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Amok

Amok

20.08.2016, 01:49 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

Wenn ich mich entscheiden sollte, ob ich selbst getötet werde oder dabei zusehen muss, wie vor meinen Augen ein anderer Mensch umgebracht wird. Was würde ich antworten?

Diese Frage hat sich mir so noch nie gestellt. Und das ist gut so! Und gleichzeitig ist es bemerkenswert. Denn auch meinen Eltern geht es so.
Das Bemerkenswerte daran ist, dass um mich herum die Welt und damit die meisten Menschen mit dieser Frage andauernd konfrontiert sind.
Wir haben das nur nie bemerkt. Erst jetzt. Und wir sind geschockt.

Ich bin geschockt. Das gebe ich ehrlich zu.

Jetzt werde ich nicht die Ereignisse dieser Amok-Nacht hier in meiner Umgebung (München) wieder geben. Ich werde auch nicht darüber schreiben, was ich selbst erlebt und durchlitten habe. Denn der erste Teil ist bekannt und der zweite so persönlich, dass er nicht in diese Zeilen passt.

Worüber ich aber schreiben will ist, was mit mir passiert seitdem. Und ich denke, das geschieht mit ganz Vielen.
Seit dem Abend erschrecke ich dauernd wegen Kleinigkeiten. Ich schlafe kaum noch durchgehend. Und ich träume schreckliche Dinge.
Das macht mich gereitzt und gereitzt sind auch die Menschen um mich herum. Ich habe Kopfschmerzen und ich lache nicht mehr so viel.
Ganz am Anfang, da reichte es wenn Feuerwehr oder Polizei zu hören waren. Da haben wir uns weg geduckt und uns angeschaut – erschrocken – zurückerinnert – und dann haben wir uns versichert, wie blöd wir sind. Passiert ja nichts. Passiert ja nicht schon wieder. Oder?

Und so vergeht die Zeit. Der Moment, die Erinnerung verblasst. Wir sehen alle die Meldungen und verdauen. Wir lesen und wir hören und wir versuchen in Worte zu fassen, was nicht fassbar ist. Und wir machen weiter. Wie immer.
Wir kehren zur Normalität zurück. Wir versuchen es.

Und dieser Schreck? Der sitzt uns immer noch in den Knochen. Er reckt sich da. Er streckt sich aus, macht sich breit und lässt es sich so richtig gut gehen. Er sucht uns da heim, wo wir es am wenigsten erwarten. Wir sind ja alle so beherrscht. Wir können damit umgehen. Wir funktionieren. Lassen uns keine Schwäche anmerken. Alles so wie immer.

Wie immer? Wie fucking immer?? Wovon rede ich da bloß???

Traurig aber wahr konnte ich in einer Nacht zum Beispiel nicht schlafen, weil sich vor meinem Schlafzimmerfenster (Innenhof eines Genossenschaftsbaus) zwei Menschen stundenlang angeschrien haben. Nichts Privates. Es fielen Sätze wie:

"Die produzieren nur Kinder, was anderes können die nicht!"
--- die leisere Stimme hab ich nicht verstanden ---
"Ficken immer nur und wir zahlen, wir Deppen!"
--- leisere Stimme ---
"Die Scheiße wollen wir hier nicht. Untermenschen mit dem Islam, die Mörder!"
--- wieder leiser ---
"Ich kann nicht mehr, ich will die alle nur weg, die sollen alle weg gemacht werden!"
--- so leise, dass ich es kaum mehr hören konnte ---

Aber das Schreien ging unerträglich lange weiter. Und ich bin nicht eingeschritten.
Ich habe nichts gesagt, habe versucht zu schlafen und wegzuhören.
Ich bin ein Depp! Ein Depp unter Deppen!

So wollte ich nie sein. So war unser Verständnis hier nicht und ich fühle mich hilflos dem gegenüber.

*******************************************

Und dann heute dieser kleine Mensch auf dem Titelblatt. Omran aus Aleppo. Verstaubt und verstört auf einem Sitz in einem Krankenwagen. Ich bin so unendlich traurig. Das macht das mit mir.

"Er lebt" sagt Moha. "Und du auch Barbara"

Aleppo ist Mohas Heimatstadt. Als ich ihn kennen gelernt habe, da hat er mir Bilder auf seinem Handy gezeigt. So viel Kultur! So viel Wissen! So viel Schönheit!

Und jetzt sind wir froh, dass Omran lebt. Dass wir alle leben.

"Ich bin in Sicherheit" Das haben meine Freunde auf Facebook gepostet in der Amok-Nacht.

Ich nicht. Ich bin nach wie vor eines nicht: In Sicherheit.
Was bin ich dann? Ich verstecke mich. Am besten ist, ich bin gar nicht da.
Und das ist auch verkehrt. Vielleicht sogar das Verkehrteste.

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28 Kommentare

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Ich hatte beim Lesen der Notiz spontan einen Gedanken .... an meine Wehrdienstverweigerung vor fast 40 Jahren ...

Meine Beweggründe waren damals mich gar nicht erst in solche Situationen (durch einen möglichen Kriegseinsatz der Bundeswehr) bringen zu lassen. Eine Ausbildung an todbringenden Waffen lehnte ich aus denselben Gründen ab ....!!

Die Frage nach meiner Reaktion in einer Situation, wo ich entweder mein, oder ein anderes Leben verteidigen müsste/könnte kann ich nicht wirklich beantworten ....

Sterbe ich selber, oder töte ich alternativ andere .... sorry BEIDES würde mein Leben zerstören .... Ersteres sicher .... Zweiteres zwar nicht gleich ..., längerfristig aber vermutlich auch ......
  • 22.08.2016, 18:39 Uhr
  • 1
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Die Welt ist krank
Das sie "Kranke Menschen" produziert kein Wunder.
  • 21.08.2016, 15:51 Uhr
  • 0
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Wir sind im Krieg mit dem IS, so sagte Frau Merkel vor geraumer Zeit .
  • 21.08.2016, 15:22 Uhr
  • 0
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Vielen Dank für diesen Beitrag.
  • 21.08.2016, 14:29 Uhr
  • 1
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Barbara, Dein sehr emotionaler Bericht geht unter die Haut, ob es die Schilderung Deiner Angst, das Überhören eines häss-lichen Dialogs oder der Hinweis auf das Kind in Aleppo ist.
Er zeigt die ganze Hilflosigkeit auf, die uns quält.
Wir möchten nicht in unserer Stadt in Angst leben. Wir möchten nicht in anderen Menschen unsere verdeckten Feinde sehen, wir möchten kein Kind mit solchen traurigen Augen sehen.

Aber genau DAS ist die Realität - und die erfolgreiche Überwindung solcher Zustände ist aktive Teilnahme an einer Verbesserung der Situation.
Wenn man nach Anschlägen hört, "wir lassen uns nicht einschüchtern, wir leben so weiter", so ist das zu kurz gedacht. Es geht nicht ums Weiterleben und Weiterfeiern, sondern um vernünftige Maßnahmen, die ja nun auch von politischer Seite eingeleitet werden, aber niemals mehr die ganze Flut von Problemen bewältigen können.
  • 20.08.2016, 15:47 Uhr
  • 0
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Geh zum Arzt, es könnte sein, dass du wirklich medizinisch psychologische Hilfe brauchst.
  • 20.08.2016, 15:01 Uhr
  • 0
Was bist du für mieses Geschöpf
  • 20.08.2016, 15:19 Uhr
  • 1
Ne, nur ehrlich.
Ich habe genügend Leute mit PTBS und den verwandten Bereichen kennengelernt.
  • 20.08.2016, 15:25 Uhr
  • 0
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Wer seine Gefühlswelt so extrem nach außen zur Schau tragen muss wird seine Gründe dafür haben.
Ich kann sie nicht nachvollziehen.
  • 20.08.2016, 14:25 Uhr
  • 0
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Hier wurde ein Kommentar durch den Ersteller entfernt.
Liebe wize.life-Nutzer
Der Bericht hat mich auch sehr aufgewühlt. besonders nach der Tatsache, wie sich hier etliche über das Bild dieses verstörten Kindes aufgeregt haben . Das wollen sie nicht sehen, das macht ihr Weltbild kaputt. Dann müssten sie eigentlich sowas wie MItgefühl haben, nicht nur Hass auf alles fremde.
Du bist kein Depp, weil du nicht eingeschritten bist. Ich weiß nicht, was ich gemacht hätte, hätte ich mir das nur angerhört und danach Albträume gehabt oder hätte ich sie angeschrien.Ich weiß es nicht.

Aber eines ist passiert, auch für mich ist Aleppo jetzt ganz nah. Ich habe syrische Freunde, die jeden Tag in der Anspannung leben müssen, dass es Schreckensnachrichten aus Aleppo gibt. Sie hängen wie paralyisiert vorm Fernseher und schauen Al Jazeera.
Sie versuchen zu lachen, wenn sie mir was erklären wollen ,aber ich sehe den Schmerz in ihren Augen. Einmal kam Achmed aus dem Schlafzimmer mit rotgeweinten Augen. Seine 4 Schwestern sind ausgebombt, aber sie leben noch. Aber wie lange noch.
Und wenn ich dann diese hasserfüllten Kommentare hier und anderswo im Netz lese ,dann kriege ich ein unbändige Wut. und möchte sie zwingen, sich alle diese Gräultaten anzuschauen nicht nur 5 Minunten sondern einen ganzen Dokumentarfilm lang .
Und wenn dann jemand kommt und sich aufgeregt, man habe in den Sekunden als das Bild des Kindes gemacht wurde, sich nicht gekümmert, dann möchte ich an dem Verstand derer zweifeln, die sowas nur denken . In den Sekunden, haben die Helfer wohl versucht andere Menschenleben retten zu können.
Wir können nicht viele machen, außer massiv gegen diese menschenverachtenden Rassisten aufzustehen und die betroffenen Menschen, die wir kennen, aufzufangen in ihrem Kummer und in ihrer Angst. und ihnen das Gefühl zu geben,sie sind bei uns geborgen .
  • 20.08.2016, 10:59 Uhr
  • 4
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Barbara, kein wirklicher Depp traut sich, darüber offen zu reden, gar zu schreiben: Den kannst du dir abschminken
Es gibt auch keinen wirklichen Trost, denn deine erste Frage kann niemand beantworten, und wer sie beantwortet, weiß nicht, dass in einer solche Situation oft Entscheidungen fallen, die man so nicht erahnen konnte. Generationen von Philosophen habe sich ohne Erfolg an einer Antwort versucht. Selbst bei denen, die darauf trainiert werden, in solchen Situationen bewusst zu reagieren, bleibt manches offen.
Tatsächlich ist uns die Möglichkeit gegeben, unsere von der Chemie gesteuerten Emotionen wie Angst, Panik, Liebe in engem Maße per individueller Ratio zu kontrollieren. Aber vor allem bei sensiblen Menschen hat diese in solchen Momenten kaum eine echte Möglichkeit, gezielt einzugreifen. Und damit müssen wir alle leben. Ohne Rücksicht. Ohne Entkommen. Ohne Chance. Und je bewusster wir an dieser Stelle versuchen zu verstehen, umso weniger gelingt es oft, mit solchen Situationen umzugehen. Diesem Verhalten steht nur das Verdrängen oder Lebenserfahrung entgegen - oder gezieltes, professionelles, oft wiederholtes Training wie z.B. das von Verkehrspiloten.
Was uns allen wirklich hilft ist der Zufall: Die meisten von uns geraten nie in eine solche Situation.

Ich bin wenig sensibel, wie du weißt. Ich kann das nur von einer ganz sachlichen, wenig trostreichen Seite erklären. Entschuldige bitte.
(Mehr kommt per PN)
  • 20.08.2016, 09:25 Uhr
  • 2
... wer kann schon die Welt erklären ??? Forrest Gump hat es versucht: Das Leben ist wie eine Pralinenschachtel, du weißt nicht was Du auspackst ... oder so ähnlich
  • 20.08.2016, 09:33 Uhr
  • 0
wize.life-Nutzer
Da ist was dran, aber am allerwenigsten erklären uns gepimpte Unwahrscheinlichkeiten wie zum Beispiel Kinofilme und deren Pralinenschachteln die Welt.
  • 20.08.2016, 10:03 Uhr
  • 0
... ok Mike .... die Welt funktioniert nach dem "Monte Carlo Prinzip"
  • 20.08.2016, 12:37 Uhr
  • 1
Ja, da können wir einig werden....
  • 20.08.2016, 12:52 Uhr
  • 1
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