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Kennt Ihr dieses Gefühl?

Kennt Ihr dieses Gefühl?

05.06.2016, 15:39 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

Irgendwann wollte ich nur noch die Sonne sehen. Ich war so müde von den Menschen. Da bin ich den Weg nach oben gelaufen. Er ist ziemlich steil und als ich oben ankam, da war ich außer Atem und froh.
Hier kam so gut wie keiner mehr hin. Und das, obwohl es so nah war an den Häusern. So nah an den lärmenden Rasenmähern, an Herrn Gaisler, der immer den Motor seines gerade in Reperatur befindlichen Autos aufheulen lies, an den Nachbarn, die eh immer alles falsch machten. Egal was sie gerade taten.
Ich hab mich immer gewundert, warum mein Vater nie auf die Idee kam hier herauf zu kommen.

Gleich zu Anfang war rechts ein Weg nach unten ins andere Dorf. Der war fast zu gewachsen, aber zu sehen war er wirklich noch. Und da gleich in Seh- und Griffnähe die vielen Schlehenbüsche. Ich LIEBE die Schlehen. Wenn sie noch klein und unreif sind, dann haben sie schon diesen Geruch ... dazwischen sind die Blätter und Ästchen so unglaublich interessant zu berühren, irgendwas zwischen stachelich und einladend weich. Wenn die Beeren so weit sind, dann... ja dann wird es richtig gut! So eine Schlehe, die nimmst du nicht nur in den Mund – Nein! - die erfüllt ihn schon, bevor du es merkst. Alles wird fast taub, wenn du darauf beist, aber das beste ist der Geschmack! Bitter, rauh, süß, herbstlich, traurig und fröhlich. Als würde jemand kommen und gehen wollen zugleich.

Aber das beste an hier oben ist die Wiese gerade aus. Und da wollte ich heute hin.

Diese Wiese ist so voller Wunder! Ich laufe hinein, soweit ich kann. So weit, dass mich auf gar keinen Fall noch jemand sehen kann. Dann drehe ich mich einmal in jede Richtung, so dass ich alles sehen kann, was von hier oben zu sehen ist. Und dann kommt das Beste.
Ich lasse mich fallen.

Und ich falle und falle und falle ... in ein kleines Universum. Ich breite die Arme aus und streife ein paar Getreidehalme, die hier unerlaubterweise weit weg von ihrem Feld wachsen. Ich falle vorbei an so tiefgründigen Kornblumen, die mir in ihren hellblausten Momenten ihre Geheimnisse nicht verraten würden. Aber während ich sie sehe, sind sie sowieso stockdunkelblau und beleidigt – wie halt meistens.
Während ich weiter falle kommen die Margeriten und wünschen mir einen Guten Tag. Die sind immer ähnlich gelaunt wie ich und ich freu mich!

Die eine sagt: "Siehst Du Barbara?" und ich: "Klar! Die Sonne ist mal wieder so gelb wie Du in der Mitte."
Sie sagen: "Du hast es erkannt. Aber das ist noch nicht alles, stimmts?"
"Nein gar nicht!" sage ich. "Da sind diese vielen weißen Blätter um Dich herum, die kann niemand auf der ganzen Welt zählen."
"Genau Barbara. So wie keiner Dich und Deine Blätter bestimmen darf! Da sind wir wie Schwestern."

"Ich bin schon fast wieder weg!" sage ich.
"Und das ist genau richtig." sagen sie.

Während ich unser Gespräch noch genieße, lande ich da wo ich mich so hin gesehnt habe.
Ja wirklich! So wunderschön ich es da oben finde, so unbeschreiblich ist es hier unten.
Die Erde! Wie die riecht!
Das ganze Gequatsche hat hier ein Ende. Es ist nicht mehr wichtig, was ich zu wem gesagt habe und was wer daraus für Schlüsse gezogen hat und was dann wieder passiert.

Nein.

Hier unten riecht es nach Erde und nach dem, was und wer hier sonst noch so wohnt.
Aber erst mal liege ich einfach. Ich bin hier, schaue nach oben. Da ist die Sonne, ein paar Bereiche meines Körpers erreicht sie noch. Ein paar andere liegen schon im Schatten und kühlen ab. Die werden ruhiger und ruhiger.
Ich kann mich endlich ... ich kann endlich mal die Augen schließen und alles um mich herum hören. Nämlich das kleine. Sogar das ganz kleine.
Es kratzt zum Beispiel neben meinem linken Ohr. Ich versuche mich nicht zu bewegen.
Wer ist das wohl?

Ist es die Miniaturausgabe von meinem blöden Bruder, der mich dauernd ärgert?
Wahrscheinlich nicht. Über diesen Gedanken muss ich sogar selber lachen. Aber so abwegig ist das gar nicht, wenn ich mir überlege, was die Natur so alles Phantastisches gemacht hat.

Es kratzt wieder. Soll ich die Augen auf machen und nachsehen?
Nein ... ich will noch ein bisschen in meinem Kopf bleiben. Noch ein bisschen diesen Geruch von schwarz, sterbenden Pflanzen und Neuem riechen, in mich aufsaugen.
Hier liegen, riechen, genießen und vielleicht einschlafen?

Aber mein Hirn macht, was es will: wenn eine Miniaturausgabe von Oliver schon möglich ist. Warum könnte das Kratzen nicht der widerliche Spotlehrer sein. Klein geschrumpft und ohne Macht? Das wäre ... großartig!
Wenn seine riesigen Hände nicht mehr meine ...
Wenn er nicht mehr sagen könnte: "Ich muss da mal nachsehen, ob du dich richtig abgetrocknet hast."
Wenn er mich nicht mehr ... wenn er nie wieder... wenn er kleiner und kleiner würde und nie mehr anderen Kindern...

Aber egal! Ich mach jetzt die Augen auf und schau nach.

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9 Kommentare

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Toll geschrieben Barbara. Bin total begeistert. Ich konnte schon als Kind mich auf einen flauschigen Teppich legen und stundenlang vor mich hin stieren (wie meine Mutter immer sagte). Danach ging es mir regelmäßig besser. Mein Kopf war frei und ich war losgelöst von der Welt. Ein Teppich ist zwar keine Wiese, aber für mich war das sehr hilfreich. Und ich kann es heute noch
  • 19.06.2016, 08:02 Uhr
  • 2
Danke liebe wize.life-Nutzer!
Ob Teppich oder Wiese, unsere Strategie ist/war die gleiche und ich finde es schön, dass wir uns da ähnlich sind.

Liebe Grüße an Dich!
  • 20.06.2016, 22:45 Uhr
  • 1
Liebe Grüße zurück♥
  • 21.06.2016, 05:02 Uhr
  • 0
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Ja, das kenne ich.
Früher und auch jetzt noch, wenn es zu viel wird, zu schwer....
Gut beschrieben. Danke Dir.
  • 05.06.2016, 11:05 Uhr
  • 1
Der Duft der Freiheit hebt alles andere auf, oder?
Danke Dir liebe Regina!
  • 20.06.2016, 22:55 Uhr
  • 1
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Ja Barbara, ich kenne dieses Gefühl und ich kenne niemanden, der es so herrlich und präzise beschreiben kann, wie Du.
Beim Lesen Deines Beitrages fühlte ich mich bei jedem Wort, als wäre ich Du. Ich ließ mich fallen. Ich spürte die Erde, ich roch die tausend Blüten, ich genoss die Sonne auf meiner Haut.........
Ich war glücklich, einfach nur glücklich.
Danke Barbara.
  • 05.06.2016, 06:50 Uhr
  • 2
Rosi
  • 19.06.2016, 08:03 Uhr
  • 1
Schade, daß sich die Barbara so rar macht, nicht wahr liebe Helge? Ich liebe ihre Beiträge sehr.
  • 19.06.2016, 20:56 Uhr
  • 0
Aber da bin ich mal wieder
Ich geb mir echt Mühe, hier immer wieder zu Schreiben, aber das Leben ist so ereignisreich, wild und aufregend zur Zeit hier bei mir.
Gestern gleich zwei Demos und bei einer war ich im Orgateam. Viel Arbeit, aber auch großartige Momente!

Dieses Jahr ist echt verrückt, finde ich. Trotzdem bist Du immer in meinem Herzen liebe Rosi! (Das weißt Du aber auch, stimmt's :herz
  • 20.06.2016, 22:50 Uhr
  • 0
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