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Meine Art zu lesen oder besser wie man nicht lesen sollte

27.05.2017, 19:28 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

Meine Art zu lesen
oder besser wie man nicht lesen sollte

Natürlich ist es nicht empfehlenswert, mehrere Bücher gleichzeitig zu lesen, aber ich vermute, es ist eine Alterserscheinung, denn man meint, man könne Zeit sparen, wenn man lesend von Büchern umringt am Schreibtisch sitzt: Sachbücher aller Art, die Ephemeriden – soz. die Bibel der Astrologen – und natürlich die zwei neuen Bücher, die ich gerade spontan an der Ecke im Buchladen erstanden habe: Hanns-Josef Ortheil, „Was ich liebe und was nicht“ und von meinem geliebten türkischen Autor Orhan Pamuk, „Diese Fremdheit in mir“.

Früher war das anders: Ich legte mich mit einem Buch auf die Neckarwiese oder aufs Sofa und hatte es am Abend durchgelesen, abgehakt und systematisch ins Regal gestellt.
Heute sitze ich auf der Terrasse – mit einem Buch -, schaue hinunter auf die Wiese, beobachte das junge Liebespaar oder den Vater, der mit seinen zwei hübschen langbeinigen Töchtern Beachvolleyball übt und konzentriere mich ganz nebenbei auf das neue Buch von Ortheil, der mittlerweile ja auch schon 66 Jahre alt ist und natürlich – Thema der Älteren – einen Rückblick auf sein Leben macht. Nicht in der Form einer chronologischen Erzählung, was man eigentlich von einer Autobiographie erwartet, sondern genau wie Murakami in seiner Biographie „Von Beruf Schriftsteller“ in vielen kleinen Essays, eingestreuten Versen, eben literarischen Appetithäppchen.

Seine große Autobiographie „Die Erfindung des Lebens“, die mich außerordentlich beeindruckt hatte, halte ich für sein bestes Werk. Es folgten weitere: „Das Kind, das nicht fragte“, „Der Stift und das Papier, „Blauer Weg“ … Beschreibungen eines Lebens, das hohe Amplituden hatte, das mit der Sprachlosigkeit der Mutter begann, die nach dem Tod dreier kleiner Söhne verstummte und mit ihrem vierten Sohn nur noch schweigen konnte.
Der pädagogische Instinkt des Vaters und dessen Ideenreichtum führten schließlich dazu, dass Hanns-Josef im Alter von 6 Jahren zu sprechen anfing und schließlich eine solche Meisterschaft in der Sprache erlangte, dass er heute zu den besten deutschen Schriftstellern der Gegenwart gehört.
Das allein wäre schon ein großartiger Lebensentwurf gewesen.
Aber: Hanns-Josef entdeckte als kleiner Junge den Flügel seiner Mutter, ging später zum Studium der Musikwissenschaft nach Rom, wurde Meisterschüler im Klavierspiel … und als er gerade wusste, dass er Pianist werden sollte, erkrankte er so schwer, das dieses Berufsziel nicht mehr in Frage kam!
Nach dem mühevollen Aufstieg zum Gipfel ein schicksalhafter Absturz in das Schattenland Depression.

Obwohl ich ihn als Schriftsteller sehr schätze, komme ich mit einem seiner Hobbies nicht zurecht. In einem Liebesroman, dessen Titel ich vor lauter Ärger vergessen habe, geht es nur um das Zubereiten und gemeinsame Essen und der Leser wird in die höchste Kunst der Moderne, die Kochkunst, eingeführt.
Als ich nun diesen neuen Roman, „Was ich nicht mag und mag“ zu lesen anfing, verfolgten mich schon die schlimmsten Ängste, er könne wieder auf dieses Thema zurückkommen, und in der Tat von S. 39 bis 62, immerhin 23 Seiten, geht es um Essen in Restaurants, Essen zu zweit, Muttermilch trinken, Essen in der Pubertät etcetc …

Das Buch muss nun warten, es steht jetzt in der zweiten Reihe, und ich ziehe es vor, einen Vers von Khalil Gibran quasi als Aperitiv zu lesen, ein paar Seiten aus Pamuks Roman „Diese Fremdheit in mir“ als Vorspeise zu genießen; der Hauptgang muss natürlich ein Sachbuch sein, dieses Mal aus dem Bereich der Politik (Robin Alexander, „Die Getriebenen“, ein Spiegel Bestseller) und als Nachspeise ein Blick in die Ephemeriden, …natürlich! Pluto immer noch auf der Sonne/Mond-Achse im Steinbock …

xxx

Früher, wie gesagt, ging ich disziplinierter, zielbewusster ans Bücherlesen heran. Immer nur e i n Buch !
Aber heute ist ja alles so viel komplexer. Man passt sich eben an. Ein Lied, neudeutsch ein Song, ist heute ein synästhetisches Erlebnis aus Farben, Lichteffekten, Körperzuckungen und Tönen.
Wer liest heute noch ein einziges Buch an einem Tag, voller Hingabe, eingetaucht in eine fiktive Welt, eine andere Zeit, einen anderen Ort?
Unvorstellbar! Zeitvergeudung! Oder?

© est

3 Kommentare

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Nun, gleichzeitig lesen ist ja nicht möglich, nacheinander schon. Ich mag Bücher und wenn ich in einem Bücherladen stehe, in Tirer gibt's einen ganz besonderen, mit eher außergewöhnlichen Büchern, bin ich immer ganz fasziniert. Schaue hier und gucke dort, lese ein klein wenig und dann fällt mir ein, dass ich eigentlich...., ja eigentlich noch ganz was anderes zu tun habe.
Den Luxus Biographien, Romane im weitesten Sinne oder ähnliches zu lesen, erlaube ich mir noch nicht, weil ich beim Lesen, so blöd es auch ist, schnell ermüde.
Ich muss die Zeit tatsächlich noch für Sachbücher oder für sehr interessante Themen, die mich persönlich weiterbringen können, verwenden.
Der Tag hat nur 24 Stunden und es wird für mich nicht geändert. Es ist zwar ärgerlich, aber mach was....

Abgesehen von alledem, ich finde, einige unterschiedliche Bücher oder Schriften in greifbarer Nähe zu haben, prima. Schließlich ist mir auch nicht immer nach dem ewig gleichen. Abwechslung muss schon sein!
  • 28.05.2017, 15:11 Uhr
  • 1
Danke für Deinen Kommentar, Renate!
EIgentlich wollte ich mir selber auf die Schliche kommen, warum sich da eine solche Veränderung eingestellt hat.
Das ZEITHABEN spielt da ganz sicher eine entscheidende Rolle.

Ich habe auch in der letzten Zeit öfter als früher ein Buch hervorgeholt, das ich mal vor Jahren gelesen habe und das mich offenbar so überzeugt hat, dass ich einen Eindruck wiederholen möchte.
Und ich stelle fest, dass dieses zweite Lesen - nach einem langen Zeitabschnitt - ganz neue DInge erkennt - fast genussreicher ist als das erste. Es ist nicht mehr so sehr Neugierde, sondern eine intensivere Auseinandersetzung mit dem Autor.
  • 28.05.2017, 15:48 Uhr
  • 1
Ja, das kann ich mir vorstellen, das mit dem wiederholten Lesen nach einer Zeit X. Oder es ist die bessere Auseinandersetzung mit dem Inhalt, viell. auch beides gleichermaßen.

Das parallele Lesen kann aber auch einfach Interesse sein, sich mit unterschiedlichen Dingen zu beschäftigen, oder dem gleichen Thema oder aber man liest hier was und das Unterbewusstsein winkt kräfitg, ... da war doch noch was...
Das ist dann sozusagen Selbtsüberlistung.
  • 28.05.2017, 16:31 Uhr
  • 0
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