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Am Fluss

13.05.2016, 22:10 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

Das Auto sieht blitzblank sauber gewaschen aus, als sie auf den Parkplatz kommt. Es hatte dort gewartet und die Regengüsse der letzten zwei Tage und Nächte mitbekommen. Sie hält dem Hund die hintere Tür auf, er springt auf seinen Platz und dreht sich erwartungsvoll in Fahrtrichtung. Wohin würden sie heute fahren ?
Die ältere Dame startet den Kleinwagen, lenkt ihn langsam aus dem Hof. Auch die Straße war saubergespült, es ist Mittagszeit und niemand auf den Gehwegen, kaum ein anderes Auto unterwegs. Zehn Minuten brauchen sie bis an die Kleingartenanlage hinter dem Industriegebiet. Das kleine Auto verschwindet hinter hohen Hecken, auf einem versteckten, kleinen, in einem Kreis angelegten Parkplatz, der zur Kleingartenanlage gehört. Auch hier sind sie allein.
Freudig springt der Hund aus dem Wagen, als sie ihm die Tür öffnet. Sofort trollt er über die Grasfläche, die den Parkplatz umgibt, hebt aber gleich die Füße ungewöhnlich schwankend in die Höhe, denn das Gras ist getränkt mit Regenwasser, was sein langes, dichtes Fell sofort aufnimmt. Die Frau lächelt, spaziert langsam an dem Felsbrocken vorbei, der den Weg zum Fluß markiert und schlägt dann den Weg am Ufer entlang nach links ein. Der Hund kümmert sich nicht mehr um seine Herrin, er ist zu beschäftigt, die "Hundezeitung" zu lesen und seinen Beitrag dazu zu leisten, indem er alle zwei Meter das Bein hebt.
In 30 m Entfernung bewegen sich zwei Bernache-Paare über die kleine Wiese, umgeben von einem halben Dutzend Enten. Die vier Gänse drehen sofort die Köpfe nach den "Besuchern" und bleiben erwartungsvoll stehen. Die Frau geht noch zwei Schritte weiter auf die großen Vögel zu, die reagieren sofort und nähern sich zwei Schritte mehr dem Flußufer, bleiben aber wieder stehen. Dann sehen sie den Hund näherkommen, zwar ohne Eile, aber dies gefällt ihnen nicht. Sie beschließen, ihr Heil in der Flucht zu suchen, lassen sich ins Wasser gleiten und bewegen sich auf die Flußmitte zu. Sie werden sofort von der heftigen Strömung erfaßt, denn der Fluß führt leichtes Hochwasser durch die unablässigen Regenfälle der letzten Tage.
Die Frau ist enttäuscht, so würde sie die seltenen Gänse nicht weiter beobachten können. Sie pfeift nach dem Hund und geht den Uferweg in die andere Richtung. Etwas weiter stromaufwärts, am Geländer über dem kleinen Zufluß aus der Kleingartenanlage, macht sie Halt, stützt ihre Arme darauf und beobachtet das fließende Wasser. Es ist schlammig, aufgewühlt durch die erhöhte Wasserzufuhr während des starken Regens. Kleine Wirbel bilden sich immer wieder neu, erfassen schwimmende Blätter und Ästchen, drehen sie ein paarmal herum, bevor sie weiter gespült werden. "So geht die Zeit vorbei," dachte sie sich, "manchmal schneller, manchmal langsamer". Drüben am andern Ufer sieht sie die Bernache-Gänse paddeln. Sie kämpfen schwer gegen die Strömung, aber sie gewinnen allmählich Meter um Meter. Auch auf der Höhe des sanft auf eine Wiese übergehenden Uferstreifens halten sie nicht an und verschwinden langsam wieder aus dem Blickfeld der Beobachterin. Jetzt, Anfang Mai, strotzen die Uferpflanzen in vollstem Grün, die üppige Flora gibt vielen kleinen Tieren Schutz, von dem auch die Gänse profitieren. Weg sind sie.
Der Hund kommt von einem Abstecher in dieses Grün zurück. Er ist völlig durchnäßt und sieht aus wie ein nasser Putzlappen. Die Frau lacht, als sie ihn sieht und schlägt den Rückweg zum Parkplatz ein. In diesem Moment taucht in der Nähe des Ufers ein Köpfchen aus dem Wasser, sieht sich nach rechts und links um. Ein Nutria möchte an Land gehen, eine Biberratte. Sie sieht aus wie ein großes Meerschweinchen, mit großen, gelben Nagezähnen vorne unter der Nase. Das Tier stört sich nicht an dem Menschen, steuert auf eine bestimmte Uferstelle zu und gleitet aus dem Wasser. Hier findet es ein paar dicke breite Kartoffelschalen, die vielleicht einer der Kleingärtner dort für es abgelegt hat. Aber erst streift es das Wasser aus seinem Fell, putzt sich nach rechts und links, kratzt sich hinter einem Ohr. Die kleinen Pfötchen haben lange, schwarze Krallen. Das kleine Tier hebt eine Schale auf, dreht sie mit beiden "Händen" herum und beginnt, daran zu knabbern. Die Frau steht nur einen Meter davor, das Tier sieht ihr direkt in die Augen und mümmelt weiter genüßlich an seiner Kartoffelschale. Auch der Hund kommt näher, aber seine Herrin bedeutet ihm, die Biberratte in Ruhe zu lassen. Nach einer kurzen Kau-Pause hat das Tier verstanden, dass ihm auch der Hund nicht gefährlich wird und wendet sich neuen Kartoffelstückchen zu.
Noch zehn Minuten steht die Frau dort am Flußufer und schaut dem Tierchen beim Fressen zu. Stille Tränen rinnen über ihr Gesicht.

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