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Kunst verstehen: Anselm Kiefer der „moderne“ Historienmaler

Kunst verstehen: Anselm Kiefer der „moderne“ Historienmaler

Volker Barth
31.07.2017, 20:30 Uhr
Beitrag von Volker Barth

Meine Impulse für diesen Kulturbeitrag erhielt ich durch die aktuelle „Anselm Kiefer“ Ausstellung in der Pinakothek der Moderne in München und die alljährlich stattfindenden Aufführungen im Juli/August bei den Richard-Wagner-Festspielen in Bayreuth.

Bislang hatten die Münchner Museen nur wenige Arbeiten von Anselm Kiefer: drei Fotografien und das Gemälde „Nero malt“ von 1974 aus dem Wittelsbacher Ausgleichsfond. Diese „Sparsamkeit“ hat nun ein Ende, denn die Michael & Eleonore Stoffel Stiftung in Zusammenarbeit mit den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen haben erfreulicherweise die Präsenz der Anselm Kiefer Werke gesteigert. Hinzu gekommen sind, in Bezug auf eine Gedichtreihe von Paul Celan „Der Sand aus den Urnen (2009)“, zwei Occupations-Fotos (1969/2011) und zwei Objektvitrinen mit den Titeln „Morgenthau“ (2016) und „Die 12 Stämme“ (2010). Die Münchner Pinakothek der Moderne besitzt nun einen spektakulären Anselm-Kiefer-Raum.

Anselm Kiefers Gemälde „Nero malt“ ist eigentlich ein zynisches Ölgemälde mit einem verharmlosenden Titel. Die Untaten des Tyrannen Nero, seine Umgebungen einfach „abzufackeln“, werden durch Symbole wie Palette und Pinsel mit Farbe zu einem Landschaftsbild in einem „Atelier Nero“.

Im obersten schmalen Gemäldestreifen „brennen“ durch den Einsatz der Farbe Rot fünf Häuser und eine (christliche) Kirche. Das Bild ist illustrativ, sehr reliefhaft und erdig (verbrannte Erde). Anselm Kiefer benutzt dazu die Technik des „Tachismuses (franz. tache = Fleck/Farbflecken). Das Hinzufügen von Asche, Stroh und Sand steigert den Wirklichkeitsgrad und erzeugt eine „Erdlandschaft“. Diese „Erdlandschaften“ haben dann von Anselm Kiefer oftmals handschriftliche Bezeichnungen.

Adolf Hitler ein Nachfolger von „Nero“ ?

Zu Anselm Kiefers Gemäldetitel „Nero malt“ paart sich der Begriff „Nero-Befehl“. Am 19. März 1945 befahl der Demagoge Adolf Hitler im Sinne der Kriegstaktik „verbrannte Erde“ folgenden Befehl: „Alle militärischen Verkehrs-, Nachrichten-, Industrie- und Versorgungsanlagen sowie Sachwerte innerhalb des Reichsgebietes, die sich der Feind zur Fortsetzung seines Kampfes irgendwie sofort oder in absehbarer Zeit nutzbar machen kann, sind zu zerstören.“ Bei Historikern wurde dieser Hitlerbefehl (ab 1957) in Anlehnung an die angeblich von Kaiser Nero persönlich angeordnete Brandstiftung in Rom im Jahr 64 n. Chr., dann „Nero-Befehl“ genannt.

Nun ist der Themenkreis aufs „Dritte Reich“ ausgeweitet und bringt den „modernen“ Historienmaler Anselm Kiefer „total“ ins Spiel.

Der 24jährige Kunststudent Anselm Kiefer schockierte die Kunstwelt und die Professoren (aber nicht sein Kunstprofessor Joseph Beuys), als er mit der fotografischen Dokumentation „Besetzungen“ (1969) sein Studium abschließen wollte. Um sich mit den III. Reich-Tätern zu identifizieren, nahm Anselm Kiefer die Wehrmachtsuniform seines Vaters und übte den „Hitlergruß“ aus und zwar in den damals NS-betroffenen Nationen Schweiz, Niederlande, Frankreich und Italien. In seiner Serie „Heroische Sinnbilder“ benutzte er diese Fotografien als Vorlagen und verband sie mit der romantischen Tradition eines Caspar David Friedrich (siehe Bildergalerie) und Karl Friedrich Schinkel.

Übrigens: Seit 1906 wollte Adolf Hitler Kunstmaler in Wien werden, er sah sich als verkannter Künstler, liebte die Architektur und war „riesiger“ Richard Wagner Fan. Im Jahre 1907 und 1908 bewarb er sich dann für ein Kunststudium an der Allgemeinen Malerschule der Wiener Akademie - er wurde abgelehnt! Durch nachgezeichnete Motive von Wiener Ansichtskarten verdiente er sich aber ab 1910 etwas Geld, um seine schwerkranke Mutter zu unterstützen.

Der Hitlergruß, auch „Deutscher Gruß“, war der übliche Gruß in der Zeit des Nationalsozialismuses. Er war Ausdruck des Personenkults um Adolf Hitler. Der rechte Arm mit flacher Hand auf Augenhöhe wurde schräg nach oben gestreckt und dazu meist „Heil Hitler“ oder „Sieg Heil“ gesagt.

Die Neue Reichskanzlei

Zu einem Kult wurde der Bau der Neuen Reichskanzlei in Berlin. Nach Plänen Albert Speers (bis 1943 in Bau), wurde eine ca. 300 Meter lange „Diplomaten-Route“ mit einer gigantischen Raumflucht vom monumentalen „Ehrenhof“, über den „Mosaiksaal“ bis hin zum „Arbeitszimmer des Führers“ gebaut. - Und diesen Mosaiksaal (siehe Bildergalerie) malte Anselm Kiefer 1981 unter dem Titel „Innenraum“. Er beschäftigte sich intensiv mit den neoklassischen „faschistischen“ Architekturen eines Albert Speers (Adolph Hitlers Lieblingsarchitekt, während das „Haus der Deutschen Kunst“ aber von Paul Ludwig Troost stammt). Das Innere des Mosaiksaales stellt Anselm Kiefer als geschwärzte verbrannte Ruine dar, obwohl die Neue Reichskanzlei bei den Berliner Luftangriffen nur leicht beschädigt wurde. Am 13. Oktober 1948 wurde der unterschiedlich stark zerstörte Gebäudekomplex der Neuen und Alten Reichskanzlei, als eines der zentralen Symbole der Macht Adolf Hitlers auf Befehl der Sowjetischen Kontrollkommission „abgetragen“. Erst 1981 entstand Anselm Kiefers Gemälde und weiterhin stellt sich bis heute die Frage nach einem „Denkmal“schutz. - Soll eine Ruine erneuert, gepflegt und romantisiert oder zerstört werden?

Bayreuth: Richard Wagner und Adolf Hitler

Eine weitere Kultstätte, auch außerhalb des III. Reiches, sind die Richard-Wagner-Festspiele. Nicht nur Ludwig II. auch Adolf Hitler war besessen von der Person und dem Werk Richard Wagners. Ein wesentlicher Ausgangspunkt war die Opern-Aufführung „Rienzi“ im Linzer Opernhaus 1905. Adolf Hitlers Kommentar dazu „In jener Stunde begann es!“. In Bayreuth besuchte er 1923 die Villa Wahnfried, wird 1933 Freund mit dem Spitzname „Wolf“ der Familie Wagner. Die Wagner-Festspiele werden zu Propaganda-Veranstaltungen für das III. Reich und die Nazis setzen bei Aufmärschen, Ansprachen und Rundfunksendungen gezielt Richard Wagners Musik ein. Adolf Hitler ist 1940 zum letzten Mal in Bayreuth, obwohl die sogenannten „Kriegsfestspiele“ bis 1944 weiter stattfanden.

Auch Anselm Kiefer malt

Im Jahr 1973 malte Anselm Kiefer vier Gemälde mit dem Titel „Der Parsifal-Raum“, die sich heute in der Tate Modern, London und im Kunstmuseum Zürich befinden. Der Titel bezieht sich auf das Epos „Parzival“ (so geschrieben) des 13. Jahrhunderts von Wolfram von Eschenbach und die letzte Richard Wagner Oper für Bayreuth "Parsifal". Die Legende erzählt vom Schicksal des Heiligen Grals, dem Kelch, aus dem Christus während des Letzten Abendmahls trank.

Die vier Anselm Kiefer Gemälde zeigen den Dachboden der Schule in Walldürn-Hornbach (in der Nähe von Odenwald), den der Künstler zu seinem Atelier und Ausstellungsraum machte. Hier inszenierte Anselm Kiefer Geschichte, Religion und die alten Mythen der Germanen. Es finden sich Siegfried, Notung, die Nibelungen-Sage und die Fassung von Richard Wagner (siehe Bildergalerie). Inmitten des Dachstuhls treten plötzlich ein Schwert, Notung, mit Heiligenschein und Blutstropfen auf. Weiter auch handschriftlich Protagonisten wie Parsifal, Gamuret, Titurel, Amfortas, Klingsor und Kundry.

Ein Schlüsselwerk des Jahres 1973 von Anselm Kiefers „Dachbodenbildern“ ist das großformatige Gemälde „Deutschlands Geisteshelden“ (siehe Bildergalerie). Darauf sieht man einen aus rohem Holz gezimmerten, hallenartigen Dachboden, der sich perspektivisch verjüngt und eine Raumwirkung erzeugt. An den Wänden flackern Ehren-Feuer und auf dem Boden sind in „autobiographischer Willkür“ die Namen der Helden geschrieben - hier in alphabetischer Reihenfolge: Joseph Beuys, Arnold Böcklin, Richard Dehmel, Caspar David Friedrich, Preußenkönig Friedrich II., Nikolaus Lenau, Mechthild von Magdeburg, Robert Musil, Adalbert Stifter, Theodor Storm, Hans Thoma, Richard Wagner, Josef Weinheber. Sehr sonderbar sind die Nennung von Hitleranhänger Weinheber und Hitlergegner Musil - vielleicht eine Kiefer Satire auf Friedrich von Schillers Begriff „Bretter, die die Welt bedeuten!" oder sogar auf die Walhalla an der Donau?

Kurzbiografie: Anselm Karl Albert Kiefer wird am 8. März 1945 (zwei Monate vor der Totalkapitulation des II. Weltkrieges) in Donaueschingen in einem Luftschutzbunker geboren. Er zählt zu den bekanntesten und erfolgreichsten deutschen Künstlern und seine Werke werden auf den bedeutendsten internationalen Kunstausstellungen documenta 6, 7 und 8, Biennale von Venedig (Deutscher Pavillon 1980) – und in vielen Museen Europas, Japans und den USA - ausgestellt. Bis heute erhielt er zahlreiche Preise (2008: Friedenspreis des Deutschen Buchhandels) und Ehrungen.

Links:

(Anselm Kiefer - Biografie)
http://www.whoswho.de/bio/anselm-kiefer.html

(Historienmalerei)
https://de.wikipedia.org/wiki/Historienmalerei

(Adolf Hitler - Postkartenmaler)
http://www.faz.net/aktuell/gesellsch...644690.html

(Nerobefehl)
https://www.welt.de/geschichte/zweit...urteil.html

(Richard-Wagner-Festspiele, Bayreuth)
https://de.wikipedia.org/wiki/Bayreu..._Festspiele


Map-Data:
Pinakothek der Moderne, Barer Straße 40, 8033 München, Raum 30

8 Kommentare

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Vielen Dank für Deinen lesenswerten Beitrag, Volker! Es ist ziemlich selten, dass bildende Künstler sich mit unserer neueren deutschen Geschichte auseinandersetzen. Meist kreist grade der zur Abstraktion neigende Künstler sehr ums eigene Sein und in permanenter Nabelschau ums Ich....In der Literatur warten wir seit 50 Jahren auf den großen "deutschen Roman", seit der "Blechtrommel" ist davon wenig zu spüren. Doch dies nur nebenbei.
Ich muss mir die Bilder in der Pinakothek der Modere real anschauen, bei moderner Kunst bedeuten Abbildungen nur den Apetitthappen oder "Magentrazer" in diesem fall "Augentratzer" wie der Bayer sagt....
  • gerade eben
  • 1
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Ich weiß, dass Geschichte Voraussetzung ist, um gegenwärtige Ereignisse zu verstehen.
Sie hat eine Art Kulissenfunktion.
Mich haben allerdings immer - im Leben wie in der Kunst - die einzelnen Akteure auf der Bühne des Lebens fasziniert.

Die Menschen standen bei mir immer im Vordergrund des Interesses, die Pprtraits, die ein Maler malte, die Skulptur, die Autobiographie,.

Ich habe eher ein psychologisches als ein historisches Interesse.

Kiefer kenne ich gar nicht. Die Parallelen zu Hitler, die du aufzeigst, sind interessant.

Was mich nach der Lektüre deines interessanten Beitrags als Emotion überfällt, ist die abgrundtiefe Enttäuschung, dass Hitler nicht als Maler Erfolg hatte.
Hätte das Schicksal es ihm doch gegönnt ..., wäre uns so viel Leid erspart geblieben.
  • 04.08.2017, 18:48 Uhr
  • 1
Volker Barth
Danke für Deinen ausgewogenen Kommentar, er ist einfach lesenswert! Zum Künstler Anselm Kiefer existiert inzwischen reichhaltig Literatur - meine Empfehlung wäre "Daniel Arasse, Anselm Kiefer, Schirmer/Mosel".

Zu meinem Kunstbeitrag hast Du einen sehr interessanten Schlussabsatz verfasst - ich kann mich Deinem Geschriebenen "total" anschließen. In diesem Sinne alles Liebe und Schöne von Volker
  • 05.08.2017, 17:55 Uhr
  • 1
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Deine Ausführung ist eine interessante Ergänzung zum dem Künstler Anselm Kiefer mit einigen neuen sehenswerten Objekten im Neuen Künstlerraum der Pinakothek der Moderne in München. Danke Volker !
  • 01.08.2017, 19:20 Uhr
  • 1
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Hier wurden Kommentare durch den Ersteller entfernt.