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Gekrallt an das, was bleibt: die Festivals für Händel und Bach

Gekrallt an das, was bleibt: die Festivals für Händel und Bach

Hans-Herbert Holzamer
20.01.2017, 12:47 Uhr
Beitrag von Hans-Herbert Holzamer

Das Motto der Händel-Festspiele 2017 lautet: „Original? – Fälschung?“ Und mit dieser sicherlich spannenden, aber in der gerade angebrochenen Welt der Fake News irritierenden Frage soll eines der zwei schönsten Festivals, die das Land 2017 zu bieten hat, die Händel-Festspiele in Halle und Umgebung, vorbereitet werden. Ungeduldig wartete man auf den Beginn des Kartenvorverkaufs, plant nun den Aufenthalt in einer heilen Welt der Kultur. Und dann das. Fragen und Kontroversen.

„Kerngebiet der Reformation“


Bevor wir uns dem Zorn ausliefern, werfen wir einen Blick auf das Programm vom 26.Mai bis 11. Juni 2017: Dr. Bernd Wiegand, Oberbürgermeister der Stadt Halle und Vorsitzender des Kuratoriums der Stiftung Händel-Haus teilt mit: „Im Jahr 2017 stehen biblische Themen in Händels Werken im Fokus der internationalen Händel-Festspiele.“ Das war zu erwarten im „Kerngebiet der Reformation“ und im Jahr des 500. Reformationsjubiläums. Großes hat man dieses Jahr vor und große Ziele, denn Halle will Kulturhauptstadt Europas 2025 werden.
Feierlich eröffnet werden die Händel-Festspiele am 26. Mai 2017 traditionell am Händel-Denkmal auf dem Marktplatz. An den anschließenden 17 Veranstaltungstagen wird eine Mischung aus Barockmusik, Klassik, Jazz, elektronischen Klängen und Musik von Solisten, Ensembles und Chören mit internationalem Renommee zu hören sein. Insgesamt stehen 10 ECHO Klassik-Preisträger auf der Bühne, darunter die Orchester Il Pomo d'Oro, das Pera Ensemble, Concerto Köln und die Lautten Compagney Berlin sowie die Ausnahmekünstlerinnen Vivica Genaux, Ann Hallenberg und Sonia Prina, die jeweils ihr eigenes Festkonzert geben werden. Auch der gefeierte Countertenor Xavier Sabata und der spanische Tenor Juan Sancho werden in Festkonzerten das Publikum in ihren Bann ziehen wollen. Im historischen Goethe-Theater in Bad Lauchstädt werden Marionetteninszenierungen von „Acis und Galatea“ und „Giustino“ zu erleben sein. Wer sich an die wunderbare Marionetten-Produktion des „Rinaldo“ im Jahr 2011 erinnert, weiß, dass die Besucher ein besonderes Ereignis erwartet. Im Carl-Maria-von-Weber Theater in Bernburg können sich die Freunde historischer Aufführungspraxis auf Musica Florea freuen, die auf Basis der historischer Aufführungspraxis spielt.
Die Händel-Festspiele 2017 präsentieren anlässlich des 500-jährigen Reformationsjubiläums fünf verschiedene Oratorien. Höhepunkt hierbei dürfte die szenische Aufführung von „Jephtha“ in der Oper Halle sein. Der „Messiah“, Händels wohl bekanntestes Oratorium, wird gleich zweimal aufgeführt: Im Dom zu Halle erklingt die Dubliner Fassung von 1742 und in der Marktkirche ist die Londoner Fassung von 1743 zu erleben. Weiterhin erwartet die Besucher die Erstaufführung der „Esther“ nach der Hallischen Händel-Ausgabe, „Deborah“, und ein interreligiöses Projekt abrahamitischer Weltreligionen
Da kann man sich auf Tage voller Freude und Genuß einstellen. Nur warum das Motto: „Original? – Fälschung?“ Jedes Original, das reproduziert wird, stellt für sich genommen wieder ein Original dar. Händel selbst versuchte, sich gegen die Vervielfältigung seiner Kompositionen zu wehren, indem er sich beim englischen König um ein Druckprivileg bemühte, welches er auch 1720 erhielt. Auch ein Urheberschutzgesetz wurde im Jahr 1710 in England erlassen: das Statute of Anne. Der Meister selbst jedoch hat für seine Kompositionen ohne Scheu, ohne Nachfrage und auch ohne Hinweis die Musik anderer Komponisten geklaut. Dieses Verfahren nennt man in der Musikwissenschaft Entlehnung oder Borrowing.
Damit soll´s auch genug sein. Eine internationale wissenschaftliche Konferenz beschäftigt sich am 6. und 7. Juni 2017 im Händel-Haus mit dem Thema: „Zwischen Originalgenie und Plagiator. Händels kompositorische Methode und ihre Deutungen“.

„Ein schön new Lied“


Und dann geht es weiter nach Leipzig. Auch dort hat man ein Motto: „Ein schön new Lied“ und stellt Musik und Reformation in einen Zusammenhang. Das Bachfest Leipzig findet dieses Jahr vom 09. bis 18. Juni statt. Man kann, was viele tun, den Besuch beider Ereignisse verbinden, muss es aber nicht. Jedes für sich rechtfertigt die Anreise nach Halle bzw Leipzig.
Martin Luther sah in „Frau Musica“ eine göttliche Kunst, da sie „den Teufeln zuwider sei“. Entsprechend stellte er die Musik in eine Reihe mit der Theologie, erhob das deutschsprachige geistliche Lied zu einem festen Bestandteil des reformatorischen Programms und ließ es Eingang in den Gottesdienst finden.
Häufig als „schöne newe Lieder“ betitelt, verbreitete sich das neue reformatorische Liedrepertoire rasant, darunter auch zahlreiche Lieddichtungen und Melodien des Reformators. Luthers Choräle avancierten rasch zu den ersten Klassikern der protestantischen Kirchenmusik und bildeten zudem häufig den Ausgangspunkt für neue Kompositionen.
Das Bachfest 2017 wird die Verarbeitung von Luther-Chorälen im Schaffen Bachs ins Zentrum stellen, bezieht aber auch seine Vorgänger, Zeitgenossen und Nachfolger bis hin zu Felix Mendelssohn Bartholdy ein. Dabei wird nicht vergessen, dass protestantischen Komponisten die Musik katholischer Zeitgenossen als Impulsgeber diente: Heinrich Schütz und Johann Rosenmüller studierten ihre Kunst in Venedig. Und mit seiner h-Moll-Messe hat sogar Bach eine „große catholische Messe“ zu Papier gebracht, die wie keine zweite die konfessionellen Grenzen verschwimmen lässt.
Über den Konfessionsgrenzen schwebt auch die Oper. Sie wurde als Gattung maßgeblich von Claudio Monteverdi definiert, dem zentralen Innovator der abendländischen Musik. Sein „Orfeo“ und die Erstaufführung der neuentdeckten ältesten erhaltenen deutschen Oper, „Pastorello Musicale“ von Johann Sebastiani, werden das Bachfest bereichern.
Angesagt sind prominente Interpreten wie der Thomanerchor, das Gewandhausorchester, der Monteverdi Choir unter der Leitung von Sir John Eliot Gardiner, das Dunedin Consort, Al Ayre Español, Freiburger Barockorchester und Eric Ericson Chamber Choir, die im 500. Jubiläumsjahr der Reformation viele „schöne newe Lieder“ aus vier Jahrhunderten an den Leipziger Originalschauplätzen hörbar machen werden.
Das Eröffnungskonzert ist am 09.Juni um 17:00 Uhr in der Thomaskirche. Das Abschlusskonzert wird am 18.Juni um 18:00 Uhr, wieder in der Thomaskirche, J. S. Bachs Messe in h-Moll sein.
Dazwischen ein Programm, das wir bereits am 12.Juni 2016 in die Hand gedrückt bekamen, einem Sonntag, dessen regennasses Antlitz nur wenig näher legte, als während des Bachfestivals in die Leipziger Nikolai-Kirche zu gehen, diese schönste der protestantischen Kirchen, diese Heimat der mutigen Leipziger, die nichts weiter sein wollten als das Volk und die sich in Gottes Hand fühlten. Hier Bach zu hören war ein "lache der Himmel, jubiliere die Erde. Herr, wie du willt, so schicks mit mir“.
In Halle war zuvor das Händel-Festival in der Galgenbergschlucht mit Werke von C. Monteverdi, W. Hayes, L. van Beethoven, C. Saint-Saens, M. Ravel und G. F. Händel und einem unvergleichlichen und regenfreien Schlussakkord, mit Händels „Feuerwerksmusik“ und einem Feuerwerk zuende gegangen. 4 500 Menschen folgten hingerissen den „Bridges to Classics“, den Brücken zur Klassik, auf welchen Gary Brooker und der Gitarrist Geoff Whitehorn von der Band „Procol Harum“ ihre Hits präsentieren.
Als der letzte Klang und die letzte Sternschnuppe verklungen waren, wussten alle, es gibt eine Fortsetzung: vom 26. Mai bis 11.Juni 2017.

Kontinuität ist wichtig


Dieses Wissen der Kontinuität ist wichtig, es stiftet ein für das menschliche Selbstbewusstsein unerhört wichtiges Gefühl dazuzugehören und Teil etwas Andauerndem, etwas Ewigem zu sein. Das gilt ebenso in der Kultur wie im Leben allgemein.
In einer Zeit, wo die Gewissheiten im Twitter-Rhythmus von 140 Zeichen zerschossen werden, krallt man sich geradezu an das, was bleibt. Wer weiß, dass er nächstes Jahr wieder nach Halle und Leipzig fahren kann, um Händel und Bach zu hören, dem ist, als würden alleine diese Reisen das Bleiben der Welt bedeuten, dessen, was er als das Original empfindet.
Information:
www.haendelfestspiele-halle.de/
www.bachfestleipzig.de/

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