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Schattendasein

Schattendasein

04.01.2017, 23:18 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

S C H A T T E N D A S E I N

Helga hörte den Wagen ihres Mannes in die Einfahrt rollen und augenblicklich krampfte sich ihr Magen schmerzhaft zusammen.
Sie spürte, wie ihre Hände feucht wurden und zu zittern begannen.
Hastig sah sie sich in der Küche um. Es war alles in Ordnung. Die Zeitung lag säuberlich gefaltet dort, wo sie hin gehörte, der Tisch im Esszimmer war penibel gedeckt.
Nichts fehlte, alles war so, wie Rüdiger es wünschte.
Sie schöpfte Suppe in den Teller und erwartete das Erscheinen ihres Mannes.
Die Tür flog auf, Rüdiger stapfte ohne zu grüßen herein und setzte sich an seinen Platz. Den Gruß seiner Frau ignorierte er. Stattdessen ließ er seine Blicke prüfend umher schweifen. Helga bebte. Sie kannte diese lauernden Blicke. Wenn er etwas entdeckte was ihm missfiel, würde er toben und sie beschimpfen. Fand er keinen Grund für eine Beanstandung, würde er wütend werden und toben und sie beschimpfen...

Egal was sie tat, in seinen Augen war alles falsch.
Helga stellte ihm die Suppe hin und wünschte einen guten Appetit.
Ohne sie eines Blickes zu würdigen, nahm er die Maggi-Flasche und schüttete die Würze, deren Geruch bei Helga Brechreiz hervorrief, in den Teller ohne vorher gekostet zu haben. Rüdiger schlürfte die Suppe schmatzend und schob dann den Teller unsanft von sich. “Gibts noch was anderes außer Suppe?” Bellte er sie überflüssigerweise an, denn er beobachtete Helga dabei, wie sie ein Schnitzel und Bratkartoffeln - sein Lieblingsessen -auf einem Teller für ihn anrichtete. Das servierte sie ihm mit einer großen Schüssel gemischten Salat. Statt eines Dankes erntete sie böse Blicke.

Sie aß nichts, sondern begann damit, mechanisch das Kochgeschirr in die Spülmaschine zu räumen. Die Schimpftiraden, die ihr Mann mit vollem Mund gegen sie los ließ, versuchte sie zu ignorieren. Als er sein Essen in sich hinein geschaufelt hatte, stellte sie ihm schweigend das Dessert hin und machte sich auf den Weg zur Waschmaschine. Sie hörte ihn noch toben, als sie schon im Keller war. Ihr Magen krampfte sich noch mehr zusammen und ihr war übel. “Jeden Tag das selbe unwürdige Theater”, dachte sie verzweifelt. Inständig hoffte sie wider besseren Wissens, dass sein Lieblingsdessert ihn besänftigen möge und er endlich Ruhe gäbe.
Ruhe - etwas anderes wünschte sie sich in ihrem Leben ohnehin nicht mehr.
Sie war dieses Dasein so leid, das ihr nur Demütigungen und Panikattacken bescherte.

Oft träumte sie von einem Leben ohne ihren Mann. Friedlich, ruhig und entspannt würde es sein. Doch sie war gefangen. Sie verstand selber nicht, wie sie dieses Leben ertrug.
Sie hatte sich damals von seinem Charme einlullen lassen, ihren von ihr so geliebten Beruf und die Heimat aufgegeben und war ihm in seine Heimat gefolgt. Es lagen nur knapp siebenhundert Kilometer zwischen ihrer Heimat und ihrem jetzigen Wohnort. Doch für Helga war es eine unüberbrückbare Distanz.

Mit seiner ganzen Überzeugungskraft hatte er sie kurz nach ihrer Heirat dazu gebracht, ihre Altersversorgung, eine Lebensversicherung, in die sie schon viele Jahre einzahlte, aufzulösen und in die Renovierung seines Hauses zu investieren. Sie hatte mit gemischten Gefühlen zugestimmt und lange nicht begriffen, warum er das von ihr forderte.
Es war ihre Absicherung, das Einzige, was sie besaß!
Rüdiger hingegen war reich, sehr reich. Er versprach, ihr dafür als Gegenleistung ein lebenslanges Wohnrecht in seinem Haus eintragen zu lassen. Was er natürlich nie tat.
Jetzt hatte er sie in der Hand und das nützte er weidlich aus. Er demütigte und schikanierte sie, wo er nur konnte.
Inzwischen war sie nur noch ein Schatten der Frau, die sie einmal gewesen war.
Ihre Lebensfreude war dahin und ein resignierter Zug hatte sich um ihre Mundwinkel eingegraben. Wie oft hatte sie es schon bereut, ihren tollen Job, die Freunde und ihre schöne Wohnung aufgegeben zu haben! Doch es war zu spät...

Zu allem Überfluss überredete er sie kurz nach ihrem Umzug in seine Heimat dazu, ihren Golf zu verkaufen. Er besaß zwei Autos und redete ihr ein, dass sie ihres nicht brauchte, weil er schließlich zwei standesgemäße Wagen sein Eigen nannte und sie jederzeit eines zu ihrer Verfügung haben würde. “Ich kann ja schließlich nicht mit zwei Autos gleichzeitig fahren”, war eines seiner überzeugend klingenden Argumente.
Pustekuchen! Wenn sie mal ein Auto brauchte um Einkäufe zu erledigen, musste sie ihn anbetteln, um den Schlüssel für eines seiner Autos zu bekommen, was
sie schrecklich demütigend empfand. Natürlich notierte er den Kilometerstand und kontrollierte, wie weit sie gefahren war.
Falls sie überhaupt mal in den Genuss eines Autos kam, denn oft verweigerte er es ihr ganz einfach. Der nächste Ort war sieben Kilometer entfernt und die Busverbindung ein Witz. Hier war man auf einen PKW angewiesen oder gefangen. Helga war gefangen.

Sie hatte sich um Arbeit bemüht.
Doch in dieser Gegend ohne nennenswerte Infrastruktur, wo die jungen Leute alle weg zogen sowie sich eine Gelegenheit dazu bot, gab es einfach keinen Job für sie. “Sie sind ja schon über vierzig”, hatte ihr ein Mitarbeiter des Arbeitsamtes vorgehalten, als sie sich arbeitssuchend gemeldet hatte. Heimlich. Rüdiger dürfte das nie erfahren!

Ihre Situation war aussichtslos und wurde täglich schlimmer.
Wenn Rüdiger seine gesellschaftlichen Pflichten wahrnahm, hatte sie “gut auszusehen” und ihn zu begleiten. In der Öffentlichkeit mimte er immer den Mann von Welt und gab sich freundlich und jovial. Helga saß brav neben ihm und lächelte. Sie vermied es, mit den Anwesenden zu sprechen, denn das mochte Rüdiger nicht. Ein bisschen Small-talk, mehr erlaubte er ihr nicht.

Etliche Frauen beneideten Helga um ihr “tolles Leben”. Es war bekannt, dass Rüdiger Häuser in der Schweiz und am Lago Maggiore sowie in den Bayerischen Bergen hatte, was zu der Schlussfolgerung führte, Helga lebe im Luxus.
Im Gegenteil! Sie erhielt ein nicht eben üppiges Haushaltsgeld, von dem sie alles zu bestreiten hatte. Wollte sie sich Schuhe oder ein Kleidungsstück kaufen, musste sie ihn fragen. Meist lautete die Antwort: "Dein Kleiderschrank ist voll. Du brauchst nichts." Das ahnte jedoch niemand.

Rüdigers Firma lief gut, er war als sehr geschäftstüchtig bekannt.
Seine Mitarbeiter fürchteten und hassten ihn, doch keiner sprach darüber.
Es gab keine anderen Arbeitgeber im Umkreis von fast hundert Kilometern und jeder war froh um seinen Job. Der Bürgermeister hofierte ihn, denn Rüdiger zahlte Gewerbesteuern und spendete jedes Jahr großzügig an den Sportverein, den Tennisclub und den Schützenvein.
So machten alle gute Miene zum bösen Spiel und gaben ihm das Gefühl, beliebt zu sein. Dass Helga noch mehr unter seinen cholerischen Ausbrüchen litt als seine Angestellten, wusste niemand. Da sie seine Frau war, meinten die Leute, sie sei wie er. Sonst wär sie doch nicht bei ihm!
Sie wurde nur an den Markttagen in der Stadt an den Ständen der Biobauern gesehen oder wenn sie ihn zu offiziellen Anlässen begleitete.
Sie schien unnahbar zu sein.
Dabei war sie nur zurückhaltend, denn sie musste immer auf der Hut sein, ja nichts zu sagen oder zu tun was in Rüdigers Augen falsch wäre. Ihn bloß nicht reizen, das war ihr täglicher Eiertanz. Sie wünschte sich Gesellschaft, doch das wusste keiner. In Wirklichkeit war sie kreuzunglücklich und schrecklich einsam. So gerne hätte sie eine Freundin gefunden, ein paar Ehepaare, um ab und zu Gäste im Haus zu haben, ein wenig Leben und Unterhaltung.
Doch sie war auf Gedeih und Verderb an diesen Despoten gefesselt, gefangen in einem goldenen Käfig, in dem sie nur ein Schattendasein führte.

Mit diesen Gedanken beschäftigt, räumte sie die Wäsche aus der Waschmaschine in den Trockner. Sie war so in ihrer Verzweiflung versunken, dass sie völlig überhörte, wie Rüdiger die Kellertreppe herunter kam. Erst als er ganz dicht hinter ihr stand und sie anbrüllte, bemerkte sie ihn und erschrak fürchterlich. Sie drehte sich zu ihm um und hatte seine hasserfüllte Fratze direkt vor sich.
Seine Augen waren vor Wut zu engen Schlitzen zusammen gekniffen. Er tobt, er schrie, er beschimpfte sie.
Heute war ihm zugetragen worden, dass sie sich in der Stadtbibliothek als ehrenamtliche Helferin gemeldet hatte. Zufällig, denn er hatte den Stadtkämmerer getroffen, dessen Frau die städtische Bibliothek leitete.
"Das ist wunderbar, dass ihre Frau sich engagieren will, wir freuen uns sehr darüber", hatte Herr Droste ihm gesagt. So hatte Rüdiger es erfahren...

Helga liebte Bücher und las gerne. Was ihm natürlich ein Dorn im Auge war.
Sie versuchte ihm zu erklären, warum sie sich auf dieses Ehrenamt so freute.
Doch er ließ ihre Argumente nicht gelten. “Wenn du Langeweile hast, dann putz doch mal diesen Saustall hier”, brüllte er sie an.
Saustall? Helga dachte, sie höre nicht richtig. Das ganze Haus, jedes Zimmer, alles war penibel ordentlich und sauber, der Garten ein Vorzeigeparadies!
Seine unhaltbaren Vorwürfe trafen sie wie ein Faustschlag. Es fühlte sich an, als explodiere etwas in ihrem Kopf.
Helga stand mit dem Rücken zur Waschmaschine und beugte sich so weit es ging nach hinten, um Abstand zu ihm zu bekommen. Sein Gesicht berührte fast das ihre, so nah stand er vor ihr. Während sie sich mit den Händen rückwärts an der Waschmaschine abstützte, hielt sie plötzlich den Schraubenzieher in der Hand, den sie vorhin auf der Waschmaschine bereit gelegt hatte um ein Regal zu befestigen. Sie umklammerte den Griff, als würde ihr Leben davon abhängen.
Rüdiger brüllte weiter, beleidigte sie, beschimpfte sie mit den übelsten Schimpfnamen und Ausdrücken.

Plötzlich verselbständigte sich ihre Hand und ehe es ihr bewusst wurde, stieß sie mit dem Schraubenzieher zu. Einmal, zweimal, zehnmal - sie hätte hinterher nicht sagen können, wie oft. Einer ihrer Hiebe traf eine Rippe, glitt daran ab und das Werkzeug drang tief in seine Lunge. Das gab ein merkwürdiges Geräusch, doch Helga hörte und sah nichts mehr, gar nichts. Sie fühlte auch nichts mehr, war reduziert auf ihren Arm, der immer wieder mit voller Wucht zustieß.
Es war keine Absicht, nicht geplant. Es war ein verzweifelter Akt der Befreiung. Ihre gequälte Seele verschaffte sich endlich Luft und Raum.
Ein ungläubiger Ausdruck breitete sich auf Rüdigers Gesicht aus.
Seine Augen weiteten sich und er versuchte etwas sagen. Doch anstatt einer weiteren Schimpftirade quoll blutiger Schaum aus seinem schmallippigen Mund. Dann brachen seine Augen und er sackte wie in Zeitlupe in seiner Blutlache zusammen.

KOMMENTARE UND KRITIK AUSDRÜCKLICH ERWÜNSCHT!

Copyright Inga Scheer-Ruhland, 04.12.2017

8 Kommentare

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Im Eiltempo überflogen und dann nochmal langsam von vorne ... ständig möcht ich diese Frau in den Arm nehmen und ihr sagen, dass sie so ein würdeloses Dasein nicht hinnehmen muss ! Puh, vom Opfer zum Täter - heftig, dass sie sich so entschieden hat, so etwas muss man heutzutage nicht aushalten, Gott sei Dank !! Vor vierzig Jahren allerdings nicht denkbar ... ich finde die Geschichte klasse geschrieben und es wäre schade gewesen, wenn du sie nicht eingestellt hättest. Man möchte sich schütteln danach, echt beklemmend - gut gemacht ! Und vielen Dank , schön, dass du wieder dabei bist. Liebe Grüsse
  • 13.01.2017, 08:49 Uhr
  • 1
Liebe Susanne,
ich danke Dir ganz herzlich für das und Deinen Kommentar!
Leider gibt es auch heutzutage noch solche Fälle... hoffen wir, dass das ganz bald der Vergangenheit angehört!
Bis bald, Inga
  • 13.01.2017, 11:41 Uhr
  • 0
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Hallo Inga, das ist ja eine schreckliche Geschichte!. Ich habe direkt mit Helga gezittert. Derartige Zustände soll es ja geben. Die Matchos nehmen ihren Frauen jedes Selbstwertgefühl. Wenn sie nicht sofort auf-
begehren und "Stop" sagen haben sie verloren und müssen ein Schattendasein führen. Schön das du wieder hier bist und teil nimmst.
Ich befürchtete schon, die Schreibwerkstatt würde langsam einschlafen.
  • 06.01.2017, 15:28 Uhr
  • 1
Liebe Marga,

danke Dir herzlich für Dein und Deinen positiven Kommentar. Leider gibt es solche Zustände häufiger, als man meinen möchte.

Ehrlich gesagt, habe ich wirklich eine Zeitlang mit dem Gedanken gespielt, mit der Schreibwerkstatt aufzuhören.
Ich hatte das Gefühl, es interessiert kaum noch jemand.
Dazu hatte ich gesundheitliche Probleme und trug mich mit dem Gedanken, ganz aus Deutschland weg zu gehen.
Hat sich aber alles wieder eingerenkt. Zumindest vorerst bleibe ich noch hier.
Alles Liebe für Dich, Inga
  • 06.01.2017, 21:09 Uhr
  • 0
Hallo Inga, da hast du eine Problematik beschrieben, die gesellschaftlich meist noch tabuisiert wird. Ein heißes Eisen, so zu sagen. Jedoch hast du das sehr gut und nachvollziehbar beschrieben...Gratuliere....
  • 07.01.2017, 11:15 Uhr
  • 1
Danke Karin!
Du hast Recht, dieses Thema wird herunter gespielt und tabuisiert. Die Frauen sind auch heutzutage noch immer die Blöden - meistens...
  • 08.01.2017, 00:41 Uhr
  • 1
Liebe Inga,
Abhängigkeit bis zum (Vater-)Mord ist die darunterliegende Erkenntnis Deiner spannend und zielgerichtet geschriebenen Geschichte. Faszinierend, wie geduldig Du das aufbaust. Ein psychologischer Kurz-Krimi ersten Ranges.
Ist Dir sehr gut gelungen.
  • 14.01.2017, 13:09 Uhr
  • 1
Danke Dir herzlich, liebe Do!
  • 15.01.2017, 18:17 Uhr
  • 0
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