wize.life
Neu hier? Jetzt kostenlos registrieren und mitmachen! Warum eigentlich?

Der verlorene Raum

04.07.2017, 15:00 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

»Wer bist du?« fragt die weibliche Stimme am Eingang. Sie klingt angenehm Vertrauen erweckend wie die Stimme des Navigationssystems im Auto.
Der Besucher nennt seinen Namen und die Eingangstür schwingt auf. Im Café sitzen ein Mann und zwei Frauen und lesen ein Buch. Der Besucher schaut sich kurz um, überfliegt eine Anzeigetafel mit Ankündigungen und geht rechts an der Sitzecke vorbei bis vor die Tür der Textwerkstatt.
Der Besucher greift zur Klinke und findet die Tür verschlossen.
Der Mann hinter der Theke schüttelt den Kopf. Nein, die Werkstatt sei noch nicht wieder renoviert, es stünde aber – nach vorheriger Anmeldung – die regulierte Textwerkstatt zur Verfügung, sie befinde sich gleich den Gang hinunter, die zweite Tür.
Nun schüttelt der Besucher den Kopf. Regulierte Texte – in einem Literatur-Café? »Zensur.« Er spricht das Wort betont aus, dehnt es, als könne er damit einen ganzen Satz füllen.
»Sie dürfen schreiben was Sie wollen«, sagt der Mann hinter der Theke. »Mit den üblichen Ausnahmen, die das Gesetz vorsieht.«
Der Besucher mustert den Mann in mittleren Jahren, den er in einer Buchhandlung oder einer Schule, vielleicht auch in einer Behörde gut aufgehoben fände.
»Ich bin hier nur die Aushilfe«, sagt der Mann hinter der Theke. »Möchten Sie nun eine Eintrittskarte? Wir haben grundsätzlich nur Dauerkarten, nicht übertragbar. Auf welchen Namen bitte?«
»Meinen Namen? Ich habe doch bereits am Eingang meinen Mitgliedsnamen genannt und bin anstandslos eingelassen worden.«
»Diese Eintrittskarte gilt nur für das eine Zimmer«, sagt der Mann hinter der Theke. »Die Regeln finden Sie auf der Tafel direkt neben der Tür.«
»Regeln? Können Sie mir dafür auch eine Begründung geben?« Der Tonfall des Besuchers ist schärfer geworden. »Überall auf der Welt schreibe ich, wo ich will.«
»Eine Begründung? Der Inhaber will es so. Oder doch: Weil wir Sie nicht sehen können. Können Sie mich sehen?«
Der Besucher will antworten, schafft aber kein Wort. Das Wandregal mit den Tassen und Gläsern löst seine rechtwinkligen Konturen in ein verschwommenes Spiegelbild auf. Für einen Augenblick entsteht eine unruhige Oberfläche. Sie verschluckt den hinter der Theke stehenden Mann, dann steht das Regal wieder, massiv und scheinbar unverrückbar.
»Jetzt, wo wir uns nicht mehr sehen können, will ich Ihnen eine Geschichte erzählen«, sagt die Stimme hinter der Theke.
»Eine Geschichte!« erwidert der Besucher. »Sie! Ich möchte in die Textwerkstatt, um eine Geschichte zu schreiben!«
»Sie brauchen mir nur Namen und Adresse zu nennen«, sagt die Stimme sanft. »Dann bekommen Sie Ihre Dauerkarte.« Die Stimme lacht. »Wenn ich an dieser Stelle angekommen bin, werde ich manchmal gefragt, ob ich Hausbesuche mache. Wo ich doch noch nicht einmal weiß, ob es sich lohnen würde. Ich kann Sie schließlich nicht sehen. Überlegen Sie es sich. In der Zwischenzeit erzähle ich Ihnen die Geschichte des verlorenen Raumes.«
»Es war einmal ...«, stöhnt der Besucher.
»Die Tür ist jetzt auf. Aber seien Sie vorsichtig, damit Sie nicht stolpern.«
»Schalten doch Sie einfach das Licht ein.«
»Sie werden schon sehen«, sagt die Stimme.
Der Besucher öffnet die Tür. Das vom Café einfallende Licht reicht ihm um zu erkennen, dass der Raum vollkommen leer ist.
»Schließen Sie jetzt die Tür hinter sich«, fordert die Stimme den Besucher auf. »Sie werden schon sehen.«
Der Besucher zögert. Im Dunkeln zu stehen mit einem Mann, den er ohnehin nicht sehen kann, macht ihm nichts aus. Aber dieser Raum, die Textwerkstatt – wäre sie dann das Symbol für geistige Umnachtung? Der Besucher freut sich über diese Assoziation, zeigt sie ihm doch, dass sein Geist aktiv ist und bereit, die Geschichte zu schreiben. Im Dunkeln würden dann die Buchstaben zu einer einzigen Schwärze des Papiers zerschmelzen, sich zu dem Urtext schlechthin fügen, der sich in seiner Universalität jeder Interpretation entzieht.
Sogleich zerstören Zweifel die aufkommende Euphorie. Warum sollte ausgerechnet er der Auserwählte sein, der die ewige Suche der Literaturschaffenden krönen würde? Andererseits - was er hier erlebt, ist schon recht merkwürdig, da liegt das Unmögliche im Bereich des Unwahrscheinlichen und damit gleich neben der Realität.
»Bitte«, sagt die Stimme nachdrücklich. »Die Textwerkstatt ist ein virtueller Raum.«
Der Besucher schließt die Tür und denkt dabei an Blitz und Donner, aber nichts geschieht. Vor ihm breitet sich ein Durcheinander aus, der Inbegriff von Chaos, wie er sogleich im Kopf formuliert. Die Wände sind ein einziges schwarzes Brett, überhäuft mit Papier, mit bunten Stecknadeln angeheftet, immer von oben nach unten, in kurzen und langen Reihen, von vielen Seiten sind Teile abgerissen, in einigen steckt ein Messer, andere weisen kleine runde Löcher auf. Der Besucher macht überrascht einen Schritt vorwärts.
»Seien Sie vorsichtig«, wiederholt die Stimme.
Der Besucher übersteigt umgestürzte Stühle und zerbrochene Stuhlbeine und bleibt vor der Reihe von Tischen stehen, auf denen die Schreibmaschinen standen. Er bückt sich und hebt eine Triumph auf, die so geschichtsträchtig ist wie sie sich ein Benutzer nur wünschen kann. Der Rahmen ist gebrochen und die Walze klemmt. Der Besucher stellt die Triumph zurück auf einen der Tische. Flüchtig streicht er über die silbern umbördelten Tasten; es ist eine liebevolle Geste, denn er gebraucht die Fingerspitzen in einer Weise, als streichele er die Scham der Geliebten.
Der Boden ist mit Papier übersät, teils zerrissen und zerknüllt, keine Unordnung aus heftig verworfenen Texten, sondern ein mit literarischem Blut getränktes Schlachtfeld. Auf einigen Seiten thront ein eingetrockneter Haufen.
»Scheiße«, sagt der Besucher, und: »Entschuldigung. Was ist denn hier passiert?«
»Soll ich Ihnen nun die Geschichte des verlorenen Raumes erzählen?«
»Ich kann selbst lesen«, antwortet der Besucher und deutet auf die Papiere.
»Wie Sie möchten«, sagt die Stimme, »die Texte sollten jetzt nicht mehr so penetrant stinken.«
Der Besucher schiebt mit der Fußspitze einen der Haufen an die Seite und hebt das Papier mit den Fingerspitzen auf. Das Blatt ist bräunlich gesprenkelt.
»Ich muss euren dummen Heuchelmotzrotz«, liest der Besucher, hält inne und streicht mit dem Handrücken über das Papier, schaut auf den Handrücken und wischt ihn spontan am Hosenbein ab.
»Ich muss euren dummen Heuchelmotzrotz auch ertragen«, liest der Besucher, jetzt mit erhobener Stimme, »so oder so! Wenn Ihr schon Beitragsquantität über Qualität setzt, dann müsst Ihr zumindest die akzeptieren. Vergreifst du dich an meinen Einträgen ohne Zustimmung, mach ich dich kaputt! Und das geht schneller, als du denkst! Halte Deine Hetzscheiße also bei deiner Hilflosigkeit und verschone mich, Memme.«
Der Besucher schaut über das Blatt hinweg dorthin, wo er den Mann von der Theke vermutet. »Der Schreiber nennt sich Cherusker. «
»Sein wirklicher Name ist Hermann Zehruss.«
»Solche postings lasst ihr euch bieten? Warum setzt du ihn nicht vor die Tür? – Hör mal zu, ein Herr Walter antwortet: Ach ja, Cherusker, Menschen willst du also kaputtmachen, du widerliches Nazischwein? Diese Gelüste werde ich dir austreiben, gedulde dich noch ein paar Tage, dann bin ich bei dir, zum Crashkurs 'Forenbenimm'! Und hier - ein Nick namens Dunkelbier schreibt: Ich bin ein ganz armes Nazischwein, kommst du auch bei mir mal vorbei? Ich könnte etwas Gesellschaft gebrauchen. Sagt zumindest meine Mama.«
Der Besucher greift ein neues Blatt.
»Liralu. Sie schreibt: Es ist mir schleierhaft, wie sich ausgerechnet jemand, der andere selbst mit Ausdrücken wie Nazi-Sau beleidigt, dermaßen aus dem Fenster lehnen kann. Außerdem versucht dieser Herr Walter hier, Cherusker als Lügner hinzustellen. Das kann und will ich nicht widerspruchslos zulassen, besonders, da ich sehe, dass einige andere, aus welchen Gründen auch immer, gerne auf diesen Zug mit aufspringen.« Der Besucher lässt das Blatt sinken.
»Was ist?« fragt die Stimme. »Wird dir übel? Wie willst du später die Kritiken ertragen, die dich in den Rezensionen zur literarischen Eintagsfliege machen? Selbstverständlich wird niemand von geistigem Dünnflitsch reden.«
Der Besucher wirft das Blatt von sich. Es bleibt in der Luft hängen und segelt ihm direkt vor die Füße. »Beleidigungen hier und die Kritiken dort – das ist doch alles nicht vergleichbar.«
»Natürlich nicht«, sagt die Stimme.
»Was willst du mir mit diesem Raum eigentlich beweisen? Textkritik heißt, seine Notdurft über anderer Leute Geschriebenes zu verrichten?«
»Eine gelungene Formulierung«, lacht die Stimme. »Und so dicht bei der Wahrheit! Der Textkritiker würde aber sagen: Über anderer Leute Erbrochenes. Nein, das möchte ich dir nicht beweisen. Ich sagte schon, ich möchte dir die Geschichte des verlorenen Raumes erzählen. Warte.« Eine Fahne von Blättern löst sich von der Wand und hängt nun mitten im Raum. »Weiter unten«, sagt die Stimme zu sich selbst. Das oberste Blatt der Fahne knickt nach hinten. »Die Geschichte beginnt mit einem Dialog zwischen diesem Dunkelbier, den du eben schon zitiert hast, und jemand, der sich Biblische Brüder nennt. Aufgepasst:
Dunkelbier: Ich hab schon ma en Rettich bis zum Anschlag in wem sein Arsch geschoben. Das braucht net der letzte gewesen zu sein. Hundsfott, trauriger.
Biblische Brüder: Hochwerter Dünnbier, zum Abschied ein klein' Poem: Dein Hirn, ein Zwirn, dein Bein, ein Stein, die Hand, von Land, und jetzt verpfeif dich, du Anarcholackel samt Rettich und wer weiß ich nicht alles!
Dunkelbier: Du hast doch keine Eier im Sack, du Schwuchtelturbine ... geh ma kacken, dann reden wir weiter.
Biblische Brüder: Jetzt hör mal zu, du halbseitig verlähmtes Kloakenkind, du hältst jetzt sofort die Schnauze, klar?
Dunkelbier: Kleines Scheißerchen, ich muss jetzt leider weg, noch einkaufen und so. Kannst in der Zwischenzeit ein wenig mit deim Schwänzchen spielen

»Es reicht, wirklich«, unterbricht der Besucher. »Was hat das mit Textkritik zu tun, wenn sich zwei Idioten öffentlich beschimpfen? Außerdem – ich mag jetzt nicht mehr quasi ins Nichts reden. Entweder, du kommst raus, oder ...«
»Du bist auch einer von den Scheinheiligen«, sagt die Stimme kühl, »der sein Verhalten den Umständen entsprechend einrichtet. Ist ›sehen‹ die Voraussetzung, dass du mich akzeptierst? Die Textwerkstatt ist ein virtueller Raum, auch das sagte ich dir bereits. Gott sei Dank, denn wenn sich die Schreibenden hier wirklich begegnet wären – ihre Messer würden jetzt nicht lediglich im Papier stecken. Du hast nicht genügend Fantasie, es dir auszumalen, das treibt sogar den Splattertextern ihr Weichhirn durch sämtliche Körperöffnungen. Entschuldige, ich übertreibe, es ist halt noch viel von der ursprünglichen inspirativen Aura dieses Raumes vorhanden.«
»Ich lasse mich von dir nicht als scheinheilig bezeichnen«, sagt der Besucher und ballt eine Hand zur Faust. »Das nenne ich feige, aus der Deckung heraus, unangreifbar – wenn du vor mir stehen würdest, könnte ich dir eine passende Antwort geben.«
»Das klingt nach Streit«, sagt die Stimme. »Wir befinden uns also auf dem besten Wege. Dabei hast du noch nicht eine einzige Silbe geschrieben.«
»Lässt du mich denn schreiben? Dauernd schwätzt du vom verlorenen Raum, führst mich in dieses Zimmer, in eine Fäkaliengrube ...«
»Eine Textwerkstatt«, sagte die Stimme sanft. »Die Schreibenden selbst sind für das Innere verantwortlich. Manche handeln boshaft, manche in naivem Glauben an Gerechtigkeit – wie soll Gerechtigkeit hier drinnen sein, wenn ihr draußen im Leben schon die Luft abgewürgt wird? Wenn du die Atmosphäre der Werkstatt mit ein wenig selbstgefälliger Konkurrenz würzt – ich schreibe gut, du schreibst schlecht – wen wundert es, wenn es hier überkocht? Im Grunde gehört, was ich dir erzähle, schon zur Geschichte über den verlorenen Raum, die du nicht hören möchtest. Sie handelt auch von der Lust am Bösen, von der Freude, andere zu verletzen, von Wölfen in Schafspelzen, die als gut und böse gleichzeitig in unterschiedlichen Verkleidungen auftreten, erst hetzen und dann die Gutmenschen gegen ihre eigenen Tiraden zur Entrüstung treiben – Feurio, die Schlacht beginnt! Brotmesser hat ein jeder, aber erschreckt erkennst du, wie viele Schrotflinten und kleinkalibrige Handfeuerwaffen doch überall existieren. Und wie schnell sie gebraucht werden, obwohl alle Schreibenden einen Eid gegen die Gewalt geschworen haben.«
»Und?« fragt der Besucher nach kurzer Stille.
»Am Ende, wenn niemand mehr unterscheiden kann, niemand niemandem mehr traut, haben alle verloren – bis auf die, die das Szenario angezettelt haben und sich vor Vergnügen die Bäuche halten.«
»Das ist ungerecht«, sagt der Besucher.
»Wenn du mir jetzt Namen und Adresse sagst, zeige ich dir die neue Werkstatt«, sagt die Stimme und öffnet die Tür.
Der verlorene Raum ist nun wieder leer.
(c) Helmut Beckmann

Mehr zum Thema

Kommentare

Melden Sie sich jetzt mit Ihrem Nutzerkonto an, um Kommentare zu hinterlassen.