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Schatten

04.01.2017, 11:38 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

Schatten

Es gibt ja die skurrilsten Phobien wie z. B. Euphobie (Angst vor guten Nachrichten) oder Hypnotopophobie (Angst vorm Bettenmachen), manche sind nachvollziehbar wie die Dentophobie

Kerstin hat Angst vor der Dunkelheit, genannt Nyctophobie.
Kaum senkt sich die Dämmerung, steigt langsam die Panik in ihr hoch und wenn es richtig dunkel ist, traut sie sich kaum noch aus dem Haus. Zum Teil ärgert sie sich auch darüber, weil es sie so einschränkt. Ganz schlimm ist es im Winter, wenn sie schon gg. 16.00 kaum noch ein paar Meter weit etwas erkennen kann. Sie schimpft dann sogar mit sich – im Sommer hatte sie doch noch abends im Garten gearbeitet oder ein Buch gelesen.
Leider fallen ihr, wenn sie doch mal im Dunklen unterwegs ist, all die Horrorgeschichten ein und nicht umsonst heißt es „im Schutze der Dunkelheit...“. Da sind all die unterwegs, die Böses im Schilde führen.
Sie hat auch versucht, herauszubekommen, ob sie eventuell als Kind etwas Schreckliches erlebt hat, das sie verdrängt hat. Und hat sogar eine Therapie oder Hypnose erwogen. Denn mit dem Verstand
kommt sie nicht gegen ihre Angst an.
Ganz schlimm ist es, wenn ihr Mann geschäftlich unterwegs ist. Dann erscheint alles Vertraute plötzlich so feindlich und sie lässt nachts das Licht brennen und schläft erst im Morgengrauen vor Erschöpfung ein. Der Tag ist dann auch gelaufen.
Im Internet forscht sie nach und erfährt, dass es eine Urangst des Menschen ist, bei sensiblen Menschen ausgeprägter als bei anderen. Aber das hilft ihr auch nicht weiter.
Sie probiert auch die Methode, etwas so lange zu tun, bis man keine Angst mehr hat. Der Erfolg ist abhängig von ihrer Tagesverfassung. Geklappt hatte das, als diese kleine Wanderausstellung mit Insekten und Kleingetier im Ort gastierte. Da hatte sie sich tatsächlich eine Vogelspinne auf die Hand setzen lassen. Aber die Dunkelheit bezwingt sie so nicht wirklich.
Die Meldungen in den Medien von der steigenden Anzahl der Einbrüchen tragen auch nicht gerade zur Beruhigung bei. So überredet sie ihren Mann, alle Fenster im Parterre vergittern zu lassen. Eine nicht ganz preiswerte Lösung, wirkt aber beruhigend.
Und dann kommt überraschend und ungeplant ein Hund ins Haus! Eine Anzeige im örtlichen Käseblatt und ein erstes Treffen in der Pflegestelle und dort ist es dann um sie geschehen – love at first sight sozusagen. Beiderseits.
Sie ist ca. 3 Jahre alt und groß wie ein Terrier, aber verteidigt Haus und Hof lautstark, bei Tag und vor allem bei Nacht. Eine Alarmanlage namens Lissy.
Nun geht es dreimal am Tag an die frische Luft, auch ungewohnt für Kerstin, die Stubenhockerin.
Mittags übernimmt ihr Mann meistens diese Aufgabe. Im Sommer wird auch der Gesundheitsaspekt gewürdigt, aber dann naht der Herbst und der Winter und die frühe Dunkelheit.
Sie tauscht mit ihrem Mann das Gassi gehen, sie geht mittags, er abends, er hat kein Problem damit.
Eine gute Lösung – bis ihr Mann ins Krankenhaus befördert wird. Nun muss sie auch die abendliche Runden übernehmen. Und weiß nicht, wie sich der Hund bei drohender Gefahr verhalten wird. Bellt sie, beißt sie oder tritt sie die Flucht Richtung Gartenpforte an?
Da bestellt sie erst einmal ein Mag Lite mittlerer Größe, damit kann frau auch notfalls zuschlagen.
Falls sie nicht gelähmt ist vor Schreck. Warum hat sie bloß seinerzeit nicht diesen Selbstverteidigungskurs mitgemacht? Angeblich soll ja schon ein forscher Gang die Wüstlinge abschrecken.
Das Unwohlsein beginnt mit dem Blick auf die Uhr gg. 18.30, aber es nützt ja nix. Also allen Mut zusammenraffen und los. Wo sind eigentlich all die anderen Hunde mit ihren Besitzern? Weit und breit kein Mensch. Doch – da vorne bewegt sich was, kommt auf sie zu! Aber erleichtert stellt sie fest, dass es sich um eine ältere Frau handelt. Ob die wohl genauso viel Unbehagen verspürt?
Kerstin beschließt, am nächsten Abend ihre Fernbrille aufzusetzen. Und tatsächlich – das hilft. Nun ist das da hinten kein bedrohliches Wesen mehr, sondern nur ein harmloser Busch.
Und sie versucht, wütend zu sein. Alte Therapeutenweisheit : zwei Gefühle auf einmal geht nicht. Dann lieber wütend als ängstlich. Auch das hilf ein bisschen.

Und dann findet sie noch einen Trick! Wenn sie nur die Straße mit den auffällig vielen Laternen langgeht, dann sieht sie immer wieder nur ihren eigenen Schatten. Wenn da jemand hinter ihr her schleichen würde, könnte der den Überraschungsmoment aber vergessen! Bis jetzt ist noch keiner auf die Idee gekommen und Kerstin hofft, dass das auch so bleibt und bald ist ja wieder Frühling......

3 Kommentare

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Liebe Renate, du hast das sehr gut beschrieben und erklärt. Ich kann da nicht mitreden. Es macht mir nichts aus. Wir wohnen auf dem Lande und ich gehe auch um 22.00 Uhr noch eine kleine Runde mit meinem Pudel. Bis jetzt habe ich auch noch keine schlechte Erfahrung gemacht. Liebe Grüße Marga
  • 05.01.2017, 12:09 Uhr
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Heutzutage sind diese Ängste ja auch nicht so ohne,bei den vielen Vorfällen,die man ständig liest.In einer Stadt würde ich abends nicht mehr vor die Tür gehen.Drogensüchtige schrecken vor nix zurück,leider ist meine Einstellung so geworden.Dein Beitrag ist sehr fiktiv.Renate
  • 04.01.2017, 19:49 Uhr
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Hallo Renate, ich habe gerade deinen Beitrag gelesen. Es kommt mir fast schon so vor, als hättest du mich beschrieben. Ich bin auch so ein ängstlicher Typ, nicht nur vor Dunkelheit, Mäuse, Spinnen usw. Aber du hast das alles sehr treffend beschrieben. Das hat mir sehr gut gefallen....
  • 04.01.2017, 15:22 Uhr
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