wize.life
Neu hier? Jetzt kostenlos registrieren und mitmachen! Warum eigentlich?

Am Ende der Buhne

29.09.2016, 04:43 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

Die Menschen am Fluss lieben ihre eigenen Geschichten, entweder man glaubt daran oder nicht, erzählte mir eine alte Frau.
Hast du deine Sehnsucht verloren, so begib dich in einer Vollmondnacht hinunter zum Fluss, wenn du fest daran glaubst, wird dir das Verlorene begegnen, so die alte Frau.

Ich glaube fest an all die Geschichten, die erzählt wurden. So schlenderte ich in einer Vollmondnacht hinunter zum Fluss und hoffte auf das Ersehnte.

Der Mond am südlichen Sternenhimmel, er leuchtete so hell, dass ich die geschlossenen Blüten der Buschwindröschen am Wegesrand erkennen konnte.
An der Biegung beim alten Zuckerspeicher legte ich eine Pause ein, meine Füße schmerzten vom groben Kies, der sich bei jedem Schritt in meine Schuhsohlen bohrte.

Endlich konnte ich mich setzen, die Parkbank bei den Trauerweiden, dort saß ich als Kind, wenn ich mit mir allein sein wollte.
Bevor ich auf die Uhr schaute, hatte ich meine Schuhe geleert von vielen kleinen Kieselsteinen.
Dreiuhrzwanzig, vor zwei Stunden hatte der Gezeitenwechsel begonnen.
Die Boje in der Mitte des großen glitzernden Flusses verneigte sich in Richtung Westen.
Nicht mehr lange, dann würde er sein Minikleid präsentieren.

Entspannt streckte ich meine Beine nach vorne, legte meine Arme in den Nacken und schaute in den Himmel einer klaren Vollmondnacht.

Jetzt kannst du dir was wünschen, hätte meine Mutter in jenem Moment gesagt, die Nächte der Sehnsucht sind selten, und doch begegnen sie uns auf wundersame Weise.

Bevor der Morgen graute, fühlte ich die Kälte der Nacht, Kälte die meinen Körper durchzog.
Ich wollte nicht gehen, klopfte auf meine Arme, rieb meine Hände ineinander.

Ganz nah bei mir hörte ich Schritte, ich erschrak, als jemand meinen Namen rief.
Die Stimme, ich würde diese Stimme unter tausend anderen wiedererkennen.
Als ich mich umdrehte, erkannte ich den Menschen, der mich vor mehr als fünfzig Jahren Empathie lehrte.

„Mackel, du alter Reusensteller, was treibt dich inmitten einer Vollmondnacht hierher an den Fluss?“
„Dasselbe wie dich mein Freund! Sehnsucht, unbändige Sehnsucht.“
Mackel setzte sich neben mich und begann zu erzählen, seine Stimme klang tief und irgendwie jugendlich.

„Wie alt bist du jetzt Mackel?“
„Sechsundachtzig!“
„Aber Reusen hast du keine mehr im Fluss?“ Fragte ich naiv.
Mackel antwortet nicht auf meine Frage, seine Gedanken reisten durch Jahrzehnte der Vergangenheit.

„Damals bist du mir sofort aufgefallen, ein kleiner blonder Bub, der am Strand auf seinen Vater wartete. Deine Mutter stapfte aufgeregt durch den weißen nassen Sand, nicht so laut Kinder, der Papa, er wird bald hier sein.“
„Mit ihren kleinen Händen, klammerten sich deine Geschwister an ein Bettlaken, hielten es in die Höhe – „Willkommen Papa“ damals bei meinen Reusen zwischen den Buhnen, erfreute ich mich an einer glücklichen Familie.“
„Ich bin jetzt glücklich, in diesem Moment bin ich sehr glücklich.“ Erwiderte ich mit leiser Stimme.

Mackel stopfte seine Pfeife, entzündete den Tabak mit einem langen Streichholz.
Sanft stupste er gegen meinen rechten Arm.
„Lass uns runter zum Strand, Steine flitzen lassen, so wie damals Piet.“
„Aber der Hang ist steil, ich bin nicht mehr so gut zu Fuß!“ Antwortete ich ängstlich.
„Vertraue mir mein Junge, das Gras am Hang ist feucht und weich vom Morgentau, dir passiert nichts.“
Im Bett des fliehenden Flusses, fand Mackel zwei flache Steine.
„Zuerst du!“ Bat Mackel, mit einem grinsen im Gesicht.
Eins zwei drei, mein Stein, er verschwand in den Fluten.
Mackel ließ seinen flachen Stein durch die Wellen tanzen, eins zwei drei vier fünf, bis er hüpfend in den Wellen verschwand, so wie ein Ertrinkender, der nach Luft ringt.

Irgendwann erreichten wir das Ende der Buhne, der Fluss, er hat sie freigegeben. Volle Ebbe, zwischen den Gezeiten schläft der große Strom für eine Stunde.
„Hier am Ende der Buhne stellte ich meine Reusen auf, weißt du noch Piet?“
„Ich kann mich gut erinnern Mackel, die dicksten Aale und Zander, hatten den Weg in deine Reusen gefunden.“
Diese Vollmondnacht, sie war wunderbar merkwürdig. Ich saß mit einem alten Mann, einem Greis am Ende der Buhne eines Flusses, der mir von jeher vertraut war.
Aber Das, was ich in meiner Wahrnehmung sah, war kein alter Mann, kein Greis.
Im fahlen Licht des Mondes, erkannte ich den Scherenschnitt eines Kindes, dessen Lippen mit jedem gesprochenem Wort bebten.

Als ich am späten Morgen am Strand erwachte, spürte ich die wärmende Sonne auf meiner Haut.
Das Ende der Buhne, umspült von den Wassermassen der Gezeiten.
Seinen Namen rief ich nicht, die Prinz-Heinrich-Mütze, Mackels Mütze, lag neben mir im Sand.


©Peter Böttcher

2 Kommentare

Melden Sie sich jetzt mit Ihrem Nutzerkonto an, um Kommentare zu hinterlassen.
Lieber Peter, wie Du wurde ich wieder viel zu früh wach. Was könnte man da besseres tun, als Deine so anschaulich geschriebene Erinnerungsgeschichte zu lesen und sich beschenkt zu fühlen. Jetzt schlafe ich gleich weiter, glücklich, angefüllt von den Bildern und Empfindungen Deiner seelenvoll geschriebenen Geschichte. Ich liebe die Art wie Du schreibst. Danke Peter.
Ob Du jetzt noch ein Weilchen schlafen kannst?
  • 01.10.2016, 05:53 Uhr
  • 1
Liebe Gisela,
hab' Dank, für deine lieben Worte, sie motivieren zum weiterschreiben.
Liebe Grüße
Peter
  • 02.10.2016, 00:27 Uhr
  • 0
Melden Sie sich jetzt mit Ihrem Nutzerkonto an, um Kommentare zu hinterlassen.