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Die Jeans

Die Jeans

01.06.2017, 08:46 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

An das werden wir noch lange denken, sagte meine Frau Regina und unterdrückte ein schadenfrohes Grinsen. Ich merkte, wie es sie innerlich fast zerriss, weil sie ihr Lachen kaum zurückhalten konnte. Sie hatte Angst, dass sich mein Ungeschick, über das ich, jedenfalls bis jetzt noch, selber lachen konnte, in Wut umschlagen würde. Ihre Angst, meinen Unmut zu entfachen, war da, aber ihr inneres Grinsen über mein entsetztes Gesicht war stärker. Sie konnte es nicht mehr bei sich halten und prustete es heraus. Ihr befreites und schallendes Lachen riss mich mit, ich konnte gar nicht anders. Das „anders“ wäre das gewesen, was meine Gute befürchtet hatte, dass ich mich, wie sie aus Erfahrung wusste, in ein Rumpelstilzchen verwandeln würde. Ich habe diesen kindlichen Trotzkopf nie ablegen können. Und weil ich das wusste, fing ich an, mich zu ärgern. Es war fürchterlich, der „Trotzi“ war wieder da, dieses verfluchte Alter Ego aus früheren Zeiten. Ich redete mit Regina darüber, das war die einzige Chance, ihn loszuwerden. Er mag es nämlich nicht, wenn man ihn auslacht.
Was war passiert? Wir hatten eine lange Wanderung in meiner alten steirischen Heimat gemacht. Vom Brucker Weitental stiegen wir über den Rabensteig zur Fleischhackeralm auf. Ich war der Führer, selbstherrlich lehnte ich Wanderkarten ab, immerhin bewegten wir uns auf den Wegen meiner Jugend. „Ich kenne hier jeden Stein“, sagte ich großspurig, obwohl ich zwischendurch die Orientierung verlor. Meine Abkürzungen führten nicht zum Ziel, es kam leichte Verwirrung auf, aber nur kurz, denn es gab ja Markierungen und meine Regina übersah nichts.
Für den Abstieg wählten wir eine andere Route, die führte über den sogenannten Grabner-Steig. Der war mir zwar unbekannt, aber auf einer Tafel stand, dass er zum Ausgangspunkt unserer Wanderung zurück führt. Was wichtig war, denn da stand unser Auto. Alles eitel Wonne, wir waren fast am Ziel, wir konnten schon die Brucker Stadt sehen. Der Hochwald tat sich auf, ein Schlag, so nannten wir ein Waldstück, indem gerade die Bäume geschlägert wurden, lag duftend vor uns. Ich liebe den Geruch von frisch gesägtem Holz, das ist für mich Heimat.

„Ach wie schön ist die Welt“, posaunte ich in einem Anflug von Romantik in das Sonnenfenster über der Waldlichtung. „Komm mein Schatz“, sagte ich, „setzen wir uns ein bisschen und genießen das Leben.“
Regina wollte so kurz vor dem Ende unserer Tour nicht mehr rasten, sie lehnte nur kurz an einem Baum und sagte: „Komm, lass uns weiter gehen, ich freue mich schon auf unseren Besuch auf den Mur-Terrassen in der Stadt und auf eine zünftige Jause.“
„Okay, wenn du meinst“, sagte ich und wollte von dem frisch geschnittenen Baumstumpf aufstehen, doch es ging nicht. Jedenfalls nicht so einfach denn es zog mir fast die Jeans aus beim Aufstehen. Ich klebte fest! Ich dachte schon die ganze Zeit, dass es extrem stark nach Harz riechen würde, aber in einem frischen Schlag sei das normal. Dachte ich.
Frisches Harz war durch den Stoff der Hose gedrungen, auch meine Unterhose klebte am Körper. Ich hatte ein derart blödes Gesicht gemacht, dass es Regina, wie schon gesagt, fast zerriss vor zurückgehaltenem Lachen. Im Nachhinein betrachtet, muss ich ein Bild des Jammers abgegeben haben. Pure Verzweiflung wird in meinem Gesicht gestanden haben. Was tun? Ich zog die Hose aus und Regina bemühte sich mit gebündelten Saublätschen, so nannten wir die großen Blätterstauden, die meistens an Wasserstellen wuchsen und uns bei Regen als Hut dienten, meinen Hintern zu reinigen. Alle Mühe war umsonst. Ich war der Mann im Pech, im wahrsten Sinn des Wortes. Jede Männlichkeit und alle Führerqualitäten waren verschwunden. Es war zum Glück ein erster warmer Sommertag im Mai, nur mit Boxershorts bekleidet trottete ich in Richtung Parkplatz „Kalte Quelle“ zu unserem Auto. Ich wollte nichts anderes als nach Hause fahren. Wenn es sein muss, dann eben mit Unterhose und nacktem Oberkörper, denn mein T-Shirt klebte auch. Vom wildromantischen Klosterwald hatte ich ein für allemal genug. Da hatte ich allerdings nicht mit der Resolutheit meiner Frau gerechnet, denn sie wollte auf gar keinen Fall auf die schwer verdiente Jause verzichten. „Ja wie denn“, schrie ich voller Verzweiflung, „soll ich halb nackt in dieses Restaurant gehen?“
„Nix da, mein Freund“, sagte sie mit einer Entschlossenheit, die mich aufhorchen ließ.
„Du fährst uns sofort in ein Kaufhaus und wir werden dort ein paar Klamotten für dich erstehen, aus basta!“
„Aha“, sagte ich und stellte mich blöd, „und wo ist so ein Kaufhaus?“
„Ich dachte, du bist hier zu Hause?“
„Ja, war ich. Vor fünfzig Jahren.“
Mir fiel dann Gott sei Dank ein, dass praktisch in jeder Stadt am Ortseingang irgendein Einkaufszentrum in auf der grünen Wiese steht. So war es auch hier. Ich fuhr in die Tiefgarage und wartete in Unterhose, auf Zeitungspapier sitzend wegen der teuren Ledersitze, auf Regina. Die war ausgestiegen, um mir frische Kleidung zu besorgen.
Die Kinderstimmen, die vom vorbeiführendem Zebrastreifen zu mir drangen, konnte ich nicht überhören, auch wenn ich mein Gesicht zur Seite drehte. „Schau, da sitzt ein Nackerter im Auto. Ist das Sex, Mama?“
„Naja, Sex war es nicht, eher eine Art profaner Befriedigung, denn na kam mit einer Bermuda-Shorts und buntem T-Shirt grinsend angetanzt. „Na, wie habe ich das gedeichselt?“
Der Tag war gerettet. Dem Besuch auf den Mur-Terassen stand nichts mehr im Wege. Wir genehmigten uns eine steirische Spezialität: Rindfleisch in Essig und Kürbiskernöl, es schmeckte fantastisch. Daran änderten auch die obligaten Spritzer vom grün-schwarzen Öl auf meinem neuen T-Shirt nichts.

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5 Kommentare

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Mit der Unterhose aus dem Wald kommend … das hatte was von : "Des Kaisers neue Kleider ... "
  • 03.06.2017, 07:43 Uhr
  • 0
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Herrlich
das kann ich mir richtig gut vorstellen
  • 03.06.2017, 07:16 Uhr
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Echt lustig!
  • 01.06.2017, 14:25 Uhr
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Inhaltlich kann deine Geschichte metaphorisch auf andere Bereiche übertragen werden denn: Am Ende lief es doch wie geschmiert- Dank deiner Frau..
  • 01.06.2017, 09:20 Uhr
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Herrlich herzerfrischend.

Der letzte Satz scheint eine Männerspezialität zu beschreiben.
Mein Mann auch - jede Mahlzeit ein T-Shirt
  • 01.06.2017, 09:15 Uhr
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