wize.life
Neu hier? Jetzt kostenlos registrieren und mitmachen! Warum eigentlich?

Was ist ein GEDICHT und wie entsteht es

04.10.2016, 18:26 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

Oft ist es nützlich, sich selber auf die Spur zu kommen. Ich hatte heute, am 26. Tag der deutschen Einheit keinen Grund, ein Gedicht zu schreiben, zumal sehr viel im Umkreis eines Dichters geschehen muss, um einen 'Flow' zu erzeugen, der vielleicht zur Entstehung eines Gedichts beitragen könnte.

Nein, ich habe den Tag der Einheit am Fernseher mitgefeiert und fand die Feier in der Semperoper nicht nur sehr angemessen, sondern auch in jeder Hinsicht 'würdevoll'. Ich sträube mich noch nicht einmal, dieses Wort, das so hohe Ansprüche stellt, zu gebrauchen.
Alles, was Deutschland für mich zu einer geistigen Heimat macht, wurde aufgeboten: Beethoven, Bach, Lessings wunderbare Ringparabel, von einem ebenso wunderbaren Schauspieler eindringlich in das dunkle Auditorium gesprochen, und die vielen modernen Ballett-Darbietungen, von denen mir am besten der letzte Tanz, „Freiheit IST ...“ gefiel.
Deutsche Kunst, Literatur, Philosophie – alles wurde einem (leider) geladenen Publikum geboten.

Ich fand die Rede des Bundestagspräsidenten ausgewogen. Ein exzellenter Pädagoge, der seine Hörer zu mehr Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen erziehen wollte.

Als am Ende alle stehend das alte Lied von „Einigkeit und Recht und Freiheit“ stehend sangen, war ich ziemlich gerührt.

xxx

Aber ganz plötzlich stieg ein unbestimmtes Gefühl der TRAUER in meiner Seele auf. Ich vermisste etwas …, obwohl Herr Lammert eine Flüchtlingsmutter mit ihrem Baby im Arm erwähnte, die 1945 aus dem entfernten Osten in den Westen kam. Er nutzte dieses Beispiel, um unser Mitgefühl mit den nicht-deutschen Flüchtlingen zu steigern. So etwas ist natürlich erlaubt, aber es war mir zu wenig.

Ich fühlte mich irgendwie betrogen. Der Name Steinbach fiel mir ein, und ich erinnerte mich daran, wie sehr sich diese Frau für Ostflüchtlinge und Vertriebene eingesetzt hatte und wie böse man ihr mitgespielt hatte.
Damals hatte ich meinen „Flüchtlingspass' längst entsorgt; mit den Vertriebenen-Vereinen, um die sich lediglich die CSU kümmerte, wollte ich auch gar nichts zu tun haben, das Thema hatte ich gründlich verdrängt.
Erst seit dem September 2015 kommen diese Erinnerungen zurück, und das ist der G r u n d, warum dieses Gedicht „Tag des O p f e r s“ entstand.


1 Wir feiern den Tag der EIN-HEIT a
2 Mit Glanz und ein wenig Glamour, b
3 Ein bisschen Stolz ist dabei. c
4 Ein Sieg, ohne Krieg errungen, d
5 Vom Volke friedlich erzwungen, d
6 Es war auf der Straße dabei. c
- - -
7 Vorbei ist die Last der ZWEI-HEIT a
8 Die Grenzen und auch die Mauer, e
9 Die Ängste und Armut und Leid. a
10Sind die Menschen sich näher gekommen f
11 Die Atheisten und Frommen f
12 In dieser so friedlichen Zeit? a
- - -
13 Ich stelle ganz andere Fragen, g
14 Ich möchte das durchaus noch wagen: g
15 Vergessen ist deutsche DREI-HEIT! a
16 Ich wurde in Polen geboren h
17 Und habe die Heimat verloren, h
18 Wir haben ein O p f e r gebracht. I
- - -
19 Doch längst ist das alles vergessen k
20 Und Deutschland im Osten von Flüssen k
21 Im Westen begrenzt vom Rhein. l
22 Ein O p f e r wurde erzwungen … d
23 Der Friede wurde besungen … d
24 Ein Gedenktag durfte nicht sein! lbr



xxx

Ein Kunstwerk hat, wie alles Lebendige, eine Innen- und eine Außenwelt. Konkreter gesagt, es hat einen Inhalt und eine Form. Beides sollte aufeinander abgestimmt sein, sonst ist die Wirkung in Frage gestellt.

a) Inhalt

An einem fröhlichen Tag, der das Zusammenwachsen zweier deutscher Landesteile feiert, treten Erinnerungen auf, und die Frage stellt sich, warum es keinen Gedenktag für jene Deutsche gibt, die auf ihre Heimat total verzichten mussten.
So entsteht der Titel: Tag des O p f e r s

Die feierliche Stimmung, die einen am Tag der Einheit erfüllt – 1. Strophe -, wird in der 2. Strophe durch eine Frage bereits vermindert.
In der 3. Strophe wird sie durch ein Gefühl bitterer Traurigkeit ersetzt, und die 4. Strophe ist nur noch von Trauer erfüllt.

EIN-HEIT - ZWEI-HEIT - DREI-HEIT haben die Funktion eines Leitmotivs. Man könnte es auch Leidmotiv nennen.

b) Form

Das Gedicht besteht aus 4 6-zeiligen Strophen., d.h. 24 Versen. Um diese Verse zu einer Einheit zu machen, gebraucht der Dichter Klangmittel wie z.B. Reime oder Alliteration.
Hier finden wir Endreime und Binnenreime, Paarreime und umarmende Reime.
Auch Alliterationen treten auf, wobei durchaus künstlerische Freiheit genutzt wird.

b1) Reim

Das Reimscheme ist durch Buchstaben angedeutet: a bis l.
Vorhanden sind Paarreime: Z.4/5, 10/11, 16/17 und 22/23, die mitunter sogar 3-silbig sind.

Daneben gibt es umarmende Reime: Z. 3/6 dabei/dabei
9/12 Leid/Zeit
21/24 Rhein/sein

Einen Binnenreim findet man in Z. 4: einen Sieg, ohne Krieg.
Binnenreime sind sehr selten und entstehen besonders dann, wenn etwas Bedeutendes hervorgehoben werden soll. Das ist hier in der Tat der Fall!

b2) Alliteration

Darunter versteht man die Wiederholung desselben Konsonanten innerhalb einer Verszeile.
Aber auch Vokale alliterieren untereinander.

Z. 2: Glanz … Glamour
Z. 5: Vom Volke friedlich [f]
Z. 9: Ängste und Armut und

b3) Rhythmus

Jedes Gedicht hat natürlich seinen ganz eigenen Rhythmus, der sich im Allgemeinen spontan einstellt.
Hier sind es Daktylen, also ein Dreier-Takt, der aus einer betonten und 2 unbetonten Silben besteht: - x x

Der Daktylus gilt gemeinhin als besonders tänzerisch, und da das Gedicht an einem Feiertag entstand, noch dazu nach vielen tänzerischen Darbietungen, muss das nicht überraschen.
Im Tanz versucht man, Geistiges ohne Worte auszudrücken. Thematisch reichen sie vom Tanz unter dem Maibaum, unter der Linde, über Hochzeitstänze bis hin zu Trauer und Totentänzen.

x – x x – x x – x ist der Rhythmus . Wenn mitunter eine Senkung x wegfällt – wie z.B. in der ersten Zeile – so ist das nicht nur zulässig, sondern verhindert auch das Aufkommen von Monotonie.

xxx

Die Stimmung, die mich am Tag der Einheit überfiel, ließ ein Gedicht entstehen, ein Prozess, der immer auch als eine ganz persönliche Katharsis zu verstehen ist.
Bald wird sich niemand mehr an das Land jenseits der Oder-Neisse-Linie erinnern.
Vielleicht werden noch ein paar Enkel dorthin reisen, weil ihnen die Großmutter von Birken und vielen kleinen Seen erzählt hat.
Ich machte eine solche Reise auch erst vor drei Jahren und staunte, wie schmerzlich und gleichzeitig notwendig diese Begegnung mit der Vergangenheit war.
Es ergab sich, dass zwei kleine polnische Mädchen mit einem auf den Feldern gepflückten Blumenstrauß auf mich zukamen, und ich erinnerte mich an das einzige polnische Wort das ich kannte: [dʒeɳkujə]


© Edith ST

Kommentare

Melden Sie sich jetzt mit Ihrem Nutzerkonto an, um Kommentare zu hinterlassen.