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Kunst verstehen: Wie ein Kirschenpaar zu einem Kunstwerk wurde

Kunst verstehen: Wie ein Kirschenpaar zu einem Kunstwerk wurde

Volker Barth
18.06.2017, 00:01 Uhr
Beitrag von Volker Barth

So Schönes, Pralles und Rotes wie Kirschen verzaubern in dieser Jahreszeit einfach einen jeden. Es sind paradiesische, köstliche, knackige, leckere, aber auch erotische Zustände - also prägnant formuliert: Kultur, Kunst & Kirschen.

Die Früchte des Kirschbaumes wachsen paarweise, jeder wird das bejahen, zumal er in seiner Jugend das Kirschdoppel als Natur-Schmuck über sein Ohr gehängt hat.

Überall gibts Kunst-Events

Der Sommer 2017 ist ein „Kunst-Sommer“ - beginnend mit der 57. Biennale in Venedig, dazu die Documenta 14, das „Original“ in Kassel und der Athen-Ableger (Thematik „Von Athen lernen“). Fast zeitgleich findet während dieser Documenta auch die Kunstparallel-Veranstaltungen „Skulptur.Projekte Münster 2017“ und „The Hot Wire“ im westfälischen Marl statt. Die „Skulptur.Projekte“ sind das künstlerische Vorzeigeprojekt der Stadt Münster. Alle zehn Jahre schaffen international renommierte Künstler Objekte, die auf freien Flächen in der Stadt ausgestellt werden.

Diese beiden Veranstaltungen in Münster und Marl schlagen nun wieder einen aktuellen Bogen zu Thomas Schüttes Kirschen (1987) und seiner jetzigen Melonensäule (2017).

Vor Ort steht einfach eine „Kirschensäule“

Auf einer ca. sechs Meter hohen Säule aus lokalem Baumberger Kalksandstein befinden sich zwei Kirschen aus rot lackiertem Aluminium mit zusammengewachsenen Stielen. Plaziert ist diese Skulptur auf einem mit Autos vollgeparktem Fleck, dem Harsewinkelplatz.

Thomas Schütte wunderte sich damals wie stiefmütterlich die Stadt Münster mit diesem Platz umgeht. „Ich möchte diesen Platz mit einer Kirschensäule nur optisch garnieren“, so die bescheidene und witzige Äußerung des Künstlers. Er „schenkte“ der Stadt ein liebliches Kirschenpaar auf einer Baumberger Sandsteinsäule - aufgestellt an einem Abstellplatz für Autos, Räder und Altglascontainer. Sein „Kunstwerk“ nimmt nicht nur einen Parkplatz weg, sondern belehrt auch: „Wichtiger ist das Erlebnis der roten Kirschen im Vergleich zu den Autofarben“.

Es ist also kein romantisches „Kirschendenkmal“, das an jenen abgestorbenen Kirschbaum erinnert, der einst neben der heute noch existierenden Kastanie stand und gefällt werden musste - kein sechs Meter hoher Kirsch-Grabstein!

Ein "Kirschplatz"?

Die Kirschensäule überragt den Parkplatzbesucher, hält sich aber an „normalen“ Dimensionen eines öffentlichen Raumes. Thomas Schütte analysierte humorvoll einen Widerspruch zwischen dem Platz und der Säule. „Ich plazierte eine Kirsch-Skulptur in der Mitte eines Automobil-Parkplatzes. Aber es gibt keinen weiteren Parkplatz. Nun ist hier eine interessante Skulptur in der Mitte eines Kirschplatzes.“

Fortführend könnte man sagen, Thomas Schütte mache auch keine Bildhauerei, keine Zeichnungen ... was ihm zu tun übrig bleibt (nach Konzeptkünstler Marcel Duchamp) ist: Kunst zu machen! Kunst aber kann alles sein, einschließlich Malerei, Bildhauerei aber auch Zeichnung. Genau das ist Thomas Schüttes Position: Alles zu machen, das Kunst sein kann - aber sehr wichtig ist der Wille: einen künstlerischen Gedanken zu realisieren.

Nach Thomas Schüttes gesundheitlicher Krise begann er im Jahre 1984 „Obst und Gemüse“ zu malen und zu zeichnen. Über einen längeren Zeitraum entstanden Bilder mit Lackfarben auf Papier von der Rolle und einfache Aquarelle. In stark schematischer Form wurden Melonen, Karotten, Zweige usw. dargestellt. Zum eigentlichen Thema wird „Obst und Gemüse“ aber erst mit der Ausstellung im Landesmuseum Münster im Jahre 1987 mit mehreren Blöcken von Lackmalereien und Aquarellen. Eine elfteiligen Skulptur „Melonely“ (eine unsymetrisch aufgeschnittene Melone) entstand aber schon 1986 als eine Installation im Stedelijk Museum zu Amsterdam.

Eine "Melonensäule" jetzt in Marl

(Dazu mein Hinweis: Auf der jetzigen Marler Ausstellung „The Hot Wire“ ist die aktuelle Partner-Skulptur der „Kirschensäule von Münster 1987“, die „Melonensäule“, von Thomas Schütte zu bewundern).

Einerseits reflektiert Thomas Schütte mit der Thematik „Obst und Gemüse“ auf die Kunst als „Genußmittel für den massenhaften Konsum“ und stellte eine satirische Verbindung zu Bundeskanzler Dr. Helmut Kohl her, der sich nicht nur mit seinem Familiennamen, sondern auch mit seinem Spitznamen „Birne“ für solche Assoziationen besonders eignete.

Eine Gruppe von Studenten der Düsseldorfer Kunstakademie, zu denen auch Thomas Schütte gehörte, entwickelte Ideen zur „gesellschaftlichen Brauchbarkeit der Kunst“. Und Thomas Schütte meint bis heute, dass er eine gestalterische, konstruktive Aufgabe so wie ein Architekt zu lösen habe. Und man soll einfache Geschichten verwirklichen, weil es um „den“ Konsum geht - z.B.: Kirschen oder Melonen - um den „Hunger nach Bildern“ zu stillen.

Etwas Biografisches zu Thomas Schütte

Am 16. November 1954 wurde Thomas Schütte in Oldenburg geboren, lebt und arbeitet heute in Düsseldorf. Von 1973 bis 1981 studierte er hier an der Kunstakademie bei Fritz Schwegler und Gerhard Richter. Seine Werke zeigen eine große Vielseitigkeit, sowohl bei den Techniken als auch bei der Formgebung, es gibt Radierungen, voluminöse Plastiken und Architektur-Modelle z.B.: ein Haus für zwei Freunde, ein Hotel für Vögel, ein Ferienhaus für Terroristen - aber auch einen Eispavillon, Bunker, Türme, Ateliers, Pyramiden usw.. Für die Ausstellung „Skulptur.Projekte in Münster 1987“ errichtete er die Skulptur „Kirschensäule“ und nahm an der Documenta 1987, 1992 und 1997 teil. (Zehn Jahre nach der Präsentation erwarb die Stadt Münster die „Kirschensäule“, die inzwischen ein Wahrzeichen wurde.)

Den „Prix Kurt Schwitters“ des Hannoveraner Sprengel-Museums erhielt er 1998 und bekam den „Goldenen Löwen“ auf der Kunstbiennale Venedig 2005. Arbeiten von Thomas Schütte befinden sich in bedeutenden Museen wie der Londoner Tate Gallery, dem Museo Nacional Centro de Arte Reina Sofia in Madrid oder dem Musée National d‘Art Moderne - Centre Georges Pompidou in Paris.

Und 2016 beschenkte sich Thomas Schütte selbst mit einer eigenen Skulpturenhalle auf der Museumsinsel Hombroich/Niederrhein. Die Halle dient ausschließlich der Ausstellung fremder Werke sowie der Lagerung seiner eigenen Skulpturen.

Bemerkungen zu Thomas Schüttes Werk

Das „Arbeiten mit den Händen“, das Zeichnen, das Aquarellieren, das Modellieren, das Formen mit Ton und Knetmasse, das Bauen mit Holz und anderen Materialien stehen im Zentrum seines künstlerischen Schaffens. Seine bildnerische Welt ist eben eine Bühne (so z.B.: „Die Fremden“, Documenta IX.), auf der Figuren, Dinge, Objekte und weitere Sachen in Szene gesetzt werden. Thomas Schütte ist ein talentierter Bildhauer, Zeichner und Maler, der Objekte durch Dreidimensionalität deutlicher und verständlicher machen will. Die Orte an denen er seine Arbeiten zeigt sind unspektakulär und alltäglich, aber sie „erzählen“!

Nun die Bildergalerie:

Das Aufmacherbild (Detail): Auf einer „antiken“ Sandstein-Säule (Phallussymbol, Altar, Opferstätte) präsentiert Thomas Schütte eine rote Doppelkirsche mit Stiel(!) (erotische Anspielung auch auf Hoden-Schleckerei). Das Motiv ist lackiertes Aluminium und die Skulpturenhöhe beträgt ca. sechs Meter.

Bild 2: Das Gesamtfoto zeigt den Harsewinkelplatz als Parkplatz in Münster im Jahre 1987.

Bild 3: Gouache und Filzstift „Kirsche“ von Thomas Schütte, 1980, Privatsammlung.

Bild 4: Thomas Schüttes provozierendes Selbstbildnis als „Baader-Meinhof-Terrorist“ vom Jahre 1975.

Weiter gehts (Bild 5) mit der Frucht „Kirsche“, dargestellt in dem „Stillleben mit Kirschen und Pfirischen“ (1883/87) von dem Nachimpressionisten und Wegbereiter der modernen Malerei Paul Cezanne. Die Komposition und die einfachen geometrischen Formen (Kugel, Kegel, Zylinder) sind sehr wichtig, denn Paul Cezannes Motto „Kunst ist eine Harmonie, die zur Natur parallel ist“.

Danach (Bild 6) nun das Mystische, Göttliche, Antike und Sagenhafte „mit Kirschen“ - bildlich inszeniert von dem niederländischen Maler Lawrence Alma-Tadema 1873 unter dem Gemäldetitel “Kirschen“ (1873). Die vielen Motive des Künstlers mit sinnlichen Frauen gelten als „süßlicher“ Historismus - seine Werke basieren auf ausgiebigen Recherchen, besonders bei der Antike. Das Gemälde ist im Besitz des Königlichen Museums der Schönen Künste in Antwerpen.

Und jetzt (Bild 7) zum Religiösen: Die „Kirschenmadonna“ (1515/18) im Kunsthistorischen Museums zu Wien, dargestellt von Tizian (eigentlich Tiziano Vecellio). Neben der Madonna abgebildet sich der Hl. Joseph (links) und der Johannisknabe mit dem Hl. Zacharias (rechts).

Zum Schluß (Bild 8) noch etwas optisch Leckeres „Spoonbridge and Cherry“ kredenzt von Claes und Coosje Bruggen Oldenburg im Minneapolis Skulpture Garden 1988.

Links:

(Thomas Schütte - Bildhauer)
http://www.faz.net/aktuell/feuilleto...lossstellt-

(Stillleben)
https://de.wikipedia.org/wiki/Stillleben

(Kirsche)
https://de.wikipedia.org/wiki/Sauerkirsche

(Harsewinkelplatz)
http://wiki.muenster.org/index.php/H...winkelplatz

(Thomas Schütte Stiftung)
http://thomas-schuette-stiftung.de/

Map-Data:
Skulptur Kirschensäule von Thomas Schütte, Windthorststraße 65, 48143 Münster

2 Kommentare

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danke für die "Kirschenfreundlichen" Grüße. Habe den Hinweis verstanden und finde die Erläuterungen dazu im Artikel sehr treffend. Danke auch für die Fotos.Könnte jetzt glatt ein paar Kirschen naschen,habe leider keine im Haus. Gruß,Kunigunde
  • 18.06.2017, 22:10 Uhr
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Vielen Dank, für den wieder mal sehr interessanten Beitrag, Volker!
  • 18.06.2017, 00:58 Uhr
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