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Aus der Provinz

02.08.2016, 11:47 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

Aus der Provinz

In dieser Stadt, die kein Museum, kein Theater und auch kein Filmkunst-Kino beherbergt, sich dennoch Südpfalzmetropole nennt, geht Hagen hin und wieder ins Brennan’s pub, um ein oder auch zwei dieser schwarzen Biere zu trinken, die James Joyce zu seinem Ulysses inspiriert haben. Am Tresen stehen meist schon seine Freunde oder sollte er besser sagen seine Trinkkumpane Jonas und Uwe?

Jonas erzählt von seinem Tanzkurs für Ältere. Wie könne man sonst eine nette Frau kennenlernen? , meint er. Und nach dieser sei er schon sein ganzes Leben auf der Suche. Er hat eine Freundin, fährt mit ihr zu Musicals nach Stuttgart zu den Cats und nach Bochum zum Starlight Express, Übernachtung inbegriffen. Seine Begleiterin besteht auf getrennte Zimmer und die sollen auch nicht nebeneinander liegen, um die Gefahr, die von einer Verbindungstür ausgehen könne, auszuschließen. Die Zimmer sollen auf verschiedenen Stockwerken liegen. Dennoch, bei einem Drink nach der Aufführung legt Jonas seine Hand auf die seiner Angebeteten, die zieht ihre Hand schnell zurück. Meinst du, dass ich in dem Moment zu stürmisch war?, will Jonas von Hagen wissen. Allein möchte er nicht auf die Suche gehen und so begleitet ihn Hagen ins Santa Fé, einem Tanzschuppen mit live Musik. Jonas trägt seinen Sakko mit Fischgrat-Muster und sein Hemd ohne Krawatte ist bis oben zugeknöpft. Er fordert eine Dame nach der anderen auf, Hagen steht am Tresen und trinkt Caipirinha. Nicht alle Damen werden zum Tanz aufgefordert, es gibt einen Mangel an tanzwilligen Männern. Die sitzengebliebenen Damen schauen um sich, ergreifen ihre Handtasche und verschwinden schnell Richtung Toilette, um dieser Demütigung zu entgehen. Ab und zu heißt es Damenwahl, da wird Hagen aufgefordert und Jonas bleibt sitzen. Bei der nächsten Damenwahl ist es Hagen, der sofort die Toilette aufsucht, Jonas ist’s zufrieden.

Uwe ist ein freundlicher versoffener Rechtsanwalt, der seine Approbation verloren hat. Er weiß nicht nur über die juristischen Fallstricke einer Beziehung Bescheid, er kann auch die aktuellen Vorgänge in seiner zur Wahlheimat gewordenen Stadt deuten. Dank der Recherche eines engagierten Stadtarchivars wird die Rolle dieser Stadt im Nationalsozialismus beleuchtet. So können die Bürger nachlesen, was die Älteren zwar wissen und die Jüngeren vom Hörensagen kennen, was aber nur unter vorgehaltener Hand weiter erzählt wird. Einige, nicht wenige Mitbürger hatten sich damals an der Deportation der Juden durch den Gauleiter Josef Bürckel bereichert. Ein bekanntes Modehaus und ein Juwelier seien in dem Bericht sogar namentlich erwähnt, meint Uwe, und er sehe einen Zusammenhang, dass kurz nach dessen Veröffentlichung das Modehaus seine Pforten schloß. Jonas bezweifelt dies und als Hagen Hannah Arendts Satz: ‚Wir sind auch für unseren Gehorsam verantwortlich‘, zitiert, schaut er ihn fragend an. Hagen weist darauf hin, dass in vielen Fällen der sogenannte Befehlsnotstand als Entschuldigung für Kriegsverbrechen gedient habe. Jonas sieht dies ein und berichtet von seinem Onkel, der auf dem Balkan lediglich Hilfspolizisten ausgebildet habe, die im Dienst der Deutschen Juden gejagt haben. Persönlich war er an den Verhaftungen und Deportationen nicht beteiligt, also ist er unschuldig? Nachdem Hagen Eichmann erwähnt, der auch nie persönlich mit seinen Häschern unterwegs war, wechselt Jonas das Thema und spricht von den Charts, die eindeutig auf ein Allzeithoch des Dax hinweisen. Und überhaupt, die Börse, das Lieblingsthema von Jonas. Er kennt die fundamentalen Daten, ihm entgeht keine Kopf-Schulter-Kopf Formation und ein intraday reverseal läßt seine Augen glänzen. Allerdings beim Crash des Neuen Marktes hat er viel verloren – ein Betriebsunfall, meint er und erwähnt, dass ihm seine Hausbank die Auflösung seines Depotkontos vorgeschlagen hat, er sei nur noch ein Kostenfaktor.

Mit seinem veralteten Computer hat Hagen öfters Probleme, einmal lassen sich Seiten nicht öffnen, ein anderes Mal ist die Zusammenfassung des Philosophie-Seminars verschwunden. Da bietet sich Jonas an, die Sache zu richten. Zuerst wird defragmentiert, dann wird ein Virenscanner installiert und schließlich die Kapazität des Arbeitsspeichers erweitert. Hagen ist beeindruckt ob Jonas‘ Hilfsbereitschaft, läßt ihn allein im Büro zurück. Als er ihm eine Flasche Mineralwasser bringt, sieht er gerade noch wie Jonas Mühe hat, die Seite mit den mails zu schließen. Mit roten Ohren bietet Jonas an, das Schreibprogramm creative writing zu installieren, dazu müsse er aber den Rechner mitnehmen. Hagen lächelt freundlich und erwidert, er sei mit seinem Programm zufrieden.

Uwe ist Mitglied in einem Literaturclub, der sich die Worthelden nennt. Die Teilnehmer lesen sich ihre Texte vor und erwarten eine positive Rückmeldung. Eines Abends begleitet Hagen seinen Freund Uwe. Zuerst liest ein selbst ernannter Mundartdichter ein Gedicht über die „Palz – Gott erhalt’s“. Es sind einfache stereotype Zeilen, die die Vorurteile über die Pfälzer wiedergeben. Dann liest ein weiterer Dichter, der unter dem Pseudonym Helmund Wiese schreibt, moderne Gedichte. Es sind Gedichte mit kreativen, aber inhaltsleeren Wortschöpfungen, wobei er erwartet, dass die erstaunten Zuhörer diese Kreationen deuten sollen. Sodann ist die Leiterin der Gruppe an der Reihe. Sie entschuldigt sich für ihren Text und nachdem ich mir die Kurzgeschichte angehört habe, meine ich, das war auch notwendig. Die Geschichte hat weder einen Anfang noch ein Ende. Es herrscht betretendes Schweigen bis sich ein Gruppenmitglied erbarmt und fragt, ob dies ein Auszug aus einer längeren Geschichte sei. Hagen hat genug gehört, er geht ins Brennan’s pub und wartet auf Uwe. Der muß noch weiter zuhören, er ist Mitglied.

C: Jürgen Setzler 08/16

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