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Unterwegs in den Tod

Unterwegs in den Tod

05.10.2016, 10:55 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

Regentropfen prasselten an die Fensterscheibe. Sie verwischten den Blick in den Nebel. Unter mir brausten die Autos Richtung Budapest, aber ich hörte nicht die Motoren. Das selbstmordunfreundliche Glas schottete mich ab von der Außenwelt, wahrscheinlich Panzerglas. Natürlich war ich froh, weil niemand mein Auto gestohlen hatte. Nicht einmal die Radkappen waren weg. Dafür verfluchte mich Marlene als langweiligen Museumsgänger und warf mir sonst noch einiges vor. Schließlich landete sie im Bett eines Krawattenträgers und ich sah sie nie wieder. Zum Abschied schickte ich eine SMS: Heute um 17.00 Uhr im Café Gerbeaud. Einmal wollte ich sie noch sehen, aber in der Váci utca musste mir jemand das Portemonnaie entwendet haben. Ich merkte das erst in dem Buchladen am Vörösmarty Tér. Marlene hatte nicht auf die SMS reagiert, und da Geld und Kreditkarte weg waren, zog ich es vor nicht ins Gerbaud zu gehen und kehrte lieber zu meinem Auto zurück, welches glücklicherweise noch in der Ringstraße parkte, die sich am Rande des Zentrums von Pest entlangzog. Ich stieg ein, fuhr über die Kettenbrücke und pfiff auf mein Hotelzimmer, wo der Laptop noch auf dem Tisch lag und im Mülleimer die blutigen Tampons. Nein, ich wollte nicht zurück an diese Stätte, wo ich mit Marlene einige Urlaubstage verbrachte. Mit gut Glück reichte das Benzin bis Österreich. Ich wollte mit meiner Vergangenheit abschließen und schiss auf die Zukunft. Ohne Marlene wird es keine geben. Natürlich hätte ich in die Donau springen können. Mitten auf der Kettenbrücke anhalten und über die Mauer. Aber ich brauchte kein Publikum und zog es vor, irgendwo weit weg von der Großstadt auf einer Straße zu sterben.

Vor zwei Tagen standen wir noch auf der Elisabeth-Brücke, die sich brautschimmerweiß über die Donau legte. Wenn ich damals geahnt hätte, dass sie mich verlassen wollte, hätte ich ihre Adern aufgeschlitzt und sie über die Brüstung gestoßen. Marlenes Blutfratze bäumte sich in mir auf. Ich drückte das Gaspedal durch und raste auf die Autobahn. Budapest verschwand im Rückspiegel. Ich wollte den Schmerz für immer vergessen. Mir graute davor zu Hause den Kleiderschrank auszumisten. Wenn ich nur daran dachte, ihre Blusen und Büstenhalter in die Hand zu nehmen, war ich von Wut und Hass zerfressen. Eine kleine Drehung des Lenkrades und ich flöge über die Leitplanke oder ich stürzte mich von der Burg in Bratislava oder verabschiedete mich in Prag vom Heiligen Nepomuk und ertrank in der Moldau, sogar die Prager Fensterstürze bissen sich in meinem Schädel fest. Von solchen Fantasien gequält überschritt ich die Geschwindigkeitsbegenzung. Mein Leben war nur noch ein Häufchen schwermütiger Dunst, der sich irgendwo bedeutungslos im Nebel verlor. Vielleicht langte das Benzin noch bis Bratislava, aber ich hatte nicht allen Ernstes vor dorthin zu fahren, sondern mein Auto wird stehenbleiben, mitten auf der Autobahn. Ich steige aus, lege mich hin, ein Lastwagen überrollt mich.

Ich war schon in Österreich, da sah ich in der Ferne die grüne Leuchtschrift, die wie die Kettenbrücke über den Strom hing. Nur brausten hier die Autos unten durch. Wie gemächlich ruhig dagegen doch die Schiffe auf der Donau trudelten. Es wäre doch langweilig von einem Donauschiff zu springen. Diese Raststätte war für mich eine Einladung, denn wenn ich mich hier auf die Straße gelegt hätte und mich nicht schnell genug ein Auto erwischte, wäre ich geschwind durchnässt und begänne zu frieren. Nein, so bitterkalt wollte ich nicht sterben. Ich wollte noch einmal Wärme spüren: Ein warmes Wiener Schnitzel, heiße fettige Pommes Frites, eine ungesunde Cola, ein Zimmermädchen unter der Bettdecke - der Tod auf einer Betonpiste im Nebel ist echte Scheiße, sagte ich mir und bog auf den Parkplatz.

Ich scheckte ein, bekam warmes Essen, ein Zimmer und sagte, ich zahle beim Ausschecken. Während ich es mir im Restaurant gut gehen ließ, hielt ich Ausschau nach einem Zimmermädchen. Natürlich erfolglos. Ich kam erst später darauf, dass Zimmermädchen im Restaurant wohl nichts verloren hatten, darum schaute ich mir schöne Frauen an, die mit Kind und Kegel hier pausierten und dann zwanzig Minuten später im Nebel weiterfuhren. Ich jedenfalls hatte heute Nacht ein warmes Bett. Nach dem Essen ging ich zur Rezeption und bat der Dame mit den großen Kulleraugen unter den Brillengläsern, sie möge mir ein Zimmermädchen hochschicken.
»Ein Zimmermädchen? Wie meinen sie das? Nein, das Zimmermädchen kommt erst Morgen zum Betten machen.«
»Sie haben mich falsch verstanden. Ich meinte ein Mädchen fürs Bett.«
»Wie?«
»Ja, wie ich sagte.«
Ihre kastanienbraunen Kulleraugen begannen zu flattern und es schien, als würde sie die Fassung verlieren, doch bekam sie sich wieder in den Griff. Diese Damen an der Rezeption sind sicher geschult jeden Gast mit großzügiger Freundlichkeit zufriedenzustellen, vielleicht aber graute es der Frau auch nur, diese Nacht alleine verbringen zu müssen. Jedenfalls sagte sie zu mir:
»Um 21.00 Uhr habe ich Dienstschluss. Dann klopfe ich an ihre Zimmertür.«
Das hatte ich nicht erwartet. So einfach war das also. Im Leben hatte ich mir eine solche Anmache nie zugetraut, aber im Angesicht des Todes war auf einmal alles möglich. Ich hatte ja ich nichts mehr zu verlieren, konnte nur gewinnen und sie hielt ihr Wort. Das Klopfen war sehr leise, fast schüchtern und ich öffnete zaghaft, doch dann schmolz mir ein engelhaftes Lächeln entgegen und ich fragte mich, ob ich mich jetzt noch umbringen konnte. Sie hatte nicht mehr ihre klobige Brille auf, die sie wohl nur zum Lesen benutze, sondern jetzt sah sie mich an wie Eva im Paradies. Tatsächlich stiegen mir bei diesem schönen Anblick mythischen Gedanken durch den Kopf. Aphrodite am Stand und so, und da ich als Urlaubslektüre gerade Csongor und Tünde von Vörösmarty las, dachte ich auch an die unsterbliche Fee, die sich in den sterblichen Csongor verliebte und in seinem Garten einen Lustbaum pflanzte, der Himmel und Erde verband. Doch ich wollte auf keinen Fall, zumal es meine letzte Liebesnacht sein sollte, dass irgendeine böse Hexe uns in die Quere kommt. Ich nahm ihre Hand und zog sie ins Zimmer. Mit der anderen drückte ich die Tür hinter ihr zu und sagte: »Schön, dass Du gekommen bist.«
Sie lächelte wieder, aber ich sah eine Spur Verlegenheit. Ich sagte meinen Namen und sie hauchte »Marlene« in dieses einfache Zimmer, in dem nur ein Bett stand, ein winziger Tisch, ein Stuhl und ein Kleiderschrank. Ihr Name prallte in meine Ohren. Marlene, dieses furchtbare und doch so süße Wort. Natürlich merkte sie, wie ich mich erschrak:
»Was hast Du? Lass uns ein wenig Spaß haben.«
Ich sah sie wieder auf der Elisabeth-Brücke. Es hätte nicht viel gefehlt und ich hätte ihr einen Schlag versetzt. »Entschuldige, ich musste an jemanden denken.«
»An eine Frau?«
»Ja, ich wollte mich umbringen wegen einer …..« Ich geriet ins Stocken. Warum erzähle ich ihr das? Der Regen prasselte an die Fensterscheibe. Es war dunkel. Ich erahnte nur den Nebel und sah Marlene hinter dem Glas. Der Schmerz. Es musste ein Ende haben. »Ich kann nicht. Bitte geh!«
Marlene schaute mich entgeistert an. »Aber Du kannst mich doch jetzt nicht...«
»Doch ich kann. Es tut mir Leid, aber bitte geh jetzt.«
»Ich möchte nicht allein sein. Mein Freund hat mich verlassen. Ich möchte einfach nur mit jemanden reden. Verstehe mich bitte, Du musst auch nicht, wenn Du nicht willst.« Schweigend schaute sie auf das Bett. Den Schmerz mit Lust töten! Dieser Gedanke schrie wild durch meinen Kopf und dann lagen wir fest umklammert unter der Bettdecke.. Mir kam es so vor, als wollte ich mich an etwas klammern, was schon längst verloren war. Als ich eingeschlafen war, sah ich sie immer noch und die Regentropfen hämmerten an die Fensterscheibe. Unten sauste der eintönige grässliche Verkehr. Ich nahm ein Stück Papier zur Hand, schrieb diese Zeilen an die Nachwelt und klebte das Papier an das Glas. Wenn das Zimmermädchen diese Worte liest, dann bin ich schon längst als Geisterfahrer unterwegs gewesen und habe meine letzte Ruhe in einem Blechtrümmerhaufen gefunden, irgendwo im schönen Burgenland.

2 Kommentare

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Hallo Martin,
super geschrieben! Eine düstere Geschichte, aber toll, gefällt mir sehr gut. Du beschreibst die Gefühle des Mannes sehr anschaulich, fast unheimlich authentisch.
Du liest Vörösmarty, kennst Dich in Budapest offensichtlich sehr gut aus - das macht mich als Ungarn-Liebhaberin natürlich neugierig.
Darf ich mehr darüber erfahren? Oder ist das indiskret?
  • 07.10.2016, 22:40 Uhr
  • 0
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Einfach nur gruselig - aber gut geschrieben ! zur Beruhigung !
  • 07.10.2016, 16:10 Uhr
  • 1
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