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Schattenmond

Schattenmond

17.01.2017, 17:00 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

SCHATTENMOND

" Hör' auf ", rief sie endlich, " das ist doch sinnlos, wir stecken fest. Noch nicht einmal das Licht der Scheinwerfer ist mehr zu sehen." Immer wieder trat Christof das Gaspedal durch, aber schliesslich sah er ein, dass auch sein Rover solche Schneemassen nicht bewältigen konnte - jedenfalls nicht ohne Ketten.Er sah zu Reni hinüber, die sich schon die rötlichen Mähne unter die Wollkappe stopfte.
"Also gut, dann nehmen wir nur die Rucksäcke und es geht zu Fuss weiter "
Mühsam stemmte er die Autotür gegen eine Schneewehe auf und sie zwängten sich hinaus in den Schnee, der ihnen bis fast bis über die Knie reichte.
In träumerischer Stille standen sie da, nur den Schnee hörte man leise klicken.
Bläulich, silbern schimmernd lag das Tal im Schein des Mondes, der ihnen gnädig diese atemberaubende Landschaft hell erleuchtete. " Wundervoll", hauchte sie in die kalte , sternklare Nachtluft und nahm seine Hand. " Da hinten, neben den drei Tannen, das muss es sein", er kniff die Augen zusammen, stapfte entschlossen los und bahnte einen Weg hinter sich. Bald erkannte sie deutlich das Gutshaus, das wohl einmal bessere Tage erlebt hatte. Steinerne Blumenkübel von Schneehauben bekrönt, der hohe, fürstliche Giebel mit edlem Stuck, die eichenhölzerne und Metall beschlagene Eingangstür, eine bronzene Glocke mit einer rostigen Kette, ein unerklärliches Unbehagen beschlich sie. Zitternd vor Kälte trat sie von einem Bein auf das andere und schlug die Arme um sich, während Christof den passenden Schlüssel hervorkramte, die Tür öffnete und beide stampfend den Schnee abschüttelten.
Reni kam aus dem Staunen kaum heraus; das Anwesen hatte noch viel des Charmes des 19. Jahrhunderts. " Tante Klara sagte, wir könnten ruhig über's Wochenende bleiben,- Hauptsache jemand sieht nach ihren Pflanzen und füttert die Kaninchen !" rief Christof durch den Aufzugsschacht der tiefer gelegenen Teeküche hinauf. " Magst du einen heissen Tee ? Mit dem Samowar kenne ich mich allerdings überhaupt nicht aus !" Hohl hallte es zu ihr hinauf. Im Speisezimmer ,neben der langen Tafel mit anscheinenden Löwenpranken an den Füssen, fand sie das glänzend polierte Gefäss und musterte es ausgiebig - es war ganz aus Messing und der russische Adel wurde ihr nun immer mehr bewusst. Unwillkürlich dachte sie darüber nach, wie es wohl wäre ' Baronin Freifrau von ' zu werden. An allen Wänden hingen grosse Ölgemälde seiner Ahnen und alte Fotographien in zierliche Rahmen gefasst. Warum waren sie denn nicht schon früher einmal hergekommen - irgendetwas hing wie ein unsichtbarer Schatten über dem Gut und ihr Bräutigam schien ihr nur bemüht heiter und unbeschwert. Draussen, im Dunkel, leuchteten ,ein paar hundert Meter weiter hinten, die Fenster eines Bauernhauses auf. Christof war zu ihr getreten, bemerkte ihren Blick und sagte: " Dort ist ein Bauernhof, da wohnten die Grubers, vermutlich noch heute, keine Ahnung. Es gab damals eine Art Fehde zwischen unseren Familien ... - der Tee ist fertig " , sagte er ausweichend. " Magst du denn Hagebutte ? Ich konnte keine anderen Teebeutel finden ." Sie sassen lange im Musikzimmer bei Klassik und Kerzenschein, aber diese bekümmerte Miene lies ihn so steinern erscheinen, wie die Beethoven- Büste neben dem Flügel . Schweigend verbrachten sie so den Abend und als sie gegen Mitternacht noch einmal eine Strecke um das Haus herum gingen, blieben sie vor dem zugefrorenen Weiher stehen. Schon den ganzen Tag und wie übrigens häufig in der Vergangenheit, schwieg er auch da wieder und sie hatte Angst, ihn auch nun an eine Zeit zu verlieren, die ihn weit von ihr zu entfernen schien. Nie wusste sie, was mit ihm geschieht und woran er dachte. Sie schlang einen Arm um ihn. " Willst du darüber reden, was bedrückt dich so ? " " Morgen, Reni, ja ? Lass' uns schlafen gehen. Morgen laden wir den Sekretär auf den Hänger und es bleibt noch genug Zeit dafür . Tu' mir den Gefallen ", er sah sie bittend an. Arm in Arm schlenderten sie durch den kahlen Garten und gingen dann gleich zu Bett.

Hell schien der Mond durch das Fenster und sie lag wach auf ihrem Federkissen ; sie sah auf die altmodische Rosentapete und wieder ruhte ihr Blick auf dem gerahmten, braunstichigen Bild, das auf dem Mahagonie- Tischchen in der Ecke stand. Wie ähnlich Chris seinem Vater war- dieselbe hohe Stirn, die dunklen Augen, der melancholische Zug um den markanten Mund und das eigenwillige Kinn mit dem Grübchen. Da, ein Käuzchen rief durch die Nacht und sie erschauerte unwillkürlich . Unruhig warf sich Chris hin und her, murmelte und stöhnte , Schweiss stand ihm auf der Stirn und schliesslich schrie er laut auf : "Nein, Vater, nein ! Bitte Vater, geh nicht !" Er schrak auf und sass keuchend und weinend neben ihr. Entsetzt umarmte sie ihn und rief immer wieder :
" Wach auf , es ist doch nur ein Traum. Bitte, Chris , wach auf , alles ist gut ! " Er zitterte am ganzen Leibe und sie hielt ihn so fest, wie sie nur konnte. Nur mit Mühe konnte sie ihn beruhigen, bis beide endlich tief und fest eingeschlafen waren.
Schon früh war sie wieder aufgestanden, stellte das Frühstückstablett neben sein Bett und ging hinaus zu den Hasenställen. Die Widderkaninchen warteten schon und stürzten sich hungrig auf Möhren, Salat, Heu und Pellets. Vorsichtig nahm sie ein braunweisses, grosses Männchen auf den Arm und strich ihm über die samtenen Löffel. " Da bist du ja", sagte Christofs Stimme hinter ihr . Er streichelte über das flauschige Fell des stattlichen Rammlers. " Alles Nachfahren von meinem Peter- Hase. Kennst du die Potter- Bücher ? " Als er den Blick hob, sah sie ihm direkt in die Augen . Schon verdunkelte sich seine Miene wieder. " Entschuldige letzte Nacht ", presste er hervor." Wir misten zusammen fertig aus und ich erzähle dir, was damals passiert ist ".
So erfuhr sie endlich vom Schicksal seines Vaters, wie er unerlaubt als Kind mit dem Nachbarsmädchen auf den Weiher gerudert war, das arme Bauernkind in's Wasser stürtzte und ertrank ... es gab fürchterlichen Ärger für den verstörten Jungen und grosses Geschrei. Der hatte es nie verwunden, dass die Mutter des Mädchens ihn als Mörder betitelte und völlig aufgelöst , komplett auserhalb ihrer selbst, vor seinen Augen zusammenbrach.
Schwermütig war er eines Tages dem Mädchen in den Weiher, in's Wasser gefolgt .
Chris blickte seine Zukünftige aufrichtig an . " In manchen Nächten sehe ich eine hässliche Alte, die mit spindeldürren Fingern meinen Vater in's Wasser lockt - er solle dafür bezahlen, was er getan hatte. Wie kann man nur so grausam zu einem kleinen Jungen sein ! Es hat ihn in den Tod getrieben !! ", stiess er hervor und schrie beinahe. Schockiert sah sie ihn an und nickte. Wieder sah sie diesen bitteren Zug um seinen Mund und seine Augen brannten dunkel. So furchtbar es auch war, atmete sie doch unwillkürlich auf.
Das war es also, sein dunkles Geheimnis.
Seit sie ihn kannte hatte es immer zwischen ihnen gestanden, wie ein weit aufgerissenes Höllenmaul, das ihn verschlang und ihn ihr wegnehmen wollte. Tagelang war er öfter einfach verschwunden und sie hatte sich das Gehirn zermartert, was sie denn falsch gemacht haben könnte.

Als am Mittag die Nachrichten einen halben Meter Neuschnee ankündigten, verluden sie den herrlichen Sekretär auf den Hänger und packten zusammen. Es waren nur noch ein paar Handgriffe im Haus zu tätigen und Chris wartete vor dem Auto auf seine Reni. Manchmal vergass er fast, das sie nicht nur klug, sondern auch bezaubernd anzusehen war- das wurde ihm heute wieder klar , als sie ganz in Azurblau und mit offenen, lockigen Haaren auf ihn zutrat. Schon wollte sie einsteigen, als er sie am Arm hielt und leidenschaftlich umfing. Und als hätte er ihre Gedanken vom Vortag erraten, fragte er leise :
" Magst du ihn denn noch haben, diesen unmöglichen, traurigen Kerl ? Wird es dir denn nicht zu viel ? Sag' mir ehrlich, wie du jetzt denkst ." Nun schwieg sie einen Moment, Chris wurde es ganz flau , und dann schlang sie die Arme um seinen Hals, sah ihm tief in die Augen. " Wenn ich unsicher werde, wann auch immer, höre ich noch die Stimme meiner Grossmutter, wenn sie mich damals tröstete. Sie sagte : ' Solange jeden Tag die Sonne wieder aufgeht und Kinder geboren werden, hat der liebe Gott das Vertrauen in die Menschen nicht verloren ' ." Christof stutzte einen Moment,- was wollte sie genau damit sagen - und sah wie ihre Augen selig und hell aufleuchteten. " Du ... ich meine, wir ... ähem, ich .... Reni ", stammelte er nur noch. Sie nickte und flüsterte : " Im Herbst sind wir zu dritt, wir müssen uns beeilen. " Am liebsten wäre er mit ihr durch den Schnee getollt vor Freude, aber dann dachte er an das Kind und sagte lediglich, als er seine Hand auf ihren Bauch legte : " Dann bleibt es dabei, - mir fehlen fast die Worte ." Er öffnete die Autotür , verneigte sich und meinte : " Frau Baronin, ihr ergebenster Diener. "
Die ganze Fahrt über hielt er ihre Hand und lächelte.
Der Schattenmond hatte keine Macht mehr über ihn, das fühlte er ganz deutlich. Ihm war, als führen sie der ewigen Sonne entgegen, in eine goldene Zukunft.

COPYRIGHT Susanne Hagan

Mit liebem Gruss und Kritik ausdrücklichst erwünscht !

19 Kommentare

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wundervoll
  • 22.03.2017, 13:58 Uhr
  • 0
Ganz lieben Dank, wize.life-Nutzer !
  • 22.03.2017, 15:32 Uhr
  • 0
nur meine meinung... einfach superschön geschrieben, fesselnd. es gibt bücher die man nicht weglegen kann ehe sie ausgelesen sind. man liest sie auch nicht nur einmal, einfach weil es freude macht
  • 22.03.2017, 15:34 Uhr
  • 1
Ein schönes Gefühl, etwas Lesenswertes geschrieben zu haben ! Freu <3
  • 22.03.2017, 15:36 Uhr
  • 1
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Liebe Susanne,

da Du Kritik ausdrücklich wünschst (was ich absolut richtig finde, ich freue mich auch immer darüber, wenn ich welche bekomme, denn nur so entwickelt man sich weiter), ein paar Anmerkungen von mir:
ich bin darüber gestolpert, dass Deine Protagonisten den Schnee "klicken" hörten. Den Ausdruck "klicken" habe ich im Zusammenhang mit Schnee noch nie gehört. Ist das vielleicht eine regionale Ausdrucksweise?
Dann schreibst Du, dass Christof "einen Weg hinter sich bahnte" - lass das "hinter sich" einfach weg!
Es sind wirklich nur winzige Kleinigkeiten, aber es lohnt sich, sie zu ändern. Deine wirklich tolle Geschichte wird dadurch noch besser!
  • 02.02.2017, 14:31 Uhr
  • 2
Schnee " klickt", wenn man eine Weile in vollkommener Stille verharrt - ich nannte es einfach so, fand kein passenderes Wort dafür ! Ich danke dir herzlich ! <3
  • 02.02.2017, 16:11 Uhr
  • 0
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Hallo Susanne,
eine sehr empathisch erzählte Geschichte. Der Plot bietet Stoff für eine Familiensaga und wirkt in dieser Kürze - vom seinerzeitigen Unfall bis zur Bewältigung des Traumas - für mich etwas gedrängt. (Für weitere 300 Seiten braucht es aber noch einige Zeit.) Die Logik kränkelt: Am Abend im Schnee stecken geblieben und morgens den Sekretär auf den Hänger geladen - da waren übermächtige Kräfte am Werk - und Reni ist schwanger, sollte nicht so schwer schleppen.
Wegen der guten Idee und der gefühlvollen Erzählweise lesenswert.
Lg Helmut
  • 25.01.2017, 22:41 Uhr
  • 1
Hallo, Helmut ! Das ist wohl wahr, ich wollte den Flow halten und nicht zuviel schreiben, sonst ermüden Leser schnell ! Die 300 Seiten winken irgendwie von ferne, vielleicht sitzte ich auch mitten im Winter einer Fata Morgana auf, wer weiss ! Ich hab wohl auch eine Vorliebe für übermächtige Kräfte - den Schneepflug für selbstverständlich zu nehmen war auch nicht das Wahre.
Ansonsten schön von dir zu lesen und ganz lieben Dank für deine Kritik LG Susanne
  • 26.01.2017, 12:12 Uhr
  • 0
Hallo Susanne,
das war keine Aufforderung, einen Roman daraus zu machen, sondern die Feststellung, dass dieser Plot es in sich hat. Wenn Du spannend erzählst - die Neugier hoch hältst - brauchst Du Dir um müde Leser keine Sorgen zu machen. Als Alternative empfehle ich, die Situation auszubauen: noch ein Meter Schnee, kein Netz, keine Vorräte, Besorgnis, ein überflüssiger Streit; das wären bezogen auf Deine Geschichte die üblichen Gewürze.
Ich beneide Dich um Deine guten Ideen. Schenk mir doch mal eine.
Lg Helmut
  • 26.01.2017, 16:47 Uhr
  • 1
Letzten Monat hatte es mich ebenfalls verlassen, Würze war nur wie eine nebensächliche Beilage ! Da hab ich es ebenfalls sein lassen - es funktioniert nicht immer, einfach mal anzufangen ! Bin auf das nächste Reizwort gespannt , vielleicht kann ich ein paar Vorschläge finden. LG
  • 27.01.2017, 13:04 Uhr
  • 0
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eine spannende Erzählung...schön Susanne....
  • 24.01.2017, 22:51 Uhr
  • 1
Ich danke dir herzlich, Karin !
  • 25.01.2017, 14:40 Uhr
  • 1
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Eine lesenswerte, empathische Geschichte, auch die Dialoge, hast Du gut herausgearbeitet. Ein kleiner Tipp, liebe Suasanne, wenn Du die Geschichte fertig geschrieben hast, lese sie Dir selbst noch einmal laut vor, mit sämtlichen Satzzeichen. Liebe Grüße
  • 18.01.2017, 04:59 Uhr
  • 2
Ich hänge so in meiner Story drin, dass ich manchesmal das Einfachste nicht bemerke ! Ganz lieben Dank Peter- Piet
  • 18.01.2017, 17:49 Uhr
  • 1
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Liebe Susanne, zuerst wusste ich nicht wohin mich deine Geschichte führen würde. Aber du hast es verstanden mich neugierig zu machen. Dann wollen wir mal hoffen, dass sie glücklich werden.
  • 17.01.2017, 18:23 Uhr
  • 1
Ja, die Hoffnung stirbt zuletzt , vielen Dank, liebe Marga !
  • 18.01.2017, 17:47 Uhr
  • 0
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Eine spannende lesenswerte Geschichte mit einem schönen Schluss.
Mir gefallen Deine Beschreibungen...Du zeigst, dass die deutsche Sprache so viel Worte hat.
Ich habe gern gelesen, was Du schreibst.

Schau Dir noch mal Deine Satzzeichen an. Da sehe ich oft Ausrufezeichen, die da nicht hinpassen, auch Binde- bzw. Gedankenstriche.
Satzzeichen stehen zudem immer gleich hinter dem Wort, also keinen Wortzwischenraum lassen vor Doppelpunkten z.B.
  • 17.01.2017, 17:40 Uhr
  • 1
Ich bin noch zu sehr im Erzählmodus der direkten Sprache, natürlich hast du recht ! Ich werde darauf achten, ganz lieben Dank
  • 17.01.2017, 17:53 Uhr
  • 0
  • 17.01.2017, 17:58 Uhr
  • 1
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