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Das große Rad

Das große Rad

04.08.2016, 07:49 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

Endlich Schulferien in Nordrhein-Westfalen, denkt Barbara. Sie sitzt am Steuer der Familienkutsche und ärgert sich, dass sie nicht eher gefahren ist. Dann hätte sie noch früher aufstehen müssen und die Kinder kommen auch so schlecht aus ihren warmen Betten. Die Blechlawine bewegt sich träge Richtung Norden. Neben ihr sitzt der 12jährige Lukas mit Ohrstöpseln und bewegt sich im Takt der Musik. Er hat es schon aufgegeben, den Verkehr zu beobachten und ist nicht ansprechbar. Auf dem Rücksitz schlafen die beiden Kleinen. Anni ist 9 und Mathias ist 6 Jahre alt. Barbara ist froh, dass endlich Ruhe eingekehrt ist. Nun muss sie doch allein in die kleine Ferienwohnung nach Sankt Peter-Ording fahren. Wochenlang haben Thomas und sie diesen gemeinsamen Urlaub geplant und sich darauf gefreut zwei Wochen den Alltag vergessen zu können. Ihr Mann arbeitet in einer großen Firma und musste kurzfristig seine Urlaubspläne aufgeben. Vergebens hatte er um Barbara`s Verständnis gebeten. „Ich denke du hast eine leitende Position, dann musst du doch soviel Macht besitzen, deinen eingereichten Urlaub antreten zu können,“ hatte sie ihm entgegen geschmettert. Er hatte etwas von – Verantwortung – und – außergewöhnliche Umstände – gemurmelt und hoch und heilig versprochen, am letzten Wochenende schon am Donnerstag mit der Eisenbahn nachzukommen. Genau genommen, überlegt Barbara, sind das nur zwei Tage an denen wir etwas gemeinsam unternehmen können. Wahrscheinlich schläft er die Hälfte dieser Zeit, weil er ja sooo gestresst ist. Im hintersten Winkel ihres Kopfes regte sich eine leise Stimme, die ihr zuflüsterte: „Er ist froh, seine Arbeitsroutine beibehalten zu können und hat keine Lust auf ein geballtes Familienleben.“
Endlich, Hamburg liegt nun hinter uns. Jetzt läuft der Verkehr flüssiger. Sie zieht auf die Überholspur und tritt auf das Gaspedal. Barbara ist eine gute Fahrerin. Sie hat sogar vor zwei Jahren einen Trainingskursus für sicheres Fahren beim ADAC absolviert.

Zur gleichen Zeit fährt auf der Gegenfahrbahn ein, mit 20 Tonnen Getreide beladener Lastwagen. Am Steuer sitzt der 25 jährige Kai Herbst. Wie immer fährt er unter Zeitdruck. Bis 15 Uhr muss er die Mühle hinter Hamburg erreichen, wenn er heute noch abladen will. Der Chef hat schon gerade am Telefon angefragt: „wo bist du jetzt, schaffst du es noch?“ Nun ja, Blinker raus und auf die mittlere Fahrbahn, zur Freude aller PKW`s die in die gleiche Richtung fahren. Aus dem Radio tönt Tom Astor`s „Flieg junger Adler“. Natürlich ein Oldie, eigentlich nicht sein Geschmack, trotzdem singt er leise mit. Das Lied berührt etwas in ihm. Stoßtange an Stoßstange, Gas geben, bremsen, im Stau stehen Tag ein und Tag aus und dann singt da einer: „Flieg junger Adler. „
Nein, denkt er jetzt darf ich nicht träumen. Plötzlich geht ein Ruck durch den Lastwagen. Was war das? Alarmiert schaut er in den rechten Außenspiegel, dann in den linken. „NEIN“ schreit es in ihm, aber kein Ton kommt aus seinem Mund. Von hinten nähert sich ein einzelnes großes LKW Rad. Stoßweise bedient er die Bremse und schaltet gleichzeitig die automatische Warnblinkanlage ein. Die Räder sind doch am Wochenende erst ausgewechselt worden, schießt es ihm durch den Kopf. Hilflos, voller Entsetzen sieht er das Rad immer näher kommen. Es rollt auf den Mittelstreifen zu. Die dritte Fahrbahn ist leer. Hinter ihm eine Kakophonie von Tönen. Jeder hupt, als wenn dass etwas ändern würde.
Das Rad rollt, rollt über den Mittelstreifen auf die Gegenfahrbahn.
Barbara sieht es kommen. Sie will es nicht glauben. Auch sie schreit: „NEIN“, reagiert sofort; ohne nachzudenken gibt sie Gas, tritt das Pedal bis unten durch – und schafft es. Das Rad streift kurz den hinteren Kotflügel ihres Autos, dadurch wird der Lauf gestoppt. Es fällt um und bleibt liegen.
Quietschen, Hupen dann entsteht auf der rechten Seite eine Lücke. Nach gefühlter endlos langer Zeit erreicht Barbara den Standstreifen und stellt den Motor ab. Sie dreht sich um, ihre Kinder sind kreideweiß und beginnen an zu weinen „Mama, Mama!“
Jemand reißt die Fahrertür auf: „Sind sie verletzt? Ich habe die Polizei schon informiert. Ein Krankenwagen kommt auch.“ Sie hat drei Kinder, sie darf nicht zittern.

Auf der Gegenfahrbahn wird auch ein Krankenwagen angefordert. Kai Herbst wird ebenso wie die Mutter mit ihren drei Kindern mit einem Schock im Krankenhaus eingeliefert. Ihr Wagen wird, Stunden später, von einem Abschleppwagen in die nächste Werkstatt gebracht.
An diesem Tag wird der LKW nicht mehr abgeladen. Die Polizei ermittelt, dass wird dauern.

Stunden später, Thomas hat Feierabend und sitzt vorm Fernsehgerät. Das Telefon klingelt. Er liest auf dem Display Barbara. Fröhlich ruft er: „Na seid ihr gut angekommen, habt ihr schon ausgepackt?“

Copyright Marga Koch

11 Kommentare

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Marga, ein spannender Beitrag zum Thema Rad...Hat mir gut gefallen.....
  • 17.08.2016, 10:39 Uhr
  • 0
Danke Karin, dass du gelesen hast und liebe Grüße
  • 17.08.2016, 17:02 Uhr
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Liebe Marga,
das ist ja gerade nochmal gut ausgegangen!
Ich habe förmlich die Luft angehalten.
Du weißt ja, dass ich ständig viel im Ausland unterwegs bin und lange Strecken fahre. Da ist so eine Gefahr immer wie eine drohende Wolke über einem. Toll geschildert und die Geschichte der Familie drum herum passt dazu. Klasse!
  • 07.08.2016, 15:34 Uhr
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Danke Inga besonders gut finde ich, dass sie hier so gut ankommt obwohl ich sie absichtlich kurz gehalten habe. Liebe Grüße ich wünsche dir eine gute Woche.
  • 07.08.2016, 21:16 Uhr
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puh, solche Momente zu beschreiben sind nicht leicht, liebe Marga . Habe mich sofort an meinen einzigen großen Autounfall erinnert,bei dem mehrere "Räder" beteiligt waren-zum Glück außer meinen Nerven-ohne menschlichen Schaden.
  • 06.08.2016, 16:40 Uhr
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Hallo Kunigunde, danke für deinen Kommentar. Derartige Erlebnisse wirken noch lange nach. Liebe Grüße und ein schönes Wochenende.
  • 06.08.2016, 17:34 Uhr
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Marga, das war jetzt aber ein sehr großes Rad. Uff.
Das sitzt nun tief (falsch es iegt ja auf der Fahrbahn ).
Danke für Deine Geschichte. Dein Foto allerdings hat mich auf eine Idee gebracht. Ob ich die nun umsetzen kann, wird sich zeigen.
  • 04.08.2016, 22:41 Uhr
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Danke Edith für dein Lob, ich bin jetzt gespannt darauf was du dir einfallen lässt. Liebe Grüße
  • 05.08.2016, 11:08 Uhr
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Das war sein ruhiger Feierabend !!!!
  • 04.08.2016, 17:33 Uhr
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Das ist jetzt Stoff zum Nachdenken.
  • 04.08.2016, 21:04 Uhr
  • 1
  • 04.08.2016, 21:07 Uhr
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