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Endlich ein Ende

Endlich ein Ende

04.11.2016, 15:53 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

Endlich ein Ende

Mit schleppenden Schritten trottete er die verwaiste Landstrasse entlang.Schon länger ging alles nicht mehr so leicht wie früher ... sein Herz hatte sich auf einmal nach der Heimat gesehnt und lange hatte er dieses Ziehen und Krampfen in seinem verstummten, wie gelähmten Herzen nicht mehr verspürt.
Die letzten braun- bronzefarbenen Blätter wehten von den schwarzastigen, nassen Bäumen und der aufgekommene Nebel machte ihm das Atmen schwer. Scharen von Dohlen kamen von allen Seiten mit schwarzblauem Gefieder durch die tief hängenden Wolken geflogen und verkündeten mit lautem Gekrächze das Vergehen des Jahres. Er war stehengeblieben, hob das müde, gealterte und verwitterte Gesicht und blickte unter buschigen Augenbrauen in den verschleierten grauen Himmel. Wie lange hatte er das nicht mehr erlebt und gehört; ja , hier, in dieser Gegend hatte er seine Jugend verbracht. Fast beschämt sah er an sich hinunter.... der geflickte, alte, speckige Mantel,... die schief abgelaufenen,derben Schuhe und die zu kurzen, langen und fadenscheinigen Hosen,... er strich sich über den langen, fast weissen Bart... - was sie ihm wohl sagen und benennen wollten, wenn er ihnen so vor die Augen kam, nach all den Jahren ??..... Die Sehnsucht aber war grösser als seine Furcht und liess dieses leise, innere Flüstern verstummen.
Bald würde es dunkel werden, und er hatte noch immer keinen Platz gefunden, wo er hätte nächtigen können. Erschöpft setzte er sich auf einen Baumstumpf, nahm den fleckigen Rucksack ab und holte etwas Brot und einen unansehnlichen, schrumpeligen Apfel heraus. Mehr hatte er heute nicht zum Nachtmahl. Mit dem Taschenmesser schnitt er Scheibchen für Scheibchen ab und blickte in die unwirklich erscheinende Landschaft ... er suchte nach etwas Bekanntem, aber der Nebel war zu dick. Er wischte die Klinge an seiner Hose ab, packte das Messer wieder in den Rucksack, und wickelte sorgsam das restliche Stückchen Brot in Zeitungspapier. Der Rücken tat ihm weh und die wunden Füsse schmerzten schon lange. ' Nur ein Weilchen noch ', dachte er, stützte sich mit beiden Händen auf seinem Stock ab und legte das Kinn darauf. Wenn er nur schon da wäre, und das einsame Umherwandern endlich ein Ende fände, - und während er darüber nachsann, was er im Dorf wohl vorfinden würde, war er schon eingeschlafen.
Immer dichter wurde der Nebel und man sah kaum mehr als zwei Meter weit - da tauchte eine ältere Frau in Gummistiefeln, einem dicken Pullover unter dem gemusterten Hauskittel und einem Kopftuch durch die Nebelschwaden auf. Ratternd zog sie einen alten Bollerwagen hinter sich her, bestückt mit Hacke und Spaten, einem Korb voll Schlehen und reichlich Grünkohl. Der erste, ordentliche Frost war schon darüber gegangen und sie freute sich auf den Markttag, der ihr ein kleines Zubrot versprach.
Fast erschrak sie, als wie aus dem Nichts plötzlich der zerlumpte, alte Mann neben ihr auftauchte, der schlafend auf einem Baumstumpf sass. Etwas misstrauisch beäugte sie die wallenden, langen, weissen Haare, die unter der Mütze hervorquollen und den langen Bart, der ihn immer mehr wie eine Märchengestalt wirken liess. " Du meine Güte; man könnte glauben, der Eisenhans sitzt vor einem", murmelte sie und zog ihn vorsichtig am Ärmel.
" Hören Sie mich ? Geht es Ihnen gut ?! Der Abend wird wieder Frost bringen, - Sie können sich ja den Tod holen, hier draussen !! Aufwachen, hören Sie doch !", rief sie und zog ihn energisch und hartnäckig weiter am Ärmel. Schlaftrunken hob er den Kopf und murmelte :
"Jetzt bin ich doch tatsächlich eingeschlafen. Gute Frau, wie weit ist es noch bis zum nächsten Dorf ? Ich war Jahrzehnte nicht mehr hier und der Nebel nimmt mir jede Sicht". Ungläubig starrte sie in sein Gesicht. Sie schlug sich die Hand vor den Mund und rief : " Jössas, - Hannes ??!! Ich bin's, die Gundi !" Jetzt sass er aber aufrecht- und jedes der unzähligen Fältchen in seinem Gesicht schienen mit den weit geöffneten Augen um die Wette zu strahlen . " Ich hatte schon befürchtet, ich träume noch ! ", rief er, " ja, ich bin's , der Hannes ! Die Gundi !" und umarmte die alte Freundin. Verlegen stand er vor ihr, als er die musternden Blicke bemerkte. " Komm, jetzt gehst mit mir erst mal nach Haus - der Bertel wird Augen machen, wen ich da mitgebracht hab !" Die Schmerzen im Rücken bemerkte er kaum noch, als er neben ihr herging und sie ihm plaudernd erzählte, was sich in den Jahren alles verändert hatte .
Und als er in der warmen Stube vor dem Bertel stand und so freudig begrüsst wurde, fiel alle Sorge von ihm ab.
Beim Abendbrot in der alten, gemütlichen Bauernküche und dem prasselnden, offenen Herdfeuer gab es viel zu erzählen und ein Gläschen Wein löste schliesslich auch Hannes' Zunge ; er berichtete leise, wie es damals zu seinem plötzlichen Aufbruch und der langen Wanderschaft kam. Das alte Paar nickte und konnte sich noch gut an die leidvolle, bittere Zeit erinnern, als dem Hannes Frau und Kind am Kindbettfieber gestorben waren.
Bertel hob den Kopf, blickte seine Frau an und sagte :" Was meinst, Gundi, - das Knechthäuschen steht doch leer - wir haben doch Platz für unseren alten Freund ". Sie nickte und meinte, dass er gerne bleiben durfte . " Es ist halt alles sehr einfach gehalten, auf unserem kleinen Hof ... aber es gibt noch den alten Ofen in der Knechtstube. Was sagst du dazu, Hannes ? Etwas Hilfe können wir hier schon brauchen !"
Hannes konnte es kaum fassen ... wie sehr er sich etwas in dieser Art gewünscht hatte, - verlegen strich er sich über den Bart. Erleichtert und befreit atmete er auf und nahm Gundi's kleine Hand in seine Hände. Tief gerührt blickte er sie an. " Ich danke dir, Gundi - das bedeutet mir sehr, sehr viel. Gern, so gern möcht ich bleiben !"
Und als er im Dunkeln auf seinem frisch bezogenen Bett in der warmen Knechtstube lag und dem Ticken der alten Standuhr lauschte, dachte er noch einmal über alles nach. Nach all den schlimmen Jahren hatte es tatsächlich ein Ende gefunden . Endlich durfte er von Neuem beginnen, endlich war er wieder in seiner alten Heimat angekommen. Und sogar wie im eigenen, kleinen Häuschen - was für ein grosses Glück, dieses Ende !

Copyright Susanne Hagan

17 Kommentare

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sehr schoen , danke
  • 13.11.2016, 12:33 Uhr
  • 1
Danke auch dir !
  • 13.11.2016, 14:08 Uhr
  • 0
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Wundervoll hast Du die spätherbstliche Natur beschrieben!
Die Geschichte ist mitreissend, menschlich und warm, sie gefällt mir sehr gut. Wenn nur immer alles so gut für die Menschen ausgehen würde, die Hilfe brauchen, dann wäre die Welt ein besserer Ort...
  • 07.11.2016, 11:49 Uhr
  • 1
Gedanken bewegen und formen die Welt ... der gute Ausgang war mir ein Bedürfnis ! Wie man manchmal wie zur rechten Zeit am rechten Ort sein kann, fasziniert mich und wahrlich .... manchmal auch hin anstatt wegsehen wäre doch ein Anfang dahin, in die bessere Welt! Ganz herzlich Dank !!
  • 07.11.2016, 14:43 Uhr
  • 0
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Ich schließe mich allen "Vor-Kommentatoren" an. Du hast mich mitgenommen auf diesen Heimweg des alten Hannes.
  • 07.11.2016, 10:08 Uhr
  • 1
Es war mir ein Vergnügen, liebe Marga ! Ganz lieben Dank !
  • 07.11.2016, 14:45 Uhr
  • 0
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Sehr schöne Geschichte und gut geschrieben.
Das Ende der Geschichte gefällt mir gut, denn es hätte auch anders sein können. Danke.
  • 06.11.2016, 18:13 Uhr
  • 1
Ganz lieben Dank, Lina !
  • 06.11.2016, 21:47 Uhr
  • 0
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Wie immer ist die Geschichte gefühlvoll (und anrührend) erzählt. Ich schließe von der Geschichte auf den Charakter der Autorin – das macht sie mir sympathisch. Ich , der gerne doppelbödig schreibt, hätte die Begegnung mit Gundi und Bertel in einen Traum gefasst, und dann findet man Hannes am nächsten Morgen erfroren an der Straße. Das nimmt der Geschichte etwas von ihrer überbordenden Emotionalität, wozu auch die vielen Adjektive beitragen. Teilweise sind sie redundant: einer der trottet, geht eher schleppend, ein müdes, verwittertes Gesicht ist in der Regel alt, ebenso wie der geflickte, speckige Mantel. Und die „alte, gemütliche Bauernküche“ – statt dies zu sagen könnte man die Bauernküche beschreiben und die Gemütlichkeit im Kopf des Lesers entstehen lassen. Der Titel: „Heimkehr“ würde mir gefallen, wie immer diese auch ausfallen mag.
  • 06.11.2016, 10:01 Uhr
  • 1
Hier wurde ein Kommentar durch den Ersteller entfernt.
Ich spielte mit dem Gedanken bereits, wie du schon dachtest, .... nee, ich konnte einfach nicht ! Um mich herum sind in den letzten Jahren so viele zu früh " gegangen ", den einen musste ich retten ! Kann aber schon doch einmal sein ... , jedenfalls vielen Dank ! Wie immer binich total dankbar über deine Kritik ! Liebe Grüsse und dir einen schönen Abend, lieber Helmut !
  • 06.11.2016, 18:13 Uhr
  • 0
Hannes ist doch angekommen, wäre also nicht "zu früh" gegangen, sondern mit der Erfüllung seiner Sehnsucht. Der Dramaturgie hätte das sehr gut getan. Tipp (ist nicht von mir): Alle Adjektive streichen - waren sie notwendig oder kann man sie durch Bilder /Metaphern ersetzen?
Der Abend war ruhig; die aktuellen Umstände verlangen nach Entspannung. Danke für die Grüße und lg zurück
Helmut
  • 06.11.2016, 22:27 Uhr
  • 1
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Ja, Susanne, so einen Ausgang wünscht sich wohl jeder. Doch nur wenige werden das auch finden. Schön, dass Du ein so rührendes Motiv für seine Wanderschaft gefunden hast.
Danke für Deine Geschichte.
  • 05.11.2016, 21:32 Uhr
  • 1
Dankeschön, Edith !
  • 06.11.2016, 08:06 Uhr
  • 1
Bitte mach weiter so.
  • 06.11.2016, 12:27 Uhr
  • 1
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Susanne,
es war wie ein Film. Du hast es so bildhaft erzählt und ein passendes Foto als Einstieg gewählt. Eine wunderbare Erzählung
  • 05.11.2016, 15:28 Uhr
  • 2
Wie schön, vielen Dank, Margarete ... es gibt ihn wohl, irgendwo da draussen - zumindest "sah" es so aus !
  • 05.11.2016, 18:16 Uhr
  • 1
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