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Herbstblattgedanken

10.10.2016, 00:27 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

Als ich geboren wurde im zeitigen Frühjahr, bohrte ich mich durch eine Knospe.
Aus einem kleinen Spross, wuchs ich zu einem stattlichen Blatt.
Zusammen mit hunderttausend Geschwistern, schenkte mein Vater mir Leben.
Ich hänge an meinem Vater, er versorgt mich hier oben, ganz oben, am letzten Ast.

Im Mai war ich endlich erwachsen, jeder Wassertropfen, jeder Sonnenstrahl gab mir Lebensenergie.
Meine Haut samtweich, mein Stiel an dem ich hing, kräftig und meine Adern gefüllt mit Chlorophüll.

Hier oben fühlte ich mich sicher, hatte diesen wunderbaren Blick auf das Tal. Nur manchmal wurde es um mich herum leiser, wenn mich ein kleiner Vogel besuchte, sich sanft wie eine Feder auf meinen Stiel setzte, um mir eine Geschichte zu erzählen.

Oft beugte ich mich hinunter zu meinen Geschwistern, „Hey, ihr dort unten im Schatten.“
Mein Vater ermahnte mich „ nicht so vorlaut, meine Kleine. Sei sparsam mit deiner Energie, wenn der Sommer kommt, wird es trocken, dort oben. Meine Wurzeln sind zu schwach, um die Wasservorräte im tiefen Boden zu erreichen.

Ich befolgte den Rat meines Vaters, seine Worte, sie waren klug und weise.
Als ein heißer Sommer ins Land zog, mit Trockenheit und wenig Regen, rollte ich meinen Körper zusammen, verhielt mich ruhig, so konnte ich Energie sparen.

Und plötzlich, erreichten mich die wärmenden Sonnenstrahlen nicht mehr, die Nächte, sie wurden kälter, die Tage kürzer.
Jeder Wassertropfen, der mich berührte, schmerzte auf meinem Körper. Meine wunderschöne grüne Haut, sie wurde blass, nach wenigen Tagen verfärbte sich mein Körper in eine milchig gelbe Farbe.

„Vater, was geschieht mit mir? Alles schmerzt, meine Haut, meine Farbe, meine Adern, alles schmerzt.“
„Du wirst bald sterben, meine Kleine, so wie alle deine Geschwister vor dir, der Herbst, er holt dich, so ist der Lauf der Jahreszeiten.“

So bin ich irgendwann gestorben, an einem stürmischen Herbsttag, mein Stiel, er war abgerissen, erschlafft, als braunes, welkes Blatt, segelte ich zu Boden, berührte ein letztes Mal meinen Vater an seiner borkigen Rinde.

Ein Junge fand mich, nahm mich mit nach Hause, legte meinen braunen Körper zwischen zwei Buchseiten.

Manchmal, ja manchmal öffnet der Junge sein Buch, berührt mich sanft und sagt „Du bist das schönste Herbstblatt, dass ich je gefunden habe.“
Und manchmal, trägt mich der Junge zum Fenster, ich kann ihn dann sehen, meinen schneebedeckten Vater, dort draußen am Rande des Waldes.


©Peter Böttcher

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3 Kommentare

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da erschließt sich eine weise Nachdenklichkeit,
Danke Peter
  • 11.10.2016, 15:01 Uhr
  • 1
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Sehr sehr schön, danke.
  • 10.10.2016, 08:34 Uhr
  • 1
Ich habe zu danken!
  • 10.10.2016, 21:07 Uhr
  • 0
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