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Der Stadtanzeiger

Der Stadtanzeiger

14.12.2016, 18:27 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

Der Stadtanzeiger

Karsten räumt seinen Schreibtisch auf. Der Computer wird auch ausgeschaltet.
Ehrenamt ade; jetzt ist es genug. Seit 20 Jahren ist er Redakteur des kostenlosen Anzeiger der kleinen Stadt. Alle 14 Tage kann man dieses sechs Seiten umfassende Blättchen aus den Geschäften der Stadt mitnehmen. Ein Jahr hat er trotz sich mehrenden kritischen Stimmen, nach seinem 80. Geburtstag noch weiter gemacht. Gestern erhielt der Bürgerverein seine schriftliche Kündigung. Es wird in der Versammlung am Samstag einen kleinen Aufstand geben. Alle Vorstands Mitglieder wissen wie viel Arbeitszeit diese Aufgabe erfordert. Ob sie einen neuen Enthusiasten finden werden ist noch fraglich.

Es ist Samstag Abend. Der Bürgerverein tagt im Neuen Krug. Karsten Bröker sitzt auf seinem gewohnten Platz und hört mit verschmitzten Grinsen den aufgeregten Stimmen seiner Vereins-Genossen zu. Wilhelm Kaiser, der erste Vorsitzende bittet um Ruhe und sagt: „ Wir alle bedauern, dass Karsten nicht mehr zur Verfügung steht. Wer meldet sich freiwillig und übernimmt den Stadtanzeiger? Ihr alle habt schon Artikel über Events der anderen Vereine geschrieben und an Karsten weiter gereicht. Von dir Jürgen, er schaut sein Gegenüber an, hörte ich kürzlich, dass dem Blättchen die Würze fehlt. Es müsste lebendigere und aufregendere Artikel enthalten. Was meinst du – jetzt hast du auch das Rentenalter erreicht und mehr freie Zeit. Willst du die Regie übernehmen?“ Der Angesprochene, ein pensionierter Lehrer lief rot an. Natürlich ahnte er schon, dass er der geeigneteste Kandidat war. Wie konnte ihm nur der dumme Fehler unterlaufen. Der Gedanke von der fehlenden Würze hätte nie laut ausgesprochen werden dürfen.
Das Ergebnis dieser Versammlung stand schon vorher fest. Jürgen Hochstadt wurde einstimmig gewählt. Eine Ablehnung hätte seinem Image sehr geschadet. In Zukunft ist er für den Stadtanzeiger verantwortlich.

Die Leser merkten zunächst nicht, dass ein Wechsel des Redakteurs statt gefunden hatte. Nach und nach schauten sie genauer hin. Das kuhle Zitat neben dem Hauptartikel auf der ersten Seite fehlte. Auf Nachfragen hörten sie dann: „Diese Sprüche waren eine Spezialität von Karsten Bröker. Sie passten stets genau zu dem Thema. Wenn Lehrer Hochstadt an der Stelle besser sein will, muss er sich bald etwas einfallen lassen.
Einige Insider hatten über die „fehlende Würze“ schon gegrinst. Was steht denn in einer kleinen kostenlosen Zeitung? Veranstaltungen des Sportvereins, des Gesangvereins, der Feuerwehr und der Kirche. Geburtstage der über 70 Jährigen und immer wieder Werbung. Wie wollte der Besserwisser diese Beiträge interessanter gestalten?

Zwei Monate später ist es so weit. Der Anzeiger berichtet zum zweiten Mal über dasselbe Ereignis. Damals verkaufte der Bürgermeister ein kleines Grundstück, welches direkt am Wald lag, an einen Anlieger. Voller Empörung bemerkten die Bewohner der Siedlung viel zu spät dass ihr, seit 5o Jahren benutzter Zugang zum Wald eingezäunt und mit einem eisernen Tor gesichert wurde. Bröker berichtete im Anzeiger von einer Unterschriften Sammlung, die mit einer Klage beim Gericht eingereicht wurde. Neben diesem Artikel, der in der Advents-Zeit erschien stand: „Macht hoch die Tür, das Tor macht weit.“

Nun ist die Klage wegen Geringfügigkeit abgewiesen worden. In der schriftlichen Erklärung wurde auf einen 100 Meter entfernten Weg hingewiesen, mit der Bemerkung, dass jeder Jogger oder Spaziergänger diesen Umweg benutzen könnte. Jürgen Hochstadt versucht auf der ersten Seite die Leser zu beruhigen. Dann fällt ihm ein, wie er auf seine Art diesen Bericht würzen kann. Leonie, seine 15jährige Enkelin malt manchmal sehr schöne Tier Karikaturen.
Die nächste Ausgabe des Stadtanzeigers bietet viel Gesprächsstoff. Auf der ersten Seite neben dem Leitartikel sieht man ein großes eisernes Tor, hinter dem zwei Wölfe mit übergroßen Zähnen im Wald lauern.
Oh je, hoffentlich ist das nicht zu viel Würze. Will jetzt noch jemand im Wald spazieren gehen?

Copyright: M.K.

Jede Ähnlichkeit mit lebenden Personen ist rein zufällig

3 Kommentare

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Marga,
als ich bei der Würze angekommen war, habe ich spontan gelächelt.
Das hat mir sehr gefallen wie du das Thema umgesetzt hast.
Eine Geschichte die Anreiz gibt über das Ehrenamt nachzudenken. Vielleicht wird das ja einmal das Wort eines Monats.
Es ist wie mit dem Salz, das mit der Zeit fad wird...
Klasse
  • 19.12.2016, 07:55 Uhr
  • 1
Danke Margarethe, wenn man aufmerksam Zeitung liest kann man manchen Beitrag weiter spinnen und das macht dann Spaß. Liebe Grüße und ein frohes Weihnachtsfest.
  • 19.12.2016, 14:37 Uhr
  • 1

Ja das wünsche ich dir auch.
Eine schöne Weihnachtszeit mit vielen guten Ideen
  • 19.12.2016, 16:59 Uhr
  • 0
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