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Geräusche, die man nicht vergisst

Geräusche, die man nicht vergisst

Peter Leopold
20.06.2016, 05:52 Uhr
Beitrag von Peter Leopold

Heute ist internationaler Flüchtlingstag. Etwas weniger als die Bevölkerungsanzahl Deutschlands ist weltweit auf der Flucht. Die Gründe dafür sind so vielfältig, wie die vorgeschobenen Gründe der Ablehnung von Menschen die nicht nur um Stolz und Würde fürchten, sondern um nichts Anderes, als ihr nacktes Überleben. Es ist klar: Niemand hat einen "Anspruch" darauf, ein Schlaraffenland-Dasein zu führen. Aber man sollte auch einmal verdeutlichen, was "echte Flucht" bedeutet.

Erst ein kurzer Gang in abgewetzten Schuhen oder barfüßiges Tippeln - begleitet von unverständlichen harten Anordnungen,.. blankes Metall und eine größere Anzahl von Menschen, die sich - obwohl es sich dabei um ausgewachsenen Männer handelt - winselnd um ihr Leben und schreiend über mir in einer Entfernung von etwa 30 Metern befinden. Ich werde mich hüten, aus meinem Verschlag zu kommen, der mir als Deckung dient. Schließlich bin ich kein Söldner, sondern lediglich Techniker, der zur falschen Zeit am falschen Ort ist. Dieser falsche Ort ist übrigens ein Vorort in Bagdad vor mehr als 2 Jahrzehnten.

So bleibt mir nur, entweder weg - oder zuzusehen, was im Halbdunkel vor mir passiert und die Geräusche, die man nie vergisst, erst einmal hinzunehmen. Die Schreie, die erst verstummen, wenn die Todeskandidaten an ihrem eigenen Blut ersticken ersticken, nachdem man ihnen die Kehlen durchgeschnitten hat. Der dumpfe Aufprall der mehr oder weniger Toten, die von einer Art Gangway geworfen werden und der Verwesungsgeruch, der auf eine Art Hinrichtungskammer deutet, in der offenbar ständig das gleiche Ritual stattfindet.

Es ist kein Kampf von feindlichen Ländern oder von Angehörigen verschiedener Grundreligionen. Es ist das Szenario das sich vor einem Viertel-Jahrhundert im Irak abgespielt hat. Keine kriegserprobten Soldaten, sondern Moslem gegen Moslem. Bürger gegen Bürger. Eine Gruppe, der die Andere nicht radikal genug ist und jede Existenzberechtigung abgesprochen wurde.

Eine reissereische Beschreibung aus den Nachrichten ? Wieder einmal die "Lügenpresse"? Mitnichten! Ich war dabei - hautnah. Und mir kann niemand erzählen, dass man in solchen Fällen keine Berechtigung hätte, die Flucht zu ergreifen - an einen Ort, der möglichst weit weg liegt. Selbst, wenn der Weg dorthin nur unter Lebensgefahr zu bestreiten ist.

Und wenn ein Flüchtling zum Beispiel in Deutschland ankommt, nachdem ein völlig verzerrtes Bild widergegeben wurde, erlebt er ein ähnliches Szenario. Brennende Asylunterkünfte, Straßenkämpfe von rechtem Pöbel und linken Gegnern und unendlich viele Anfeindungen sowohl auf der Straße, als auch im Netz. Deutsche gegen Deutsche, Christ gegen Christ, Moslem gegen Moslem. es wird nicht lange dauern und Flüchtlinge werden sich bald heimisch fühlen. Nicht weil ihnen großartige Integrationsmöglichkeiten geboten werden, sondern weil alle Zeichen darauf hindeuten, in absehbarer Zeit im Zielland dieselben Bilder zu sehen, vor denen man geflüchtet ist.

Eine Schuld dafür müssen sich die echten Flüchtenden nicht geben. Aber die heimischen Radikalisierten - und das sind Extremisten nun einmal - sollten sich einmal selbst eine Szene vorstellen in der es Bilder und Geräusche gibt, die man nie vergisst - begleitet von der Angst um das eigene Leben - nicht zu wissen, ob man von dem Schlafplatz, den man sich gesucht hat, jemals wieder aufsteht. Und wenn man diese Bilder und Geräusche nicht vergessen kann... Wie würden sie wohl in solchen Situationen reagieren ? Großmäulig "Wir sind das Volk" schreien, oder selbst abhauen ?

Dieser Beitrag soll lediglich zum Nachdenken anregen. Hetzerische Kommentare werden gelöscht!

27 Kommentare

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Meine früheste Erinnerung. Meine Eltern und 3 Brüder ziehen einen kleinen Handwagen. Auf dem Wagen befand sich unser ganzer Besitz.
Umzug aus einer zugewiesenen Unterkunft für Vertrieben (Stallgebäude eines Bauern) in eine leere umfunktionierte Betriebswohnung.
Kartoffelsäcke wurden zusammengenäht und mit Stroh ausgestopft.
Für mich steht hinter jedem Flüchtling ein Schicksal.
  • 27.06.2016, 22:36 Uhr
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Du sprichst mir aus dem Herzen! Aber beibiegen kommt diese einfache Wahrheit nicht an. Sie stellen sich blind, taub, herzlos, ohne Mitgefühl- aus Angst, dass ihnen etwas genommen werden könnte, auch aus Neid, weil sie ohne etwas zu tun, gratis wohnen, essen, leben dürfen..... Aber würden sie die Flüchtlunge auch dann noch beneiden, wenn sienur 2 Tage mit ihnen ausharren müssten?
  • 22.06.2016, 20:10 Uhr
  • 1
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Peter Leopold

Danke für deinen Beitrag!
Auch ich habe durch meinen Beruf, aber auch durch mein ehrenamtliches Engagement viel solches Elend gesehen und darüber gehört.

Ich habe an anderer Stelle schon gepostet, dass leider ausgerechnet diejenigen, die nie mit einem Flüchtling gesprochen oder anderweitig Kontakt hatten, mit größter Vehemenz gegen diese vorgehen.

Mittlerweile ist das Thema Flüchtlinge weitestgehend "abgefrühstückt" und man ersetzt den Begriff einfach durch Moslems - als wenn irgendjemand einem katholischen Syrer anders begegnen würde.

Nochmals danke für deinen wirklich lesenswerten Beitrag
  • 20.06.2016, 16:23 Uhr
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Peter Leopold
Die Angriffs-Bandbreite ist ja auch größer, wenn man Flüchtling durch Moslem ersetzt UND man kann das Thema länger ausschlachten. Manche sollte man wirklich nur eine Woche in ein Kriegsgebiet schicken und sie würden heulend und traumatisiert zurück kommen...
  • 20.06.2016, 16:27 Uhr
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Danke für diesen sehr guten Beitrag, Peter
  • 20.06.2016, 14:40 Uhr
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Sehr gut geschrieben! Danke!
  • 20.06.2016, 14:19 Uhr
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Peter Leopold
Was man nicht vergisst, bleibt auch immer irgendwie lebendig...
  • 20.06.2016, 14:35 Uhr
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Und für so viele ist es rauhe Wirklichkeit!
  • 20.06.2016, 14:37 Uhr
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wiedermal ein schuß ins schwarze
  • 20.06.2016, 11:59 Uhr
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Peter Leopold
Zumal es mal direkt aus dem Leben gegriffen ist...
  • 20.06.2016, 12:00 Uhr
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Danke Peter für den Beitrag, der wahrscheinlich leider nur von den "Gutmenschen" hier gelesen wird, da den "besorgten Bürgern" ansonsten ihr Bild ins Wanken gerät.
  • 20.06.2016, 11:55 Uhr
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Peter Leopold
Nun...es geht dabei nicht um sogenannte Wirtschaftsflüchtlinge, sondern um ECHTE Flüchtlinge. Und ein bischen Nachdenken kann da nicht verkehrt sein...
  • 20.06.2016, 11:57 Uhr
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Peter, Du weißt das, ich weiß das und viele andere User hier wissen das auch. Doch da müsste man ja nachdenken und leider wird das in den wenigsten Fällen dieser "besorgten Bürger" getan.
  • 20.06.2016, 14:37 Uhr
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Sehr guter Beitrag, Peter....
  • 20.06.2016, 11:51 Uhr
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Peter Leopold
Ob er den gewünschten Effekt hat, wird sich erst herausstellen...
  • 20.06.2016, 11:54 Uhr
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Bin auch gespannt.
  • 20.06.2016, 11:56 Uhr
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Es fiel mir schwer, deinen Artikel zu Ende zu lesen. So viel Leid schnürt mir die Kehle zu!
Ich hoffe und wünsche sehr, dass er von vielen Menschen gelesen wird und der ein oder andere auch mal ins Grübeln kommt und ihm bewusst wird, dass eben nicht alles Wirtschaftsflüchtlinge sind, sondern Menschen, die teilweise unvorstellbares Schweres erfahren haben!
Danke, dass du das hier aufgeschrieben hast!
  • 20.06.2016, 11:36 Uhr
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Peter Leopold
Ich finde es nötig, um vielleicht einmal nur zum Nachdenken anzuregen...
  • 20.06.2016, 11:37 Uhr
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Ja, das ist es ganz sicher!
  • 20.06.2016, 11:40 Uhr
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Danke Peter.
  • 20.06.2016, 09:23 Uhr
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