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Das Mädchen, das ein Wunder erlebte

13.08.2016, 11:53 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

Einer von den Menschen, die dort lagen, war schon seit achtunddreißig Jahren krank. Als Jesus ihn sah und erfuhr, dass er schon so lange an seiner Krankheit litt, fragte er ihn: "Willst du gesund werden?" (Johannes 5,5.6)

Jetzt war jemand aus unserer Familie in Österreich zum Snowboard fahren. Der junge Mann hatte einen Sprung gemacht und dabei ist es passiert. Er kam nicht richtig auf und ist gestürzt. Er hat sich mächtig auf den Hintern gesetzt und den Rücken geprellt. Zum Glück ist nichts wirklich Ernstes passiert. Aber da erinnerte ich mich an eine Begebenheit, die schon etwas weiter zurückliegt:

Sie handelt von Elisabeth, einem jungen Mädchen von 17 Jahren. Sie hatte mit ihren Freundinnen einen Skiausflug gemacht und war dabei so unglücklich gestürzt, dass die Bergwacht sie auf einer Bahre zu Tal tragen musste – ein alltäglicher Unfall in den Bergen. Kein Arm, kein Bein war gebrochen. Man schob ihre Bewegungsunfähigkeit der Schockwirkung des Sturzes zu. Doch bald stellte sich etwas Schreckliches heraus.

Zwischen dem neunten und zehnten Wirbel ihres Rückrates waren die Knochen so unglücklich zersplittert, dass auch die leiseste Bewegung mit unerträglichen Schmerzen verbunden war. Eine Operation war nicht möglich. Zweieinhalb Jahre lag das junge Mädchen fest in Gips eingeschlossen, ohne mehr als ihren Kopf bewegen zu können.

Die Mutter, eine Witwe aus Bad Aibling, fährt jeden Sonntag nach Bad Tölz hinüber, wo ihr Kind im Krankenhaus liegt. Das bedeutete eine Stunde Bahnfahrt im engen Abteil der Kleinbahn, umgeben von fröhlichen Menschen, die oft nicht älter sind als ihre Tochter. Unaufhörlich rinnen ihre Tränen. Sie ist erfüllt von Schmerz und Hoffnungslosigkeit. Wie wird sie ihr Kind heute vorfinden und was soll sie ihm zum Trost sagen? Es sind immer dieselben Worte:

„Du musst tapfer sein, Elisabeth.“ –

„Ach, Mutter …“ –

„Eines Tages wirst du wieder gesund sein!“ –

„Ich werde nie wieder gesund, Mutter.“ –

„Doch, Kind, die Ärzte haben es mir versprochen.“

Eine Mutter, die mit lächelndem Gesicht tröstet, weint die Tränen nach innen. Die Ärzte haben ihr gesagt, dass Elisabeth nie wieder gesund werden wird, nie wieder aufstehen kann, ein ganzes Leben lang. Und sie ist erst gestern neunzehn Jahre alt geworden. Über zwei Jahre liegt sie nun schon hier, in diesem Zimmer mit fünf anderen Kranken, jungen und alten Frauen, frisch Operierten oder Genesenden, die morgen das Krankenhaus wieder verlassen werden.

Alle traten, ehe sie gingen, gesund, obschon ein wenig schwach, zu ihrem Bett.

„Mach’s gut, Elisabeth“, sagten sie, „einmal kommst auch du hier heraus, du musst nur fest daran glauben.“

Die Mutter sagt heute zu ihr: „Du musst an Gott glauben, Kind.“

– „ Ach, wie weit ist Gott …“ –

Ein Krankenhaus kann ein Zuhause werden. Wenn man schon zwei Geburtstage dort verlebt hat, ergibt man sich in sein Schicksal und fällt in Hoffnungslosigkeit. Nicht einmal zum Fenster kann man hinaussehen, sondern hört nur von den anderen:

„In acht Tagen beginnt der Flieder zu blühen!“ oder „Wie schön die Rosen unten im Beet sind. Man spürt ihren Duft bis hier herauf!“

Auch Elisabeth bekommt Blumen, sehr oft sogar. Die Besucher der anderen Kranken, erschüttert von dem Schicksal des jungen Mädchens, teilen den Strauß, den sie mitgebracht haben, und stellen ihr ein paar Blumen ans Bett. Sie lächelt dankbar.

Am liebsten ist es ihr, wenn man ihr ein Stück Seife mitbringt, gute, wohlriechende Toilettenseife, mit der die Schwester sie morgens, mittags und abends wäscht. Wenn sie dann ihren Kopf zur Seite legt, spürt sie den herben Duft des Lavendels aus ihrer Haut aufsteigen und träumt davon, wie sie als Kind mit eigenen Händen die duftenden Blüten von den blauen Lavendelsträuchern am Hohenkogl gepflückt hat. Das liegt schon so lang zurück.

Die Krankenschwester hat Elisabeth gerade zurechtgemacht. Sonntag ist heute, Besuchstag, bald werden die Besucher kommen.

„Schwester, ist meine Mutter schon da?“ –

„Sie ist unten und spricht mit dem Arzt.“ –

„Mit dem Arzt? Was sagt er ihr?“ –

„Ich weiß nicht.“ –

„Aber Sie sehen doch am Gesicht meiner Mutter, ob es etwas Gutes ist oder das Gegenteil. Mutter kann sich nicht verstellen. Ich sehe ihr immer an, was sie denkt.“ –

„Du kannst sie gleich selbst fragen, Elisabeth.“

Als die Mutter ins Zimmer tritt, ist ihr Gesicht verklärt.

„Kind! Kind!“ sagt sie und umfängt mit beiden Händen das Bündel, das da in Gips liegt. Tränen rinnen ihr über die Wangen. „Kind! Kind!“ wiederholt sie nur.

„Du weinst, Mutter?“ –

„Aus Freude! Ich habe gerade mit dem Arzt gesprochen. Er hofft, dass du in einigen Monaten aufstehen kannst. Du musst nur den festen Willen haben, gesund zu werden.“

„Vom ärztlichen Standpunkt besteht keine Hoffnung mehr“,

hat der Arzt vor wenigen Minuten zu ihr gesagt.

„Wir haben gestern ihre Tochter noch einmal gründlich untersucht. Das Schlimmste ist, sie hat den Mut verloren, sie hat sich selbst aufgegeben. Was können wir noch tun? Wunder gibt es leider nicht.“

Zwei Stockwerke muss die Mutter vom Zimmer des Arztes bis zu ihrer Tochter hinaufsteigen, zwei Stockwerke. Sie geht langsam, Schritt für Schritt, Stufe für Stufe. Sie überlegt, was geschehen soll. Was kann sie tun, um ihrem Kind wenigstens etwas Mut und Hoffnung wiederzugeben, auch wenn keine Heilung daraus erwächst?

Als sie am Bett ihrer Tochter sitzt, weiß sie es. Sie sieht den unsicheren Blick ihres Kindes, das nicht glaubt, was ihm die Mutter von der Unterredung mit dem Arzt erzählt.

„Mutter lügt, Mutter lügt immer, sie will mir nur helfen!“

Elisabeth weiß es und glaubt längst nicht mehr daran.

„Mutter, bitte, belüg mich nicht!“

„Warum soll ich dich belügen?“
entgegnet die Mutter, und ihre Stimme klingt anders als sonst.

„Nächsten Sonntag kannst du den Beweis sehen, dass ich überzeugt bin, dass du bald wieder gesund wirst.“ –

„Den Beweis?“ –

„Ja, ich bringe dir etwas mit, was du dir schon gewünscht hast, ehe du krank wurdest. Es ist sehr teuer, mehr verrate ich nicht. Du wirst Augen machen!“

Als die Mutter daheim ist, leert sie ihre schmale Börse und zerschlägt die Sparbüchse, aber nur wenige Markstücke fallen heraus. Wenn man jede Woche einmal nach Bad Tölz hinüberfährt und nicht mit leeren Händen kommen möchte, dann reicht die Witwenrente nicht aus, noch nebenher zu sparen. Auch das, was bereits auf der Sparkasse liegt, genügt nicht für das, was sie vorhat. Am Nachmittag geht sie deshalb zum Goldschmied. Das Letzte, was sie besitzt, ihren goldenen Trauring, streift sie vom Finger und schiebt ihn über den Tisch.

„Er ist sehr dünn“,

wendet der Juwelier höflich ein.

„Er ist dünn geworden“, sagt die Mutter, „ich trage ihn schon sehr lange.“

Fünfzig Mark zahlt der Goldschmied, den Goldwert. Jetzt hat sie das Geld beisammen, das sie haben muss, um ihrer Tochter den Glauben an die Genesung wiederzugeben. Sie weiß, die Wahrscheinlichkeit, dass Elisabeth einmal aus dem Bett aufstehen wird, ist sehr gering. Aber wenn ihr Kind wenigstens für ein Jahr oder auch nur ein halbes wieder die Hoffnung gewinnt, ein halbes Jahr ohne Verzweiflung und Trostlosigkeit lebt, dann ist es gut. Mehr wagt die Mutter nicht zu erhoffen.

Und so kauft sie das Unnützeste, was es für Elisabeth auf der Welt gibt: ein neues, teures, herrliches Fahrrad, ein Rennrad dazu, wie Elisabeth es sich immer gewünscht hat. Die Mutter wird es hinfahren, nach Tölz, ins Krankenhaus, an den Schwestern vorbei, die zwei Stockwerke hoch, bis an ihr Bett. –

Am Sonntag steht die Mutter in der Tür, ein wenig erhitzt und atemlos. Das Haar hängt ihr in die Stirn, aber ihr Gesicht ist von hundert lachenden Fältchen durchzogen, als sie das neue Fahrrad durch die Tür schiebt.

„Ein Fahrrad, Mutter!“ ruft Elisabeth.

„Du glaubst, dass ich es benützen kann? Dass ich wieder Rad fahren werde? Dann hast du also nicht gelogen? Dann ist es also wahr, was der Arzt gesagt hat? Ich werde wieder gesund? O Mutter, wie bin ich glücklich!“

Das Wunder geschieht. Was keine ärztliche Kunst vermochte, geschieht. Acht Wochen später verlässt Elisabeth zum ersten Mal ihr Bett. Sie wird gesund und fährt auf diesem Rad, das ihr die Mutter in tiefer Hoffnungslosigkeit von ihrem letzten Geld kaufte.

Die Mutter ist bald darauf in Frieden gestorben. Sie hat die Genesung ihres Kindes noch erlebt und Gott täglich für dieses Wunder gedankt.

Es gibt viele Situationen im Leben, bei denen wir Menschen an unsere Grenzen stoßen. Es gibt auch heute noch hoffnungslose Menschen wie damals, als Jesus durch die Straßen von Jerusalem ging. Auf einem dieser Wege kam Jesus auch zu diesem Manne, der achtunddreißig Jahre seines Lebens nichts anderes getan hatte, als zu warten.

Immer, wenn Jesus einem Menschen begegnet, geschieht etwas. Gewiss, Jesus hätte einfach zu diesem Manne hingehen brauchen und ihm sagen, er solle aufstehen, er ist geheilt. Aber das macht er nicht. Er stellt ihm eine Frage:

„Willst du gesund werden?“

Dumme Frage, würden wir vielleicht sagen, wer ist schon gerne krank, und dann auch noch so lange. Aber Jesus stellt diese Frage. Er nimmt diesen Menschen mit hinein in sein Handeln. Er stülpt ihm die Heilung nicht einfach so über. Er will, dass dieser Mensch sich entscheidet, was mit seinem Leben geschehen soll. Darum diese Frage

„Willst du gesund werden?“

Der Mann muss über sich und sein Leben nachdenken. Er muss sich klar werden, wie es weiter gehen soll. Er muss sich aber auch darüber klar werden, was ihm hier angeboten wird. Mitten in der Hoffnungslosigkeit und Sinnlosigkeit seines bisherigen Dahinvegetierens kommt ein Mensch und fragt ihn

„Willst du gesund werden?“

Ja, er muss sich entscheiden. Er muss sich schnell entscheiden! Es geht um seine Zukunft. Und Jesus wartet. Er wartet auf seine Antwort. Diese Antwort ist alles andere als hoffnungsvoll.

„Ich habe doch keinen Menschen!“

Ich bin allein, verlassen. Wie soll ich gesund werden? Ich kann mir selbst nicht helfen und Menschen, die sich für mich interessieren – die gibt es einfach nicht. Jesus versteht diese Antwort und sagt:

„Stehe auf, roll deine Matte zusammen und geh!“

Wie unsinnig muss das anmuten. Da ist ein Mensch, der sich nicht bewegen kann. Er soll aufstehen.

Wenn Gott eingreift, geht es nicht ohne die Mitwirkung des Menschen selbst. Das Geringste, das er einsetzen muss, ist das Vertrauen. Vertrauen, dass Gott helfen kann gegen jede Erfahrung und Vernunft.

Gott hilft gern.

Aber er nimmt dich mit.

Ohne dich geht er nicht weiter.

Nur wenn du selbst den Mut hast, den ersten Schritt zu wagen, wirst du auch die nächsten angehen. Gut, wenn wir dann nicht vergessen, woher unsere Hilfe kam.

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