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Das trennende Wasser

05.09.2016, 17:51 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

Als ich fünf Jahre alt war, besuchten meine Mutter und ich meinen Onkel.
Er war Verwalter eines großen, landwirtschaftlichen Gutes in einem alten Wasserschloss, umgeben von schier endlosen Wiesen und Weiden.

Meine Tante zeigte mir im Stall die kleinen Kätzchen und ich freute mich sehr, mit dem Hund spielen zu dürfen, und genoss den Geruch von Stall, Tieren und Erde.

Später am Nachmittag brach mein Onkel auf, um einen Rundgang über die Weiden zu machen und nach den Tieren zu sehen, sein Hund folgte ihm und ich auch. Ich fragte nur meine Mutter, ob ich mitgehen dürfe, sie hatte nichts dagegen, weil sie ihrem Bruder vertraute und der Meinung war, er bringe mich schon heil wieder zurück.

Mein Onkel, ein sehr großer Mann, ging mir großen Schritten in einem Tempo voran, das ich kaum mithalten konnte. Ich musste immer rennen, um ihm zu folgen. Eigentlich lief ich mehr dem Hund hinterher, den ich sehr liebte.
Mein Onkel ließ mich deutlich spüren, dass er mich nicht dabei haben wollte, sprach kein Wort, schritt mit finsterer Miene vor sich hin und beachtete mich nicht mit einem Blick.

Gegen Ende des Rundganges, als ich kaum noch Kraft zum Laufen hatte, kamen wir an eine große Weide mit sehr vielen Kühen und einem Stier darauf, die begrenzt war von einem breiten, tiefen Bach.
Wir betraten die Weide und der Hund blieb ganz dicht bei meinem Onkel, weil der Stier, zwar noch ein ganzes Stück entfernt, schon wütend schnaubte.

Mein Onkel schaute sich kurz um, ob noch genug Wasser in der Tränke vorhanden war, und schritt mit großen Schritt auf den Bach zu, den man nur über ein schmales Rohr überqueren konnte.
Er nahm den Hund auf den Arm und überschritt den Bach, wortlos.
Ich rief nur „ ich habe Angst, ich kann nicht schwimmen“, er sagte „dann bleibst du eben da stehen, die ganze Nacht“.

Langsam wurde es dunkel und die Kühe kamen immer näher, ich hatte nur ein dünnes Sommerkleidchen an und schlotterte vor Kälte und vor Angst.
Wovor sollte ich mehr Angst haben, vor den Kühen mit dem Stier oder dem Rohr über den Bach.

Die Rufe nach meiner Mutter blieben ungehört, sie war zu weit weg und ich konnte nicht laut rufen,um den Stier nicht zu reizen.

Nach einer mir endlos erschienenen Zeit, die ich verzweifelt zwischen dem Wasser und dem Stier verbrachte, hörte ich die Stimme meiner Mutter. Sie hatte meinen Onkel bei seiner Heimkehr ohne mich gefragt wo ich denn sei und er antwortete „sie ist stur, sie will nicht über den Bach“.
Meine Mutter brach umgehend auf um mich zu suchen und als ich ihre Rufe hörte, schrie ich mit aller Kraft „Mama, komm schnell“. Sie kam, über das Rohr, nahm mich auf den Arm und brachte mich in Sicherheit.

In der Wohnung meines Onkels angekommen, nahm sie unsere Sachen, und wir gingen zum Kollegen meines Onkels und baten ihn, uns zum Bahnhof in der Nähe zu fahren.

Von da an hatte ich Angst vor meinem Onkel, bis zum Zeitpunkt seines Todes.

9 Kommentare

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Komischer Kerl.Den hätte ich nie wieder besucht........
  • 06.09.2016, 22:23 Uhr
  • 1
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Was für ein Sch...........!
Ich hoffe, er mußte für seine Gemeinheit büßen
( viele büßen es wenn's Richtung sterben geht !)
Fühl dich gedrückt
  • 05.09.2016, 21:52 Uhr
  • 2
Danke Martha. Ja er musste büssen, für vieles in seinem Leben.
  • 05.09.2016, 22:02 Uhr
  • 1
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Oh, das ist ja eine herzzerreissende
Geschichte. Deine Angst kann ich
nur zu gut verstehen, Dorothea.
  • 05.09.2016, 21:38 Uhr
  • 1
Danke Bele für den Kommentar. Ja die Angst war schlimm und nicht nur das hat mein Onkel geschafft, sondern auch ein chronisches Misstrauen bei Männern.
  • 05.09.2016, 21:43 Uhr
  • 1
Du Ärmste, dieser Onkel war ja die
Grausamkeit in Person. Das einem
Kind anzutun war entsetzlich. Aber
in der Zwischenzeit hast Du doch
sicher gemerkt, das Dein Onkel die
rühmliche Ausnahme war - die
meisten Männer sind sehr mitfühlend
  • 05.09.2016, 21:49 Uhr
  • 1
Ich habe selbst drei in die Welt gesetzt, allerdings sitzt das Misstrauen schon sehr tief, besonders bei neuen Bekanntschaften
Schlaf gut.
  • 05.09.2016, 22:04 Uhr
  • 1
Drei? Ich habe es nur zu einem gebracht.
Das ist aber ein gutes Zeichen, denn
hast Du das Schlimmste erfreulicherweise
einigermaßen weggesteckt. Mach weiter
so - ich wünsch Dir Glück. Und Vorsicht
bei neuen Bekanntschaften ist niemals
verkehrt!!
  • 06.09.2016, 06:57 Uhr
  • 1
Danke Bele
  • 06.09.2016, 06:58 Uhr
  • 1
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