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Die Prophezeiung

14.05.2017, 21:43 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

Es war die dritte Nacht, nach meiner Rückkehr in mein Elternhaus.
Meine Gedanken und Erlebnisse im Heim, erstickten meinen Schlaf.
Die Vertrautheit, wieder im eigenen Bett zu schlafen, erweckte in mir etwas Fremdes.
Niemand, der mich in der Nacht weckte.
Niemand, der mich berührte, kein jammern, kein weinen.
Stille, unerträgliche Stille.

Irgendwann erwachte ich, schweißgebadet aus meinen Albträumen.
Es war schon lange hell, an jenem sonnigen Dezembermorgen.
Im Keller entdeckte ich meinen blauen Ballonroller, eingezwängt zwischen Vaters großen
Werkzeugkisten. Ein Weihnachtsgeschenk meiner Mutter, vor drei Jahren.
Kurzentschlossen, füllte ich meine Jackentaschen mit Sahnebonbons, rollerte in Richtung Stadt, entlang der Straßen und Wege, die mir vertraut waren.
Straßen und Wege, auf denen ich oft lief, an der Hand meiner Mutter.
An jedem ersten des Monats, kaufte Mutter mir in der Stadt ein Matchboxauto und eine Tüte Geleebananen.
Nichts hatte sich verändert.
Die Häuser, die Läden, die vielen Menschen, alles erschien mir so, wie vor zwei Jahren.
Frauen und Männer erledigten emsig ihre Einkäufe. Niemand bemerkte mich.
Ich fühlte mich, als säße ich in einem Zug, der mit hoher Geschwindigkeit durch die Landschaft braust.
Ein kurzer Blick, ein Staunen-und schon ist jeder Moment ein anderer.

Nach einer Weile, stand ich vor dem Gemüseladen von Herrn Rößler. Seit Jahren kaufte Mutter in dem Gemüseladen von Herrn Rößler sämtliches Gemüse.
Etwas ängstlich, betrat ich seinen Laden, ob er mich erkennen würde?
„Mensch Jakob, bist du wieder zu Hause?“
„Seit drei Tagen, erwiderte ich.“
„Könnte ich bitte eine Brause bekommen? Ich habe kein Geld dabei und schrecklichen Durst.“
„Hier Jakob, die Brause musst du nicht bezahlen, ich schenke sie dir.“
Die Brause trank ich in zwei kräftigen Zügen.
„Jetzt muss ich aber wieder los, sonst bekomme ich Ärger.“
„Fein Jakob, grüß bitte Mama und Papa. Sei immer lieb, dann musst du nie wieder in ein Heim.“
Die Worte von Herrn Rößler verstand ich nicht.

Die Zeit, ich hatte sie längst vergessen. So trug mich mein blauer Ballonroller in Richtung Elbwanderweg und fand ein schönes Plätzchen zum ausruhen.
Als ich einnickte, bemerkte ich die wärmende Wintersonne, ein wohliges Gefühl durchzog meinen Körper.
Plötzlich bemerkte ich einen Schatten, über meine geschlossenen Augenlider.
Erschrocken, riss ich beide Augen auf.
„Oh verzeih, mein Junge, ich wollte dich nicht aus deinen Träumen reißen, darf ich mich zu dir setzen?“
Eine fremde Frau mit einem freundlichen Lächeln, setzte sich neben mich.
„Sag mal, fragte sie, musst du nicht um diese Zeit in der Schule sein?“
„Noch nicht, ich war lange von zu Hause fort.“
„Wo warst du denn?“ fragte die fremde Frau.
„In einem Heim!“ erwiderte ich.
„Mein mittlerer lebte auch für lange Zeit in einem Heim, er ist für immer gegangen.“ Erzählte die fremde Frau.
„Wohin ist er gegangen?“ fragte ich.
Die fremde Frau zog ein weißes Taschentuch aus ihrer rechten Manteltasche, knüllte es zusammen, ganz fest und mit aller Kraft.
Ihr Blick richtete sich in den blauen, kalten Winterhimmel.

„Weinen sie?“ fragte ich.
Die fremde Frau beugte sich zu mir.
„Es ist die Sonne, ich habe meine Sonnenbrille nicht bei mir, meine Augen sind etwas empfindlich.“
Ich nickte, zugleich spürte ich einen tiefen Schmerz in der fremden Frau.
„Wie finden sie meinen blauen Ballonroller?“ fragte ich.
„Du, der ist toll, aber bist du nicht schon zu groß, für einen Roller?“
„Eigentlich, wünsche ich mir schon lange ein Fahrrad.“ Erwiderte ich.
„Dein Vater, wird dir bestimmt bald ein schönes Fahrrad kaufen, das weiß ich.“ sagte die fremde Frau.
„Du Jakob, ist es dir unangenehm, wenn ich dich zum Abschied einmal in die Arme nehme?“
Ich schüttelte meinen Kopf, die fremde Frau, schloss mich liebevoll in ihre Arme, so wie Mutter es manchmal tat.
Am nächsten Morgen, saß ich mit meinem Vater am Frühstückstisch.
„Jakob“ sagte Vater, gestern Abend war ich im Keller, mir ist aufgefallen, dass du langsam zu groß bist, für den Ballonroller, heute Nachmittag schauen wir nach einem neuen Fahrrad für dich.“
Noch am gleichen Tag wurde sie wahr, die Prophezeiung der fremden Frau vom Elbwanderweg.

© P. Böttcher

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11 Kommentare

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  • 22.05.2017, 15:33 Uhr
  • 1
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Da kann ich mich nur anschliessen, während ich einen Arm um den kleinen Jakob lege und ihm durch die Haare wuschle. Ein tapferer, kleiner Kerl ! Danke für diese Geschichte, lieber Peter ; man spürt diese Beklommenheit des Jungen und die Macht des Schicksals. Das ging mir unter die Haut. LG Susanne
  • 17.05.2017, 10:28 Uhr
  • 1
Danke Susanne
  • 17.05.2017, 18:04 Uhr
  • 1
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Lieben Dank Peter für die bewegende Geschichte aus deiner Kindheit. Danke das du uns daran teilhaben lässt.
  • 17.05.2017, 01:38 Uhr
  • 1
Sehr gerne, danke für's lesen
  • 17.05.2017, 18:05 Uhr
  • 1
  • 17.05.2017, 20:08 Uhr
  • 1
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eine bewegende Geschichte....
  • 16.05.2017, 22:03 Uhr
  • 1
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Lieber Peter, danke für deine Kindheitserlebnisse und das ich daran teilhaben durfte. Deine Geschichte hat mich tief bewegt. Alles Liebe dir, von Herzen Tina
  • 16.05.2017, 09:28 Uhr
  • 1
Herzlichen Dank, liebe Tina
  • 16.05.2017, 12:27 Uhr
  • 1
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Hallo Peter, gut dass du deine Erlebnisse durch Schreiben verarbeiten kannst. Ich habe eben auch "Verlustängste" gelesen. Dein Leben war wahrlich kein Zuckerschlecken. Ich wünsche dir viel Kraft für die Zukunft.
  • 16.05.2017, 09:05 Uhr
  • 1
Ich danke dir, Marga
  • 16.05.2017, 12:40 Uhr
  • 0
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