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Stadtleben - auf Berlins Straßen unterwegs

Stadtleben - auf Berlins Straßen unterwegs

02.10.2016, 13:44 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

Es riecht nach Herbst, murmelt Klara. Bald wird es kalt. Sie presst ihre Nase ans Schaufenster des Einkaufcenter. Beim Zurücktreten erkennt sie darin das Gesicht von Markus. Irgendwo im Hintergrund hat sie ihn entdeckt. Sie lächelt. Er sucht mich. Ihr Herz klopft. Ihre Hand greift in die Hosentasche, fühlt das Papier. Rilke, ein Geschenk von ihm. Ihre Finger umschließen liebevoll das zusammengefaltet Papier.

Langsam dreht sie sich um. Die Menschen, die aus dem Center kommen schauen mitleidig zu ihr. Sie wirft den Kopf hoch. Regentropfen streifen ihr Gesicht. Schirme werden aus Taschen gezogen. Andere ziehen den Kopf ein, laufen schneller. Klara wendet sich den Weggehenden zu. "Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr". Blitzartig dreht sie sich zu denen die ins Einkaufcenter eilen. Sie hebt ihre Stimme, wird eindringlicher: "Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben." Plötzlich ruft sie es heraus, schaut die erschrockenen Kunden herausfordernd an: "Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr! Wer jetzt allein ist wird es lange bleiben! Wird zu Hause sitzen lange Briefe schreiben..." Sie stutzt, geht auf eine Frau zu. Diese, gut gekleidet, kommt gerade mit vollen Tüten aus dem Center. Klara postiert sich vor sie hin und beginnt nochmals eindringlich: " Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben“. Sie verbeugt sich, schaut die Frau an. Die Leute um sie herum bleiben stehen. Die Frau wird nervös. Sie blickt sich Hilfe suchend um.

Will mir denn keiner helfen?"
,
fleht sie in die gaffende Menge. Klara geht einen Schritt zurück. "Keine Sorge gnädige Frau - ich tue ihnen nichts." Sie schaut die Herumstehenden an. "Die helfen ihnen nicht. Die sind froh dass sie dort stehen und nicht an ihrer Stelle. Die wollen was erleben. Klara geht lachend auf die Frau zu, zeigt auf die vollen Taschen. "Alles für sie?" Die Frau hält ihre Taschen krampfhaft fest.
"Lassen sie mich mal rein schauen?" Ein paar Straßenkinder haben sich dazu gesellt, bilden einen Kreis um beide Frauen. Klara dreht sich zu ihnen: "Ihr benehmt euch! Verstanden? -
Was ist gnädige Frau? Kennen sie Rilke - ja doch sicher... sie könnten ihn kennen. - Wird zu Hause sitzen lange Briefe schreiben - Haben sie das Briefpapier auch nicht vergessen? Sie sehen aus als wären sie einsam. Wer einsam ist kauft viel, wenn er hat. " Klara zeigt auf eine Plastetüte. Dann schiebt sie zwei Finger dazwischen. "Oje, kein Briefpapier. Aber vielleicht haben sie ja einen Laptop. Dann können sie elektronische Post verschicken. Haben sie einen?"
Die Frau ist verwirrt. Klara bemerkt es. "Nein, sie nicht. Aber ihr Mann. Vermutlich betrügt er sie damit, wie mein Alter meine Mutter betrogen hat." Klara zuckt mit den Schultern. Sie dreht sich zu den Leuten, die dichtgedrängt auf die Frauen starren. „Jetzt könnt ihr sie retten!“

Markus steht unter ihnen.

Sein Gesicht ist angespannt. Er hasst ihre Straßenspiele . Sie begegneten sich vor einem Jahr. Er ist Streetworker. Eine spannungsgeladene Liebe verbindet sie. Ihre Lust auf Leben fasziniert und ängstigt ihn.
Ein Polizist geht auf Klara zu. Sie lacht: "Ist schon OK. Ich verschwinde!" Sie hebt den Kopf und summt: "Herr, die Taschen sind so voll..."

„Darf ich sie küssen?“, fragt sie leise, als sie Markus erreicht. Doch ohne eine Antwort abzuwarten hängt sie schon an seinem Hals. "Wie war ich? Ich will zum Theater. Hat es...?" Markus befreit sich ruckartig: "Dann musst du was dafür tun, antwortete er entschieden. "Geh mit!" - "Wohin?" - "Wir haben ein Haus für obdachlose Frauen" Klara lässt die Hände sinken, starrt ihn an. "
Hast wieder einen Soziallehrgang gemacht? Sie ist enttäuscht von ihm, dass er ihre Träume nicht wahrnimmt. Hau bloß ab aus meinen Leben! Hau ab! Die Strasse gehört dir nicht. Hier bestimme ich über mich!" Markus schweigt. Dann schaut er Klara an, tippte sich an den Kopf: "Du hast recht - ich gehe! Diesmal für immer!" - Klara ist für einen Moment erschrocken. Dann zieht sie das Gedicht von Rilke, aus der Hosentasche zerreißt es. Markus wird blass. "Das Papier wirst du hier nicht auf die Strasse werfen!", zischt er ihr zu. Verunsichert schiebt Klara es in die Hosentasche. Dann dreht sie sich um und läuft durch die überfüllte Fußgängerzone. Sie will zu Paul, dem Freund unter der Brücke.

Paul war zufällig vorbeigekommen,

hatte die Szene gesehen, sich aber schnell verzogen. Besorgt dachte er über Klara nach. Sie war einfach zu jung für das Leben auf der Strasse. Dass er unter der Brücke schläft gehört zu ihm. Es ist so passiert, weil er die Enge von Wohnungen nicht mehr ertragen kann, der Schnaps, der Krieg, das abgebrannte Haus waren Schuld. Aber dieses junge Mädchen? Sie scheint begabt. Was sie dort abzog gefiel ihm, eben Straßentheater. Fröstelnd zieht er seine Jacke zusammen. Muss noch einen Kaffee schnorren, denkt er und läuft zur U-Bahn. Plötzlich sausen Stiefel an seinem Kopf vorbei, direkt vor seinen Füssen. Paul weicht aus, grinst. "Was ist das denn? " Ein Aschenbecher trifft ihn ans Bein. "Hey, hey, ich rauche nicht, was soll das!" Paul, die Stiefel in der Hand, schaut nach oben.
Passanten bleiben stehen. Mieter reißen die Fenster auf und starren zum geöffneten Fenster in der 2. Etage eines Altberliner Hauses. Eine zierliche, weißhaarige Frau zerrt gerade einen Korb mit Männerkleidung aufs Fensterbrett. Ihre Haare sind zerzaust, der Blick verwirrt. Auf der Straße sammeln sich Schuhe, Socken, ein kleiner Hocker, der Aschenbecher. „Vorsicht“, ruft einer, „die, die ist verrückt."
"Jemand muß die Polizei rufen.“ Nein, einen Krankenwagen. Die gehört ins Irrenhaus!“.

Mit den Stiefeln in der Hand rennt Paul ins Haus.

Die Frau am Fenster zerrt mühsam den Korb auf den Fenstersimms. Jetzt noch einen Schubs.
Pauls Hände greifen zu. Mit der einen Hand hält er den Korb mit der anderen versucht er, die wild um sich schlagende Frau zu beruhigen. Mit starrem Blick schaut sie ihn an. Dann sackt sie in sich zusammen.
Krankenfahrer legen die alte Frau auf die Trage, bringen sie zum Auto. "Gehören sie zu ihr“, wollen sie von Paul wissen. Paul schüttelt den Kopf: "Ich bin gerade hier vorbeigekommen. Die hat mir die Stiefel beinahe auf den Kopf geschmissen, " will er klagen. Doch die Männer in Weiß lachen. "Hast gleich anprobiert was?" Paul schaut verschämt auf die Stiefelspitzen. Stimmt, er war in den Flur gehuscht, hat sie schnell angezogen. Seine Alten warf er zu dem Kram der auf der Straße lag. Die aufgesammelten Socken, in der Hosentasche beulten ein wenig. Dann aber hatte ihn das Mitleid gepackt. Jemand mußte doch die arme Frau beruhigen.

- "Ich nehme den Schlüssel."
Ein verbissener, hagerer Mann war hinzu getreten. "Ich bin der Hausmeister. Geben sie mir den Schlüssel. Gestern ist ihr Mann gestorben." Paul schiebt seine Füße soweit es geht unter den Sessel. Aber der Hausmeister interessiert sich nicht für ihn. Er tut nur seine Pflicht. "Wo bringen sie sie hin?", will er wissen. Die Krankenfahrer waren sich nicht einig. In solchen Fällen zum Sozialpsychiatrischen Dienst. Ein Arzt muß sie ansehen. Pflegeheim oder Klapsmühle - wer weiß das schon, wenn keine Angehörigen eingreifen können.
Was ist das für eine Welt? Paul möchte am liebsten die Socken aus seiner Tasche ziehen, um wenigstens für sich das Bild der Moral wieder herzustellen. Er zögert. Dann schiebt er sie tiefer und verschwindet.

Es ist dunkel geworden als er sein Häuschen, wie er sein Zelt, nennt, im Schatten der Spreebrücke erkennt. Er reibt sich die kalten Hände, macht Feuer.
Das Zelt hatten Strassenarbeiter nicht mehr abgebaut. Es war Wochenende und sie wollten nach Hause. "Das hat Zeit bis Montag!", hörte er, sie rufen. Ja, geht nur, dachte Paul. Dann wartete er bis sie verschwunden waren. Kurz entschlossen nahm er ihnen die Arbeit ab. Die werden sich gefreut haben! Manchmal hat man eben auch Glück, schmunzelte er zufrieden, als er sich wieder daran erinnerte.

Es raschelt im Gehölz

Paul lauscht. Stille, da wieder. Er wirft den Stock ins Feuer und geht entschieden ins Dunkle. Etwas entfernt erkennt er Klara. "Komm her, setz dich zu mir. Klasse was du da wieder abgezogen hast". Klara weint. "Markus?", fragt Paul, während er ihr einen heissen Topf Kaffee reicht. Unter Tränen erzählt sie, dass er sie von der Strasse holen will. Nein nicht zu sich, sondern um ein anständiges Leben zu führen. Aber er soll ihre Sehnsucht verstehen. Was ist denn ein anständiges Leben ? Paul stochert im Feuer. Das Gesicht einer Frau blitzte in ihm auf. Ja, du wolltest es auch immer. Er lächelt. Klara reibt sich die kalten Füsse. "Hier nimm", Paul wirft ihr ein Paar Socken zu. "Geklaut?" Das junge Mädchen schaute mißtrauisch. Der Mann schaut verlegen auf das Mädchen.

"Richtig wahnsinnig sah sie aus!"
Wie ein Blitz durchzuckte es ihn. Paul sprang auf, lief hin und her. "Wer?" Klara probiert die warmen Socken. Zuerst hebt sie ein Bein, streckt es vor. „Wer sah wahnsinnig aus?“ wiederholt Klara.
Paul nimmt einen Schluck aus der Flasche. Dann erzählt er was er am Nachmittag erlebt hatte. Danach war nur noch das Knistern des Holzes zu hören, wie es sich aufbäumte, dann ergab. Klara schaut auf die Socken. - Ihre Hand sucht die Gedichtsfetzen in der Hosentasche.

"Kenn ich", sagt sie leise, " kenne ich alles." - "Was", will Paul wissen. - "Na das". Klara setzt sich auf den Fussboden, streckt beide Beine hoch und zieht sie an sich heran. Dann streift sie mit der Hand zärtlich darüber. "Schöne Socken, - willst du nicht doch - mir sind sie ein bißchen groß - aber schön warm ..." - "Nein, nein laß man". Paul ist froh, daß er einen Mitwisser hat. Irgendwie muß er immer an die alte Frau denken. "Die Schuhe sind schon gut", antwortete er darum schnell. -

"Was kennst du?"
Er stochert im Feuer, schaut ungeduldig zu Klara. - "Na eben das. Das mit dem aus dem Fenster werfen. Wenn wieder mal Schluß war hab ich das auch so gemacht. Weg mit den Erinnerungen, zerreißen, loswerden. Ist doch Scheiße, wenn jemand abhaut.
Als mein Vater auszog war ich 14. Hilflos stand meine Mutter daneben. Als er das Haus verliess regnete es Zahnbecher, Hausschuhe, Klamotten und zwei seiner Lieblingsbücher. Meine Mutter fing an zu saufen. Nach drei Jahren informierten die Nachbarn das Jugendamt. Da bin ich einfach abgehauen." Im Sommer bin ich Achtzehn. Da wird alles anders, denke ich so, fügt sie leise hinzu.
Sie streicht noch einmal liebevoll über die Socken.

Sterben ist auch wie abhauen, stimmst? Sterben ist wie abhauen. Du hast keine Hoffnung mehr. Hoffnung, dass du den anderen irgendwo wieder triffst. Verstehst du, der ist einfach weg – für immer.
Was wird mit der alten Frau passieren? Ist die jetzt ganz allein?" Plötzlich springt Klara auf. "Paul, ich muß los. Heute ist Nachtcafe. Vielleicht treffe ich Markus. Ich muss ihn suchen." Sie hüpft zapplig von einem Bein aufs andere, während sie sich die Schnürsenkel mühsam über die Socken bindet.
"Weißt du", sagt sie erleichtert, und reicht Paul zum erstenmal die Hand: "Markus ist doch noch am Leben. Wir haben uns doch nur gestritten."

Noch einmal holt sie die Fetzen des Gedichtes aus der Hosentasche. "Hat er mir mal geschenkt. Rilke, ich habs auswendig gelernt, nur was mir gefällt, erstmal.
Sie lacht unsicher. Ihr fällt der Auftritt am Kaufcenter wieder ein. Plötzlich bricht es wie ein Feuerwerk aus ihr heraus:
"Paul, Markus lebt! Wir können uns vertragen! Verstehst du, er lebt. Nichts ist vorbei solange wir leben. Sie wirbelt Paul, der völlig erschrocken auf sie schaut im Kreis herum, will mit ihm tanzen, lässt ihn wieder frei, wird ganz still. Dann sagt sie leise: "Die alte Frau tut mir so leid". Danach reisst sie sich endgültig los und eilt ins Dunkle. In der Ferne flackern die Lichter der lockenden City.
Eine Zeit lang trägt der Wind noch ihr Lachen zur Brücke.
Sie tanzt, denkt Paul, sie tanzt dem Leben entgegen. Er lächelt, das Gesicht einer, seiner Frau lächelt aus dem Feuer zurück.

© Margarete Noack

Konstruktive Kritik ist erwünscht!

7 Kommentare

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Die kurzen Sätze passen zu den Bildausschnitten mit denen Du das Leben auf der Straße schilderst. Leben, das nicht falsch oder richtig ist, nur anders ... für die meisten ungewohnt. Zerrissen zwischen der Flucht und der Sehnsucht anzukommen. Schön.
  • 06.10.2016, 11:38 Uhr
  • 1
Danke Ulrich, das hast du schön beschrieben.
Manchmal ist der Blick von außen eine gute Hilfe.
Flucht und die Sehnsucht anzukommen, so viele sind so unterwegs, du hast es wunderbar zusammengefasst...
  • 06.10.2016, 13:17 Uhr
  • 1
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liebe margarethe
eine geschichte wie sie in jeder grossstadt vorkommen kann - manchmal schlimmer - manches mal aufdringlicher - die ecken der grossstaedte sind dunkel und einsam - im gewirr der citty - am tage - verschwinden die menschen im getuemmel - werden nicht wahrgenommen -
du hast es schoen beschrieben -
hast tiefer geschaut - erlebt - gefuehlt
menschen wollen gesehen werden als dass was sie sind und nicht als dass was wir sehen wollen und erwarten
  • 02.10.2016, 20:32 Uhr
  • 2
Danke Lena,
ich bin froh, dass es mir ein wenig gelungen ist.
Du kennst dich im Leben aus.
Alles Liebe für dich und einen schönen Abend
  • 02.10.2016, 20:38 Uhr
  • 0
ich kenne mich mit den menschen auf der strasse aus - den jungen und den alten - es war mein beruf
die hilfe auf der strasse besteht darin - sie zu verstehen und ihnen die freiheit der entscheidung zu lassen
  • 02.10.2016, 21:11 Uhr
  • 1
Es ist gut dass es Menschen wie dich gibt
Der Markus in meiner Geschichte muss wohl noch viel lernen
  • 02.10.2016, 21:36 Uhr
  • 0
am anfang war ich genau so - dachte es gibt nur den einen weg - aber mit der zeit lernt man und weiss das jeder die verantwortung fuer sein eigenes leben traegt
  • 03.10.2016, 08:12 Uhr
  • 0
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