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...ein harter Brocken

...ein harter Brocken

14.04.2017, 17:39 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

Entscheidungen
„Da hast du dir aber einen harten Brocken ausgedacht“, grinste mein Freund, der die Veränderung der Schreibwerkstatt zur Schreibstube beobachtete, mitfühlend. weil viele es traurig gefunden hätten wenn alles auseinander fallen würde.
„Warum ein harter Brocken?“ wollte ich genauer wissen. obwohl mein Bauchgefühl längst signalisierte, dass es wirklich nicht einfach sein wird sich für eine Geschichte zu entscheiden und ob die genau das Thema füllen wird.

„Ich gehe ein bisschen spazieren“, rief ich ihm zu während ich meine Jacke und Straßenschuh anzog. „Da kann ich besser nachdenken und muss dein Grinsen nicht ertragen…“ -„Winke, winke“ …so verließ ich das Haus.
Die Luft war angenehm. Es roch überall nach frischer Erde. Endlich hatte es geregnet. Das noch feuchte Gras streifte mein Knöchel als ich über die Wiese zur Spree lief. Kein Mensch weit und breit. Ein Lastkahn weckte Erinnerungen. Ich winke meinen Erinnerungen zu.

Das war eine gute Entscheidung das Haus zu verlassen. Die Luft flimmerte. In der Ferne kam eine schlanke vermutlich ältere Frau den Uferweg entlang. Im Spiel der Lüfte sah sie eher aus als würde sie schweben. Eine Fata Morgana, lächelte ich. Ein Regenborgen öffnete mein Herz. Ich liebe Regenbogen, sie haben etwas Zeichenhaftes.

Ohne es zu bemerken saß die Frau plötzlich schweigend neben mir. Ich überlegte an wen sie mich erinnerte, woher ich sie kenne. Sie war mir vertraut.
„Erzähl doch meine Geschichte“, sagte sie leise. „Erinnerst du dich noch an die Geschichte, die ich dir damals erzählte?“
Ich schaute erstaunt zur Seite. Die Stimme kam von der Frau. Alles schien so unwirklich.
„Ich war 60 Jahre als ich zu euch auf die Station kam. weißt du noch? Eine Fraktur wollte mich von meiner anstehenden Abiturprüfung abhalten. Ihr habt das damals organisiert, obwohl euch das nicht geheuer vorkam. Eine alte Diakonisse, die mit 60 noch Russisch Abitur machen wollte.“ Sie schaute über das Wasser.“

Es dämmerte in mir, ja klar, die war keine leichte Patientin, immer auch ziemlich eigensinnig. Die Frau lächelte. „Ich weiß“, sagte sie, als hätte sie meine Gedanken gehört. „Meinen Mitschwestern habe ich damit keine Ehre gemacht“.
Dann lachte sie und rief, den Kopf nach oben richtend, „Ja so hast du mich eben gemacht. Manchmal stand mir dieser Zug an mir im Wege, fügte aber schnell hinzu, es auch hat mir oft geholfen die richtige Entscheidung zu treffen, während andere auf den Knien rutschten um eine Antwort zu bekommen.
Sie schaute mich an. „Es gibt Entscheidungen die müssen getroffen werden“.
„Erinnerst du dich noch“? fuhr sie unbeirrt fort, die Geschichte mit dem kleinen Jungen?“
Ich überlegte. Wir waren uns zum Zweitemal begegnet und saßen unter einem großen schattigen Baum, tauschten Gedanken aus.
Darunter auch jene Geschichte, die mich mein ganzes Leben, besonders im Beruf, begleitete. Sie war mir in schwierigen Situationen auf der Station stets hilfreich, wenn ich meine Verantwortung nicht auf einen nichtanwesenden Arzt abschieben konnte.
Ich wendete mich nachdenklich zu ihr. „Ich könnte mir vorstellen, dass nicht alle das verstehen werden.“
Die Frau lachte. „Entscheidungen sind Meilensteine für den eigenen Weg.

Sie war Kinderschwester und Diakonisse. Man vertraute den ehrwürdigen Schwestern weil sie einen guten Ruf hatten und Barmherzigkeit lebten.
So holten junge Eltern sie ins Haus. Ein schwieriger Sohn bei dem die Ärzte mahnten, dass er sich nicht aufregen dürfe, Schlimmes könnte geschehen, seine Gesundheit wäre in Gefahr. Er sollte für eine Nacht betreut werden. Die Eltern waren dankbar, denn sie hatten großes Vertrauen in den Stand der Barmherzigkeit.
Alles war gesagt, übergeben, die jungen Eltern verließen das Haus. Es war Schlafenszeit. freundlich ermahnte die Diakonisse den Sohn nun ins Bad zu gehen. Doch er dachte nicht daran, stellte sich stur.
Eine Weile duldete sie das Spielchen von ihm. Dann reichte es ihr.
Blitzschnell, so erzählte sie mir, blitzschnell schoss es ihr durch den Kopf: Liebevoll half nichts, Versprechen jeglicher Art ebenso wenig. Auch leise Drohungen interessierten ihn nicht. Er blieb stur.
Was tun, denn er durfte sich nicht aufregen? Am liebsten hätte sie ihn geschüttelt, damit er zu sich kam. Das tut Barmherzigkeit aber nicht…
Dann, erzählte sie weiter, sah ich wie er mich aus dem Augenwinkel beobachtete, während er sich zur Spielecke drehte.
Plötzlich wurde mir bewusst, dass er mich reinlegen wollte. Ich nahm mein ganzes Wissen als Kinderkrankenschwester zusammen. Der Arzt hatte gemahnt sanft mit ihm umzugehen, sonst würde ihm was passieren.
Niemand war da der ihr sagen konnte was sie tun muss, damit das Kind nicht gefährdet wird.
„Was tue ich im Notfall, habe ich mich gefragt. Kann ich die Konsequenzen ertragen?“
Als ich auf ihn zutrat um es noch einmal im Guten zu versuchen begann er zu schreien, sein Gesicht lief rot an...
Da schrie ich zurück…Stille
Erschrocken über meine Entscheidung schaute der kleine Junge mich an, drehte sich um und ging schweigend ins Bad.
„Du musst immer wissen was du tust und was für Möglichkeiten aus deinem Wissen heraus dir offen stehen. Dann aber handle konsequent.“
Sie erhob sich. „Und jetzt geh nach Hause und schreib deine Geschichte. Es ist deine Entscheidung was du warum erzählst.“
Ich schaute auf das glitzernde Wasser. Der Regenbogen wurde immer schwächer. Ein Ruderboot legte am anderen Ufer der Spree an.
Das war Borstell fuhr es mir durch den Kopf. Sie starb in einem Altenheim. Meine Briefe wurden ihr vorgelesen und ihnen somit die Vertrautheit genommen.
Ihre Geschichte ist mir geblieben. Auch jene, wo sie nach 1945 Waffen mit einem Ruderboot von einem Ufer zum anderen transportiert hat…
Aber das wollte sie mir später erzählen. Sie kam nicht mehr dazu. Schade denke ich. Es wäre bestimmt spannend geworden. Eine Mahnung die Zeichen der Zeit zu erkennen.
Lächelnd betrat ich meine Wohnung. Mein Freund hatte Kaffee gekocht. Er lauerte schon auf das was ich zu erzählen hatte. Naja, Männer!
© Margarethe Noah 2017
Kritik erwünscht

9 Kommentare

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Eine äußerst interessante Geschichte, Margarethe!
Es ist natürlich Ansichtssache, aber ich finde es besser, wenn in einer Kurzgeschichte nur das erzählt wird, was konkret zu der Geschichte gehört. Das meint, dass der "Vorspann" auch wegfallen könnte. Das Thema "Entscheidung" wird ja schon durch die Entscheidung der Diakonisse, zurück zu schreien, abgedeckt.
Aber das ist und bleibt natürlich Deine Entscheidung...
  • 17.04.2017, 22:27 Uhr
  • 1
Danke für deinen Hinweis, Georg.
Grundsätzlich hast du recht. Wenn man am Ende nicht schießen will, sollte man in der Geschichte kein Gewehr an die Wand hängen...
Mein Adressat war die Schreibstube und der Rahmen wurde durch den Kommentar von meinem Freund gesetzt. Was die einzelnen Entscheidungen betrifft, so habe ich versucht Spannung aufzubauen. Immer auch auf kleine Entscheidungen aufdbauend.
Wenn dir nur die Geschichte der Diakonisse als Thema zur Entscheidung in Erinnerung bleibt, dann habe ich wohl was falsch gemacht, Grüße zurück
  • 18.04.2017, 09:52 Uhr
  • 0
Liebe Margarethe,

Du hast gar nichts falsch gemacht!
Deine Geschichte ist gut, so wie sie ist.
Es ist Dein persönlicher Stil, sie so zu erzählen.

Es gibt so viele "Muss" und "Kann" und "Soll" und dabei bleibt oft der individuelle Stil auf der Strecke.
Deine Geschichte ist "rund" - Einleitung, Handlung (tolle Stimmungsbilder!) und Schluß.
Sie hat also alles, was eine gute Geschichte braucht.

Würdest Du Deinen Anfang weglassen, müsste auch das Ende weg. Was bleibt dann noch?
Ja, eine Kurzgeschichte. Aber eine ohne Seele.

Nichts für ungut, liebe Grüße
wize.life-Nutzer
  • 20.04.2017, 11:00 Uhr
  • 1
Danke Inga, dass du noch immer dabei bist.
Danke für dein Lesenswert und deinen Kommentar - bleib ruhig unter uns
  • 21.04.2017, 11:00 Uhr
  • 1
sehr gerne, liebe Margarethe.
Doch ob ich bleibe, weiß ich noch nicht
  • 21.04.2017, 14:06 Uhr
  • 0
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Darauf wäre ich nicht gekommen
"ebenfalls zu schreien." Danke für den Tipp!
Weil in dieser Geschichte so viel Spannung
aufgebaut war, habe ich leicht durchgefunden
zwischen Traum, Vergangenheit und Gegenwart.
Fröhliche Osterfeiertage wünsche
ich Dir, liebe Margarethe
  • 15.04.2017, 16:17 Uhr
  • 2
Danke, liebe Bele, ach ich schreibe einfach drauf los. Die Geschichte mit, von der Diakonisse ist wahr. So war sie - und nicht von allen geliebt, was sie wusste.
Solche Menschen haben mir immer imponiert. Tatsächlich auch die Geschichte mit dem Jungen hat mir oft geholfen.
Es gibt ein interessantes Buch von Berne "Spiele der Erwachsenen" uralt aber noch immer treffend...
Auch dir Fröhliche Ostern,glg Margarethe
  • 15.04.2017, 17:25 Uhr
  • 1
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Eine nachdenklich machende Geschichte. Man denkt viel zu selten über sich selbst nach - nicht nur, wenn man eine Geschichte "erzählt".
Mit der Rechtschreibung, da hab ich auch so meine Problemchen. Ich behelfe mir damit, dass ich meine Geschichten in ein Textverarbeitungsprogramm schreibe. Da wird einem schon vieles verbessert. (Zumal mir bei SB Anfangs öfter meine "Werke" um die Ohren flogen, sprich plötzlich weg wahren, weil SB mich wohl zu langweilig oder langatmig fand)
  • 14.04.2017, 21:00 Uhr
  • 2
Danke Harry das tut mir gut
Wir machen einfach weiter
  • 14.04.2017, 21:28 Uhr
  • 0
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