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Die Würze des Sonnabends

26.12.2016, 15:41 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

Die 10:00 Uhr-Maschine von Tegel nach Malle donnerte gerade über das Westfälische Viertel. Höchstens neunzig Meter hoch war sie. Harold tobte rum und fuchtelte mit den Armen. Stefanie musste lachen, denn die Worte stoben davon wie die Spatzen, die er damit verschreckt hatte.
„Mir ist der Appetit vergangen, Stefanie, danke schön!“, brüllte Harold.
Sie riet seine Beschimpfungen mehr, als sie sie hörte. Als der Flieger endlich über das Viertel hinweggeflogen war, vibrierte noch die Luft. Wie durch dicke Watte hörte sie Nachbars Hunde kläffen und Vogelgeschrei. Jetzt drehte er sich wieder zu ihr um. Seine Lippen formten tonlos „bite me“. Die Worte dröhnte in ihren Ohren.
„Du Mistkerl! Idiot! Scumbag!“, schrie Stefanie und warf ihm den Spüllappen hinterher. Der klatschte aber nur an die Scheibe und zog eine fettige Spur. Wütend heulte sie auf.
„Thank you for the meal, you dopey cow!“, rief er noch im Gehen. Ihr war noch immer, als dichteten Ohrstöpsel den Kopf ab. Aber sie wusste, dass er fluchte. Das kam in letzter Zeit öfter vor.
Verdammt noch mal, warum kochte Harold nicht selbst? Stefanie stieß einen Wutschrei aus. Es war doch schließlich seine Schwester. Aber wenn die sich mit ihrer Familie ansagte, tauchte Harold in letzter Zeit lieber in seine Stammkneipe ab und verflüssigte das Haushaltsgeld. Und um einen Grund zu haben wutschnaubend abrauschen zu können, bastelte er sich dann gern einen handfesten Ehekrach. Ja, ihr Harry! Wenn Elaine und ihre Truppe irgendwann spätabends wieder abgezogen waren, kam Harold Champion wieder angeschlichen wie ein streunender Kater und wollte ins Körbchen. Da war also was im Busch. Nur was, das sagte er nicht. Das nervte.

Die Familie von Elaine Sieper war ja auch nicht immer die reinste Freude. Schmierten auf alles Ketchup drauf – egal, ob Stefanie stundenlang für den Braten in der Küche gestanden hatte oder ein Stück gesottene Spanplatte servierte. Die stopften sich alles rein und spülten mit Bier oder Cola nach. Charly rülpste dazu leise und grinste verlegen. Fertig, aus.
Stefanie überlegte. Vielleicht sollte sie den Sieperschen Geschmacksknospen diesmal ein bisschen auf die Sprünge helfen. Der Gedanke gefiel ihr! Sie nahm die Spüliflasche, drückte die grüne Seife heraus und rieb das Bratenstück damit dick ein. Ja, so war es gut. Kochen konnte doch richtig Spaß machen!
Dann schnitt sie das Fleisch in gleichmäßige, fingerdicke Scheiben und legte es in eine feuerfeste Form. Jetzt noch ein Lorbeerblatt und ein paar Wacholderbeeren, ein bisschen Pfeffer und Salz. Hups, da kam etwas viel! Aber egal. Noch war das Meisterwerk nicht vollendet. Im Kühlschrank fand sie Inspiration. Dort im Butterfach wohnten seit längerer Zeit zwei halbvolle, zerknautschte Tuben: Harissa und abgelaufene Sardellenpaste. Beide zusammen ergaben ein hübsches Zopfmuster auf dem Fleisch, das sie noch mit zusammengefegten Liebesperlen aus der Backzutatenkiste dekorierte.
Zufrieden betrachtete sie ihr Kunstwerk von allen Seiten. Ein paar Mandelblättchen noch hier und da und dann ab in den Ofen damit.
Schon bald blubberte eine grüne Soße rund um das kunstvoll dekorierte Fleisch. Halt! Nicht zu viel Temperatur, lieber ein paar Minuten länger. Es sollte ja schön saftig sein. Dazu passte frisches Weißbrot und grüner Salat.

Schade, dass Harold zum Essen nicht da sein würde.

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2 Kommentare

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Hallo Astrid, da ist dir aber eine gemeine Würze eingefallen. Wahrscheinlich nur im hintersten Stübchen deines Gehirns. Mir wäre das Fleisch ja zu schade für den Mülleimer.
Gutes Neues Jahr wünschet dir Marga
  • 27.12.2016, 10:35 Uhr
  • 1
Hahaha, ja. Aber eigentlich ist Stefanie ein ganz Liebe. Schon zwei Kapitel später tut ihr das leid und sie will losziehen, um etwas anderes zum Essen zu besorgen. Allerdings kommt ihr da was dazwischen

Ich wünsche dir auch einen guten Rutsch und ein frohes neues Jahr!
  • 27.12.2016, 10:39 Uhr
  • 0
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