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Der Talismann

Der Talismann

06.06.2017, 09:11 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

Der Talisman
Fahrig streichen Lena Müllers Hände über ein kleines, goldenes Medaillon. Sie denkt an ihren 6. Geburtstag, Damals schenkte ihre Mutti ihr dieses Schmuckstück. Die Mutter war schon sehr krank. Lena hatte sich eine Barbie Puppe gewünscht und war enttäuscht, aber sie ließ sich nichts anmerken. Gemeinsam öffneten sie den Deckel und betrachteten das Bild einer schönen Frau. Ein ebenmäßiges Gesicht, blaue Augen und blonde Haare, die im Nacken zu einem Knoten frisiert waren. „Das ist Gertrud, die ich einmal sehr verletzt habe. Sie wird in Zukunft auf dich aufpassen.“ Ein tiefer verzweifelter Seufzer folgte. „Wenn ich wieder gesund bin, werden wir sie besuchen.“ Die Mutter lebte noch vier Monate, dann schloss sie die Augen für immer.

Eine Zeitlang trauerte der Vater und kümmerte sich liebevoll um seine Tochter. An ihrem 7. Geburtstag bat sie den Vater ihr das Kettchen am Hals zu schließen. Mit einem Stirnrunzeln fragte er: „Wann hat Mutti dir denn ihren Talisman geschenkt?“ Sie wollte ihm das Foto zeigen, aber er wandte sich ab und sagte nur: „Halt es in Ehren“. Vater fuhr jeden Morgen ins Büro, dann kam seine Mutter, Oma Frieda, aus dem Nachbarhaus, kochte, putzte und sorgte dafür, dass Lena zu Schule ging. Manchmal brachte Vater andere junge Frauen mit. Gemeinsam verjagten Lena und Frieda diese Modepüppchen. Bis Doris kam, die ließ sich nicht verjagen. Es gab einen Riesenkrach. Danach zog Frieda in eine andere Stadt und Doris wurde Frau Müller. Lenas Leben änderte sich total. Wenn es nur Doris gewesen wäre, aber sie war eine geschiedene Frau und brachte noch zwei Jungen im Alter von 7 und 8 Jahren mit. Die zwei verbündeten sich gegen Lena und ärgerten sie immerzu. Dabei achteten sie schon darauf, dass ihre Mutter es nicht bemerkte. Sieben Monate nach der Hochzeit bekam Lena noch zwei Brüder. Alle fragten: „Freust du dich nicht? Jetzt bist du nicht mehr allein.“ Nein ich will nicht noch zwei Quälgeister, die mir meinen Papa wegnehmen, dachte sie. Laut sagte sie: „Doch, Doch“.

Mit dem einjährigen Ben sitzt sie jetzt im Sprechzimmer des Kinderarztes. Sein Zwillingsbruder Jan wird gerade von Dr. Busch abgehorcht. Doris redet und redet, wie viel Arbeit sie mit fünf Kindern hat, gut das Lena ihr zur Hand geht. Ihr Mann ist nie da und wenn er zu Hause ist muss er ruhen.
Der Doktor schaut zu der schweigsamen Lena und fragt: „Wie alt bist du denn“? Trotzig stößt sie hervor: „Ich werde heute 13 Jahre alt“. Doris wird feuerrot: „Oh Gott, das habe ich vollkommen vergessen. Warum sagst du es mir nicht vorher. Entschuldige bitte, ich mache es wieder gut.“ Der Arzt schaut, aufmerksam geworden, von einer zur anderen, übergibt Jan seiner Mutter und bittet die Sprechstundenhilfe Ben zu nehmen. „Frau Müller setzen sie sich bitte noch einen Moment mit den Buben ins Wartezimmer, sie sind gesund und alles ist in Ordnung. Da Lena auch hier ist stellen wir sie mal auf die Waage“. Er reicht Lena die Hand: „Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, ja ein Kinderarzt ist auch für 13jährige Kinder noch zuständig. Ich sehe schon, du wiegst nur 38 Kilo, das ist viel zu wenig.“ Er schiebt sie zur Seite, dort ist eine Messlatte angebracht. „1,73 Meter – du bist ja schnell gewachsen.“ Unauffällig berührt er den Ärmel ihres Sweet-Shirts und sieht alte und frische Schnittwunden. „Mm, nun schau nicht so wütend, ich will dir doch helfen. Was hältst du von einer Erholungskur an der Nordsee. Wäre das nicht eine schöne Abwechslung“?
„Das geht nicht, ich muss Doris helfen“. „Ich spreche mit deinem Vater, er muss eine Hilfe einstellen. So geht das nicht weiter.“ Leise sagt Lena: „Herr Doktor, Doris ist keine böse Stiefmutter“. „Ich weiß, sie ist nur überfordert. Aber dafür bist du nicht zuständig.“

Schon drei Wochen später ist der Bescheid der Krankenkasse bei der Post. Lena verabschiedet sich von den Brüdern und Doris. Der Vater ist schon zur Arbeit gefahren. Automatisch streicheln ihre Hände das Medaillon. Doris sagt: „willst du den Schmuck nicht lieber hier lassen? Er könnte dort verloren gehen“. „Nein das ist mein Talisman, Gertrud beschützt mich“. „Wer ist denn Gertrud“? Lena öffnet den Deckel und zeigt das Foto. „Kennst du die Frau? Deine Mutter ist es doch nicht.“
„Keine Ahnung, aber meine Mutter hat es mir geschenkt.“

Das Kinderheim liegt abseits des Ortes. Die 12 Kinder aus Süddeutschland werden von einem Paar in mittleren Jahren begrüßt: Der Mann stellt sich vor: „Herzlich Willkommen liebe Kinder im Haus am Meer. Wir sind hier die Hauseltern, ich heiße Sven Jansen und dies ist meine Frau Silke. Wir werden uns bemühen, euch in den kommenden vier Wochen zu verwöhnen. Dies ist kein großes Haus. Vierzig Kinder sind bei uns untergebracht. Silke zeigt euch jetzt die Zimmer.“ Lena freut sich, dass sie in einem Zweibett-Zimmer untergebracht wird. Es ist hell und geschmackvoll eingerichtet. Das andere Bett erhält Nele, die im Bus neben ihr saß und auch aus München kommt. Müde räumt sie ihre Kleidung in den Schrank. Jan und Ben fehlen ihr jetzt schon. „Gut angekommen“, schreibt sie in ihr Smartphon und schickt es nach Doris. Nach dem Abendessen werden die neu angekommenen Kinder ins Bett geschickt. Alle sind müde und schnell kehrt Ruhe ein.

Silke sagt zu ihrem Mann: „Zeig mir doch bitte noch mal die Liste. Das große Mädchen in Zimmer 12 kommt mir bekannt vor. Lena Müller aus München, nie gehört. Ich werde mich um sie kümmern. Hier steht Magersucht, na dann werde ich sie mal nach ihrem Lieblingsgericht fragen.“
Eine Woche Norderney. Lena gefällt es jeden Tag besser. Die Seeluft fördert den Appetit. Ihre Wangen sind schon etwas braun geworden. Nele, ihre Zimmergenossin ist nett, sie sind schon fast Freundinnen. Am Abend sitzen sie gemeinsam auf Lenas Bettkante. Nele bewundert das Medaillon. Der Deckel ist offen als Silke eintritt: „Oh zeig mal, darf ich es auch mal sehen?“ fragt sie neugierig. Das Herz rast, nur mühsam kann sie einen Aufschrei unterdrücken. „Wie kommst du an das Foto“? Den Kindern fällt gar nicht auf, dass Silke aufgeregt ist. Lena antwortet: „Sie heißt Gertrud, mehr weiß ich nicht. Meine Mutter schenkte es mir, aber da war ich erst sechs Jahre alt.“ Freundlich fragt Silke: „Ich habe in deinen Papieren gelesen, dass du Halbwaise bist, wer ist noch bei dir?“ „Mein Vater, er heißt Lorenz, seine neue Frau ist die Doris. Zusammen bekamen sie vor einem Jahr Zwillinge. Wir sind eine Patchwork Familie. Doris brachte noch Fred und Mark mit. Zwei echt freche Jungen.“ So viel hat Lena schon lange nicht mehr geredet. Sie mag diese Hausmutter und findet sie „Super“. Nele hat fasziniert zugehört. Jetzt möchte sie unbedingt auch etwas sagen: „Das Medaillon ist aus echtem Gold und Lenas Talisman.“ Silke wirkt verstört. Mit einem merkwürdigen Blick auf Lena sagt sie: „Träumt schön von Gertrud, der blonden Frau.“

Am nächsten Tag telefoniert Silke mit ihrer Mutter, die in Dänemark wohnt. Am Ende des langen Gesprächs sagt sie: „Ich wollte euch einladen. Ihr wart lange nicht mehr hier. Die Gardinen müssen gewaschen werden, dabei könntest du mir helfen. Eine Überraschung habe ich auch für dich, du wirst sprachlos sein. Gut dann bis Samstag, wir holen euch vom Hafen ab.“ Sven hat die letzten Worte gehört. „Das ist schön, was für eine Überraschung hast du denn für Gertrud und Björn?“
„Ich werde sie mit ihrer Enkelin bekannt machen. Sven, unsere Nichte wohnt hier bei uns und wir hatten keine Ahnung.“ Sven lässt sich auf einen Stuhl fallen. „Du bist doch ein Einzelkind, oder habe ich was verpasst?“ „Ja Sven es ist ein Familiengeheimnis. Für meine Mutter war es eine Tragödie, die sie nicht wahr haben will. Ein Jahr nach dem tödlichen Arbeitsunfall meines Vaters lernte Gertrud den fünf Jahre jüngeren Lorenz kennen. Er war ein sehr gut aussehender junger Mann. Schon nach zwei Monaten zog er bei uns ein. Meine Mutter war wieder glücklich. Ich war damals 10 Jahre alt und verstand schon, dass eine Witwe nicht allein bleibt. Doch was dann passierte war nicht geplant. Liesel, meine zehn Jahre ältere Schwester verliebte sich auch in Lorenz.
Natürlich konnte er nicht widerstehen. Mutter merkte es irgendwann. Beide mussten unser Haus sofort verlassen. Es war ein Riesentheater. Ich kann mich nur noch an den Satz erinnern: „Lasst euch nie wieder hier blicken, ihr seid für mich gestorben. Die Namen Liesel und Lorenz durfte ich nicht mehr aussprechen. Als Mutter fünf Jahre später Björn kennen lernte und ihn heiratete, dachte sie vielleicht anders darüber. Die Initiative ergriff sie jedoch nicht. Nun ist Liesel schon sieben Jahre tot und wir wussten es nicht.“ Ich bedauere sehr, dass ich sie nicht gesucht habe. Nun ist es zu spät, zu spät, endlich erlaubt sie sich zu weinen. Sven nimmt seine Frau in den Arm und schüttelt den Kopf. „Das die Gertrud so stur sein kann hätte ich nicht geglaubt. Es ist gut das Björn mit kommt, er wird ihr zur Seite stehen. Wir müssen diplomatisch vorgehen.“ Silke holt ein Medaillon aus ihrer Jackentasche. „Sieh mal, genau so ein Herz mit einem Foto meiner Mutter besitzt Lena. Damit werde ich beginnen und ihr erzählen, dass die – unbekannte Gertrud – für das Kind so etwas wie ein Schutzengel ist.“
Zuerst klären wir Erwachsenen das untereinander. Wir sollten den Lorenz anrufen, bevor wir Lena erzählen, dass wir ihre Verwandten sind. Eine Oma, ein Patchwork Opa, eine Tante und ein Onkel als Zugabe zu einer Erholungskur, dass muss sie gesund und fröhlich machen.

copyright: Marga Koch

10 Kommentare

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Wie immer eine schöne Geschichte
  • 07.06.2017, 15:54 Uhr
  • 1
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Sehr schöne Geschichte. Vielen Dank.
  • 06.06.2017, 21:20 Uhr
  • 1
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Marga,
zunächst danke, dass du das Thema "eröffnet" hast. Das macht Mut auch etwas einzubringen.
Deine Geschichte ist fast in Verlängerung, ein kleiner Liebesroman mit Spannung
Vielleicht hast du einmal Lust das tatsächlich zu verlängern
  • 06.06.2017, 21:13 Uhr
  • 0
Danke Margarethe für den Kommentar. Nein verlängert wird nicht. Es ist eine Kurzgeschichte und dabei bleibt es.
Liebe Grüße Marga
  • 07.06.2017, 10:50 Uhr
  • 1
Uff, das ist auch gut, liebe Marga
  • 07.06.2017, 11:07 Uhr
  • 0
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Spannend.
  • 06.06.2017, 17:23 Uhr
  • 0
Marga, das ist eine wirklich spannende Familiengeschichte. Ich habe sie genossen....
  • 12.06.2017, 11:21 Uhr
  • 0
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Dankeschön für deine dramatische Geschichte mit Familiengeheimnis.
Mir kommen Fragen auf: Wieso hat die Mutter von Lena ihr den Talisman mit einem Bild von der Oma gegeben- wollte sie sich dadurch freisprechen? Was passiert in Lenas kleinen Welt, wenn sie erfährt was hinter dem Familiengeheimnis steckt- soll sie wirklich die Wahrheit erfahren?
  • 06.06.2017, 10:43 Uhr
  • 0
Liebe Tina, danke für deinen Kommentar. Ich hatte mir das so vorgestellt: Renate schenkte ihren Töchtern, als die Welt noch in Ordnung war, diese Schmuckstücke. Liesel wusste, dass sie nicht mehr lange leben würde und gab ihren Talisman Lena. Vielleicht hoffte sie, das Lorenz seiner Tochter sagte, wer die Frau im Medaillon war.
Deine zweite Frage lass ich mal so stehen, da war ich auch nicht sicher.
  • 06.06.2017, 15:48 Uhr
  • 2
Liebe Marga, auf jeden Fall ist deine Geschichte interessant geschrieben und der Leser setzt sich damit auseinander. Also ist dir deine Geschichte sehr gut gelungen. Danke dir.
  • 06.06.2017, 16:33 Uhr
  • 0
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