissenden Niedertracht, gefühlsmäßig zwischen Pogrom und Scheiterhaufen einher torkelt, und die Blase seiner niedersten Instinkte an jedem Eckstein dieser Republik erleichtert.

Arbeitermarseillaise

"Der Feind, den wir am tiefsten hassen,
der uns umlagert schwarz und dicht,
das ist der Unverstand der Massen,
den nur des Geistes Schwert durchbricht!"
  • 16.10.2016, 07:32 Uhr
  • 3
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Gut geschrieben Mike
  • 16.10.2016, 07:00 Uhr
  • 1
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Toll geschrieben Mike. Deine Zitate wären wirklich ein Grund, sich hier abzumelden.
Mir graust....
  • 16.10.2016, 06:39 Uhr
  • 1
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Ach, Menno, Mike....jetzt komme ich grad' zurück von einer ganz wunderbaren Party mit liebsten Freunden in HAM...und muß dir zu deinen Ausführungen auch noch recht geben....dammich aber auch !!
  • 16.10.2016, 03:52 Uhr
  • 2
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ob jemals der Tag kommt an dem es mich nicht mehr entsetzt was sie mit meiner Sprache machen. Unabhängig von ihren Aussagen die für sich schon unbegreiflich sind...
  • 15.10.2016, 20:16 Uhr
  • 2
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Ja die deutsche Sprache welche sie doch so gerne erhalten wollen, genau wie die deutsche Kultur....diese Sprache und und diese Kultur ist nicht die meine und gilt für mich zum Aussterben frei gegeben.
Das diese jedoch nach 70 Jahren wieder ausgebuttelt wurde erschreckt mich zusehens.
  • 15.10.2016, 15:09 Uhr
  • 2
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Schön gepfeffert, prächtig gesalzen, akribisch gesammelt (alle von hier? Mich schüttelt's...) und fein aufbereitet, gut gemixt und gerührt--nicht (!) geschüttelt....:
Ein echter Biedermann-Cocktail.
Mit Genuss gelesen.

  • 15.10.2016, 14:54 Uhr
  • 3
Alle von hier, sicher. Sonst würde ich sie nicht so aufbereiten
  • 15.10.2016, 14:56 Uhr
  • 3
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