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Ab und auf

11.11.2016, 16:14 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

Wie versprochen, übergab ich den am Mittwoch vergessenen Vorsorgeuntersuchungsschein am folgenden Montag der Arzthelferin im Vorzimmer der Gynäkologin.
"Dann kann ich ja jetzt der Abstrich zum Labor schicken," sagte sie.
"Wie bitte, ist der noch nicht weg? Wo befindet er sich?" meine bange Frage.
"Im Kühlschrank." ---
Ich verzichtete auf weitere Besuche in dieser Praxis und auch auf die Auskunft der Diagnose.
Ich konsultierte eine andere Frauenärztin.

Diese Ärztin rief mich an, ich solle sofort kommen.- Der Abstrich war positiv.
An einem Freitag im Juli 1982.- In ihrer Praxis fing ich an zu weinen und zu jammern. "Ich will nicht sterben . Meine Kinder brauchen mich noch."
"Sie müssen ja auch nicht sterben. Sie werden erst einmal operiert."
Für Montag hatte sie mich im Evangelischen Krankenhaus angemeldet. Ich erschien dort morgens pünktlich, die drei Kinder allein zu Hause lassend.
Nach der Operation, die Herr Dr. Gessmann vornahm: ich lag allein in einem Einzelzimmer, fühlte mich elend, den Tod vor Augen. Über den Strauß bunter Wicken auf dem Nachttisch, von Wize für mich abgegeben, konnte ich mich nicht freuen.
Dr. Dittrich setzt sich zu mir, sprach von einer Hiobsbotschaft. Ich kriegte einen Riesenschrecken. "Hiobsbotschaft"! für mich eine Schreckensbotschaft!!!.
Doch er hatte eine gute Nachricht: Die bösartige Veränderung in den Schleimhäuten der Gebärmutter war nicht nach außen gedrungen. Ich war, wie man so schön sagt, "dem Tod von der Schippe gesprungen." ----
"Die wollen mich beruhigen." (dachte ich)
Eine Krankenschwester steckte den Kopf durch die Tür: "Frau Meyer, in welcher Klasse liegen Sie.?" "Dritter", sagte ich, "früher, als ich verheiratet war, durfte ich zweiter liegen. Heute muss ich dritter liegen. Ich bin aber noch derselbe Mensch."
Die Schwestern, alle lieb und nett, verlegten mich in ein Zweibettzimmer. Während der vier Wochen meines Aufenthaltes wechselten mehrere Male die Zimmernachbarinnen. Ich erinnere mich, dass sie aus anderem Porzellangeschirr aßen und tranken als ich.

"Ihr braucht nicht täglich hierher zu kommen", sagte ich den
Kindern, "mir genügen eure Anrufe."
Wize kam täglich mit Blumen aus dem Boniburgwald. Er nervte mich. Er störte mich bei meinen depressiven Gedanken. Er setzte sich stets auf den Bettrand - das tat mir im Bauch weh. - Ich mochte ihm nichts sagen.
Mutti und Vater besuchten mich, standen wie Fremde an meinem Bett und schauten auf mich herab. Ich hatte hohes Fieber, konnte nichts essen. Man gab mir einen stärkenden dunklen Saft. Eine Entzündung machte sich an der Operationsnarbe breit. Ich erhielt Wadenwickel und Kortisonspritzen. - Vater machte mir später am Telefon Vorwürfe: Ich war nicht freundlich genug gewesen.-
" Hast du wirklich Fieber? Das Thermometer auf dem Nachttisch lag in der Sonne. Ich habe es da liegen sehen."
Helga rief mich an. Ich bat sie , später wieder anzurufen. - Der Anruf blieb aus.
Dr. Gessmann setzte sich auf einen Stuhl an mein Bett, drückte mit beiden Händen etwa einen Liter Eiter aus der Wunde, legte einen Verband an und ging nach Hause.
Ganz kurze Zeit später erschien Dr. Dittrich, wollte die Wunde sehen. Ich weigerte mich, sie ihm zu zeigen. Er stand am Fußende meines Bettes und drohte mit dem,
was mir alles passieren könne. Ich weigerte mich nach wie vor. Später entschuldigte er sich für diesen Auftritt - ich hatte mich über ihn beschwert.
Die Putzfrau hatte viel zu sagen. Sie klagte morgens schon ganz früh über die Schwestern, die gefälligst nicht im Frühstücksraum zu sitzen haben, sondern "betten" sollen.
Sie erzählte uns, wie jene Frau nebenan "eeelendig" zugrunde gegangen war.
Als ich das Bett verlassen durfte, verließ ich das Zimmer, sobald sie es betrat.
Nach vier Wochen, Mitte August, durfte ich nach Hause. Eine Kur lehnte ich ab.
Vater und Mutti fuhren mich mit dem Auto in den Hawichhorster Wald, wo ich auf den Waldwegen wieder laufen lernte. Anschließend ging es in die Eisdiele, wo ich ein großes Eis mit Sahne essen musste, um wieder zu Kräften zu kommen.
Noch im August bestrahlte man im Clemenshospital meinen Bauch-- dreimal wöchentlich mit Kobalt.- 1. Staffel = 14 mal. - Viele andere Frauen saßen da im Vorraum. An den Gesprächen beteiligte ich mich nicht.
Am ersten Tag erkundigte ich mich bei einer Schwester, wie ich die Taxi-Gebühren handhaben solle, da ich die Kosten von der BEK erstattet bekäme bis auf 5,00 DM pro Fahrt. Als Alternative bot sie mir an: " Legen Sie sich für die Zeit hier ins Krankenhaus. Dann haben Sie gar keine Kosten." Ich guckte sie irritiert und ungläubig an.-
"Möchten Sie einen Ausweis haben?" fragte mich Dr. Gessmann. "Nein, danke ich möchte keinen Ausweis haben." Ich wusste nicht, wozu er dienen sollte. "Ich möchte jenes Wort nie mehr hören."
Zwischendurch lag ich zweimal ganztägig mit einer Uranbestrahlung im Inneren meines Körpers im Bett des Kellers im "Clemens". Niemand durfte in diesen strahlenverseuchten Bunker. Nur die Schwester reichte das Mittagessen herein.
Bevor ich allerdings im Bett lag, erschien Gundi in diesem verbotenen Raum. Sie brauchte meinen Ausweis für die Auto-Ummeldung.

Ich saß in Vaters Auto auf dem Rücksitz hinter Mutti. Er lenkte den Wagen, sein Blick auf die Straße gerichtet. "Wir werden morgen zum Versorgungsamt fahren und einen Behindertenschein für dich beantragen," sagte er, der Finanzbeamte.
"Ich bin nicht behindert, ich habe nur eine Narbe im Bauch." -

Im November die nächste Staffel von 14 Bestrahlungen.

Muttis 75. Geburtstag am 14. Dezember 1982.

Vater fragte mich, ob ich die Geburtstagsfeier ausrichten und in meiner Wohnung feiern kann und will.

Es dauerte eine Weile, bis mir bewusst wurde, dass ich eigentlich nur versehentlich noch existierte. Das Leben sollte weitergehen. Ich musste die Kinder und den Haushalt versorgen, die Studentenhäuser, die Königspassage weiterhin verwalten.
Plötzlich, - oder ging es langsam? änderte sich meine Einstellung zum Dasein. Ich sah, ohne bewusstes Zutun, die schönen Seiten des "Weltlaufes". Im Frühling 1983 hörte ich die Vögel singen - anders als je zuvor. Jedes Blatt und jede Blüte nahm ich wahr. Das tägliche Einkaufen im Einkaufszentrum machte Spaß. Mir gefielen all die kleinen Arbeiten, die ich vorher selbstverständlich und ohne innere Beteiligung und ohne besondere Freude erledigt hatte. Alles bereitete mir Vergnügen.
- Ich lebte eine neues Leben. -

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